Welternährung : Große Versprechen, magere Ernten

Die Politik gelobt seit Jahren, den Hunger zu bekämpfen. Ein Report zeigt nun das Ausmaß des Scheiterns – und verweist auf die Schuld von EU und USA.
Eine Kuh sucht auf einem dürren Feld in Neuseeland nach Futter. © Sandra Mu/Getty Images

Das Internationale Forschungsinstitut für Agrar- und Ernährungspolitik IFPRI pflegt einen diplomatischen Umgangston. Das ist so üblich in der Entwicklungspolitik – zumal in einem Institut, das sich mit internationalen Regierungsgeldern finanziert. Am Donnerstag erklärte IFPRI-Direktor Shenggen Fan zur Lage der Welternährung, man stehe vor "der noch nie dagewesenen Möglichkeit", konkrete Schritte gegen den Hunger zu unternehmen. Zugleich lobte Fan die politischen Führer der Welt. Diese hätten sich hohe Ziele gesteckt.

Doch das war nur die freundliche Verpackung der eigentlichen Botschaft. Sie lautete: "Es wird Zeit, dass die Weltgemeinschaft sich bewegt. Weg von den guten Absichten, hin zu Aktionen gegen den Hunger." Die Länder der G8 müssten endlich die Versprechen erfüllen, die sie vor fast drei Jahren im italienischen L'Aquila gegeben haben.

Der neueste Global Food Policy Report, den das IFPRI am Donnerstag vorlegte, hält den Politikern ihr Versagen vor. Trotz aller Versprechen sind rund 870 Millionen Menschen weltweit chronisch unterernährt. Wenn nicht mehr passiert, werden es im Jahr 2015 immerhin noch 800 Millionen sein. Das ist weit mehr als im Millenniumsziel der Vereinten Nationen vereinbart.

Schuld daran ist zwar nicht nur die Politik. In den USA vernichtete die schwerste Dürre seit Jahrzehnten einen großen Teil der Mais- und Soja-Ernte. In Australien, Kasachstan, Russland und der Ukraine vertrocknete der Weizen auf den Feldern. Das IFPRI schätzt, dass die Nahrungspreise wegen der Ernteausfälle bis weit ins Jahr 2013 hinein hoch bleiben werden. Die Entscheidungen der Politik haben die Nahrungsknappheit jedoch verstärkt. Im November etwa beschränkte die Ukraine ihre Getreideexporte. Argentinien, Malawi und Sambia erließen 2012 ebenfalls Exportverbote oder behielten sie bei. Handelsbarrieren wie diese können die Nahrungsmärkte destabilisieren und die Preise in die Höhe treiben.

Exportverbote und unfaire Subventionen

Ein ganzes Kapitel des Ernährungsreports ist der Agrarpolitik der USA und der EU gewidmet. Beide engagieren sich seit Jahrzehnten gegen den Hunger. Im vergangenen Jahr verstärkten sie ihre Anstrengungen noch, indem sie die Investitionen in die Landwirtschaft und Agrarforschung erhöhten. Zugleich aber bestehen Amerikaner und Europäer weiterhin darauf, ihre eigenen Landwirte mit hohen Subventionen vor auswärtiger Konkurrenz zu schützen. Die Überproduktion der Reichen verdrängt die Bauern aus den Entwicklungsländern vom Markt und nimmt ihnen Verdienstmöglichkeiten. Im Extremfall kann das dazu führen, dass diese Bauern hungern.

Das IFPRI erwartet, dass die Zahlungen in den USA durch das geplante neue Landwirtschaftsgesetz sogar noch steigen. Unter diesen Umständen sei es sehr unwahrscheinlich, dass der weltweite Agrarhandel künftig freier fließe, schreiben die Forscher. 

Im Gegensatz zu den USA bemühe sich die EU wenigstens, die Umwandlung von Nahrungspflanzen in Biosprit zu begrenzen. So will man verhindern, dass Nahrung noch knapper wird. Zudem gebe die europäische Agrarpolitik den Bauern keine direkten Anreize, ihre Produktion zu erhöhen. Indirekt könne sie allerdings dennoch dazu führen und ebenfalls "die Produktion in anderen Ländern unterminieren", warnt der Report. Im Extremfall könnten die Subventionen Europas und der USA "zu einer riskanten Konzentration der Landwirtschaft in einigen wenigen Ländern beitragen".

Verlagsangebot

DIE ZEIT wird 70 ...

... und ihre Journalisten erzählen von den Geschichten ihres Lebens. Von Geheimnissen und Irrtümern unserer Zeitung. Und von den besten Lesern der Welt. Eine Festausgabe.

Mehr erfahren

Kommentare

55 Kommentare Seite 1 von 6 Kommentieren

Nicht ganz.

Denn Sie unterschlagen, dass in Mexiko in kleineren Farmen in weniger gut zugänglichem Gelände gearbeitet wird als in den USA. Die USA mit ihren riesiegen Ebenen und ihrer perfekt optimierten Zuliefer- und Verkaufsketten sind am Ende schlicht überlegen.
Hinzu kommt, dass die Mexikaner immer mehr Mais verbrauchen und ihn in der Menge nicht herstellen können.
Drittens ist der Marktpreis generell dort, wo die letzte Tonne verkauft wird (Terminmarkt und so). So lange die USA, wie in ihrem Beispiel beschrieben, nicht den mexikanischen Markt komplett sättigt, wird am Ende zu mexikanischen Preisen verkauft.
Was die Subvention am Ende jedoch tut ist Folgendes:
Da alle das selbe Geld für ihren Mais bekommen, ist derjenige, der zusätzlich Subventionen einnimmt im Vorteil. Er kann besser investieren, sich Geld zurücklegen, generell besser leben.
Das macht Farming in den USA schlicht attraktiver als in Mexiko, wo - wie überall in der Welt - die Menschen lieber ihr Heil in der Stadt suche als auf dem Land.

Das Problem ist doch,

dass immer einer gekniffen ist.
Bei niedrigen Preisen ist es der Bauer und bei hohen Preisen sein Nachbar.
Und in einem freien Markt wird immer das Produkt dort verkauft werden, wo es am meisten erzielt, und das ist eher in Europa oder in den USA.
Sollte also der afrikanische Bauer in die Lage versetzt werden, auf den MArkt besser zu reagieren, würde wiederum sein nachbar nicht davon profitieren.

Das alles riecht nach Handelsbeschränkungen und Kontigenten.
Aber auch die sind dann problematisch.
Denn die Beispiele im Artikel zeigen ja, dass der Markt eher dann geschlossen wird, wenn zu wenig produziert wurde (und das ist schlecht für den afrikanischen Verbraucher) und nicht dann, wenn zu viel produziert wurde, was den Bauern wieder die Preise verdirbt.

Bessere Jobs in den Städten, stabilere Produktion, bessere Lagerung, bessere Infrastruktur. Ich denke, dass ist das beste, dass dem Bauern und dem Hungernden in Afrika passieren kann.

Darin sehe ich einen beliebten Denkfehler

Die Mehrzahl der Hungernden leben auf dem Land, richtig. Die kaufen aber ihre Lebensmittel nicht in Supermärkten, sondern von ihren Nachbarn bzw. bauen sie selber an. So wie erdölexportierende Länder von steigenden Ölpreisen profitieren, so profitieren landwirtschaftliche Länder von steigenden Preisen für Agrarprodukte.

In den Industrienationen verteuren sich die Lebensmittel, in den Agrarnationen wird deren Arbeit/Produktion wertvoller.

Und, die eigentliche Frage habe ich anders verstanden: Ist es nun gut oder schlecht, wenn sich die Preise verteuren. In diesem Artikel ist es die böse EU/USA, die den Markt mit Subventionen künstlich billig macht. In einem nächsten Artikel in der Zeit ist es die böse Deutsche Bank, die durch ihr Handeln die Preise hochtreibt. Vielleicht sollten die Redakteure der Zeit mal ein bisschen fundierter in die Materie einsteigen, eh sie den nächsten Artikel schreiben.

Vorteile der Kleinbauern

"Aber am Ende wird der freie Markt immer den Kleinbauern verdrängen, denn die industrielle Landwirthschaft ist diesem schlicht überlegen, was das Verhältnis von Resourcen zu Ertrag angeht."

Das trifft nur zu, wenn der Kleinbauer versucht, den Großbauern zu imitieren. Wenn der Kleinbauer aber seine Vorteile effektiv nutzt, dann ist er dem Großbetrieb in Sachen Ertrag weit überlegen. Wie überlegen das sein kann, zeigt der österreichische Bauer Sepp Holzer.

der Widerspruch bleibt

"Die Mehrzahl der Hungernden weltweit lebt auf dem Land. Viele von ihnen sind kleine Bauern. Unter den gegenwärtigen Verhältnissen haben die meisten von höheren Preisen gar nichts - sie können sich lediglich weniger zu Essen kaufen."

Sie könnten sich auch einfach was zu essen anbauen... erst wenn ein anderes Produkt mehr bringt (auf lokalem oder globalem Markt), könnte man sich dann mal überlegen, dieses gegen z.B. Nahrungsmittel aus der Überproduktion der nördlichen Hemisphäre einzutauschen (auch über den Umweg Geld).

Den Widerspruch "Subventionen/Ausweitung der Produktion -> niedrigere Preise, Hunger/Knappheit -> höhere Preise" löst die Erklärung jedenfalls nicht auf.

Ja schon,

wenn Sie einen kleinen Hof haben, der sich von anderen absetzt und von einer wohlhabenden Käuferschicht getragen werden, kann das gut funktionieren.
Aber das sind halt einzelne Beispiele und nicht die große Masse.

Genauso, wie es Möbeltischler gibt, die noch Kunden finden, während jedoch immer mehr Menschen bei Ikea oder im Internet billig einkaufen und die meisten Möbelhäuser mit Problemen zu kämpfen haben.
Da können Sie auf den Möbeltischler zeigen und sagen "Geht doch!", aber das ist halt eine Nische. Ikea produziert schlicht billiger (und industriell, wie die Landwirtschaft) und verkauft mehr - und ermöglicht jungen Menschen günstiges Wohnen.

Die große Masse der Verbraucher wohnt in den Städten und kauft ihre Produkte im Supermarkt. Und entgegen der verbreiteten Meinung, greifen diese Verbraucher lieber zum billigen Huhn als zum Ökohuhn.
Und diese vielen Verbraucher zusammen machen der Löwenanteil des Umsatzes aus.

Und da können sie preislich nur mitgehen, wenn sie kosteneffektiv produzieren. Sonst wären die Lebensmittel auch teurer.

Ich stimme Ihnen vollkommen zu

Ich bin auch gegen die Subventionen. Ich denke Sie sind ein sehr ineffizientes Mittel die Nahrungsmittelpreise zu drücken. Aber wenn die EU und die USA Geld in ihren Agrarsektor pumpen um dort die Produktion über das Niveau des freien Marktes zu heben, dann senkt das bei uns die Preise, und Global auch. Zulasten unserer Staatskasse.
Mag sein das einige Bauern nicht mithalten können, aber die Bauern würden ja nur zu einem Preis wirtschaftlich produzieren können, zu dem noch mehr Menschen hungern würden.

Das klingt so ein bisschen nach einem Spiel bei dem Egal was der "Westen" tut immer schuld ist weil Sie nicht das Gegenteil tun.

Ihre Überlegung geht nicht auf

Wenn in Ihrer Überlegung der amerikanische Mais nicht ausreicht, dann würde der Preis so lange steigen, bis auch der mexikaner produzieren kann. Denn der amerikanische Mais kann die Nachfrage nicht abdecken. Der Preis wird dort festgelegt bei dem das Angebot und die Nachfrage gleich sind. Die Subventionen erhöhen die Menge und senken den Preis.

Es mag verdrängungseffekte geben. Die können aber nicht über 100% liegen. Unter dem Strich sinkt der Preis und steigt die Menge. Für den der Mais kauft ist die Subvention immer gut. Für den amerikanischen Steuerzahler und den mexikanischen Maisbauern ist Sie schlecht. Aber der Maiskäufer, der profitiert.

Der Verbraucher

Sosehr ich Ihnen zustimmen kann dass es Wahnsinn ist, alles und jedes zu jeder Jahreszeit im Angebot zu haben, es ist falsch, dem Verbraucher das Versagen der Politik in die Schuhe zu schieben. Es ist nicht Aufgabe des Verbrauchers, die notwendigen Veränderungen durchzusetzen, und er kann es auch garnicht. Die entsprechenden Rahmenbedingungen werden, in Ermangelung entsprechender Gesetze sowie Institutionen, die diese auch durchsetzen, vom Markt gesetzt. Dies betrifft ja übrigens auch andere Bereiche in diesem Themenkomplex, wie den Verbraucher- und Arbeitsschutz...

Interessanterweise ist es im Fall der Agrarsubventionen ja gerade die Weigerung der USA und Europa, freien Wettbewerb zuzulassen, die die Agrarwirtschaft der dritten Welt ausbremst - wo unsere Politker doch sonst immer so vom freien Markt schwärmen. Alles Lüge.

"Wenn ich den Armen zu essen gebe, dann nennen sie mich einen Heiligen. Wenn ich frage, warum die Armen kein Essen haben, nennen sie mich einen Kommunisten." - Dom Hélder Câmara