Das Internationale Forschungsinstitut für Agrar- und Ernährungspolitik IFPRI pflegt einen diplomatischen Umgangston. Das ist so üblich in der Entwicklungspolitik – zumal in einem Institut, das sich mit internationalen Regierungsgeldern finanziert. Am Donnerstag erklärte IFPRI-Direktor Shenggen Fan zur Lage der Welternährung, man stehe vor "der noch nie dagewesenen Möglichkeit", konkrete Schritte gegen den Hunger zu unternehmen. Zugleich lobte Fan die politischen Führer der Welt. Diese hätten sich hohe Ziele gesteckt.

Doch das war nur die freundliche Verpackung der eigentlichen Botschaft. Sie lautete: "Es wird Zeit, dass die Weltgemeinschaft sich bewegt. Weg von den guten Absichten, hin zu Aktionen gegen den Hunger." Die Länder der G8 müssten endlich die Versprechen erfüllen, die sie vor fast drei Jahren im italienischen L'Aquila gegeben haben.

Der neueste Global Food Policy Report, den das IFPRI am Donnerstag vorlegte, hält den Politikern ihr Versagen vor. Trotz aller Versprechen sind rund 870 Millionen Menschen weltweit chronisch unterernährt. Wenn nicht mehr passiert, werden es im Jahr 2015 immerhin noch 800 Millionen sein. Das ist weit mehr als im Millenniumsziel der Vereinten Nationen vereinbart.

Schuld daran ist zwar nicht nur die Politik. In den USA vernichtete die schwerste Dürre seit Jahrzehnten einen großen Teil der Mais- und Soja-Ernte. In Australien, Kasachstan, Russland und der Ukraine vertrocknete der Weizen auf den Feldern. Das IFPRI schätzt, dass die Nahrungspreise wegen der Ernteausfälle bis weit ins Jahr 2013 hinein hoch bleiben werden. Die Entscheidungen der Politik haben die Nahrungsknappheit jedoch verstärkt. Im November etwa beschränkte die Ukraine ihre Getreideexporte. Argentinien, Malawi und Sambia erließen 2012 ebenfalls Exportverbote oder behielten sie bei. Handelsbarrieren wie diese können die Nahrungsmärkte destabilisieren und die Preise in die Höhe treiben.

Exportverbote und unfaire Subventionen

Ein ganzes Kapitel des Ernährungsreports ist der Agrarpolitik der USA und der EU gewidmet. Beide engagieren sich seit Jahrzehnten gegen den Hunger. Im vergangenen Jahr verstärkten sie ihre Anstrengungen noch, indem sie die Investitionen in die Landwirtschaft und Agrarforschung erhöhten. Zugleich aber bestehen Amerikaner und Europäer weiterhin darauf, ihre eigenen Landwirte mit hohen Subventionen vor auswärtiger Konkurrenz zu schützen. Die Überproduktion der Reichen verdrängt die Bauern aus den Entwicklungsländern vom Markt und nimmt ihnen Verdienstmöglichkeiten. Im Extremfall kann das dazu führen, dass diese Bauern hungern.

Das IFPRI erwartet, dass die Zahlungen in den USA durch das geplante neue Landwirtschaftsgesetz sogar noch steigen. Unter diesen Umständen sei es sehr unwahrscheinlich, dass der weltweite Agrarhandel künftig freier fließe, schreiben die Forscher. 

Im Gegensatz zu den USA bemühe sich die EU wenigstens, die Umwandlung von Nahrungspflanzen in Biosprit zu begrenzen. So will man verhindern, dass Nahrung noch knapper wird. Zudem gebe die europäische Agrarpolitik den Bauern keine direkten Anreize, ihre Produktion zu erhöhen. Indirekt könne sie allerdings dennoch dazu führen und ebenfalls "die Produktion in anderen Ländern unterminieren", warnt der Report. Im Extremfall könnten die Subventionen Europas und der USA "zu einer riskanten Konzentration der Landwirtschaft in einigen wenigen Ländern beitragen".