Zyperns Expräsident : "Unser Geschäftsmodell war gut"

Muss Zypern seine Art zu wirtschaften ändern? Der frühere Präsident Georgios Vassiliou verteidigt das Geschäftsmodell des Landes – und kritisiert die Deutschen.
Der ehemalige Präsident von Zypern George Vassiliou, Archivaufnahme aus dem Jahr 2004 © Laura Boushnak/AFP/Getty Images

ZEIT ONLINE: Hat die EU Zypern gerettet oder ins Unglück gestürzt?

Georgios Vassiliou: Ich bin enttäuscht darüber, wie die EU Zypern behandelt. Ich dachte, wir seien Teil einer großen Familie, aber die Familie geht rau mit uns um. Sie glauben wohl, sie können es mit uns machen, weil wir ein kleines Land sind. Uns wird vorgeschrieben, dass unsere Schulden nicht höher als 100 Prozent der Wirtschaftsleistung sein dürfen. Anderen EU-Ländern wird viel mehr erlaubt, bis zu 180 Prozent.

ZEIT ONLINE: Was bedeutet das für die Zyprer?

Vassiliou: Die beiden größten Banken Zyperns sind betroffen, die eine wird zerschlagen, die andere belastet. Die Anteile an diesen Banken werden von der zyprischen Mittelklasse gehalten. Diese Menschen sind nun schwer getroffen. Hinzu kommen die Rentenfonds, die ihr Kapital in diesen Banken haben. Die Fonds könnten nun zerstört sein und damit die Altersrücklagen der Mittelklasse. Und das war gewiss kein Spekulationsgeld.

Georgios Vassiliou

war von 1988 bis 1993 Präsident Zyperns. In den Jahren von 1998 bis 2003 hat er für seine Heimat den EU-Beitritt verhandelt und sich weit über Zypern hinaus hohes Ansehen erworben. Der unprätentiöse Elder Statesman empfängt in seinem Büro hoch über Nikosia, von wo der Blick auf den türkischen Nordteil wie über das noch verschneite Troodos-Gebirge südwestlich der geteilten Hauptstadt geht.

ZEIT ONLINE: Wie bewerten Sie die Rolle Deutschlands?

Vassiliou: Die Deutschen denken, sie können striktere Regeln testen und an Zypern ein Exempel statuieren. Die Vorwürfe aus Berlin sind ungerecht. Wolfgang Schäuble sagt, wir hätten einen aufgeblasenen Bankensektor. Ja, wir haben alle unsere Stärken und Schwächen. So gesehen, hat Deutschland einen aufgeblasenen Automobilsektor.

ZEIT ONLINE: War es falsch, 2004 in die EU einzutreten?

Vassiliou: Nein, es war und bleibt die richtige Entscheidung, wir bleiben in der EU-Familie, aber das Leben wird härter.

ZEIT ONLINE: Warum wollte Zypern in die EU?

Vassiliou: Die EU steht für den Schutz der Menschenrechte, der Umwelt, der Bildung. Doch da war noch mehr: Wir brauchten Sicherheit. Wir sind die Opfer der türkischen Intervention von 1974. Wären wir damals schon in der Europäischen Gemeinschaft gewesen, wäre das nie passiert. Wir haben auch gehofft, dass der Beitritt ein Anreiz für die türkischen Zyprer sei, die Teilung der Insel zu überwinden. Dass sie die Türkei auffordern, das Problem zu lösen, bevor sie selbst der EU beitreten würde.

ZEIT ONLINE: 2004 sollte die Insel vereinigt werden durch einen UN-Plan, die türkischen Zyprer stimmten zu, die Griechen lehnten ab. Warum?

Vassiliou: Ich war damals für den Plan. Aber die meisten griechischen Zyprer machten sich Illusionen. Sie glaubten, sie könnten mit der Teilung besser leben. Ein großer Irrtum, weil der status quo der Teilung nur der großen Türkei hilft.

ZEIT ONLINE: Eine Illusion war wohl auch, dass man mit einem großen Bankensektor ungeschoren durch die Finanzkrise kommen könnte. Was lief schief?

Vassiliou: Uns hat es schwer getroffen, dass die EU Griechenland 2012 einen Schuldenschnitt für private Investoren verordnete. Das hat uns 4,6 Milliarden Euro gekostet und unsere großen Banken in Schieflage gebracht.

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Kommentare

107 Kommentare Seite 1 von 16 Kommentieren

hierzu empfehle ich meinen KOmmentar 8, der wohl galant

überlesen worden ist, da direkt auf die Seite 2 gesprungen wurde.
Ich weiß nicht, inwiefern die Kritik am aufgeblähten Staatsapparat substanzlos ist. Sie hat mehr Substanz als eine unrefklektierte Wiedergabe neuer Dogmen , wie der der Unterfinanzierung des Staates.
Wenn sich ein Kanzlerkandidat pro 30 min Vortrag natürlich 20 k gönnt und man so jemanden als Vorkämpfer für Gerechtigkeit verkauft, finde ich es bezeichnend.

Es sei der Hinweis erlaubt, dass die Verschuldung vor dem

Griechenlandchrash bei rd. 55% des BIP lag. Ein Wert der heute gar vorbildlich ist. Nein, es sind schon die €-Technokraten welche die Hauptschuld trifft, erst mit dem griechischen Schuldenschnitt und dann mit einem nun mal nicht Vorhandenen Kontrollsystem. Aus der Zockerpersepektive ist ein Land wie Luxembourg weitaus gefaehrlicher, da ein reines Kasino, aber wohl mit besserem Kasinoboss..

Ziemliche Übertreibung!

Ich halte den verlinkten Artikel für eine in weiten Teilen grobe Übertreibung, bzw. eine Verschwörungstheorie.

Manche Teile sind sicherlich richtig, wie zum Beispiel, dass es sich bei der Schuldenkrise um einen " Ausdruck der systemischen Überproduktionskrise des Spätkapitalismus" handelt", der nur noch vermittels schuldengenerierter zusätzlicher Nachfrage sein Zombieleben weiterführen kann."

Aber das es sich um einen "Überfall" auf Zypern handelt und Deutschland "hegemoniale" oder "imperialistische" Absichten hat, dass ist dann doch linke Übertreibung. Wenn Zypern so "wertvoll" (Bodenschätze, strategische Lage) wäre, hätte es längst Kreditgeber gefunden, ohne sich von der Troika erpressen lassen zu müssen. Das Russland in erster Instanz abgewunken hat, sagt doch alles. Es bestand weder Interesse, für einen Schnäppchenpreis einen "Flugzeugträger im Mittelmeer" noch die ominösen Gasvorräte zu bekommen (deren Vorhandensein oder Förderbarkeit noch bewiesen werden muss), oder die russischen Steuerflüchtlinge in die Finger zu bekommen.

Mittelgradig

würde ich das nicht mehr nennen!

Allerdings ist von dieser Krankheit auch unsere Bundesregierung befallen, von daher sollten Fingerzeige von DORT tunlichst unterbleiben!

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Ansonsten mal wieder ein Interview auf unglaublich schwachem journalistischem Niveau.
Der Herr erzählt Märchen und keinerlei kritisches Nachfragen, kein gut recherchiertes Hintergrundwissen ,mit dem man den Herr mal etwas in's "schwitzen" hätte bringen können...

Wir haben Investoren, keine Oligarchen...
...dann ist das nicht unser Problem!

komplexe Zusammenhänge

Finde ich saustark, dass Sie der Einzige zu sein schein, der diese "komplexen Zusammenhänge" zu durchdringen scheinen.
Auch nach Zypern wird es noch eine Weile dauern, bis im Allgemeinen die Erkenntnis angelangt ist, dass Geld genau den Wert hat, den wir ihm kumulativ geben. Die Panik entsteht daraus, dass der Normalbürger mit dem realen Durchschnittseinkommen (abweichend zum statistischen Einkommen, was genauso absurd ist wie die Durchschnittssparsumme) das gleiche Geld benutzt wie der Finanzakrobat.
Theoretisch müssten wir eine Inflation haben, die das der 1920er als das Komma in der Geschichte zurück lässt. Warum ist das nicht so?

Nur weil es andere machen...

Die von Ihnen genannten Beispiele sind überwiegend gesunde Staaten. Zypern offensichtlich nicht. Mir sind solche Geschäftsmodelle ein Dorn im Auge. Solange es gut läuft, wird sich wohl nichts ändern. Wenn es aber schlecht läuft, möchte ich nicht mit meinen Steuern dafür gerade stehen. Um nichts anderes geht es hier. Oder ist es Ihnen wurscht, wohin Ihre Steuergelder fließen?