Der ehemalige Präsident von Zypern George Vassiliou, Archivaufnahme aus dem Jahr 2004 © Laura Boushnak/AFP/Getty Images

ZEIT ONLINE: Hat die EU Zypern gerettet oder ins Unglück gestürzt?

Georgios Vassiliou: Ich bin enttäuscht darüber, wie die EU Zypern behandelt. Ich dachte, wir seien Teil einer großen Familie, aber die Familie geht rau mit uns um. Sie glauben wohl, sie können es mit uns machen, weil wir ein kleines Land sind. Uns wird vorgeschrieben, dass unsere Schulden nicht höher als 100 Prozent der Wirtschaftsleistung sein dürfen. Anderen EU-Ländern wird viel mehr erlaubt, bis zu 180 Prozent.

ZEIT ONLINE: Was bedeutet das für die Zyprer?

Vassiliou: Die beiden größten Banken Zyperns sind betroffen, die eine wird zerschlagen, die andere belastet. Die Anteile an diesen Banken werden von der zyprischen Mittelklasse gehalten. Diese Menschen sind nun schwer getroffen. Hinzu kommen die Rentenfonds, die ihr Kapital in diesen Banken haben. Die Fonds könnten nun zerstört sein und damit die Altersrücklagen der Mittelklasse. Und das war gewiss kein Spekulationsgeld.

ZEIT ONLINE: Wie bewerten Sie die Rolle Deutschlands?

Vassiliou: Die Deutschen denken, sie können striktere Regeln testen und an Zypern ein Exempel statuieren. Die Vorwürfe aus Berlin sind ungerecht. Wolfgang Schäuble sagt, wir hätten einen aufgeblasenen Bankensektor. Ja, wir haben alle unsere Stärken und Schwächen. So gesehen, hat Deutschland einen aufgeblasenen Automobilsektor.

ZEIT ONLINE: War es falsch, 2004 in die EU einzutreten?

Vassiliou: Nein, es war und bleibt die richtige Entscheidung, wir bleiben in der EU-Familie, aber das Leben wird härter.

ZEIT ONLINE: Warum wollte Zypern in die EU?

Vassiliou: Die EU steht für den Schutz der Menschenrechte, der Umwelt, der Bildung. Doch da war noch mehr: Wir brauchten Sicherheit. Wir sind die Opfer der türkischen Intervention von 1974. Wären wir damals schon in der Europäischen Gemeinschaft gewesen, wäre das nie passiert. Wir haben auch gehofft, dass der Beitritt ein Anreiz für die türkischen Zyprer sei, die Teilung der Insel zu überwinden. Dass sie die Türkei auffordern, das Problem zu lösen, bevor sie selbst der EU beitreten würde.

ZEIT ONLINE: 2004 sollte die Insel vereinigt werden durch einen UN-Plan, die türkischen Zyprer stimmten zu, die Griechen lehnten ab. Warum?

Vassiliou: Ich war damals für den Plan. Aber die meisten griechischen Zyprer machten sich Illusionen. Sie glaubten, sie könnten mit der Teilung besser leben. Ein großer Irrtum, weil der status quo der Teilung nur der großen Türkei hilft.

ZEIT ONLINE: Eine Illusion war wohl auch, dass man mit einem großen Bankensektor ungeschoren durch die Finanzkrise kommen könnte. Was lief schief?

Vassiliou: Uns hat es schwer getroffen, dass die EU Griechenland 2012 einen Schuldenschnitt für private Investoren verordnete. Das hat uns 4,6 Milliarden Euro gekostet und unsere großen Banken in Schieflage gebracht.