BankenpleiteDie Kameras sind aus, Zyperns Krise beginnt

In Zypern ist die Panik ausgeblieben, die Medien ziehen ab. Doch die Ruhe heißt nicht, dass die Krise vorbei ist. Sie beginnt gerade erst. Von Lenz Jacobsen, Nikosia von 

Journalisten stehen vor einem Gebäude der Bank of Cyprus. Viele bereiten Schalten für ihre Sender im Ausland vor.

Journalisten stehen vor einem Gebäude der Bank of Cyprus. Viele bereiten Schalten für ihre Sender im Ausland vor.  |  © Hasan Mroue/Getty Images

An Tag zwei des Ausnahmezustands verlässt Dimitris Antoniou um kurz vor 18 Uhr seine Bankfiliale im Zentrum von Nikosia. Er schließt die schmale Glastür hinter sich ab. Sein Dackel zieht schon an der Leine, er will nach Hause. "Eigentlich war es ein ganz normaler Tag, wie sonst auch", sagt Antoniou und grinst, als sei es völlig selbstverständlich, dass das große Chaos in Zypern ausgeblieben ist; dass die Kunden seine Filiale der Bank of Cyprus eben nicht gestürmt haben, dass es im ganzen Land ruhig geblieben ist. 

Vielleicht ist es wirklich nur logisch. Hunderte Journalisten und zahllose Kamerateams lauerten am Donnerstag und auch noch am Freitag vor den Bankfilialen. Sicherheitsdienste wurden engagiert und die Regierung mahnte ihre Bevölkerung übers Radio zur Ruhe. Und was passierte? Nichts. Keine Schlangen, keine Handgreiflichkeiten. Die Zyprer sind ruhig geblieben. "Wir sind vernünftige Menschen, wir wussten, was auf uns zukam. Was würde es denn nutzen, jetzt einen großen Aufstand zu machen?", sagt der Bankmitarbeiter Antoniou.

Anzeige

So kommt es, dass ein Kameramann von seiner langwierigen Suche nach einer Bank berichtet, vor der so viele Leute Schlange standen, dass sie zumindest das Bild ausfüllten. Er und seine vielen Kollegen sind am Freitagabend längst wieder abgereist und mit ihnen verschwindet auch die Insel aus dem Fokus der Weltöffentlichkeit. Die einzigartige Misere in Zypern, sie hat den Fernsehteams, Fotografen und Journalisten keine spektakulären Bilder von Chaos und Aufstand geliefert. Die Panik ist ausgefallen. Dabei hat die Krise für die zyprische Wirtschaft gerade erst begonnen.

Etwa für Stefanos Alexandridis*, den Chef des zyprischen Ablegers einer internationalen Hotelkette. Er weiß noch immer nicht, ob er am 1. April, diesen Montag, seine Angestellten wird bezahlen können. Von den über zwei Millionen Euro, die auf dem Konto seines Unternehmens bei der Laiki Bank liegen, darf er plötzlich nur noch 100.000 Euro verwenden. Der Rest ist gesperrt, die Bank soll in diesen Tagen abgewickelt werden. "Ich sehe das Geld auf dem Konto, aber ich komme nicht ran!", sagt er mit Wut in der Stimme. 600.000 Euro braucht Stefanos für die Gehälter. Er solle doch das Konto einfach überziehen, hat sein Kundenberater ihm gesagt. "Aber ich weiß ja nicht, ob ich überhaupt je wieder an das Geld komme", schimpft der Hotelmanager. Wovon soll er die Überziehungszinsen wieder abbezahlen?

Alexandridis versucht für Samstag den Vorstand zu einer Notsitzung zusammenzurufen. Dann werden sie beraten, ob sie das Risiko eingehen und ihr Konto überziehen, oder ob sie ihren Angestellten diesen Monat nur den halben Lohn zahlen. Oder ob sie gleich den ganzen Laden dicht machen. "Ich kann nicht sagen, ob wir Montag noch im Geschäft sein werden", sagt Alexandridis. "Diese Krise wird alle Unternehmen auf der Insel kaputtmachen." Denn auch die Firmen leiden, die selbst kein Geld verlieren, wenn ihre Lieferanten oder Kunden plötzlich pleite sind. Die allumfassende Rezession auf Zypern, sie ist absehbar.

Sehenden Auges in die Krise

Um 20 bis 25 Prozent werde die Wirtschaft in den kommenden sechs Monaten einbrechen, schätzt Michalis Antoniou vom zyprischen Unternehmerverband. "Es ist ein Desaster", sagt er. Zusammen mit allen Beteiligten, also auch der Regierung und den Gewerkschaften, schmiedet er momentan an einem Plan, der die Folgen zumindest abmildern soll. So gut es geht. "Ich bin optimistisch, alle haben eine große Bereitschaft zur Flexibilität", sagt der Arbeitgebervertreter. Das bedeutet dann wohl, dass sich beispielsweise die Gewerkschaften auf heftige Lohnkürzungen einlassen könnten, um zumindest einen Teil der Arbeitsplätze zu sichern.

In der Hauptstadt Nikosia wirft auch sonst kaum jemand mit Anschuldigungen um sich. "Wir sind auf niemanden sauer", sagt Antoniou. "Aber wenn Sie mich fragen, wer verantwortlich ist, würde ich sagen: zu 70 Prozent Zypern, zu 30 Prozent das Ausland." Er wie auch sein Namensvetter, der Mitarbeiter der bankrotten Bank of Cyprus und der Hotelmanager, der lieber anonym bleiben möchte, ärgern sich vor allem über eins: Dass die Banken des Landes noch griechische Staatsanleihen gekauft haben, als längst absehbar war, wie riskant dies ist. Sie können auch nicht verstehen, warum die Bankenaufsicht und die Politik nicht eingeschritten sind, um das zu verhindern. Als der Schuldenschnitt kam und die Anleihen ihren Wert verloren, war die Lücke in den Büchern der beiden größten Banken Laiki und Bank of Cyprus zu groß. Der Staat musste sie retten, um dann  selbst gerettet zu werden von der Europäischen Union. "Wir verdienen es vielleicht, bestraft zu werden", sagt Antoniou, "aber wir verdienen es nicht, zerstört zu werden."

Eigentlich wollten die Politiker in Brüssel vor allem die reichen Russen treffen, die auf der Insel ihr Geld vor zu hohen Steuern anderswo verstecken. Am Ende aber könnten genau diese Russen noch viel mächtiger werden in Zypern. Denn als Ausgleich für das viele Geld, das der Staat ihnen jetzt von ihren Konten bei der Bank of Cyprus abzieht, sollen sie Anteile an eben jener Bank erhalten.

So könnten die angeblichen Verursacher die Chefs werden. Und damit auch die Vorgesetzten von Dimitris Antoniou, jenem Mitarbeiter der Bank of Cyprus-Filiale in der Innenstadt von Nikosia. Das macht ihn wütend. "Das ist doch nicht gut, hat die EU das denn nicht bedacht?", fragt er. Dann zieht er davon, ohne zu wissen, wie lange er selbst überhaupt noch einen Job haben wird. "Sagen Sie den Deutschen, dass wir alles zurückzahlen werden! Uns geht es schlecht, aber wir sind stolze Leute!"

*Name von der Redaktion geändert

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. 1. [...]

    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich nur, wenn Sie einen konstruktiven Beitrag zur Debatte leisten möchten. Danke, die Redaktion/sam

    Eine Leserempfehlung
  2. Laut SPON haben sich auch Politiker von den Banken "bereichern" lassen.
    Kann leider gerade nicht verlinken....

    4 Leserempfehlungen
  3. Was hier geschieht ist für die Volkswirtschaftslehre ungemein interessant.

    Diese Wissenschaft stochert nach wie vor irgendwie im Nebel. Sie leitet ihre Theorien praktisch nur aus der Analyse der Vergangenheit ab und versucht sie in die Zukunft zu projektieren, was fast nie zu einer zutreffenden Voraussage führt.

    Der Fall Zypern könnte deshalb ungemein bereichernd sein, sofern die richtigen Schlüsse daraus gezogen werden.

    Aber auch für die Politikwissenschaften ist die Insel äußerst interessant. Es wird sich wahrscheinlich ziemlich schnell herausstellen, ob das Verhalten der Politiker in diesem Fall zutreffend war und welche Schlüsse daraus für die Zukunft zu ziehen sind.

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ...ist wohl eher der "Livestyle der oberen 10.000";)
    Diese WISSENSCHAFT hat früher die "Freiheit ( und "Selbstregulierungskräfte") der Märkte" propagiert und nach 2008 soll nun die Allgemeinheit dafür bezahlen, weils nicht funktioniert.

    Es ist an der Zeit für eine neue Aufklärung.

    Der Gedanke kam mir auch, so wie Pinochet den Neoliberalismus in Chile vor Reagan und Thatcher bereits durchgespielt hat, so wird Weltwirtschaftskrise im Maßstab 1:1.000 in Zypern gerade durchexerziert...

  4. "Durch die Kapitalverkehrskontrollen wurde der Zugriff der Bürger auf ihr Konto eingeschränkt. Wie kann also unter diesen Umständen ein Bankenrun entstehen? Eben, nämlich gar nicht. Und dieses wichtige Puzzleteil lassen die großen Medien oftmals unter den Tisch fallen.

    Die Menschen können keinen Ansturm auf eine oder mehrere Bankfilialen beginnen, da sie nicht in der Lage sind, ihre Einlagen zu fordern. Wer nichts fordern kann (darf), der kann auch nichts in Bewegung setzen.

    Die EZB war wieder einmal zwei Schritte schneller als das einfache Volk. Sie hat eben auch die Möglichkeiten dazu, denn sie hat die Menschen rund um Nikosia von ihrem Hab und Gut abgeschnitten. Schwerverständlich ist, warum sich andere Bürger außerhalb Zyperns noch einlullen lassen."
    http://www.start-trading....

    Ja, für die Menschen auf Zypern beginnt die Krise jetzt erst richtig - und sie wird nicht so schnell enden.

    In der EU geht es eben nur noch um das monetäre. Deshalb hat sie die Menschen verloren.

    10 Leserempfehlungen
  5. Bisher war gut sein in Zypern, irgendjemand hat am Ende immer bezahlt.

    Jetzt werden einige Bankmitarbeiter ihren Job verlieren, dass ist sicher. Das ist nicht schön für die Betroffenen. Was wurde in anderen Ländern nicht alles wegrationalisiert mit schlechteren Begründungen.

    [...]

    Ach ja und irgendjemand wird irgendwas arbeiten müssen, allein mit Consulting und Dienstleistung wird das nicht gut gehen.

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf provozierende Polemik. Danke, die Redaktion/sam

    3 Leserempfehlungen
  6. Am Donnerstag berichtete auf B5-aktuell ein Augenzeuge davon, daß die größte Unruhe bezüglich der Bankenöffnung vor der größten Bank in Nikosia stattfand.
    Es handelte sich dabei um "Berichterstatter", die sich um Plätze stritten, von denen aus die erwarteten Unruhen am Besten zu beobachten gewesen wären - hätten solche stattgefunden.

    "Die Kameras sind aus, Zyperns Krise beginnt"

    Das ist nicht nett, von der Krise.

    ""Sagen Sie den Deutschen, dass wir alles zurückzahlen werden! Uns geht es schlecht, aber wir sind stolze Leute!""

    Respekt!

    5 Leserempfehlungen
    • russo1
    • 29. März 2013 22:19 Uhr

    um den Petrodollar zu sichern wird der Euro zerstört. Das ist beschlossene Sache. Europa hat die Gelegenheit den Euro zu retten: Sanktionen gegen den Iran fallen lassen und iranisches und venezuelanisches Öl an sofort in EURO handeln und den Petroeuro erschaffen. Aber weil europäische Politiker sich nicht trauen ihre eignen Interessen zu vertreten, sondern die Vorgaben von USrael bedienen wird der Euro von den Amerikanern begraben. Ich sage mal selbst Schuld, denn mit Zypern und Griechenland hat das mit Sicherheit nichts zu tun.

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    das besorgen die Europäer schon selbst und letztendlich dürfte es bei dem bestehenden System wohl zwangsläufig sein.

    Die USA haben eher ein Interesse an einem stabilen Europa und beobachten die gegenwärtige Situation besorgt. Die gegenwärtig anlaufende Verlagerung der geostrategischen Gewichte auf Asien setzt ein Europa voraus, das kein Eingreifen bzw. Hilfe der USA erfordert.

    Googeln Sie doch mal wem die EZB eigentlich gehört. Das sind Privatleute, und es sind dieselben, die hinter der FED stehen.Noch Fragen?

  7. ist die isländische Regierung: bei der Staatspleite 2008 hat sie alle Warnungen in den Wind geschlagen und das Undenkbare möglich gemacht: die Verursacher der Krise, also Banker, verhaftet, verklagt & vor Gericht (mit Erfolg) gebracht, um Belastungen von den Bürgern fern zu halten. Das nenne ich Gerechtigkeit! Und wie geht es dem Land 4 Jahre danach: gar nicht mal so schlecht mit nur 7,3% Arbeitslosigkeit & Wirtschaftswachstum ...

    12 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Unsere Volksvertreter täten gut daran, nach Island zu fahren und sich dort beraten zu lassen.

    Aber das tun sie nicht, denn Städtereisen nach Singapur oder Rio de Janeiro, um dort das Straßenbahnnetz zu studieren, sind wesentlich angenehmer.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Zypern | Ausnahmezustand | Bankenaufsicht | Chaos | Staatsanleihe | Euro
Service