ZypernEin Land steht still

Geschlossene Bankfilialen, fassungslose Bürger, zerstrittene Politiker: Zypern erlebt die düstersten Tage seit Langem. von 

Kühl weht der Wind an diesem Dienstag auf der Platia Eleftherias, dem Freiheitsplatz von Nikosia. Der Name des Platzes erinnert an den Tag, als sich Zypern im Jahr 1960 von der britischen Kolonialherrschaft befreite. Seit Monaten aber fühlen sich viele Zyprer wieder unterdrückt, diesmal von der EU. Markos Kyprianou, der Chef der Kommunisten-Partei Akel, spricht von einem "Rachefeldzug" gegen den Finanzplatz Zypern. Das Vorgehen der Europäer sei "neo-kolonial".

Der Kommunisten-Chef meint das am vergangenen Wochenende von den Euro-Finanzministern beschlossene Rettungspaket, mit dem Zypern vor dem drohenden Staatsbankrott bewahrt werden soll. Die Wut richtet sich vor allem gegen die Zwangsabgabe, mit der die Kunden der zyprischen Banken an der Rekapitalisierung der insolventen Geldhäuser beteiligt werden sollen. Zwar ist längst nicht mehr sicher, dass die Abgabe wie beschlossen eingeführt wird – womöglich findet der Plan im Parlament keine Mehrheit. Doch dass die Euro-Finanzminister ernsthaft vorhatten, jeden Besitzer eines Bankkontos in Zypern um rund sechs Prozent seiner Spareinlagen zu bringen – das hat viele Bürger wütend gemacht.

Anzeige

"Man will uns Geld stehlen", sagt Andreas Theophanis. Der Pensionär sitzt auf einer Bank in Altstadt und füttert die Tauben. 4.000 Euro hat er auf der Bank liegen, rund 300 Euro müsste er bezahlen, wenn der "Zypern-Soli", wie er in Brüssel genannt wird, tatsächlich erhoben würde. Theophanis könnte das verkraften, aber es geht ihm um mehr: um das Vertrauen in die Politik. "Es wird dabei nicht bleiben", sagt er. "Unser Geld ist nicht mehr sicher bei den Banken".

Am liebsten würde Theophanis zu seiner Bank gehen, das Geld abheben und nach Hause tragen. Er weiß, dass das nicht geht. Alle Institute im Land haben geschlossen, nicht nur am Dienstag, auch am Mittwoch und Donnerstag. Ob er noch auf die staatliche Einlagensicherung hoffe, die immerhin alle Guthaben bis zu 100.000 Euro garantiert? Ein Märchen, sagt Theophanis, daran zu glauben, sei doch naiv.

An der Platia Eleftherias gibt es zwei Geschäftsstellen, eine der Bank of Cyprus und eine der Laiki Bank, es sind ausgerechnet die beiden Banken, die das meiste Geld brauchen. Ausländische Fernsehteams filmen die geschlossenen Eingänge. "Closed" steht auf den Schildern in den Glastüren. In den Kassenräumen kann man schemenhaft Sicherheitspersonal ausmachen. Wenigstens funktionierten am Dienstag die meisten Geldautomaten wieder. Am Sonntag war in vielen Automaten das Geld ausgegangen, in der Nacht zum Dienstag wurden sie aber wieder aufgefüllt.

Die zyprische Zentralbank habe ausreichende Bargeldbestände für die Automaten, heißt es. Trotzdem macht sich Geldknappheit bemerkbar. Auf der Ledra-Straße, der sonst belebten Einkaufsmeile in Nikosias Altstadt, waren nur wenige Menschen unterwegs. "Heute kam der erste Kunde gegen Mittag", sagt ein Ladeninhaber. Untätig stehen die Taxifahrer neben ihren Autos – keine Fahrgäste. In den Restaurants und Cafés sind nur wenige Tische belegt. Die Wirtschaft der Insel wirkt zunehmend gelähmt.

Seit Samstag sind nun schon die Banken geschlossen, vier Tage lang, selbst das Onlinebanking funktioniert nicht mehr. Wann sich das ändert, kann niemand genau sagen – vielleicht wird es Freitag werden, vielleicht noch später. Nun, da die Zwangsabgabe einmal in der Welt ist, muss sie entweder ganz abgeräumt oder konkret im zyprischen Parlament beschlossen werden, sonst wird sie sich nicht mehr durchsetzen lassen. Das Problem ist: Es gibt derzeit keine Mehrheiten für das umstrittene Rettungspaket. Je länger die Banken allerdings geschlossen bleiben, desto größer wird die Sorge vor einem Bankensturm, wenn die Institute wieder öffnen. In den Chefetagen arbeitet man bereits an Notfallplänen: Die Barauszahlungen und Überweisungen sollen begrenzt, zusätzliches Sicherheitspersonal engagiert werden. Diskret patrouilliert die Polizei bereits vor vielen Bankfilialen. 

Leserkommentare
  1. des brüsseler Sonnen-Staat-Palastes Hängen.

    3 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    ... hielte ich allerdings die Aufschrift "Klosett" statt "closed" für passender.

    • AndreD
    • 19. März 2013 15:35 Uhr

    es sind die Fortune 500.
    Schauen sie sich nur, wer wie Schäuble sagte, nicht verschreckt werden soll: Die reichsten Investoren.

    Lesen sie oder hören Sie sich ihn an:

    http://www.youtube.com/wa...

    Und es gibt noch viel mehr.

    Produzieren Sie eine Krise und sie können alles von den unteren Klassen nehmen:

    http://www.youtube.com/wa...

    Zypern ist meiner Meinung nach nur der Anfang, bevor es uns an den Kragen geht.

  2. Bei 6,75 % Beteiligung der Kleineinlagen wären rund 300€ der Beitrag des Rentners.

  3. strittig.

    Für die Zyprioten sind das alle anderen, vorneweg die Deutschen - warum auch immer.

    Für die Deutschen sind das eher die zypriotischen Banker, Politiker und ein paar russische Geldadlige.

    Abgerechnet wird zu Lasten der kleinen Leute und wie in dem Beispiel im Artikel - Zufallsopfer.

    Kurzum, wer was wann getan hat um hierhin zukommen, interessiert niemanden.

    Das beschreibt treffend mein Interres darn der zypriotischen Politiker und Bankenkaste den A... zu retten.

    Neulich noch war die Rede von unerschöpflichen Rohstofffunden bei Zypern - sollen halt alle Geschädigten mit Anteilen beruhigt werden, von uns wird ja auch erwartet, dass wir den Unsinn glauben und gerne geben.

    8 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Die Leuten hätten ihr Geld ja auch woanders anlegen können. Letztlich ist die Vermögensabgabe auch nicht mehr, als das was an überhöhten Zinsen in den letzten paar Jahren verdient wurde.

  4. Zypern droht die Staatspleite, wenn das Parlament in Nikosia dem Rettungsplan der Euro-Partner nicht zustimmt. Auch deutsche Banken wären betroffen: Sie haben in dem Land fast sechs Milliarden Euro verliehen - und zählen damit zu den größten ausländischen Gläubigern.

    http://www.spiegel.de/wir...

    8 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Chali
    • 19. März 2013 15:21 Uhr

    .. ist auch ene Insel

    • w.k.
    • 19. März 2013 15:58 Uhr

    Realpolitik: "Auch deutsche Banken wären betroffen: Sie haben in dem Land fast sechs Milliarden Euro verliehen."

    Auch Sie scheinen etwas zu wissen, was mich brennend interessiert:
    Wieso schließen Sie aus den Anlagen „deutscher Banken“ in Zypern auf „deutsche Gläubiger“?
    Sind das Eigenmittel der Banken? Sind das Einlagen ausländischer Institutionen oder Wirtschaftssubjekte, womöglich sogar zyprische Einlagen, die in Zypern investiert worden sind?

    Hoffe auf fundierte Antwort.

    • Otto2
    • 19. März 2013 16:50 Uhr

    Bisher hörte ich immer nur "russische Oligarchen". Jetzt gibt es also auch deutsche Oligarchen oder Banken. Der Unterschied ist eh' nicht all zu groß. Nun interessiert mich noch, ob die deutschen Banken einen Beitrag von 9,9% ihrer Einlagen blechen müssen. Ich glaube eher nicht. Vermutlich wird die ganze Aktion mit Zypern den Sinn haben, genau das zu vermeiden.

    Das Geldvermögen der deutschen Banken betrug Ende 2011 6.706 Milliarden Euro. Netto, nach Abzug der Verbindlichkeiten, waren es 383 Milliarden. Die 6 Milliarden der zyprischen Schuldner sind davon 1,5 Prozent. Wo ist das Problem?

  5. 4 Leserempfehlungen
    • Chali
    • 19. März 2013 15:18 Uhr

    ist vielleicht dieser Artikel interessant

    http://www.spiegel.de/wir...

    Überschrift:
    um-sechs-milliarden-euro-a-889731.html
    Deutsche Banken bangen um sechs Milliarden Euro

    Wie der Zufall so spielt, will der Deutsche Minister für Finanz auch gerade sechs Milliarden Euro von den Zyproten.

    Man fragt sich, wieso denn deutsche Banken jedem 6000 Euro leihen konnten? Was wurde an Sicherheiten geboten? So dolle war das doch nicht mit der Wirtschaftslage?

    Oder *schlick* sollten die Milliarden gear nicht an Zyperns Einwohner gegangen sein?

    10 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • ZPH
    • 19. März 2013 15:31 Uhr

    "Wie der Zufall so spielt, will der Deutsche Minister für Finanz auch gerade sechs Milliarden Euro von den Zyproten."

    Nicht ganz richtig, die Troika (EZB, IWF, EU-Kommission) möchte, dass der Staat Zypern von den Anlegern der vom Bankrott bedrohten Banken des Staates eine einmalige Sondersteuer erhebt, Wenn der Staat Zypern beschließen würde nur Anlagen über 100.000 zu belasten - was ihm frei steht - würde das Geld zum überwiegenden Teil von russischen Millionären kommen und dem Staat Zypern zugute kommen würde und daher nicht später von den Steuerzahler Zyperns (und anderen Eurozonen-Länder) zu Rettung des aufbeglähten Bankensektors Zyperns bezahlt werden müssen.

    Aber "Deuschland ist Schuld" klingt natürlich immer besser, schon klar.

  6. ... hielte ich allerdings die Aufschrift "Klosett" statt "closed" für passender.

    Eine Leserempfehlung
    • Chali
    • 19. März 2013 15:21 Uhr

    .. ist auch ene Insel

    4 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Deutsche Gläubiger"

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service