Eine Filiale der Bank of Cyprus © John Kolesidis/Reuters

Am Tag vier nach dem Kompromiss will es in Berlin keiner gewesen sein. Die Idee, alle Sparer in Zypern gleichermaßen zur Kasse zu bitten, um die Banken zu sanieren, sei nicht aus Deutschland gekommen, heißt es in Regierungskreisen. Glaubt man dem haushaltspolitischen Sprecher der Unionsfraktion, Norbert Barthle, hat der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble während der Verhandlungen der Euro-Gruppe in der Nacht zum Samstag sogar auf eine gegenteilige Lösung gedrängt. Schäuble habe geraten, "bis zu 100.000 Euro nicht zuzugreifen" und Reiche dafür stärker zu besteuern, sagt Barthle. Das hätte den Vorteil gehabt, dass die Einlagensicherungsregeln weiter gegolten hätten. Es seien die Zyprer gewesen, die das abgelehnt hätten.

Das ist der deutsche Spin der Geschichte – und vermutlich ist er nicht ganz falsch. Allerdings berichten Diplomaten auch, dass es Schäuble war, der starken Druck auf den zyprischen Präsidenten Nikos Anastasiades gemacht habe, damit dieser einer nennenswerten Beteiligung der Sparer zustimme. Schließlich habe der deutsche EZB-Direktor Jörg Asmussen den Zyprern gedroht, den Geldfluss für die zyprischen Banken einzustellen, wenn es zu keiner Einigung komme. Das hätte de facto eine Pleite für die Geldhäuser bedeutet. Anschließend hat offenbar Zypern dem Deal zugestimmt – unter der Maßgabe, dass die Belastung für die oberen Vermögen nicht mehr als zehn Prozent beträgt. "Man wollte die Großanleger nicht sehr belasten", sagt Daniel Gros, ein bestens verdrahteter Ökonom in Brüssel. "Die zyprische Regierung hat gedacht, mit zehn Prozent sind die ganz zufrieden."

Ein Beschluss, dessen politische Wirkung offenbar auch die Deutschen radikal unterschätzten. Weltweit löste er Proteste aus. Mittlerweile hat die Euro-Gruppe nachbessern müssen, sie hat die Möglichkeit für einen Freibetrag von bis zu 100.000 Euro gegeben. Der zyprische Gesetzesvorschlag sieht nun 20.000 Euro vor. Welches Modell es am Ende wird, ist für die Deutschen nachrangig. "Entscheidend ist, dass Zypern im Ergebnis rund sechs Milliarden Euro aufbringt", sagt Barthle. Auf welchem Wege, "das kann Zypern selbst entscheiden".

"Beteiligung zyprischer Einleger ist gerecht"

Den Vorwurf, die Beteiligung der Sparer sei unsozial, lässt Barthle nicht gelten. Es sei vielmehr sogar "gerecht", dass die Einleger zyprischer Banken an der Restrukturierung beteiligt werden. "Das ist der einzige Weg, da der Staat Zypern dazu nicht in der Lage ist." Barthle stützt damit die Position von Schäuble, der gesagt hatte: "Wer sein Geld in Ländern anlegt, wo er weniger Steuern zahlt und vielleicht auch weniger kontrolliert wird, der trägt das Risiko, wenn die Banken dieses Landes nicht mehr zahlungsfähig sind."

Carsten Schneider, der haushaltspolitische Sprecher der SPD, hält das Vorgehen der Bundesregierung für unprofessionell. Es sei "unerheblich", wer den Vorschlag für die Beteiligung der Kleinsparer letztlich gemacht habe. "Entscheidend ist, dass Schäuble und seine Kollegen zugestimmt haben. Da wurde bedenkenlos oder, noch schlimmer, sehenden Auges die Finanzstabilität des Euro-Raums aufs Spiel gesetzt", sagte Schneider.

"Die letzte Vertrauensbastion ist gefallen"

Während auf allen Ebenen daran gearbeitet werde, das Vertrauen in Europa zu stärken, stelle die Union nun die Systemrelevanz Zyperns infrage, sagte Schneider. "Da bleibt einem der Mund offen stehen. Schäuble wird noch sehr viel zu erklären haben." Schneider nennt es ein "unverantwortliches Risiko", dass die Beteiligung von Kleinsparern nicht ausgeschlossen wurde. "Die letzte Vertrauensbastion ist gefallen und zwar unwiderruflich." 

Unionspolitiker wie Norbert Barthle lassen sich davon nicht beirren. Vielmehr setzen sie weiter auf Härte gegenüber Zypern. Gefragt, was denn passiere, wenn das zyprische Parlament nicht zustimme, antwortet er: "Dann testen wir die Systemrelevanz."