Brasilien"Die Straßen sind voll von Konsumenten"

Der Ökonom Marcelo Neri sagt: Wer die Welt im Jahr 2013 verstehen will, muss nach Brasilien schauen. Ein Interview über die Sehnsüchte der neuen Mittelschicht im Land.

Shopping-Mall in Recife im Nordosten Brasiliens

Shopping-Mall in Recife im Nordosten Brasiliens

ZEIT ONLINE: Herr Neri, sie sagen, Brasilien sei erfolgreicher als Russland, Indien und China. Dabei wächst Brasiliens Wirtschaft deutlich langsamer. Was rechtfertigt dann ihre These?

Marcelo Neri: Wir wachsen zwar langsamer als China und Indien. Es gibt aber zwei wichtige Unterschiede zu den anderen Schwellenländern: Erstens haben wir den schwierigen Übergangsprozess von der Diktatur zu einer Demokratie bereits hinter uns. Brasilien hat diese Wandlung in den neunziger Jahren durchgemacht, wir sprechen von der "verlorenen Dekade"...

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ZEIT ONLINE: ... und der zweite Unterschied?

Neri: Wir haben die Ungleichheit verringert, anders als Russland, Indien und China. Dort hat sie sogar zugenommen. Die Einkommen der ärmsten 20 Prozent der Bevölkerung wachsen in Brasilien sehr viel stärker als die der reichsten 20 Prozent. Das ist einmalig in unserer Geschichte. Die Aufholbewegung macht unser Wachstum viel nachhaltiger.

ZEIT ONLINE: Trotzdem hat Brasilien große Probleme: eine geringe Sparquote, viel informelles Gewerbe, ein schlechtes Bildungssystem, überschuldete Haushalte.

Neri: Ja, aber man muss das ganze Bild sehen, um die Entwicklung zu verstehen. Wir haben heute viel weniger Probleme als vor zehn oder 20 Jahren. Die Zahl der formalen Arbeitsverhältnisse hat zugenommen. Bei der letzten Pisa-Studie landeten wir auf Platz 53 von 67 Ländern.

ZEIT ONLINE: Was nicht gut ist.

Marcelo Neri
Marcelo Neri

Die Superreichen und die Bettelarmen, die das Image Brasiliens ausmachen, gibt es noch. Aber dazwischen ist eine starke, konsumhungrige Mittelklasse herangewachsen, zu der mehr als die Hälfte der 195 Millionen Brasilianer gehören. In einem Jahrzehnt haben über 35 Millionen Arme den sozialen Aufstieg geschafft; 80 Prozent davon sind Farbige. Der Ökonom Marcelo Neri, seit 2012 Direktor des einflussreichen Forschungsinstituts für angewandte Wirtschaftswissenschaften (Ipea), hat über die Aufsteiger den Bestseller "Die neue Mittelschicht“ geschrieben.

Neri: Das ist schlecht. Aber wir gehören zu den drei Ländern, die am meisten Fortschritte gemacht haben. Heute besitzen viel mehr Menschen als früher einen Computer. Es gibt mehr Haushalte, die an das Abwassernetz angeschlossen sind. Auch das Problem der historisch hohen Inflation und Gewalt wird angegangen.

ZEIT ONLINE: Wirken also die Sozialprogramme, die unter anderem die Regierung Lula aufgelegt hat?

Neri: Die Ungleichheit ist nicht so sehr wegen der Sozialprogramme kleiner geworden. Wichtiger war, dass die Gehälter gestiegen sind – wegen der guten Konjunktur und der besseren Ausbildung der Arbeitnehmer. Der Staat unternimmt gewaltige Anstrengungen im Bildungssektor.

ZEIT ONLINE: Zur Mittelschicht gehört nach ihrer Definition, wer ein Familieneinkommen von umgerechnet zwischen 480 und 1.950 Euro monatlich bekommt. Dazwischen liegen doch Welten!

Neri: Das stimmt. Allerdings handelt es sich dabei tatsächlich um die mittleren Einkommen. Früher hieß es scherzhaft, Brasilien sei wie "Bellindien": Ein Land mit reichen Inseln wie Belgien und einem großen Rest, der arm ist wie in Indien. Das Bild stimmt heute nicht mehr. 52 Prozent der Bevölkerung gehören inzwischen zur Mittelschicht. Und das Wachstum geht weiter.

ZEIT ONLINE: Was kennzeichnet die neue Mittelschicht noch?

Neri: Sie ist anders als die europäische oder amerikanische Mittelschicht. In Brasilien sind weder ein Haus, zwei Autos und zwei Hunde die Norm, noch gehören Bücher und Opernbesuche zum Alltag. Es gibt aber einen Punkt, an dem sich die Mittelschichten ähneln.

ZEIT ONLINE: Nämlich?

Neri: Bei der Geburtenrate. Sie ist innerhalb einer Generation in Brasilien von 5,7 Kindern pro Frau auf 1,9 gesunken. Auch das sorgt dafür, dass der soziale Aufstieg vieler Familien nachhaltig ist.

ZEIT ONLINE: Eine weitere These ihres Buches lautet, dass Brasiliens Mittelschicht stellvertretend für die neue, globalisierte Mittelklasse steht. Was meinen Sie damit?

Neri: Wenn wir ein globales Mittel festlegen, dann ist Brasilien ziemlich der Durchschnitt. Das gilt nicht nur für die Pro-Kopf-Einkommen, sondern auch bei der Verteilung von Reichtum, der Zahl der Computer oder dem Zugang zum Internet. Zudem haben wir mit den typischen Problemen der Schwellenländer zu kämpfen: der Informalität, der Korruption, dem Demokratiedefizit. Brasilien ist ein gutes Beispiel für den Zustand der Welt.

Leser-Kommentare
  1. Wie schön waren die Zeiten, als die Straßen noch voll von Menschen waren.

    2 Leser-Empfehlungen
    • akrio
    • 02.04.2013 um 12:26 Uhr

    Nach mehreren Jahren in Brasilien muss ich sagen, dass eine der wichtigsten Veränderungen, die vorgenommen werden müssen, der Kampf gegen die Korruption und die Verschlankung der Bürokratie ist.

    Den Papierkram, den man dort erledigen muss, ist enorm. Und oft funktioniert es am Ende doch nur, weil man jemanden kennt, der jemanden kennt oder/und weil man etwas Geld hinzu tut.

    Das ist nervig und lästig und verlangsamt Prozesse enorm.

    Für diejenigen, die jemanden kennen, ist das natürlich auch sozialer Kitt, aber diejenigen, die über kein Vitamin-B verfügen, stehen ohne Hilfe da.

    Die Unsicherheit auf den Straßen der Großstädte schränkt ebenfalls das Leben sehr ein. Ein Abendspaziergang an der Copacabana ist ebenso wenig drin, wie das abendliche Schlendern durch das Künstlerviertel Santa Teresa in Rio de Janeiro.

    Die, die Geld haben, schotten sich ab und kreieren in ihren "Gated Communieties" eigene Welten. Die Ghettos der Armen, die Favelas, sind das genaue Gegenteil.

    Ich habe die brasilianische Gesellschaft als eine noch im tiefsten Inneren koloniale kennengelernt. Wer etwas Geld hat, hat eine Putzfrau zu haben, eine Zugehfrau und wenn es mehr Geld gibt, eine Kinderfrau, einen Chauffeur etc. Man bezahlt jemanden, der sich für einen in die Schlange stellt und man lässt sich auch sonst gerne den Hintern nachtragen.

    Das alles wäre nicht zu beanstanden, gäbe es für alle eine wirklich freie Berufswahl.

    4 Leser-Empfehlungen
    • Plupps
    • 02.04.2013 um 12:49 Uhr

    Wer einmal in einem Land war, in dem die Wirtschaft zulegt und das nicht von Rentnern dominiert wird, galubt nicht mehr an die These, weniger sei auch genug. Der Konsumhunger ist enorm, wenn er nicht durch Krisen ausgebremst wird.

    "Die Flughäfen, die Geschäfte, die Straßen sind voll von neuen Konsumenten, die nun Autos fahren und Urlaub machen. Im Jahr 2011 saßen elf Prozent der brasilianischen Fluggäste zum ersten Mal in ihrem Leben in einem Flugzeug."

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  2. Man könnte meinen nicht. Selten so einen Unsinn gelesen. Ich habe eine Firma zusammen mit einer Brasilianerin in Campinas. Allein in Rio leben 30% der Bevölkerung in Favelas. Wo sollen da bitte 50% der Bevölkerung zum Mittelstand gehören? Oder wie definiert er Mittelstand? Mittelstand ist wenn man sich mindestens zweimal pro Woche satt essen kann?
    Über 50% der Bevölkerung leben von Salario Minimo, das sind ca. 270€ im Monat. Ein Auto kostet in Brasilien ca. das Doppelte von dem was es hier kostet, wegen der Einfuhrsteuern von 70%-120%.) Ein Lehrer verdient wenn er in den Schuldienst kommt 980 Reais, das sind 377€ heute. Der wird sich in seinem Leben nie ein Auto leisten können und wenn dann nur eine alte Schrottkiste die über zehn Jahre alt ist. (Davon fahren in Brasilien ohne Ende rum.) Wenn er dafür 10 Jahre spart und sein Partner auch.
    Natürlich gibt es die Läden die im Artikel abgebildet sind. Da können auch Ärzte und Regierungsangestellte einkaufen. (Die Regierung ist ein absoluter Selbstbedienungsladen) Natürlich geht es in Brasilien aufwärts, ohne Frage. Aber das Hauptproblem ist das Bildungssystem. Wenn die Schüler nach 10 Jahren von der (staatlichen!) Schule kommen, können die lesen und kaum schreiben, das war es dann. Ein duales Bildungssystem zur "Lehre" gibt es dort nicht. Lehre in dem Sinn daher auch nicht. Die geringe Arbeitslosigkeit resultiert daraus, dass die Ungelernten alle in prekären Verhältnissen angestellt werden, zu Hungerlöhnen.

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    z.B. in Rio?

    Die Shoppings (z.B. Shopping Leblon, Barra Shopping) sind voll - und zwar von Einheimischen, die gerne und viel kaufen. (Ausnahme: der Rimowa-Laden im Shopping Leblon, in dem ich noch nie einen einzigen Kunden gesehen habe).

    Es gibt gute und schlechte öffentliche Schulen aber es gibt auch viele gebührenfreie Plätze an Privatschulen für begabte Schüler aus prekären Verhältnissen. Mit der Einführung des landesweit einheitlichen Schulabschlusstests ENEM wird Transparenz geschaffen - etwas, das sich die deutschen Bildungspolitiker noch nicht trauen.

    z.B. in Rio?

    Die Shoppings (z.B. Shopping Leblon, Barra Shopping) sind voll - und zwar von Einheimischen, die gerne und viel kaufen. (Ausnahme: der Rimowa-Laden im Shopping Leblon, in dem ich noch nie einen einzigen Kunden gesehen habe).

    Es gibt gute und schlechte öffentliche Schulen aber es gibt auch viele gebührenfreie Plätze an Privatschulen für begabte Schüler aus prekären Verhältnissen. Mit der Einführung des landesweit einheitlichen Schulabschlusstests ENEM wird Transparenz geschaffen - etwas, das sich die deutschen Bildungspolitiker noch nicht trauen.

  3. Die Regierung rechnet sich ihre Bevölkerung reich, jemand mit 70 BRL-Pro-Kopf-Einkommen (ca. 30€) innerhalb der Familie gilt nicht mehr als arm. So wächst der "Mittelstand" gewaltig. Die brasilianische Wirtschaft bewegt sich seit Lula in Richtung reiner Commodity-Ökonomie, der Anteil der Industrieproduktion am Bruttoinlandsprodukt ist seit 2005 rückläufig. Dafür wird das Land in nie gekannter Weise geplündert, GMOs werden großflächig maschinell produziert, familiäre Landwirtschaft ist kaum noch existent, und die Megaproduzenten vom Schlage eines Blairo Maggi, dem größten Sojaproduzenten der Welt und Vorsitzenden der Umweltkommission des Senats (!) benötigen kaum Arbeitskräfte. Die Arbeiterpartei hat in den letzten Jahren strategisch alle Schaltstellen des Staates mit Aparatschiks besetzt und sich mit dem Großkapital und den Oligarchenfamilien verbündet. Die Regierung geht massiv aus wirtschaftlichen Interessen gegen die eigene indigene Bevölkerung vor, u.a. mit der Nationalgarde, um die Interessen der Bau-, Energie- und Minerationsfirmen durchzusetzen. Die Verfassung wird per Federstrich geändert, Amazonien zerstört, die arme Bevölkerung durch assistenzialistische Maßnahmen beruhigt. Brasilien ist auf dem sicheren Weg in ein neues autoritäres Regime. Die Eliten des Landes, oft als "Mittelklasse" missverstanden, genießen ihren Reichtum, die Presse ist gekauft, das Bildungssystem ist am Boden, es ist leider gar nichts gut in Brasilien.

  4. z.B. in Rio?

    Die Shoppings (z.B. Shopping Leblon, Barra Shopping) sind voll - und zwar von Einheimischen, die gerne und viel kaufen. (Ausnahme: der Rimowa-Laden im Shopping Leblon, in dem ich noch nie einen einzigen Kunden gesehen habe).

    Es gibt gute und schlechte öffentliche Schulen aber es gibt auch viele gebührenfreie Plätze an Privatschulen für begabte Schüler aus prekären Verhältnissen. Mit der Einführung des landesweit einheitlichen Schulabschlusstests ENEM wird Transparenz geschaffen - etwas, das sich die deutschen Bildungspolitiker noch nicht trauen.

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  5. Neri scheint diese offizielle prahler-opportunisten zu gehören, die der Macht immer sehr nahe sind und ihre Karroten ordentlich kriegen. Ich lebe hier und bin jeden Tag von neuem entsetzt wie Brasilien eine perverse Gesellschaft ist. Absolute Korruption im öfentlichen Bereich, was die antisozialen Werte der Menschen und deren totalen Mangel an Bildung widerspiegeln. Wahnsinnig hohe Steuer für absolute Ineffizienz vom Staat, Krankenhäuser wie Haiti, ruinöse Infrastruktur. Neri spricht vom verlohrenen Jahrzent der Neunziger, was die offiziele Lüge nummer 1 ist. Die Geschichte: 1994 hat Präsident Fernando Henrique Cardoso Währungstabilisierung und Reformen eingefürt die dieses Land gerettet und in eine Richtung gestellt haben - während einer schlechten Weltkonjuntur; dann hat die (angeblich) linke, hochkorrupte Arbeiterpartei (PT) Brasilien entführt (in kooperation mit der "Rechte" PMDB Partei, eine amorphe und gigantische Agglomeration von allerlei Räuber), als die Weltkonjunktur besser war und die Reflexe der Reformen anfingen Frucht zu geben; dann sagt PT+PMDB: "Schaut was WIR gemacht haben", und die Bildunglose, Ahnungs- und Gedächtnislose Bevölkerung wählt diese Betrüger immer wieder zur Macht. Das ist das eigentliche Photo. Aber trotzdem mache ich auch Werbung und hoffe auf eine Migrationswelle aus Europa. Kommt doch hierher im Paradies arbeiten, wenn Ihr den Magen habt.

  6. ...dass er die Einkommensspannweite der Mittelschicht so grosszueging waehlt, auf die Preise wird gar nicht eingegangen. Vielleicht verdienen die Menschen sogar mehr, aber was will mann mit vielleicht 1.500 Reais im Monat, wenn viele Lebensmittel teurer sind als in Europa. Ganz zu schweigen davon, was durch die WM und Olympia nochmal an Preisanstieg zu beobachten sein wird. Brasilien ist auf einem guten Weg, v.a. durch Lula, aber bereits von einer so grossen Mittelschicht zu sprechen, spiegelt nicht gerade die Realitaet wieder. Aber die Probleme von unzureichender Bildung, starker Diskrepanz der Einkommensverteilung und endloser Buerokratie sind nicht nur Probleme von Brasilien, sondern von ganz Lateinamerika. Vor allem in Chile sieht es aehnlich aus. Da waechst die Wirtschaft auch, der Uebergang von der Diktatur zur Demokratie fand auch in den 90ern statt, und auch da gibt es lauf Politik und Wirtschaft eine Mittelschicht, die die Konzentration der Einkommen durchbricht. Ich hab sie bisher noch nicht gefunden.

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