Bislang ging die Geschichte so: Einmal im Jahr, meistens im Herbst, versammelten sich die Atomkraftgegner in Gorleben. Sie demonstrierten gegen Castortransporte aus dem Ausland ins Zwischenlager. Dafür ketteten sie sich an Bahnschienen und campierten im Wald. Es waren Massenkundgebungen gegen ein mögliches Endlager in Gorleben. Deutschland lernte Worte wie "Schottern" und erlebte einige der größten Polizeieinsätze seiner Geschichte.

Seit zwei Wochen soll alles anders sein. Bund und Länder haben einen Kompromiss bei der Endlagersuche eingefädelt. Bundesweit soll jetzt nach einem Endlager gesucht werden – und zwar ergebnisoffen. Das bedeutet, überall in Deutschland soll gesucht werden.

Das heißt aber auch: Gorleben bekommt keine Sonderbehandlung, sondern muss sich ebenfalls einer Untersuchung stellen. Damit die neue rot-grüne Landesregierung in Hannover diesem Kompromiss zustimmen kann, sollen im Gegenzug keine weiteren Castoren nach Gorleben rollen.

Doch genau dieser Kompromiss könnte jetzt das Prestigeprojekt Endlagersuchgesetz der Bundesregierung gefährden. Denn wenn die Castoren nicht nach Gorleben gehen, wohin dann?

Atommüll-Endlager - Wohin mit dem Atommüll? ZEIT-Redakteur Frank Drieschner über die schwierige Endlagersuche Seit fast 50 Jahren streitet Deutschland um mittlerweile mehr als 12.000 Tonnen strahlendes Material, das sicher untergebracht werden muss. ZEIT-Redakteur Frank Drieschner über die schwierige Suche nach einem geeigneten Endlager.

Die Zeit drängt

Es ist eine Frage, die jetzt gelöst werden muss, nicht erst in ein paar Jahrzehnten. Denn schon in zwei Jahren benötigt Deutschland Platz für 26 Castoren, die es aus dem Ausland zurücknehmen muss. Fünf Stück kommen ab dem Jahr 2015 aus der französischen Wiederaufbereitungsanlage La Hague, 21 aus dem britischen Sellafield. Genehmigungen, Prüfungen, Bau, mögliche Klagen: All das braucht seine Zeit. Findet sich kein Platz für die 26 Behälter, dann könnte das Endlagersuchgesetz nach monatelangen Verhandlungen auf den letzten Metern scheitern.

Mögliche Standorte wären die 13 Zwischenlager an den Atomkraftwerken. Dort lagern die Betreiber schon heute abgebrannte Brennelemente der jeweiligen Anlage ein. Schleswig-Holstein und Baden-Württemberg, beide rot-grün regiert, haben sich bereits angeboten, Castoren aufzunehmen. Das AKW Brunsbüttel im Norden wäre eine Option. Die Stadt besitzt einen Hafen, Castoren aus Sellafield müssten nur herübergeschifft werden. "Kurze Wege" fordert schließlich die Politik.

Die beiden Bundesländer verlangen Solidarität. "Ein nationaler Konsens zur Endlagerfrage heißt, dass auch andere Bundesländer in der Pflicht sind, die Lasten mitzutragen und Castoren aufzunehmen", sagt Robert Habeck, grüner Umweltminister in Schleswig-Holstein. Ähnlich sieht das Baden-Württemberg.