CastorenNiemand will den Atommüll

Die Regierung will keine Castortransporte mehr nach Gorleben. Doch wohin soll der Atommüll dann? Schon bald könnte das Problem akut werden. von 

Polizisten sichern den Castortransport im November 2011.

Polizisten sichern den Castortransport im November 2011.  |  © John MacDougall/AFP/Getty Images

Bislang ging die Geschichte so: Einmal im Jahr, meistens im Herbst, versammelten sich die Atomkraftgegner in Gorleben. Sie demonstrierten gegen Castortransporte aus dem Ausland ins Zwischenlager. Dafür ketteten sie sich an Bahnschienen und campierten im Wald. Es waren Massenkundgebungen gegen ein mögliches Endlager in Gorleben. Deutschland lernte Worte wie "Schottern" und erlebte einige der größten Polizeieinsätze seiner Geschichte.

Seit zwei Wochen soll alles anders sein. Bund und Länder haben einen Kompromiss bei der Endlagersuche eingefädelt. Bundesweit soll jetzt nach einem Endlager gesucht werden – und zwar ergebnisoffen. Das bedeutet, überall in Deutschland soll gesucht werden.

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Das heißt aber auch: Gorleben bekommt keine Sonderbehandlung, sondern muss sich ebenfalls einer Untersuchung stellen. Damit die neue rot-grüne Landesregierung in Hannover diesem Kompromiss zustimmen kann, sollen im Gegenzug keine weiteren Castoren nach Gorleben rollen.

Doch genau dieser Kompromiss könnte jetzt das Prestigeprojekt Endlagersuchgesetz der Bundesregierung gefährden. Denn wenn die Castoren nicht nach Gorleben gehen, wohin dann?

Die Zeit drängt

Es ist eine Frage, die jetzt gelöst werden muss, nicht erst in ein paar Jahrzehnten. Denn schon in zwei Jahren benötigt Deutschland Platz für 26 Castoren, die es aus dem Ausland zurücknehmen muss. Fünf Stück kommen ab dem Jahr 2015 aus der französischen Wiederaufbereitungsanlage La Hague, 21 aus dem britischen Sellafield. Genehmigungen, Prüfungen, Bau, mögliche Klagen: All das braucht seine Zeit. Findet sich kein Platz für die 26 Behälter, dann könnte das Endlagersuchgesetz nach monatelangen Verhandlungen auf den letzten Metern scheitern.

Mögliche Standorte wären die 13 Zwischenlager an den Atomkraftwerken. Dort lagern die Betreiber schon heute abgebrannte Brennelemente der jeweiligen Anlage ein. Schleswig-Holstein und Baden-Württemberg, beide rot-grün regiert, haben sich bereits angeboten, Castoren aufzunehmen. Das AKW Brunsbüttel im Norden wäre eine Option. Die Stadt besitzt einen Hafen, Castoren aus Sellafield müssten nur herübergeschifft werden. "Kurze Wege" fordert schließlich die Politik.

Die beiden Bundesländer verlangen Solidarität. "Ein nationaler Konsens zur Endlagerfrage heißt, dass auch andere Bundesländer in der Pflicht sind, die Lasten mitzutragen und Castoren aufzunehmen", sagt Robert Habeck, grüner Umweltminister in Schleswig-Holstein. Ähnlich sieht das Baden-Württemberg.

Leserkommentare
  1. Das Problem ist seit 40 Jahren akut, solange wird die Atomenergie jetzt als "Brückentechnologie" bezeichnet - weil man mit depleted uranium so prima Brücken wegbomben kann

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  2. "Die Politik appelliert an das Verantwortungsbewusstsein." (Zitat aus dem Artikel)

    Noch nie haben sich die Betreiber von Atomkraftwerken verantwortungsbewußt gezeigt. Sie haben Strom produziert und verkauft.
    Eine nicht vorhandene Entsorgung war nie ein Grund, die Produktion aufzugeben. Im Gegentiel: Atomstrom wurde immer weiter ausgebaut.

    Die Frage der Lagerung des Abfalls stellt sich seit dem 50ziger Jahren. Mehr als ein halbes Jahrhundert wurde die Frage weitergegeben und Geld am Strom verdient.

    Wo kann die Lösung liegen: Alle an einen Tisch: Stromhersteller, Politiker, Umweltverbände udn gemeinsam eine Lösung erarbeiten und vorstellen, die über die nächste Wahl hinaus bestand hat.

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    "Noch nie haben sich die Betreiber von Atomkraftwerken verantwortungsbewußt gezeigt. Sie haben Strom produziert und verkauft."

    Ja, klar, weil der Staat behauptet hat, er übernähme das. Wieso soll man den Konzernen einen Vorwurf machen. Der Staat ist doch selbst Schuld.
    Ich hätte mich von Anfang an hingesetzt und den Konzernen eine Komission vorgesetzt und dann gesagt: "So und jetzt fangt an mit dem Endlager".
    Hätte mir etwas nicht gefallen, einfach gestrichen. Wartungsmängel und ähnliches - Strafzahlungen. So einfach wäre das gewesen. Die Verantwortung und Kosten trügen die Konzerne und man könnte ihnen noch schön auf die Finger klopfen.
    Aber so wie es jetzt steht hat der Staat wohl mal die totale Arschkarte gezogen.

    • xl
    • 22. April 2013 11:28 Uhr

    ...die billige Kernenergie wird mal wieder teuerer. Interessant, das ausgerechnet die größten Befürworter der Atomkraft am wenigsten mit dem Müll zu tun haben wollen, während die eigentlichen Gegner sich bereit erklären das Zeug zu lagern. Ausgerechnet die grünen sind für mich momentan die einzige Partei, der ich eine pragmatische Lösung bei der Endlagerung zutraue. Alle anderen wollen das Zeug doch nur schnellstmöglich aus den Augen aus dem Sinn haben - und zwar keinesfalls im eigenen Bundesland.

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  3. "Noch nie haben sich die Betreiber von Atomkraftwerken verantwortungsbewußt gezeigt. Sie haben Strom produziert und verkauft."

    Ja, klar, weil der Staat behauptet hat, er übernähme das. Wieso soll man den Konzernen einen Vorwurf machen. Der Staat ist doch selbst Schuld.
    Ich hätte mich von Anfang an hingesetzt und den Konzernen eine Komission vorgesetzt und dann gesagt: "So und jetzt fangt an mit dem Endlager".
    Hätte mir etwas nicht gefallen, einfach gestrichen. Wartungsmängel und ähnliches - Strafzahlungen. So einfach wäre das gewesen. Die Verantwortung und Kosten trügen die Konzerne und man könnte ihnen noch schön auf die Finger klopfen.
    Aber so wie es jetzt steht hat der Staat wohl mal die totale Arschkarte gezogen.

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    Ich hätte mich von Anfang an hingesetzt und den Konzernen eine Komission vorgesetzt und dann gesagt: "So und jetzt fangt an mit dem Endlager"«

    Witzigerweise ist es ja so, dass Deutschlands Stromerzeuger nie aus eigenen Stücken in die Atomstromproduktion eingestiegen wäre, weil die Kraftwerke viel zu teuer waren und die Abfallbehandlung von Anfang an ein ungelöstet Problem war.

    Atomstrom war in Deutschland von Beginn an ein politisches Anliegen und keines der Energieerzeuger. Als Sinnbild dafür kann das Atomministerium, das '55 gegründet wurde, dienen. Erster Atomminister war Franz Josef Strauß.
    http://de.wikipedia.org/w...

    In den Folgejahren baute die Politik so viele goldene Brücken (in D-Mark), bis die Energieerzeuger nicht mehr Nein sagen konnten und in die Atomkraft einstiegen, die Dank des umfänglichen Entgegenkommens der Politik dann auch tatsächlich sehr lukrativ war.

  4. ...wäre, die Brennstäbe in den Castoren permanent auf der Schiene durch die Republik zu fahren. Die Verweildauer in den einzelnen Bundesländern wäre dann faireshalber an die Anzahl der KKW in den Ländern gekoppelt.

    3 Leserempfehlungen
    • wd
    • 22. April 2013 11:53 Uhr

    „Insgesamt gibt es an den Atomkraftwerken in Deutschland Platz für 1.435 Behälter mit radioaktivem Müll. Belegt sind zurzeit 316 Plätze. Für 26 Castoren sollte doch da noch ein Plätzchen zu finden sein ....“
    Die Politiker sollten mal in die Strümpfe kommen. Und wenn ein Bundesland die Castoren seiner KKW nicht neben dem KKW abgestellt haben möchte, dann dort sofort alle KKW abschalten.

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  5. Ganz einfach: Entweder alles nach Berlin vor den Bundestag oder jeweils in den Vorgarten der Politiker die dafür gestimmt haben ihn zu produzieren.

    (Nee das ist keine Polemik, genauso bin ich dafür dass jeder Politiker der für Krieg stimmt selber sofort aus dem Plenarsaal heraus direkt an die vorderste Front kommt. Ist Krieg wirklich die einzige Wahl werden die nichts dagegen haben und sich ansonsten vielleicht eventuell doch etwas anderes einfallen lassen. Ist bestimmt sehr effektiv)

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    Auch all denen die Verdient haben,also Aktien haben die Lobbyarbeit machten

    um die Politik in die Tasche zustecken,auch in deren Vorgarten oder besser in

    die Kellr ihrer Villen

  6. In diesem Tagesschau Artikel http://www.tageschau.de/i... wird durch die Atomlobby explizit vermieden zu erwähnen wer die 1,6mrd. aufgewandt hat. Meines Wissens nach sind diese durch den Steuerzahler aufgewandt worden, während die Formulierung bloß nahe legt, dass die arme Atomlobby die kosten ganz alleine tragen musste. Korrigieren Sie bitte mich oder Ihren Artikel. Danke und einen schönen Tag noch

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    • zamm
    • 22. April 2013 12:46 Uhr

    …während Tausende jährlich an Luftverschmutzung durch statt AKW weiterbetriebene alte Kohlekraftwerken vorzeitig krepieren.

    Bitte sachlich betrachten (fällt einigen schwer, ich weiss):
    - Jährliche Strahlendosis (Deutschland): Etwa 4 mSv
    - Davon: <1% AKW, inklusiv Tschernobyl-Folgen
    - Im Vergleich: 40-50% "Atomabfall" der Natur (Etwa 1.7 mSv)
    - Davon Radon: ca. 25% (Etwa 1 mSv)
    http://de.wikipedia.org/w...
    - Im Vergleich, Endlager Morsleben: Spitzenwert 0.003 mSv (< 0.1%)
    http://www.bfs.de/de/endl...

    Fazit: Wenn jemand vor "Atomabfall" Angst hat, sollte er/sie einfach sein Haus nach Radon überprüfen, und eventuell sanieren lassen (würde ich in Gegenden mit hohem Risiko empfehlen). Die anderen natürlichen Quellen sind in Praxis nicht vermeidbar.

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