Jürgen Fitschen © Daniel Roland/AFP/Getty Images

So etwas wie eine Generalprobe hat Jürgen Fitschen im Herbst absolviert. Wohl nicht zufällig lud ihn damals der Bundesverband deutscher Banken zur Diskussion mit Peer Steinbrück ein. Ruhig, fast entspannt stand Fitschen neben dem SPD-Kanzlerkandidaten am Rednerpult. Hörte zu, wie der lospolterte über die Deregulierung der Finanzmärkte und ein Trennbankensystem forderte. Fitschen, seit Juni Ko-Chef der Deutschen Bank, blieb cool. Eigentlich wollten er und Steinbrück das Gleiche: "ein nachhaltiges Umfeld, in dem sich Banken bewegen können". Fitschen machte eine gute Figur, und wenige Wochen später wählte ihn der zehnköpfige Vorstand des Bankenverbands zu seinem neuen Präsidenten. An diesem Montag übernimmt er das Amt von Andreas Schmitz.

In den Monaten zwischen Wahl und Amtsantritt ist viel passiert, die Deutsche Bank sieht sich mit einer Reihe von Vorwürfen konfrontiert: Umsatzbetrug im Handel mit Emissionszertifikaten und Manipulation des Interbankenzinses Libor. Die Bank soll Anleger nicht richtig über die Risiken verbriefter Hypothekenkredite aufgeklärt und Kreditpapiere falsch bilanziert haben. Und sie soll Kunden geholfen haben, ihr Geld vor dem Fiskus zu verstecken. Selbst wenn sich davon nur wenig als wahr herausstellt – für Fitschen und seinen Kollegen an der Vorstandsspitze, Anshu Jain, bedeutet es Arbeit. Und es lässt Zweifel aufkommen, ob Fitschen angesichts der Probleme im eigenen Haus der Richtige für die Position des Bankenpräsidenten ist.

"Die Frage ist, ob er genug Zeit für das neue Amt hat oder ob er nicht erst einmal die Deutsche Bank auf Vordermann bringen müsste", sagt Markus Kienle, Vorstand der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK). Vor Fitschen liegt eine große Aufgabe: Er muss das Vertrauen der Gesellschaft in die Banken zurückgewinnen. Vor der Krise der Deutschen Bank schien er dafür der Richtige zu sein. Der Mann gilt als bodenständig, unkompliziert und gut vernetzt. Bei der Deutschen Bank arbeitet er seit 1987, er war für das Institut in Tokio, Singapur und London. Sein Ruf war lange tadellos. Bis an einem Mittwochmorgen im Dezember 500 Polizisten und Steuerfahnder vor der Tür der Deutschen Bank standen. Der Vorwurf: Steuerbetrug im Emissionshandel. Das war schon schlimm. Doch richtig peinlich wurde die Affäre, als ein Anruf Fitschens bei Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) bekannt wurde. Der Banker beklagte sich bei dem Politiker über den Einsatz der Ermittler.

Gegen Fitschen selbst wird auch ermittelt, weil er 2009 eine umstrittene Steuererklärung mitunterschrieben hatte. Zwar hat er seine Signatur nur aufs Papier gesetzt, weil Josef Ackermann – zu dem Zeitpunkt noch Chef der Deutschen Bank – gerade nicht im Haus war. Aber von der Verantwortung entbindet ihn das nicht. Für SdK-Vorstandsmitglied Kienle ist die Sache klar: Wenn Fitschen nichts gewusst habe, zeige das vor allem, "dass die Deutsche Bank ein Kontrollproblem hat".

Andreas Schmitz, der den Posten des Verbandspräsidenten an Fitschen abtritt, hatte es da einfacher. Schmitz vertritt als Vorstandssprecher der Düsseldorfer Privatbank HSBC Trinkaus ein Institut, das kaum in der Öffentlichkeit steht. "Schmitz konnte leichter ungemütliche Themen ansprechen, weil er selber nicht so unter Beschuss stand", sagt Jürgen Kurz von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). "Fitschen wird als Bankenpräsident nur dann etwas glaubhaft kritisieren können, wenn er darlegt, wie das in seinem eigenen Institut gehandhabt wird."

Vor schwierigen Themen hat Fitschen jedenfalls keine Angst. Im Januar erklärte er, die Bank habe untersucht, ob Agrar-Finanzprodukte den Preis für Nahrungsmittel beeinflussen – und keinen Zusammenhang feststellen können. "Deshalb hat die Deutsche Bank entschieden, dass sie im Interesse ihrer Kunden weiterhin Finanzinstrumente auf Agrarprodukte anbieten wird", sagte Fitschen, wohl wissend, dass er dafür attackiert werden würde.

Innerhalb des Bankenverbands dürfte Fitschen keine Probleme haben, seine Ansichten durchzusetzen. "Die Deutsche Bank war auch schon vorher der Wortführer im Verband", sagt DSW-Sprecher Kurz. Schließlich ist das Institut der größte Beitragszahler. Die Frage ist, ob es Fitschen gelingt, dem Verband künftig auch in der Öffentlichkeit mehr Gewicht zu verleihen und seinen Einfluss auf die Politik zu erhöhen. Drei Jahre hat Fitschen Zeit. Drei Jahre, um Vertrauen zu gewinnen – für sich, die Deutsche Bank und die Branche insgesamt.

Erschienen im Tagesspiegel