Euro-Krise : Es liegt nicht am Euro!

Viele Deutsche machen den Euro für die Krise verantwortlich, eine neue Partei will ihn gleich abschaffen. Sie alle irren.
Unterstützer der Anti-Euro-Partei "Alternative für Deutschland" © Kai Pfaffenbach/Reuters

Manche Hausbesitzer deponieren den Schlüssel unter der Türmatte, damit Freunde in ihrer Abwesenheit zu Besuch kommen können. Wenn einer der Freunde das Angebot missbraucht und die Speisekammer leerräumt, dann mag man dem Eigentümer Fahrlässigkeit vorwerfen. Falsch verhalten hat sich jedoch der Besucher.

Die Analogie beschreibt die gegenwärtige europäische Krise ziemlich treffend. Alle Mitglieder der Euro-Zone haben mit dem Euro einen privilegierten Zugang zum europäischen Haus erhalten, ohne ihrer Verantwortung gerecht zu werden. Vor allem in Deutschland sprechen Medien und Politik deshalb von einer "Euro-Krise" und versuchen in der gemeinsamen Währung die Ursache der Krise zu finden. Die Partei "Alternative für Deutschland" will den Euro sogar ganz abschaffen. Die Argumente, die dabei vorgebracht werden, sind grundfalsch. Die Fakten werden auf den Kopf gestellt.

Die Einführung des Euro hat Vorteile für alle Mitgliedsländer gebracht. Durch mehr Handel, vertiefte Finanzintegration, günstigere Finanzierungsbedingungen, erhöhte Preisstabilität und eine Intensivierung des Wettbewerbs. Einige Mitglieder haben diese Vorteile aber nicht genutzt,  um ihre Wirtschaft zu stärken und den Staatshaushalt zu konsolidieren. Stattdessen haben sie sich durch günstige Finanzierungsbedingungen dazu verleiten lassen, ihre private und öffentliche Verschuldung auszuweiten. Das hat einige Volkswirtschaften in eine Schieflage gebracht. Wieso soll der Euro für dieses Verhalten verantwortlich gewesen sein? Die gemeinsame Währung mag das Fehlverhalten erleichtert haben. Verantwortlich aber war die Politik.

Marcel Fratzscher

leitet seit 1. Februar 2013 das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Zuvor war er Leiter der Abteilung International Policy Analysis der Europäischen Zentralbank. Er forscht zur europäischen und internationalen Geldpolitik und Finanzmarktarchitektur.

Dass es sich um keine "Euro-Krise" handelt, zeigt sich auch darin, dass die gegenwärtige Krise nichts mit einer Währungskrise gemein hat. Zwei Merkmale zeichnen eine solche Krise aus. Erstens liegen ihr eine Überbewertung der Währung und fehlende Wettbewerbsfähigkeit auf der Preisseite zu Grunde. Zweitens führt eine Währungskrise meistens zu einem Vertrauensverlust in die Währung und dadurch zu einer massiven Abwertung. Werden die Währungsungleichgewichte in den öffentlichen und privaten Bilanzen zu groß, kann es zu Banken- und Staatsschuldenkrisen kommen.

Nichts davon trifft auf die Krise in Europa zu. Der Euro war vor der Krise keinesfalls zu teuer. Auch in den Krisenjahren blieb er äußerst stabil und im internationalen Vergleich fair bewertet. Die Banken- und Staatsschuldenkrisen dieser Tage haben ihren Ursprung auch nicht in Währungsungleichgewichten, sondern im Risikoverhalten der Banken, in einer fehlenden Flexibilität auf den Güter- und Arbeitsmärkten und in einer zu expansiven Fiskalpolitik.

Der Euro hat diese Krise nicht ausgelöst. Seine Stabilität und Verlässlichkeit haben eher eine noch tiefere Krise verhindert. Weil der Euro eine Währung von globaler Wichtigkeit ist, haben die Investoren netto kaum Kapital aus der Euro-Zone abgezogen. Deshalb sind auch die Zinsen für die privaten Haushalte und Firmen nicht gestiegen, was viele Insolvenzen verhindert hat.

Gegen den Euro wird außerdem vorgebracht, die Länder der Währungsunion seien zu unterschiedlich für eine gemeinsame Währungs- und Geldpolitik. Das Argument ist falsch. Es ist der dritte Verständnisfehler, der auf einem naiven Lehrbuch-Modell eines optimalen Währungsraums beruht. Tatsächlich gibt es keinen "optimalen" Währungsraum. Das gilt für die Euro-Zone, wie auch für die USA. Selbst die Bundesrepublik Deutschland war nie ein optimaler Währungsraum und wird es niemals sein.

Deutschland hat in den vergangenen 25 Jahren zwei Währungsunionen erlebt – die europäische 1999 und die innerdeutsche 1990. Die deutsche Währungsunion des Jahres 1990 hat zwei Volkswirtschaften zusammen gebracht, die sehr viel unterschiedlicher waren als jene Staaten, die sich 1999 zu einer europäischen Währungsunion zusammengeschlossen haben. Die Wirtschaft der DDR unterlag  planwirtschaftlichen Anreizstrukturen, ihr Kapitalstock und Technologien waren völlig veraltet. Zum Teil wurden Güter erzeugt, die nach der Vereinigung überhaupt nicht mehr am Markt gefragt waren.

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Kommentare

414 Kommentare Seite 1 von 51 Kommentieren

Das Schuldgeldsystem ist kein Problem

Das (Schuld-)Geld dient lediglich als Katalysator bei Tauschgeschäften. Sein Wert besteht in der Leistung (Waren oder Dienstleistung), die dafür erbracht wird.

Man könnte sich den gesamten Wirtschaftskreislauf ohne weiteres auch ohne Geld vorstellen. Das würde zwar den Vergleich von Werten erschweren, aber es macht deutlich, dass das Schuldgeldsystem an sich kein Problem darstellt.

Das Schuldgeldsystem ist deshalb kein Schneeballsystem, weil das Geld bei der Rückzahlung von Krediten wieder vernichtet wird.

Theoretisch

haben Sie recht.

Aber wie sieht die Praxis aus?

"Zentralbanken behalten daher die Geldmenge (zu denen selbstverst. auch BG zählt) im Blick."

Mittlerweile brauchen die Herren Zentralbanker aber gute Ferngläser, um die Spitze des Geldberges "im Blick zu behalten"...

Richtigerweise müsste es heißen:
Die Zentralbanken sorgen dafür, daß die Geldmenge in einem vernünftigen Rahmen bleibt!

Das Geldsystem - Zinseszins und exponentielles Wachstum

@3: Danke für den interessanten Link.

Ja, die Fehlkonstruktion. Das Geld für die Zinsen ist nicht geschaffen worden. Es geht noch weiter, und da wird dann richtig arg. Mit Zins und Zinseszins vermehrt sich die Zinsforderung immer weiter. Und das leider nicht linear, sondern mathematisch gesehen in exponentieller Weise. Und ein exponentielles Wachstum ist nur eine Zeit lang langsam und überschaubar und wird irgendwann dann immer schneller und schneller und schneller. Also brauchen wir immer Geld für die Zinsforderungen, das noch nicht geschaffen wurde. Deshalb muss man dringend jemanden verschulden und zwear mit immer größeren Summen. Erst die Häuslebauer in USA, in Spanien und anderswo. Und als das krachen ging, nun also diejenigen, die man am allerbesten mit riesigen Summen verschulden kann: die Staaten. Übrigens, nicht die Eurostaaten sind am höchsten verschuldet, schauen wir doch mal nach England, USA, Japan. Da ist die Quote noch viel höher (in Prozent vom BIP).

Seit etwa 10 Jahren ist das Volumen der Zinsforderungen höher, als der Ertrag der Realwirtschaft. Und die Zinsforderungen steigen weiter exponentiell. Wer behauptet, dass das gut gehen kann muss grenzenlos dumm sein, oder fahrlässig das Wohl unserer Gesellschaft aufs Spiel setzen.

Hier ein Vortrag zum Thema

Schön, dass Sie zumindest

es endlich mal ehrlich auf den Punkt bringen: "Ohne Euro...
... wäre es aber nicht UNSER Problem, wenn etliche ANDERE Staaten über ihre Verhältnisse leben. Das wäre doch ein großer Vorteil oder?" - ich finde den ehrlichen Egoisten besser, als jeden anderen Egoisten (und Egoist ist hier wertneutral zu verstehen)
Nur, das Problem, auch dann wäre es unser Problem als exportorientierter Wirtschaftsraum. Keine solventen Käufer, kein Absatz, keine Umsätze, keine Gewinne, keine Innovationen, Arbeitsplätze usw. - eben der ganze Rattenschwanz.
Deshalb ist es schnurzpiepegal, in welcher Währung man einem anderen Land Kredite zukommen lässt, damit sie 'unsere' Waren kaufen. Man stützt diese, um selbst als stabil und vorzeiglich zu gelten. Das geht so oder so nicht auf Dauer gut.

Was für Probleme hat Russland oder Brasilien ?

Das der Euro in der Krise ist ... ist dadurch bewiesen das nur Europa, USA und Japan in der finanzieller Krise stecken. Das Problem ist also "Giralgeld" und "Peak-Oil".

Die anderen Länder haben keine Finanzkrise.

Der Euro verschlimmert noch das Problem damit, das einzelne Länder nicht eigene Antworten bringen können wegen dem Diktat von Merkel und Draghi.