Krisenpolitik : "Europa übertreibt es mit dem Sparen"

Der Sparkurs für den Süden ist zu hart und dogmatisch, sagt der französische Ökonom Jean Pisani-Ferry im Interview. Europa solle sich lieber an den USA orientieren.

ZEIT ONLINE: Herr Pisani-Ferry, Sie haben am Wochenende vor den Euro-Finanzministern einen Vortrag über Wachstum in Europa gehalten. Was haben Sie gesagt?

Jean Pisani-Ferry: Dass ein Blick in die USA hilft. Vor fünf Jahren haben die USA und Europa den gleichen ökonomischen Schock erlebt. Heute steht Europa allerdings viel schlechter da als die USA – sowohl bei Produktion, Beschäftigung, Investitionen oder Innovation. Europa hat ein Produktivitätsproblem, wir haben uns da schlicht eine Auszeit genommen. Europas Wachstumsstrategie ist gescheitert.

ZEIT ONLINE: Die Lage ist nur bedingt vergleichbar. Amerikas Notenbank flutet den Markt mit Geld.

Jean Pisani-Ferry

ist Direktor des Think Tanks Bruegel in Brüssel und Professor für Wirtschaftswissenschaften. Er berät auch die französische Regierung. Seine aktuelle Studie zu Wachstumsstrategien in Europa finden Sie hier.

Pisani-Ferry: Sicher, die Geldpolitik ist anders. Aber die Zinsen der EZB sind ebenfalls praktisch bei null. Andere Faktoren spielen eine Rolle. 

ZEIT ONLINE: Welche?

Pisani-Ferry: Man muss fairerweise sagen: Europa hatte vor der Krise eine schlechtere Ausgangsposition, unsere Wirtschaft war schwächer als die der USA. Was aber auch stimmt: Wir haben unser Finanzsystem nicht rechtzeitig und ausreichend reformiert. Das verhindert jetzt die Verteilung von Kapital und die Kreditvergabe. Das wiederum hemmt das Wachstum.

ZEIT ONLINE: Europa hat doch vor allem ein Staatsschuldenproblem.

Pisani-Ferry: Ein Schuldenproblem! Genau da liegt der Unterschied. Die USA haben sich vor allem um die Privatschulden gekümmert, konsequent und erfolgreich. Dieses Problem hat Europa völlig vernachlässigt und sich nur auf die Staatsschulden konzentriert – obwohl das Problem bei uns ebenso groß ist. In Europa steigt die Verschuldung von Privatleuten und Unternehmen sogar schneller als in den USA. Wir haben das Ausmaß und die Folgen der Privatverschuldung für unsere Wirtschaft komplett unterschätzt. Wir dachten, da sei alles in guter Verfassung – aber das war genau nicht der Fall. Deshalb war die Reaktion auf die Krise in Europa auch so enttäuschend schlecht.

ZEIT ONLINE: Was empfehlen Sie Europas Finanzministern?

Pisani-Ferry: Dreh- und Angelpunkt sind der Bankensektor und die Bankenaufsicht. Es gibt jetzt die einmalige Chance, in dieser Branche grundlegend aufzuräumen. Die Europäische Zentralbank muss darauf achten, dass die nächsten Schritte auch passieren. Sie muss klarstellen, dass sie als Bankenaufsicht keine Banken mit zu wenig Eigenkapital akzeptiert. Außerdem muss man jetzt die richtigen Investitionsentscheidungen treffen. Wir haben lange Zeit in falsche, unproduktive Sparten investiert. Zu viel Geld floss etwa in das Bauwesen, schauen Sie nach Spanien. Diese Länder müssen die Investitionen jetzt umschichten und mehr Güter für den Export produzieren.

ZEIT ONLINE: Übertreibt Europa es mit dem Sparen?

Pisani-Ferry: Mittelfristig ist es unabdingbar zu sparen und die Haushalte zu konsolidieren. Kurzfristig übertreibt es Europa aber mit dem Sparen. Ein Problem sind die nominalen Defizitziele, die vorgeben, dass die Staaten nur noch x-Prozent Verschuldung am Bruttoinlandsprodukt haben dürfen. Das führt in Zeiten einer Rezession dazu, dass zu sehr konsolidiert wird. Das wiederum würgt das Wachstum ab. Stattdessen sollte man eine graduelle und stetige Rückführung der strukturellen Defizite anstreben. 

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