EnergieversorgungSterben für deutschen Kohlestrom

Deutschland importiert Kohle aus aller Welt. Mit Folgen. Paul Corbit Brown aus den Appalachen sagt: Der Bergbau für eure Kohle tötet uns. von 

Kohleabbau in den Appalachen im US-Bundesstaat West Virginia

Kohleabbau in den Appalachen im US-Bundesstaat West Virginia  |  © Mandel NGAN/AFP/Getty Images

Deutschland gilt als grüne Ökonomie: führend im Klimaschutz, Vorreiter in der sauberen Energieversorgung dank der Energiewende. Diese Darstellung ist völlig falsch, sagt der Naturschützer Paul Corbit Brown aus den USA. "Unsere Kohlekonzerne lachen sich kaputt darüber. Ausgerechnet die Kohleexporte nach Deutschland sichern ihr Geschäft, während sie zu Hause wegen des Fracking-Booms immer weniger verkaufen können."

Corbit Brown ist Naturfotograf und Sprecher von Keepers of the Mountains, einer Umweltorganisation. Er hat Fotos mitgebracht, die zeigen sollen, welche Schäden der Kohleabbau in seiner Heimat West Virginia anrichtet. Seine Bilder zeigen die Appalachen: weite, von Wald bedeckte Berglandschaften. Ein Idyll, sagt Corbit Brown, und eines der artenreichsten Gebiete Nordamerikas. Doch mittendrin klaffen gelbe, staubige Löcher. Ganze Bergspitzen fehlen. Sie wurden weggesprengt, um an die Kohle darunter zu gelangen. Mountaintop Removal heißt das umstrittene Verfahren. In Deutschland wird es nicht angewandt – doch die Kohle, die in den Appalachen auf diese Weise gefördert wird, ist vor allem für Deutschland bestimmt. "Wie würden die Deutschen es finden, wenn Bergbaukonzerne die Zugspitze sprengten?", fragt Paul Corbit Brown.

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Er ist nach Deutschland gekommen, um über die Folgen von Mountaintop Removal zu informieren. Seine Forderung scheint radikal, ist aber nur konsequent: Wenn Deutschland es ernst meine mit der sauberen Energieversorgung, reiche es nicht, aus der Kernenergie auszusteigen und die Erneuerbaren zu fördern. Deutschland müsse ganz raus aus der Kohle.

"Mit sauberer Energieversorgung hat das nichts zu tun"

Deutsche Nichtregierungsorganisationen fordern das Gleiche. "Wir diskutieren immer nur über Klimaschutz und Energiesicherheit", sagt Heffa Schücking, Geschäftsführerin der Umweltorganisation urgewald. "Die Frage, woher der Brennstoff kommt, bleibt aber bisher aus der Debatte ausgeklammert. Wir wollen das ändern." Gemeinsam mit Sebastian Rötters, Bergbauexperte bei der Menschenrechtsorganisation Fian, hat Schücking zusammengetragen, welche Folgen der Kohlebergbau in den wichtigsten Lieferländern Deutschlands hat. Bitter Coal haben sie ihr Dossier genannt, bittere Kohle – in Anspielung auf die Initiative "Better Coal", in der einige Stromversorger zusichern, für bessere Abbaubedingungen weltweit zu sorgen. Fian und urgewald halten das für pures Greenwashing.

Deutschland importiert mehr als drei Viertel der benötigten Steinkohle, vor allem aus den USA, RusslandKolumbien und Südafrika. Für das Geschäft mit der Kohle würden dort Menschen vertrieben, Arbeiter ausgebeutet, Gewerkschafter bedroht und ermordet, Landschaften zerstört und das Trinkwasser vergiftet, erklären Fian und urgewalt. Die Kohle lande in deutschen Kraftwerken etwa von E.on, RWE, Vattenfall, Steag und EnBW.

"Die deutschen Kunden sollten wissen, was bei uns passiert", sagt Paul Corbit Brown, der eigens aus den USA angereist ist, um bei der Präsentation von Bitter Coal dabei zu sein. Die Bergbaukonzerne in den USA kippten den Abraum aus den gesprengten Bergspitzen einfach in die Täler, berichtet der Naturschützer. Dort verseuchten Schwermetalle und andere Schadstoffe Flüsse und Grundwasser. Der Staub aus den Sprengungen bleibe in der Luft. Beides mache die Menschen krank: Krebserkrankungen, Herzleiden und Fehlbildungen bei Säuglingen nähmen zu; die Lebenserwartung sinke.

Schon jetzt sind laut Corbit Brown in den Appalachen, einem der artenreichsten Gebiete Nordamerikas, mehr als 500 Bergspitzen zerstört, Bergflüsse auf einer Länge von 2.000 Meilen verschüttet und 6.500 Quadratkilometer Wald vernichtet worden. "Es ist die schrecklichste Form des Bergbaus, die man sich vorstellen kann", sagt Corbit Brown. "Die Menschen in den Appalachen zahlen mit ihrer Gesundheit und ihrem Leben. Die Kohle bringt uns um. Mit einer sauberen Energieversorgung hat das nichts zu tun." FIAN und urgewald zufolge kauft etwa E.on 28 Prozent seiner Kohle in den USA ein, EnBW rund 24 Prozent, Vattenfall sogar 40 Prozent.

Leserkommentare
  1. schnellstens die heilige Öko-Kuh anfassen!

    Wer produziert den Strom um die Windräder herzustellen?

    Die Frage kann also nur lauten Atomstrom oder zurück auf die Bäume!

    Das Märchen Energiewende zu Öko wie es die Grünen seit Jahrzehnten erzählen, genauso wie das Waldsterben mit dem Sie in den Bundestag gekommen sind, lässt sich nicht mehr lange aufrecht erhalten.

    16 Leserempfehlungen
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    • L0rdi
    • 16. April 2013 19:11 Uhr

    weil Uran ja auf Bäumen wächst und nicht auch unter teils miserablen Bedingungen abgebaut wird ... Das ist sicherlich DIE Lösung.

    Den Inhalt des Artikels finde ich ehrlich gesagt wenig überraschend. Jeglicher Rohstoffabbau geschieht in einer globalisierten Welt vorzugsweise dort, wo er am billigsten ist, und die Zeit, in der deutsche Konsumenten im Schnitt irgendwie darüber nachdenken, worauf ihr Konsum basiert, muss erst noch kommen. Dass wir energetisch über unsere Verhältnisse leben, ist übrigens leicht einsichtig, die so einfache wie schmerzhafte Antwort will nur niemand wahr haben ...

    • hairy
    • 16. April 2013 20:29 Uhr

    um schon kommen allerlei Figuren und wettern hier gegen die Windkraft und andere Erzeugungsformen. Tja, welch ein Niveau.

    Und denn weiterhin die satten Subventionen aus Steuergeldern für Atommeiler bezahlen, Kurzinfo, hier handelte es sich um 213.000.000.000 Euro, mit dem Geld hätte man die gesammte Ostsee mit Windparks zupflastern können.
    Zum anderen, wohin mit dem Müll?
    Keiner will den haben, denn wenn wir den Abfall ins Grundwasser sickern lassen wohnen wir alle wieder auf Bäumen.

    Die Atommeiler sind jetzt gemeinsam mit der Dampfmaschine und dem Ochsenkarren in der Abteilung: Geschichte der Energiegewinnung, und kommen auch nicht mehr zurück, zum Leid von EO.N, RWE, Vattenfall und deren Kunden die immernoch die Mär vom günstigen Atomstrom glauben.

    Die einzige Frage die sich hier stellt ist, in den 60ern zurückbleiben, oder Fortschritt durch neue Technik.

    • L0rdi
    • 16. April 2013 19:11 Uhr

    weil Uran ja auf Bäumen wächst und nicht auch unter teils miserablen Bedingungen abgebaut wird ... Das ist sicherlich DIE Lösung.

    Den Inhalt des Artikels finde ich ehrlich gesagt wenig überraschend. Jeglicher Rohstoffabbau geschieht in einer globalisierten Welt vorzugsweise dort, wo er am billigsten ist, und die Zeit, in der deutsche Konsumenten im Schnitt irgendwie darüber nachdenken, worauf ihr Konsum basiert, muss erst noch kommen. Dass wir energetisch über unsere Verhältnisse leben, ist übrigens leicht einsichtig, die so einfache wie schmerzhafte Antwort will nur niemand wahr haben ...

    17 Leserempfehlungen
  2. diese ganze Energie"wende"

    Nicht nur dass wir jetzt fossile Brennstoffe wie blöd verheizen (und den Dreckstrom dann exportieren - 'nein nein -alles toller Ökostrom') - die Kohle wird aus aller Welt auch noch energieintensiv herangeschifft, die Umwelt dort zerstört.

    Die Windräder kommen zu recht zunehmend in die Kritik - ob an Land oder offshore, Solarstrom in jetziger Form ist eine Idiotie, die Wasserkraft macht unsere Flüsse kaputt... und den Rest kann man vergessen. Dafür zahlen wir uns an EEG-Umlagen dumm und dämlich.
    Und alles nur wegen dem 'bösen bösen Atom' ....

    Einen ökologisch und ökonomisch grösseren Bärendienst hätte man nicht anrichten können. Hauptsache die Ökos jubeln in ihrer selbstgewählten Unwissenheit - in der Regel unterstützt von ebenso unwissenden Medien. Die harmlos aufkeimende Kritik reicht nicht - es muss dringend was geschehen gegen diesen Unfug!
    Die Medien sind gefordert - aber sie werden erneut versagen.

    7 Leserempfehlungen
    • Vulki
    • 16. April 2013 19:20 Uhr

    Verantwortlich für Abbaumethoden ist in jedem Fall der Abbauende, nicht der Käufer - zumal in einem reichen Industriestaat wie den USA. Amerikanische Firmen, amerikanische Behörden, amerikanische Politiker wären sind die Ansprechpartner für ein amerikanisches Problem. [...]

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf überzogene Polemik. Danke, die Redaktion/jp

    25 Leserempfehlungen
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    "Verantwortlich für Abbaumethoden ist in jedem Fall der Abbauende, nicht der Käufer"

    übertragen:

    "Verantwortlich für die Produktionsmethoden bei KIK ist in jedem Fall der KIK-Auftragnehmer, nicht der hiesige Käufer".

    [...]

    Gekürzt, da unsachlich. Die Redaktion/ls

  3. betrachte ich natürlich auch als eine der barbarischsten Formen der Kohleförderung. Nur: Warum appelliert der amerikanische Umweltschützer wohl an das Ökogewissen der Deutschen?

    Die Antwort ist einfach: Weil amerikanische Umweltschützer bei sich zu Hause keine Mehrheit finden zur Einstellung dieser Art der Kohleförderung. Arbeitsplätze, Wohlstandsverluste, und dies in Zeiten amerikanischer Wirtschaftskrise. Bei allem Verständnis, aber es ist nicht das deutsche Gewissen, das über amerikanische Kohleförderung zu entscheiden hat, es liegt zuvörderst und alleine an den Amerikanern selbst.

    Nichtsdestotrotz ist es ein Hohn, dass das "Klimaschutzland" Deutschland dank der Energiewende und des Verfalls des Emissionshandelsmarktes den weltweiten Kohleboom mitbefördert.

    19 Leserempfehlungen
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    Also man sollte hier niemals vergessen, dass die Appalachen in den USA liegen. Daher hat dieser Apell schon etwas lächerliches. Es ist die Aufgabe der Regierungen der Erzeugerländer, für einen umweltschonenden Abbau zu sorgen. Sowohl die USA, als auch Kolumbien sind Demokratien. Da sollte Herr Brown mal lieber beim Obama klopfen.

    Das im Kapitalismus nur wenige von der Ausbeutung der Naturschätze profitieren, ist ebenfalls ein alter Hut.

    Jede, auf diese Art subventierte, Energieförderung macht Alternativlösungen unrentabel. Letztendlich erfordert dies ja, alternative Energiegewinnung und andere Konezepte ebenfalls zu subventionieren. Daher ist es schon etwas skurril, sich gerade bei den Deutschen zu beschweren.

    Würden die Amerikaner nicht gnadenlos ihre Umwelt "verfeuern", um noch ein paar Jahre das Gefühl des "american way of life" zu fröhnen, wäre uns allen geholfen.

  4. verfügt über große Reserven an Steinkohle, z.B. im Ruhrgebiet und im Saarland. Die Förderung wurde, nach jahrzehntelangem Gezeter um die Subventionen, eingestellt, gilt als "unwirtschaftlich", warum wohl?

    Weil es dort keine Mountaintops gibt, die man removen kann wie die Kappe eines Frühstückseis damit man ans schwarze Gelbe kommt, sondern man mühsam Stollen Tausende von Metern tief in der Erde treiben muss. Klar ist das in den USA billiger, von den Arbeitskräften z. B. in Afrika oder China ganz zu schweigen.

    Vergleichbar den US-Tagebauen sind allerdings die Braunkohletagebaue, aber auch die will bei uns niemand mehr.

    Kohle kann nur eine Brückentechnologie sein, und man sollte sich fragen, was man eigentlich will. Der Abbau in Deutschland hatte jedenfalls eine Menge Arbeitsplätze gesichert, längst sind sie dahin..

    Übrigens - selbst viel "geringerwertige" Rohstoffe sind billiger aus dem Ausland zu beschaffen auf Kosten der heimischen Produktion. So stammen viele der Granitblöcke - ein Allerweltsgestein, dass in Europa in großer Menge vorkommt - mit denen bei uns die Bordsteinkanten hübsch gemacht werden, aus China - Abbau, Zuschlagung und Transport um die halbe Welt sind billiger als den Granit z.B. im Schwarzwald zu fördern.

    Aber wir wollen es ja so.

    11 Leserempfehlungen
  5. neue schmutzige kohlekraftwerke errichtet.

    - woher die kohle kommt,
    -unter welchen unsäglichen bedingungen sie in den ursprungsländern abgebaut wird,
    -wie sinnvoll der ewig lange seeweg von kolumbien über rotterdamm nach deutschland ist,

    => die umweltschäden dank dieser dinosaurieretechnik bleiben mal hübsch aussen vor bzw. werden 'umweltverträglich' schön gerechnet

    ==> egal, hauptsache die kohle stimmt.

    dieses verhalten finde ich insb. für regional orientierte stadtwerke-unternehmen schlichtweg unmöglich!!!

    2 Leserempfehlungen

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  • Schlagworte RWE | E.on | EnBW | Energieversorgung | Vattenfall | Steag
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