Igor Kareld Díaz lebt gefährlich. Er ist Chef der Kohlegewerkschaft Sintracarbon in Kolumbien – einem Land, in dem gewerkschaftliches Engagement häufig tödlich endet, so häufig wie nirgendwo sonst auf der Welt. 

Wie viele seiner Kollegen wurde Díaz wegen seiner Arbeit bedroht. Amnesty International hat die Details seines Falles veröffentlicht. Der Organisation zufolge erhielt Díaz' Frau am 10. Januar dieses Jahres einen Anruf. Eine männliche Stimme warnte sie: Man wisse Bescheid, was ihre Familie gerade täte. Wo sie und ihre Tochter seien, wisse man auch.

Auch die Familie von Aldo Amaya Daza bekam Anrufe. Amaya ist Schatzmeister von Sintracarbon. "Sag Amaya, er soll vorsichtig sein, denn wir beobachten ihn", sagte der unbekannte Anrufer. So schildert es Amnesty in einem Report. Vor dem Haus von Amaya sei ein bewaffneter Mann aufgetaucht. Verschwunden sei er erst, als die Familie aus dem Haus kam und die Polizei alarmierte.

Viele kolumbianische Gewerkschafter erzählen solche Geschichten. Fredy Lozano und Orlando Cuello, die ebenfalls für Sintracarbon aktiv sind, gehen nur noch mit Bodyguards aus dem Haus, seit sie bedroht wurden. Aníbal Pérez, der als Gewerkschafter die Interessen kranker Hafenarbeiter im nordkolumbianischen Santa Marta vertritt, musste nach Drohungen gegen ihn und seine Familie lange um Begleitschutz kämpfen. Ricardo Machado, Chef der Kohle- und Energiegewerkschaft Sintramienergética, und deren Kassenwart Wilder Martínez erhielten im Februar und März Todesdrohungen. "Als Gewerkschafter muss man in diesem Land ein Held sein", sagt ein weiteres Gewerkschaftsmitglied.

Morde ohne Konsequenzen

Im Jahr 2011 sind dem Internationalen Gewerkschaftsbund zufolge weltweit 76 Menschen wegen ihrer gewerkschaftlichen Arbeit umgebracht worden. 29 der Morde geschahen in Kolumbien. In Lateinamerika blieben solche Verbrechen "zumeist völlig ungestraft", heißt es beim Gewerkschaftsbund. Die Straflosigkeit ist ein Grund für die Gewalt.

Oft geht es dabei um ökonomische Interessen von internationalen Konzernen. Freilich bestreiten sie jede Verantwortung. Machado und Martínez von Sintramienergética zum Beispiel vertreten ihre Gewerkschaft in einem Rechtsstreit gegen zwei Kohleunternehmen in Nordkolumbien, die dem Schweizer Rohstoffkonzern Glencore gehören. Es geht um die Frage, ob ein langer Streik der Kohlearbeiter im vergangenen Jahr rechtmäßig war.

Díaz und Amaya verhandelten mit ihrem Arbeitgeber Cerrejón, einer Tochter von BHP Billiton, Anglo American und XStrata (Glencore) über einen neuen Tarifvertrag, als die Drohungen gegen sie zunahmen. Cerrejón gehört in Kolumbien zu den wichtigsten Unternehmen. Staatseinnahmen, Devisen, Arbeitsplätze: Ökonomisch betrachtet hängt für Kolumbien viel von Cerrejón ab. Im Departement Guajira, wo Cerrejón seine Kohle fördert, ist der Konzern die größte Wirtschaftsmacht.

Die Konzerne bringen Wohlstand – und Gewerkschafter, die mehr Rechte für die Arbeitnehmer fordern, sind eine Bedrohung für den Fortschritt. So sehen das viele Kolumbianer. In Zeiten von Tarifverhandlungen, wenn die Arbeiterbewegung stärker in der Öffentlichkeit steht als sonst, nehmen die Drohungen zu. So wie im Fall von Díaz und Amaya. Sie verhandelten Mitte Januar mit Cerrejón über höhere Löhne und eine bessere medizinische Versorgung für die Kohlearbeiter. Sie setzten sich darüber hinaus für die ganze Guajira ein: Der Konzern möge mehr für die Anwohner tun, forderte Sintracarbon. Cerrejón solle auch ein umstrittenes Expansionsprojekt aufgeben, das die Umleitung des wichtigsten Flusses der Region zur Folge hätte.

Es waren harte Verhandlungen. Ende Januar traten die Kohlearbeiter in Streik. Die komplette Kohleproduktion von Cerrejón, rund 40 Prozent der Fördermenge des Landes, fiel für Wochen aus – obwohl sogar die Regierung versuchte zu vermitteln. Wenn Díaz in diesen Tagen durch die Guajira reiste, sollte möglichst niemand wissen, welche Route er wählte. Ein verabredetes Interview lässt er aus Sicherheitsgründen platzen.