StaatsverschuldungDie wissenschaftliche Basis der Sparpolitik bröckelt

Kenneth Rogoff und Carmen Reinhart gaben Sparpolitikern in den USA und Europa die wissenschaftliche Grundlage. Jetzt gibt es massive Zweifel an ihrer Arbeit. Von M. Buhse von Malte Buhse

Protest gegen die Sparpolitik in Madrid (Archivbild)

Protest gegen die Sparpolitik in Madrid (Archivbild)  |  © Dominique Faget/AFP/GettyImages

Es ist ein Frontal-Angriff auf zwei der berühmtesten Ökonomen der Welt: Kenneth Rogoff und Carmen Reinhart sollen sich verrechnet haben. Das jedenfalls behaupten drei Forscher von der Universität Massachusetts in einer kürzlich veröffentlichten Studie. Es könnte eine fataler Rechenfehler sein, denn es geht um eines der heikelsten Themen der Wirtschaftspolitik überhaupt: Wie viel Schulden – und wie viel Sparpolitik – kann ein Staat vertragen? Gerade in der europäischen Rettungspolitik der vergangenen Jahre war diese Frage heiß umstritten.

Vor zwei Jahren legten Rogoff von der Harvard-Universität und Reinhart (Universität Maryland) zu dem Thema eine aufsehenerregende Untersuchung vor. Die beiden Ökonomen hatten einen riesigen Datensatz zusammengetragen, um endlich zu klären, wie sich Staatsschulden auf das Wirtschaftswachstum auswirken. In einer Fleißarbeit hatten sie dafür Daten aus 44 Ländern gesammelt. Sie deckten einen Zeitraum von über 200 Jahren ab. 

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Rogoff und Reinhart prüften ihren Datensatz auf die Frage, ob es zwischen der Schuldenquote eines Landes und dem Wachstum seiner Wirtschaft einen Zusammenhang gab. Ihr Ergebnis war verblüffend: Sie fanden eine scheinbar magische Grenze, ab der Schulden für die Wirtschaft eines Landes zu einem handfesten Problem wurden. Solange die Staatsschulden nicht mehr als 90 Prozent der Wirtschaftsleistung eines Landes betrugen, war alles in Ordnung. Die Wirtschaft wuchs im Durchschnitt mit 2,8 Prozent. Überstieg die Schuldenlast des Staates jedoch diese Marke, kam es zu einem Einbruch der Wachstumsraten. In Ländern mit derart hohen Schuldenquoten schrumpfte die Wirtschaft im Durchschnitt um 0,1 Prozent.

Grundlage der Sparwut auf der ganzen Welt

Die Studie wurde schnell zur Rechtfertigung von sparwütigen Politikern auf der ganzen Welt. Vor allem die Republikaner in den USA argumentieren gerne mit den Ergebnissen. In den USA liegt die Schuldenquote momentan bereits über 100 Prozent. Um sie zu senken, blockieren die Republikaner vehement weitere Staatsausgaben. Aber auch in Europa hat die Studie die Wirtschaftspolitik stark beeinflusst. Die Schuldenquote spielt bei jedem Rettungspaket für einen überschuldeten Euro-Staat eine wichtige Rolle. Die Geldgeber, allen voran der Internationale Währungsfonds, drängen stets darauf, dass die Quote schnell sinkt und fordern daher von den Regierungen in Griechenland, Portugal und Irland harte Sparprogramme. Und Deutschland will auf dem Finanzministertreffen der G-20-Staaten am kommenden Freitag erreichen, dass die Staaten sich die 90-Prozent-Grenze zum Ziel setzen.

Nun könnten die Spar-Fans ihre Argumentationsgrundlage verlieren. Denn die neue Studie aus Massachusetts zerpflückt die Ergebnisse von Rogoff und Reinhart regelrecht. Die Forscher um den Ökonomen Thomas Herndon haben sich die Daten der beiden berühmten Ökonomen noch einmal vorgenommen und nachgerechnet. Dabei kommen sie auf andere Zahlen und nehmen der 90-Prozent-Grenze so ihren Schrecken. Auch in höher verschuldeten Ländern wächst die Wirtschaft noch mit über zwei Prozent, zeigen ihre Berechnungen. 

Wie kann es zu so unterschiedlichen Ergebnissen kommen, obwohl die Datenbasis die gleiche bleibt? Die Forscher um Herndon haben dafür drei Erklärungen. Die erste ist ein Tippfehler in der Excel-Formel, mit der Reinhart und Rogoff die Daten auswerteten. Dadurch wurden vier Länder in der Auswertung nicht berücksichtigt. Darunter auch Belgien, ein Land, in dem die Wirtschaft trotz hoher Staatsverschuldung lange stark gewachsen ist. Der Excel-Fehler ist zwar peinlich. Da durch ihn aber nur vier Länder innerhalb eines riesigen Datensatzes nicht ausgewertet wurden, dürften seine Folgen nicht sehr schwer wiegen.

Leserkommentare
    • cb81
    • 17. April 2013 20:33 Uhr

    Dass ein Tippfehler in einer Excel-Formel nicht früher aufgefallen war! Gab es kein Peer-Review zu der Veröffentlichung? Wurde einfach die Erkenntnis der Koryphäen kritiklos akzeptiert? Gerade da die Auswirkungen auf die weltwirtschaftspolitik so weitreichend waren, umso erstaunlicher, dass das nicht früher auffiel.

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    nur davon liest man in dieser Zeitung mit klarer Ausrichtung nichts...
    Sparen ist das Gebot der Stunde.

    Alternativ kann man natürlich die bösen Reichen eii sunt "alle ,dei nicht BEamte" sind enteignen, um den Staatsapparat noch mehr aufzublähen, wie In Griechenland..

    INsofern ist die Ausgabenkürzung die bessere Alternative

    es ist unbestritten so, dass Artikel von bestimmten Forschern niemals einen Reviewprozess durchlaufen und sofort zur Veroeffentlichung freigegeben werden. Leider weiss niemand ausser dem Autor und Editor wann das der Fall ist. Es gibt Autoren von Weltruf, in deren Arbeiten durfte niemals ein Referee reinredigieren. Haengt eben davon ab, wer man ist, wen man kennt und wo man arbeitet. Das gilt umso mehr in Zeiten der Quantitaet von Papieren und Impact Faktoren.

    • Dakra
    • 17. April 2013 20:34 Uhr

    Es bröckelt nicht die wissenschaftliche Basis für eine Sparpolitik. Es hat sich lediglich herausgestellt, dass eine Papier, dessen Ergebnisse für eine Sparpolitik sprächen, erhebliche Mängel aufweist.

    Das bedeutet nicht, dass man nun sagen kann, dass eine Sparpolitik gut oder schlecht ist.

    10 Leserempfehlungen
  1. Für die Eurozone wurde schon im Maastrichtvertrag von 1992 eine Schuldenstandsquote von maximal 60 Prozent des BIP verpflichtend vereinbart. Das hat mit der Arbeit irgendwelcher Rogoffs und Reinharts nicht die Bohne zu tun.

    Natürlich kann das BIP, wie man am Beispiel Griechenlands zu Vorkrisenzeiten beobachten kann, auch bei extrem hoher Staatsverschuldung wachsen - nur leider nicht nicht nachhaltig bzw. nur so lange, wie sich ausländische Geldgeber finden, die den Spaß finanzieren.

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    Dass das BIP bei hoher Staatsverschuldung auch nachhaltig wachsen kann, wird ja im Artikel belegt; genannt sind Australien, Kanada, Neuseeland und Großbritannien.

    • Dakra
    • 17. April 2013 20:43 Uhr

    Ich habe mir das Paper gerade einmal angeschaut. Leider ist das Papier methodisch derart schwach, dass es nie im American Economic Review hätte veröffentlicht werden dürfen.

    Es handelt sich hier nur um eine deskriptive Studie. Dadurch wurden keine anderen Faktoren mit einbezogen außer dem Verschuldungsgrad und dem Wirtschaftswachstum.

    Zudem ist es eine reine Korrelationsstudie. Selbst wenn dieses Papier korrekt wäre, könnte man mit seinen Aussagen nichts anfangen. Es dürfte doch schnell einleuchten, dass ein schwächeres Wirtschaftswachstum auch starke Auswirkungen auf den Verschuldungsgrad hat, nicht nur umgekehrt.

    Der eigentliche Skandal ist, das so etwas in einem Topjournal veröffentlicht werden konnte. Es wird häufig damit argumentiert, dass eine besonders umfangreiche Datenbank schon Grund genug sei, damit etwas veröffentlichungswürdig ist. Ich finde das nicht gut. Es sagt mir eher, die Leute hatten besonders viele Daten, haben aber leider nicht viel daraus gemacht. Es muss ein für alle mal damit Schluss sein, dass so etwas als Veröffentlichungsgrund reicht. Das AER ist nicht das einzige Journal, das Papiere mit einer solchen Begründung annimmt.

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    • cb81
    • 17. April 2013 20:52 Uhr

    Naja, ich bin nicht aus der Wirtschaftswissenschaft, aber ich habe mal nach dem Ranking bzw. Impact factor des AER geschaut (IF = 2.531 im Jahr 2010 und Rank 19). Das überzeugt mich jetzt nicht so ganz, so dass man von einem Top-Journal reden kann.

    • Dakra
    • 17. April 2013 21:07 Uhr

    In der VWL gilt das AER sogar als eines DER Topjournals...

    • etiam
    • 17. April 2013 20:48 Uhr

    Was eine dilettantische Analyse. Aber wenn man an etwas glauben will, dann ....
    Offenbar besteht ja ein Zusammenhang zwischen Verschuldung und Wachstum, nur eben nicht per Schwellenwertfunktion, sondern eben linear, hyperbolisch exponentiell oder sonstwie, jedenfalls steigend! Es ist also nicht bewiesen, dass Austerität ungünstig ist, sondern eher das Gegenteil.
    Wer dann noch Länder mit völlig unterschiedlichen Nettoauslandspositionen aber Nominal gleicher Verschuldung vergleicht, der sollte besser gleich Äpfel mit - ja nicht Birnen sondern jupitermonden vergleichen, das liegt näher beisammen

    8 Leserempfehlungen
    • cb81
    • 17. April 2013 20:52 Uhr

    Naja, ich bin nicht aus der Wirtschaftswissenschaft, aber ich habe mal nach dem Ranking bzw. Impact factor des AER geschaut (IF = 2.531 im Jahr 2010 und Rank 19). Das überzeugt mich jetzt nicht so ganz, so dass man von einem Top-Journal reden kann.

  2. Dass das BIP bei hoher Staatsverschuldung auch nachhaltig wachsen kann, wird ja im Artikel belegt; genannt sind Australien, Kanada, Neuseeland und Großbritannien.

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    In Australien, Neuseeland und Großbritannien bis 2008 unter 60 Prozent des BIP, in Kanada um die 80 Prozent. http://www.google.de/publ...

    Seit 2008 ist da nicht mehr viel mit Wachstum. http://www.google.de/publ...

    • tobmat
    • 18. April 2013 11:16 Uhr

    "Dass das BIP bei hoher Staatsverschuldung auch nachhaltig wachsen kann, wird ja im Artikel belegt; genannt sind Australien, Kanada, Neuseeland und Großbritannien."

    Und Australien und Kanada sitzen auf riesigen Rohstoffbergen, die das Wachstum verursachen. Es war durchaus richtig diese Länder nicht in die Studie mit aufzunehmen.
    Großbrittanniens Wachstum ist durch den Finanzplatz Londons zu erklären. Auch das ein Modell das nicht vervielfältigbar ist.

    Bei allen drei Ländern gibt und gab es externe Faktoren, die die Regel mit den Staatsschulden druchbrechen. Die sprichwörtlichen Aussnahmen.

    • Dakra
    • 17. April 2013 21:07 Uhr

    In der VWL gilt das AER sogar als eines DER Topjournals...

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