Offshore-LeaksSteueroasen unterlaufen Transparenzversprechen

Die meisten Steuerparadiese verpflichten sich inzwischen internationalen Transparenzstandards. Im Kampf gegen die Hinterziehung hilft das aber kaum.

Offshore-Steuerparadies St. Kitts in der Karibik

Offshore-Steuerparadies St. Kitts in der Karibik

Es ist ein überraschender Schluss, zu dem die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit OECD auf ihrer aktuellen Schwarzen Liste der Steueroasen kommt. Die Liste ist leer. Kein einziges Land wird auf ihr aufgeführt, selbst die Pazifik-Inselchen Nauru und Niue, die im Dezember noch auf der Liste standen, sind inzwischen von ihr verschwunden. Im Jahr 2000 hingegen galten der OECD noch 35 Staaten als Paradiese für Steuerhinterzieher. 

Alles in Ordnung also? Von wegen. Wie groß das Problem der Steuerhinterziehung immer noch ist, zeigen die jüngsten Recherchen eines internationalen Journalistenteams. Die Kollegen, darunter ein Team der Süddeutschen Zeitung, werteten die Steuerdaten von rund 130.000 Personen aus fast allen Ländern der Welt aus, von Politikern, Prominenten, Waffenhändlern und Spekulanten. Ihre Veröffentlichungen zeigen, wie mit Hilfe von Briefkastenfirmen und Offshore-Konten Steuerhinterziehung im großen Stil betrieben wird. Den Staaten entgehen dadurch Steuereinnahmen in Millionen-, wenn nicht Milliardenhöhe. 

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Nun ist die Schwarze Liste der OECD zwar aktueller als die Daten von Offshore-Leaks, deren Auswertung alleine länger als ein Jahr dauerte. Aber man darf getrost davon ausgehen, dass sich die Lage in diesem einen Jahr nicht tiefgreifend verbessert hat. Mit anderen Worten: Offshore-Leaks dürfte der Wahrheit in Sachen Steuerhinterziehung näher kommen als die Schwarze Liste der OECD.

Was sind Steueroasen?

Steueroasen sind Staaten oder Standorte mit keinen oder sehr niedrigen Steuern auf Vermögen und Einkommen. Für Kapitalanlagen aus Staaten mit höheren Steuersätzen sind diese Gebiete dann attraktiv, wenn sie neben geringen Steuerlasten eine geringfügig regulierte Wirtschaftsaufsicht, einen vertraulichen Umgang mit Informationen über Finanztransaktionen sowie Rechtssicherheit und ein politisch stabiles System aufweisen. Transaktionen der Banken, Versicherungen, Trusts – also anonymer Briefkastenfirmen und Stiftungen – und Vermögensverwaltungsfonds laufen mehrheitlich über das Ausland ab, ein Großteil der Anlagesummen stammt von ausländischen Firmen oder Privatanlegern. Oft handelt es sich bei diesen Offshore-Finanzplätzen um kleine Inseln und Länder mit geringen eigenen Wirtschaftsaktivitäten wie die ehemaligen britischen Kolonien, Bahrain oder Zypern. Die OECD schätzt, dass sechs bis acht Prozent des weltweiten Vermögens in Steueroasen verwaltet wird.

Wann sind Steueroasen legal?

Grundsätzlich ist die Gründung von Tochterfirmen in Steueroasen legal. Unternehmen können auf diese Weise hohe Steuern auf ihre Gewinne umgehen. Ihre Investitionen in hoch besteuerten Ländern können die Firmen außerdem mit Krediten von Tochterfirmen finanzieren, die in Niedrigsteuerländern sitzen. Dadurch fallen im Hochsteuerland keine oder geringe Gewinne an, weil Zinsen an die Tochter gezahlt werden müssen. Privatpersonen nutzen Steueroasen oft, um hohen Besteuerungen ihres Einkommens und Vermögens zu entgehen. Möglich ist dies durch die offizielle Verlagerung des Wohnsitzes.

Wann sind Steueroasen illegal?

Steueroasen gewähren den Anlegern oft völlige Anonymität. Das ermöglicht einerseits Geldwäsche, durch die in den letzten Jahren zunehmend auch terroristische Organisationen finanziert werden. Zudem erleichtern Offshore-Finanzplätze Steuerhinterziehung in anderen Ländern. Eine Studie der britischen Nichtregierungsorganisation Tax Justice Network aus dem Jahr 2012 gibt an, dass in Steueroasen 21 bis 32 Billionen Dollar liegen. Den Staaten seien dadurch Einkommensteuereinnahmen in Höhe von bis zu 280 Milliarden Dollar entgangen. Steueroasen ermöglichen es Unternehmen zudem, ihre Bilanzen zu fälschen. Auch können sogenannte Briefkastengesellschaften – Gesellschaften, die an ihrem satzungsmäßigen Sitz nur einen Briefkasten haben, deren Geschäftsführung sich aber an einem anderen Ort befindet – in Steueroasen leichter Steuern hinterziehen oder Geldströme verbergen. Da an einigen Offshore-Standorten keine Strafverfolgung zu befürchten ist, gelten sie zudem für illegale Aktionen als besonders sicher.

Maßnahmen gegen Steueroasen

Der Industrieländerclub OECD und die EU versuchen seit Jahren, die Kapitalflucht in Steueroasen aufzuhalten. Die OECD hat 1998 Standards für Transparenz und Informationsaustausch in Steuerfragen formuliert. Mehrere Initiativen wurden ins Leben gerufen: Nach Meinung von Experten gefährden die Standorte wegen der geringen Finanzaufsicht die Stabilität des Finanzmarktes. Darum wurde das Financial Stability Forum (FSF) gegründet, das sich vor allem mit den Risiken für das globale Finanzsystem befasst. Die Financial Action Force (FATF) soll die Geldwäsche in Steueroasen verhindern. Die Organisation hat eine Liste von Ländern erstellt, die sich im Kampf gegen Geldwäsche als nicht kooperativ erweisen. Die Harmful Tax Initiative konzentriert sich auf die Zusammenarbeit von Industriestaaten und Offshore-Finanzplätzen. Sie identifiziert Länder, deren Steuergesetzgebung nicht dem fairen Wettbewerb entspricht, weil sie größere Staaten in einen Wettbewerb um niedrige Steuern verwickelten. In den vergangenen Jahren gab es einige Erfolge in der Bekämpfung von Steueroasen: Einige Länder haben etwa ihr Bankgeheimnis gelockert oder die steuerliche Ungleichbehandlung von In- und Ausländern aufgehoben.

Das liegt daran, dass der Industrieländerklub seine eigenen Maßstäbe anlegt. Der OECD geht es nicht um tatsächliche Steuerhinterziehung. Sie fragt nur danach, ob ein Staat sich offiziell internationalen Transparenzregeln unterwirft – und immer mehr haben sich diesen Regeln inzwischen verpflichtet.

Staaten verpflichten sich zu mehr Transparenz  

Derzeit gehören rund 120 Staaten und Gebiete der OECD-Initiative "Global Forum on Transparency" an. Wenn sie jeweils mit mindestens zwölf anderen Staaten Transparenzabkommen abgeschlossen haben, in denen sie sich verpflichten, die Anfragen von anderen Finanzbehörden zu beantworten und ein Mindestmaß an Informationsaustausch zu gewährleisten, dann fliegen sie von der Schwarzen Liste. Nur: Auch Finanzoasen untereinander können solche Abkommen abschließen.

Auf dem Papier zumindest erfüllen selbst übliche Verdächtige wie British Virgin Island, die Cayman Inseln oder Nauru inzwischen die nötigen Voraussetzungen. "Vieles hat sich in den vergangenen zwei Jahren zum besseren entwickelt", sagt Achim Pross, Abteilungsleiter Steuerliche Zusammenarbeit der OECD. "Aber natürlich ist die Situation nicht perfekt."

Die Abkommen scheitern an der Praxis

Das Problem ist: Nicht immer werden die Transparenzabkommen konsequent umgesetzt. Anfragen aus dem Ausland lassen sich leicht ignorieren oder verschleppen. Selbst wenn ein Gesetz vorschreibt, den ausländischen Behörden mit Informationen zu helfen, kann es sein, dass nicht alle angefragten Daten erfasst werden. Am Ende müsste im Extremfall quasi ein leerer Antwortbrief verschickt werden, nur um der Vorschrift Genüge zu tun. 

Aktuell untersucht die OECD gerade die Praxis hinter den Transparenzabkommen. Ihre Ergebnisse sollen spätestens am Jahresende als Ranking veröffentlicht werden. Noch gibt sich die Organisation diplomatisch verschlossen. Nur so viel: "Die große Mehrheit der Staaten macht große Fortschritte". Auch Steueroasen würden untereinander konkurrieren, sie könnten es sich nicht mehr leisten, auf einer Schwarzen Liste zu stehen.

Leser-Kommentare
    • Lunova
    • 05.04.2013 um 4:38 Uhr
    49. Genau

    Und deshalb werden die usa in dem bericht nicht erwähnt.

    Antwort auf
    • Lunova
    • 05.04.2013 um 4:45 Uhr

    Im übrigen hat GB mit den kanalinseln ein informationsaustausch vereinbart. War in den nachrichten vor so 2 monaten. Also so untransparent ist das nicht mehr. Die inseln der queen (isle of man etc.) ist ein anderes thema, das knackt wohl niemand.

  1. Die Weltstaatengemeinschaft einigt sich auf einen angemessenen Steuerhöchstsatz ... sagen wir 20%.

    Das würde dazu führen, dass extrem verschuldete Industriestaaten wie Deutschland, die auf Pump und einem der höchsten Abgabenquoten (sowie Zwangsabhaben und Zwangsversicherungen) leben, nicht mehr ihre politische Unfähigkeit und ihre Lobby-/Korruptionssystem auf dem Steuerrücken der Bürger austragen können.

    Kapitalflucht entsteht u.a. durch unangemessene, ungerechte Besteuerung.
    Es ist an der Zeit, mal die Ursachen zu bekämpfen und nicht die Folgen.

    2 Leser-Empfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Der soll auswandern und sein Pass abgeben. Steuern sind der Preis der Staatsbürgerschaft und des Aufenthalts. Den Preis nicht zahlen ist Diebstahl.

    Der soll auswandern und sein Pass abgeben. Steuern sind der Preis der Staatsbürgerschaft und des Aufenthalts. Den Preis nicht zahlen ist Diebstahl.

  2. Zum Teil ist dies aucn Geld, dass durch alle denkbaren kriminellen Aktivtaeten erlangt wurde. Aber aus welchem Grunde sollte ein ehrlicher Steuerzahler ein Konto auf den Cayman Islands oder so anlegen, kostet doch nur zusaetzliche Gebuehren.

    3 Leser-Empfehlungen
  3. „Nur wird diesmal die "Schweineposition" a la "wir brauchen diese Überwachung und gaaaaanz strenge Gesetze" von solchen Ganoven wie Tax justice oder ähnlich üblen Organisationen zur Schaffung einer unfreien Welt, sowie Linken eingenommen - deren Ideologie Unfreiheit sowieso schon beinhaltet.“

    Schon klar, als Schutzengel der Geknechteten muss man so argumentieren. Wo blieben sonst die Gelder und die Freiheit der Leistungsträger, also z.B. Geldwäscher, Schwarzgeldexporteure, verdeckten Gewinnausschütter, Rauschgiftgewinnverschieber und sonstiger Ehrenmänner? Das Geschäftsmodell mancher Banken, Steueranwälte, Steuerberater, Strohmannvermittler und dunklen Stiftungsberater ginge den Bach runter. Zur Not bliebe den Verarmten noch Hartz 4, allerdings mit „gaaaanz“ strengen Kontrollen.

    Eben noch auf ZO einen Einblender gesehen bezüglich Ihres Statements zu „üblen Organisationen zur Schaffung einer unfreien Welt“.
    (handelsblatt.com) „BANKEN: Geldwäsche-Kontrollen: Amerikaner nehmen HSH Nordbank ins Visier“.

    Geht doch. Man kann kann auch Betriebsinhaber sein, ohne 17 Schachtel-GmbHs und einer beherrschenden Holding auf den Virgin Islands.

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  4. bemerkenswert, dass Ihr Kommentar "keine" Empfehlung außer meiner, bisher erhalten hat!!!! Auch daran kann man erkennen, wie weit wir schon die armen Steuersünder akzeptieren!!!

  5. Wozu die Aufregung in Deutschland?
    Wenn sogar staatliche Banken wie die West-LB unter Rau und Steinbrück Steueroasen genutzt haben, um "legal" Steuern zu sparen, warum sollte das Privatleuten und Firmen verboten sein!
    Briefkastenfirmen sind alles andere als neu und das andere Länder andere Steuersätze haben ist auch keine Erfindung des Kapitalismus. Neu ist nur, dass man in Deutschland meint, alle Welt müsse sich ans deutsche Steuerrecht halten.

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  6. Die Ansammlung und "Versteuerung" von Gewinnen in Steueroasen ist nur die eine Seite - und nicht mal die Verhängnisvollste, meine ich.
    Die Kapitalien und Gewinne die dort angehäuft werden liegen im Billionenbereich.
    Diese Billionen werden weltweit von Hedgefonds eingesetzt, um Politik zu machen. Die Billionen werden als Waffen mißbraucht mit denen Länder oder auch Erdteile zu bestimmten Aktionen gezwungen werden.

    Die Eurokrise, und die angeschalagenen Banken verdanken wir nicht nur der ImmobilienBlase in Amerika. Die Banken, die meinten, sie müssten im internationalen Spiel mitspielen und die halfen, Gelder in Oasen zu schaffen, mußten vom Staat gerettet werden, weil das System in Gefahr war.

    Die Gelder in den Oasen dienen dazu, die Weltherrschaft des Kapitals zu sichern und sogar, Demokratien auszuhöhlen.

    Vor einigen Monaten ist der Begriff "marktkonforme Demokratie" salonfähig gemacht worden. Der nächste Schritt nach der "marktkonformen Politik" werden "marktkonforme Wahlen" sein. Alternativlos wird die Diktatur in kleinen Schritten Einzug halten. Als Vorbilder werden Chinas oder Russlands Wirtschaftserfolge dienen, die ohne Demokratie leichter "wirtschaften" können, als das in unseren trägen Demokratien, wo erst Bundestag oder Bundesrat gefragt werden müssen, möglich ist.

    Seit dem Sieg über den Kommunismus darf sich der Kapitalismus ungehemmt entfalten. Am Ende standen immer Dikataturen. Manchmal rechte, manchmal linke oder die Diktatur des Kapitals.

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