Eines Tages blieb Mansour Dahoud nichts anderes übrig, als aufzugeben. Er fuhr hinaus zu den Hühnerställen, die ihn und seine Familie zehn Jahre lang ernährt hatten, öffnete die Käfigtüren und ließ die Tiere frei. Dahoud verlor 28.000 Hühner.

Er steht neben seinem Haus auf einem Hügel in Birzeit, ein Ort mitten im Westjordanland. "Ich konnte sie nicht mehr füttern", sagt Dahoud, 52 Jahre alt, ein kompakter Mann mit Schnäuzer. 500 Paletten Eier verkaufte er früher am Tag, für eine nahm er umgerechnet zwei Euro. Doch nach dem zweiten Aufstand der Palästinenser Anfang der 2000er Jahre riegelte Israel das Westjordanland ab. "Wegen der vielen Straßenblockaden und Checkpoints konnten wir nicht mehr regelmäßig ausliefern. Ich verkaufte drei Paletten für zwei Euro."

Das war der erste Schlag.

Der zweite folgte 2010. Israel, das einzige Land, in das die Händler im Westjordanland in der Vergangenheit exportierten, bezog plötzlich nur noch Eier aus der Türkei. "Bis heute ist es verboten, Eier nach Israel zu exportieren", sagt Dahoud. Auf dem Land, das ihm bleibt, stehen noch die alten Ställe, leer und verrostet. In einem kleinen Stall leben noch 14 Hühner. Sie reichen, um die Familie zu versorgen. Fünf Hühnerfarmen in Birzeit schlossen innerhalb von drei Jahren, "denn so viele Eier, wie hier produziert wurden, können die Menschen gar nicht nachfragen", sagt Dahoud. 

Der Aufschwung: nur Illusion

Die Handelsbeschränkungen haben nicht nur sein Geschäft ruiniert – sie ließen einem Bericht der Weltbank zufolge das Wachstum der ganzen palästinensischen Wirtschaft einbrechen. Nur noch um sechs Prozent wuchs sie in den ersten drei Quartalen des vergangenen Jahres. Das mag im Vergleich zu westlichen Industrienationen viel sein. Für ein Land im Aufbau ist es zu wenig.

Dabei schien es zuletzt bergauf zu gehen: Zwischen 2008 und 2010 wuchs die Wirtschaft in den Palästinensergebieten jährlich um rund elf Prozent. In Ramallah sah man neue Bauprojekte, Restaurants, Bars. Damals berichteten die Medien auch in Europa, die Westbank erlebe einen Boom. Fragt man heute danach, scheint der Aufschwung nicht mehr als eine Illusion gewesen zu sein.

"Wir leben in einer Blase, das hohe Wachstum war nur Fake", sagt Fadi Ghassan, ein junger Investitionsberater mit hipper Ray-Ban-Brille, aus dem palästinensischen Städtchen Taybe. Er sieht den Grund für das schwindende Wachstum zwar hauptsächlich in den Restriktionen der Israelis, doch auch das eigene Wirtschaftssystem spiele eine Rolle, sagt er. Das Westjordanland hänge zu sehr von der Bauwirtschaft ab. Andere Investitionen würden aufgrund der instabilen politischen Lage gar nicht getätigt.

"Ich bin sicher, dass uns ähnliches blüht wie in den USA", sagt er dann. "Nein, schlimmer noch. Denn unsere Wirtschaft hat ja gar keine Basis." Er nennt zwei Beispiele. Seit einigen Jahren sei es Privatpersonen im Westjordanland ohne Weiteres möglich, Kredite aufzunehmen. "Die Leute bauen sich Häuser, aber irgendwann müssen sie den Kredit plus Zinsen zurückzahlen. Und dann? Sparen sie und kaufen nur noch das Nötigste." Oder das Projekt Rawabi, für das Ghassan zwei Jahre lang gearbeitet hat. Es ist die erste von Katar finanzierte geplante Stadt Palästinas, die seit 2010 mehr als 700 Jobs geschaffen hat. "Aber wenn die Stadt gebaut ist, hat der Großteil dieser Menschen keine Arbeit mehr."