ZypernLimassolograd bleibt ganz entspannt

Reiche Russen und internationale Firmen: In Limassol kommt zusammen, was Zypern in Verruf gebracht hat. Doch die Stadt könnte die Krise gut überstehen.

In Limassol wirbt ein Schild mit russischem Text in kyrillischen Buchstaben für den Kauf von Immobilien (Archivbild).

In Limassol wirbt ein Schild mit russischem Text in kyrillischen Buchstaben für den Kauf von Immobilien (Archivbild).

Limassol, die Stadt der Russen und des unsichtbaren Geldes, erstreckt sich in drei Schichten an Zyperns Mittelmeerküste. Vorne, am Wasser, reihen sich Cafés, Hotels, Boutiquen, dahinter die Wohnhäuser, Kanzleien und Finanzdienstleister, das ist die zweite Schicht. Ganz oben dann, auf den Hügeln, liegen die Häuser der Reichen: breite Einfahrten, hohe Hecken, Hauspersonal.

Ganz oben auf einem dieser Hügel steht die Villa von Eugen Adami, 52 Jahre alt, Schnauzbart, strenger Scheitel, norddeutscher Akzent, eingewandert im Jahr 1989. Adami verdient sein Geld als Reeder, er ist Vorsitzender der zyprischen Schifffahrtskammer. Wenn man ihn auf die Zäsur in Zypern anspricht, auf die Sparmaßnahmen, die Verluste auf Konten und wie all das seine Stadt verändern wird, gibt er eine überraschende Antwort: "Eigentlich wird sich dadurch in der Stadt nichts ändern".

Anzeige

Nichts wird sich ändern? Die Vermögensabgabe für Konten mit über 100.000 Euro zielt doch genau auf die vermögenden Russen, die hier in Limassol leben. Zehntausende sind es, dazu kommt jedes Jahr eine halbe Million Touristen aus Russland. Limassolograd nennen sie ihre Lieblingsstadt im Mittelmeer. Russische Schriftzüge auf den Schildern, russische Supermärkte, ein russischer Buchladen. Sogar russisches Eis an den Kiosken am Strand. Limassolograd, das ist eine Stadt unter Schock. Kaum ein Russe will reden über das Geschäft und die Krise. "Das Land, das wir kennen, ist über Nacht verschwunden", sagt einer. Das klingt eigentlich nach Wut und Abschied.

Zyperns Geschäftsmodell: Steuern

Nach dem Beitritt zur Europäischen Union 2004 wollte Zyperns Regierung ausländisches Kapital anziehen. Die Körperschaftssteuer wurde auf zehn Prozent gesenkt. Auf Kapitalerträge müssen überhaupt keine Steuern gezahlt werden. Zwar wurden Gesetze gegen Korruption und Geldwäsche verabschiedet. Kritiker sagen aber, die Kontrolle sei schlecht und es habe sich wenig geändert im Vergleich zu vorher.

Banken

Der zyprische Bankensektor ist stark aufgebläht und viel zu groß für das kleine Land: Die Bilanzsumme ist rund sieben Mal so groß wie die Wirtschaftsleistung des Landes. Die Geldgeschäfte sind dabei konzentriert auf drei Banken, die erst seit der Euro-Einführung im Auslandsgeschäft aktiv geworden sind. Die Banken refinanzieren sich in erster Linie über Einlagen – im Gegensatz zum restlichen Europa. Sie kauften überwiegend griechische Staatsanleihen. Dadurch verloren zyprische Banken beim Schuldenschnitt in Griechenland 2012 rund vier Milliarden Euro.

Russland

Zyperns Banken lockten mit hohen Zinsen vor allem Privatanleger auf die Insel. Viele russische Investoren entdeckten das Anlageparadies für sich. Sie profitieren von den Steuererleichterungen und konnten ihr Geld gut verzinst im bislang als sicher geltenden Euroraum anlegen. Milliardensummen wurden nach Zypern transferiert. Schätzungen zufolge beträgt das russische Vermögen bei zyprischen Banken rund 26 Milliarden Euro. Finanzexperten vermuten, dass auch große Summen an Schwarzgeld via zyprische Geldhäuser reingewaschen wird.

Adami hingegen ist optimistisch, er denkt in längeren Zeiträumen. "Wissen Sie", sagt er, "in Zypern werden schon seit Tausenden Jahren internationale Geschäfte gemacht." Im Altertum exportierte die Insel Erz, das ihr auch ihren Namen gab. Im Mittelalter kamen die Kreuzzügler, Richard Löwenherz heiratete hier. In den späten 1970er Jahren kamen die Reeder, vor allem aus Deutschland, angezogen von den niedrigen Steuern. "Es war alles unheimlich gut", sagt der Unternehmer. Gut ausgebildete Leute, transparente Gesetze, fünf Prozent Körperschaftssteuer, heute sind es zehn, bald 12,5 Prozent. Kein Vergleich zu Deutschland. Später kamen die Russen, aber "eigentlich waren es die Deutschen, die Limassol zu einem Geschäftsstandort gemacht haben", sagt Adami.

Tatsächlich lebt die Stadt noch immer im großen Maße von der Schifffahrt, nicht von den Banken. Acht Prozent trägt die Branche zur Wirtschaftsleistung des ganzen Landes bei. Ein Viertel des europäischen Seetransports wird von den Reedern hier abgewickelt. Nicht nur sie profitieren von den niedrigen Unternehmenssteuern, auch andere Firmen lenken ihre internationalen Geschäfte von hier aus. "Die EU wollte Zypern dabei haben, weil von hier der Handel in den Nahen und Mittleren Osten und nach Nordafrika läuft", sagt Adami. Auch deshalb habe man damals in Brüssel nichts gegen die niedrigen Steuersätze gehabt. Die Kritik aus Europa an Zyperns Geschäftsmodell findet der Reeder deswegen "verdreht".

Leser-Kommentare
    • GDH
    • 03.04.2013 um 16:57 Uhr

    Ich verstehe den Artikel so, dass die genannten Geschäfte der Grund sind, warum das zyprische Bankensystem so groß ist im Vergleich zur Wirtschaftsleistung des Landes.

    Deshalb konnte die Regierung die Banken (in einer Krise, die an sich mit dem Geschäftsmodell wenig zu tun hat) nicht so einfach mit Haushaltsmitteln retten.

    Antwort auf "Die armen Russen"
  1. er laesst er auf eine engstirnige Sichtweise deuten. Als Journalist sollte man in der Lage sein Zusammenhaenge darzustellen, ohne dabei auf Stereotypen zurueckgreifen muessen. Die BILDartige Darstellung der Russischen Ferienkolonie waere eigentlich amuesant, wenn es nicht mit dem unterschwelligen "us against them" Symptom behaftet waere!

    Was Zypern fur Russland ist, ist Mallorca fur den Deutschen, oder wie?!

  2. ... ein Schotte, der das Bankenwesen Frankreichs im 18. Jahrhundert "revolutionierte". Anteilscheine einer Silbermine in Mississippi wurden zu aberwitzigen Preisen gehandelt, bis der erste Franzose aus dem bürgerlichen Lager dort hin fuhr und feststellte, da ist gar nix. Das Thema, vertrauen in eine Währung ist seit der Existenz von Papiergeld historisch allgegenwärtig. Hütchenspieler werden als seriös betrachtet, weil sie mit Amt und Würden der Staatsmacht agieren. Aus Wikipedia: "Eine spätere Untersuchung ergab unter anderem, dass große Mengen an Banknoten ohne amtliche Genehmigung – und damit ohne Laws Mitwirkung – in Umlauf gebracht worden waren. Die mangelnde Kontrolle über die Papiergeldausgabe führten bald dazu, dass das Notengeld samt den Banken im November abgeschafft wurden und Frankreich zum Münzstandard zurückkehrte." - Also nix neues und erinnert doch sehr an den Euro ... das Gute daran, Frankreich gibts noch heute, das Traurie: nach Revolution, Guiolltine, Millionen Toten, Hunger ...

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service