WirtschaftskriseZypern rüstet sich für die Armut

In der Krise rücken die Zyprer zusammen. Kirchen und Freiwillige kümmern sich um die Armen. Migranten aber geraten in Not.

Passanten vor geschlossenen Läden in der Altstadt von Nikosia

Passanten vor geschlossenen Läden in der Altstadt von Nikosia

Es ist ein einziges, riesiges Durcheinander in der Markthalle in der Innenstadt von Nikosia: Wacklige Türme aus kleinen und großen Kisten, "Pasta" hat einer ungelenk mit Filzstift darauf geschrieben. Daneben Tüten voller Dosensuppen, Saftpackungen, Reis. Auf einem wackeligen Tapeziertisch drängen sich Putzmittel und Shampoo-Flaschen. Zwischen all dem springt Panayiotis Larkou herum, klebt Kisten zu, trägt sie hin und her. Ständig klingelt sein Handy, keine Sekunde steht Larkou still. "Das ist alles so überwältigend!", sagt er aufgedreht, er ruft es fast. Aus einer kleinen, spontanen Idee, die der junge Regisseur und vier andere zyprische Künstler vor gerade einmal elf Tagen hatten, ist eine der größten Veranstaltungen geworden, die es jemals auf Zypern gab – und ein beeindruckendes Zeichen dafür, wie die Zyprer im Angesicht der Krise zusammenrücken.

Larkou, modisch getrimmter Bart, große schwarze Brille, Ohrringe, Latz-Arbeitshose, ist einer der Organisatoren von Cyprus Aid, eines Benefizkonzerts, das am Montagabend in Nikosia stattfand. Als Eintrittspreis erbaten sie Lebensmittelspenden für die Armen, für diejenigen, die die Krise am härtesten trifft. 50 Künstler aus Zypern und Griechenland haben sie zusammengetrommelt, keinen einzigen Euro haben sie bezahlt, nicht für die Gagen, nicht für die riesige Bühne und die Technik, und schon gar nicht für die am Ende fast 600 freiwilligen Helfer. Am Ende wurde ein achtstündiges Konzert am Rande der Altstadt daraus.

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"Wir hatten mit vielleicht 3.500 Besuchern gerechnet", erzählt Larkou. Gekommen sind dann über 20.000 Menschen. Jetzt gehen die Organisatoren unter in den Spenden, sechs Lagerhäuser in der ganzen Stadt sind voll damit. Noch immer ist nicht alles sortiert und schon gar nichts verteilt an die Bedürftigen. "Wir können noch nicht mal sagen, wie viel es überhaupt ist", sagt Larkou.

In der Krise beginnen die Zyprer, einander verstärkt zu helfen. Für viele beginnt die Not erst jetzt, nach der Einigung über die Hilfe aus Brüssel. Und die Zyprer wissen, was auf sie zukommt. Um 20 bis 25 Prozent werde die Wirtschaft in den kommenden sechs Monaten einbrechen, schätzt der zyprische Unternehmerverband. Das bedeutet: Arbeitslosigkeit, sinkende Löhne, steigende Armut. 

Die Kirche versorgt 2.000 Familien

Die schlechten Prognosen haben auch die orthodoxe Kirche wachgerüttelt, die vielleicht mächtigste Institution auf der Insel. 200 Meter entfernt von der Lagerhalle, in der Larkou und seine Mitstreiter Spenden sortieren, hat der Erzbischof seinen Sitz. Hier kümmert sich Panayiotis Panayotou seit vergangenem Juni darum, dass arme zyprische Familien nicht hungern müssen. In zwei Räumen lagert er Lebensmittel, gerade kommt eine neue Ladung H-Milch an. Anfangs hat die Kirche 600 Familien einmal im Monat mit dem Nötigsten versorgt, mittlerweile sind es 2.000. "Und sehr bald könnten es doppelt so viele sein", sagt Panayiotou. 

Über 50.000 Euro gibt die Kirche dafür jeden Monat aus. Peanuts einerseits für das reiche Erzbistum, dem ein Viertel der bisher drittgrößten zyprischen Bank gehört und das auch an der großen Bank of Cyprus Anteile hält. Andererseits: Viel sind die Anteile seit der Bankenkrise nicht mehr wert. Zur Not will die Kirche jetzt ihre Immobilen beleihen, um der wachsenden Zahl der Bedürftigen weiter helfen zu können, berichtet die Zeitung Cyprus Mail.

Keine Hilfe erfahren werden aber wohl die vielen Migranten auf der Insel. Dabei ist ihre Lage jetzt schon dramatisch, und die Krise dürfte sie verschlimmern.   

Leser-Kommentare
  1. >> Ein kasino mit Regeln. <<

    ... ja fast sagen: Schön wärs! Leider mangelt es selbst an den Regeln.

    Im Überfluss vorhanden sind dagegen Gier und Verantwortungslosigkeit.

    3 Leser-Empfehlungen
  2. >> Wie solidarisch...
    ..werden die Zyprioten untereinander sein? <<

    ... man es nicht, aber ich würde mal folgenden Tipp abgeben:

    Wir Deutschen werden in Sachen Solidarität vermutlich einiges von Zypern, Griechenland, Spanien usw. lernen können.

    2 Leser-Empfehlungen
    Antwort auf "Wie solidarisch..."
  3. sich wehren.oftmals waren sie sogar die arbeitenden,und die Leute mit den steuer-firmen waren ohne arbeit reich.

    wenn man erstmal begreift,daß man zehntausende multi-millionäre aus dem Bankensektor im Land hat,wird man diese hoffentlich bald steuerlich heranziehen.

    leider (auch in deutschland) muß es den armen erst wirklich richtig dreckig gehen,bevor sie überhaupt mal wählen gehen,und dann ist es noch ein weiterer schritt bis sie begreifen,daß ein Unternehmer eben KEIN interesse hat,das der arbeitnehmer nach unten gut abgesichert ist,und das von Natur aus Unternehmer und Arbeitnehmer sowie Beamte und Arbeitslose äusserst unterschiedliche Interessen haben.

    3 Leser-Empfehlungen
    • Afa81
    • 04.04.2013 um 19:52 Uhr

    ...denn wenn man die Banken zum Teufel jagt, bekommen Unternehmen Kredite für Investitionen. Dann kommt eine Wirtschaft, die nur auf Banken basiert richtig in Schwung und die Rentner bekommen ihr Geld vom Konto und ihre Kapitaleinlagen aus Lebensversicherungen???

    Woher kommt denn die Armut, in der die unteren Schichten jetzt darben? Daher, dass man Banken rettet oder vielleicht daher, dass die Industrie Zyperns (die in erster Linie die Bankenindustrie ist) jetzt einbricht?

    Können Sie uns ihr Wintermärchen weiter erläutern, denn ich weiß nicht, wie man die Armut abgewendet hätte, wenn man die Banken alle hätte pleite gehen lassen, so dass der Arme alles verliert?

    Antwort auf "Mission erfüllt!"
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    Man hätte vielleicht nicht die aktuelle Armut abgewendet, aber man hätte eine Grundlage für einen Neuaufbau geschaffen.

    So hat man weitere Verpflichtungen für die Zukunft übernommen und auf die Bürger Zyperns und der EU überwälzt, die einen Neuanfang erschweren.

    Man sollte sich auch bei uns genau die Folgen der Bankenrettung anschauen. Was ist daraus geworden? der IKB warf man Milliarden in den Hals, um danach diese für Millionen zu verkaufen. Bei der Sachsen- LB verkaufte man diese und das Land übernahm Bürgschaften von ca. 2,5 Mrd. "Man kann sogar daran verdienen, denn für Bürgschaften sind Gebühren fällig!" Ja, dumm ist nur, dass mittlerweile fast eine Mrd. fällig wurde, die Bürgschaft eingefordert wurde. Da das Schrittchen für Schrittchen geht, glaubt man wohl, es fällt nicht auf.

    HRE, HSH-NB, usw...

    Und darf man fragen, was die Protagonisten machen, die für die ruinösen Deals dieser Banken verantwortlich waren? Die klagen noch Boni und Gehälter ein... Und sitzen in Mallorca...

    Man hätte vielleicht nicht die aktuelle Armut abgewendet, aber man hätte eine Grundlage für einen Neuaufbau geschaffen.

    So hat man weitere Verpflichtungen für die Zukunft übernommen und auf die Bürger Zyperns und der EU überwälzt, die einen Neuanfang erschweren.

    Man sollte sich auch bei uns genau die Folgen der Bankenrettung anschauen. Was ist daraus geworden? der IKB warf man Milliarden in den Hals, um danach diese für Millionen zu verkaufen. Bei der Sachsen- LB verkaufte man diese und das Land übernahm Bürgschaften von ca. 2,5 Mrd. "Man kann sogar daran verdienen, denn für Bürgschaften sind Gebühren fällig!" Ja, dumm ist nur, dass mittlerweile fast eine Mrd. fällig wurde, die Bürgschaft eingefordert wurde. Da das Schrittchen für Schrittchen geht, glaubt man wohl, es fällt nicht auf.

    HRE, HSH-NB, usw...

    Und darf man fragen, was die Protagonisten machen, die für die ruinösen Deals dieser Banken verantwortlich waren? Die klagen noch Boni und Gehälter ein... Und sitzen in Mallorca...

    • 29C3
    • 04.04.2013 um 20:56 Uhr

    hierzulande sehen.

    Antwort auf "Wie solidarisch..."
    • 29C3
    • 04.04.2013 um 21:02 Uhr

    Waren Sie schon auf Zypern? Die meisten Einwanderer dort kommen aus Bulgarien und Rumänien.. (Zufälle gibt´s...)

    Und das klein bißchen, das sie auf Zypern verdienen können, reicht zwar nur für das Allernotwendigste, ist aber immer noch besser als gar nichts bei denen "zuhause".

  4. Es will mir scheinen, dass die Insel der Götter nicht nur in einen nördlichen Teil
    (türkisch) und einen südlichen Teil (griechisch) geteilt ist.
    Die Grenze verläuft durch Nikosia, vom türkischen Teil wird nicht berichtet.
    Nun haben sich die Götter abgewendet und der Gegensatz zwischen arm und reich wird deutlich sichtbar. Der Euro hat nicht geeint, sondern eher Zwietracht gesät, Gewiss war ich auf Zypern und Kreta, allerdings als Tourist sehen beide Inseln in den Urlaubszentren gepflegt aus. Darüber hinaus gibt es jedoch viele Dinge in Dörfern und Städten, welche sorgfältiger angefasst werden müssten.
    Aber kehren wir doch lieber vor der eigenen Haustür, hier gibt es genug zu tun. Europa hat noch einen harten Weg vor sich, denn die wirtschaftlichen Unterschiede zwischen den Euroländern sind schlicht und einfach zu hoch.

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    • 29C3
    • 05.04.2013 um 8:51 Uhr

    ... gehen, aber nicht gleich oben rechts durch den Souk.

    • 29C3
    • 05.04.2013 um 8:51 Uhr

    ... gehen, aber nicht gleich oben rechts durch den Souk.

  5. Nein, Zypern rüstet sich für die Wirklichkeit!

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