FirmengründungenWeniger Deutsche wagen Schritt in die Selbstständigkeit

Die niedrige Arbeitslosigkeit und das finanzielle Risiko der Selbstständigkeit lassen die Zahl der Firmengründer sinken. Die KfW sieht die Wettbewerbsfähigkeit bedroht.

In Deutschland gibt es eine regelrechte Gründungsflaute: Im vergangenen Jahr haben 775.000 Menschen eine Firma gegründet – das ist der niedrigste Wert seit Beginn der Erhebung 2000, teilte die staatliche Förderbank Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) mit.

Die Entwicklung sei unter anderem auf die niedrige Arbeitslosigkeit zurückzuführen, sagte KfW-Chefvolkswirt Jörg Zeuner. Im vergangenen Jahr habe es gute Möglichkeiten gegeben, eine abhängige Beschäftigung zu finden. Den Rückgang bezeichnete er als "besorgniserregend, denn Gründer helfen unsere Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten und Arbeitsplätze zu schaffen". 

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Im Vergleich zum Vorjahr sank die Zahl der Gründer 2012 um 60.000 oder sieben Prozent. Im Jahr 2010 hatten sich noch 941.000 Menschen selbstständig gemacht. In der Folge sank die Zahl neu geschaffener Jobs. Durch Neugründungen wurden im vergangenen Jahr 383.000 Vollzeitstellen geschaffen; davon entfielen 212.000 auf die Gründer selbst und 171.000 auf angestellte Mitarbeiter. Im Vergleich zum Vorjahr ist dies ein Rückgang um 15 Prozent, wie die repräsentative KfW-Befragung ergab.

Stadtstaaten liegen an der Spitze

Die meisten Firmengründungen verzeichnete die Bankengruppe in Berlin, Hamburg und Bremen. In den Stadtstaaten profitierten die Gründungswilligen der KfW zufolge etwa von geringen Entfernungen und niedrigen Transportkosten bei großen lokalen Absatzmärkten. Im Saarland und in Brandenburg wagten die wenigsten Menschen den Schritt in die Selbstständigkeit.

Für 2013 erwartet die KfW bei den Neugründungen keine Trendwende. "Sollte sich der Arbeitsmarkt jedoch wider Erwarten nicht so stabil zeigen wie vorhergesagt, könnte dies die Gründungstätigkeit etwas beleben", sagte Zeuner.

Finanzierung und Bürokratie als Hemmnisse

Als Problem nannten in der Umfrage mehr Gründer das mit der Selbständigkeit verbundene finanzielle Risiko. Bürokratie nahmen den Angaben zufolge 40 Prozent der Befragten als Hemmnis war, vor fünf Jahren waren es noch 33 Prozent.

Ein weiterer Grund für den Rückgang bei den Firmengründungen ist, dass es für zuvor Arbeitslose seit Ende 2011 nicht mehr automatisch einen Zuschuss der Bundesagentur für Arbeit gibt. Neugründungen aus der Arbeitslosigkeit gingen laut KfW 2012 um 32 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zurück.


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Leserkommentare
  1. Ich schließe gerade nach 16 Jahren meinen Betrieb und flüchte zurück in die abhängige Beschäftigung. Allerletzte Chance mit 54 Jahren. Ich habe viel gelernt in der Zeit, aber auch, wie sich 10 Jahre ohne Urlaub anfühlen.

    Rückblickend möchte ich die Erfahrung nicht missen, aber nochmal mach' ich das nicht.

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  2. "Ein weiterer Grund für den Rückgang bei den Firmengründungen ist, dass es für zuvor Arbeitslose seit Ende 2011 nicht mehr automatisch einen Zuschuss der Bundesagentur für Arbeit gibt."

    Das ist ja nicht grundsätzlich schlecht, wenn man mal prüft, ob irgendeine Geschäftsgrundlage vorhanden ist und nicht gleich zahlt. Sonst (und so wird es vielleicht ja auch gewesen sein) wird es viel zu starke Mitnahme- und Betrugseffekte geben.

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    Die paar Kröten vom Arbeitsamt helfen nicht wirklich. Wer aus der Arbeitslosigkeit heraus gründet, fällt im Falle des Scheiterns aus dem Leistungsanspruch und darf sich bei der Sozi ganz hinten in die Schlange stellen... kein guter Deal.

  3. Die paar Kröten vom Arbeitsamt helfen nicht wirklich. Wer aus der Arbeitslosigkeit heraus gründet, fällt im Falle des Scheiterns aus dem Leistungsanspruch und darf sich bei der Sozi ganz hinten in die Schlange stellen... kein guter Deal.

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    Antwort auf "Gut so!"
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    Das stimmt nicht. Man kann sich auch als Selbständiger absichern mit der freiwilligen Arbeitslosenversicherung.

    Kostet schlappe 80 Euro monatlich und im Bedarfsfall (also wenn die Selbständigkeit scheitert) wird man nach Ausbildungsstand eingestuft und nicht etwa nach dem letzten (womöglich nicht vorhandenen) Einkommen.

    Insbesondere für Selbständige mit akademischer Ausbildung ist das ein sehr guter Deal. ;-)

    http://de.wikipedia.org/w...

  4. Das stimmt nicht. Man kann sich auch als Selbständiger absichern mit der freiwilligen Arbeitslosenversicherung.

    Kostet schlappe 80 Euro monatlich und im Bedarfsfall (also wenn die Selbständigkeit scheitert) wird man nach Ausbildungsstand eingestuft und nicht etwa nach dem letzten (womöglich nicht vorhandenen) Einkommen.

    Insbesondere für Selbständige mit akademischer Ausbildung ist das ein sehr guter Deal. ;-)

    http://de.wikipedia.org/w...

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    Antwort auf "Wirklich?"
  5. Die Markteintrittsbarrieren sind in vielen Branchen verdammt hoch. Das produzierende Gewerbe erfordert am Anfang meist sehr hohe Investitionen, das Risiko des Scheiterns trägt allein der Unternehmer. Im Dienstleistungssektor sind Investitionen meist das kleinere Problem, das Hauptproblem besteht in unserer seit Jahren lahmenden Binnennachfrage.

    Gefördert wird mit halbwegs günstigen Krediten und schlauen Tips. Dafür hält der Staat schon beim ersten verdienten Euro sofort die Hand auf. Sollte das Unternehmen scheitern, interessiert er sich für den Unternehmer und seine verschuldete Zukunft einen Dreck.

    5 Leserempfehlungen
  6. Unter Schröder wurde die „Ich-AG“ postuliert, heute macht man auf eben diese Zielgruppe Jagd als „Scheinselbstständige“. Kunden, die einen früher gern mit Aufträgen versorgt haben, bekommen heute kalte Füße, weil sie die Folgen einer möglichen Scheinselbstständigkeit fürchten.

    Bei öffentlichen Auftraggebern hat man vielfach überhaupt keine Chancen – hier sind häufig die fehlenden (angestellten) Mitarbeiter das KO-Kriterium. Oder der Mindestumsatz. Oder sachfremde Kriterien, die nur ein einziger – der gewünschte – Anbieter erfüllt. Zumal die meisten Ausschreibungen nur noch auf kostenpflichtigen Portale veröffentlicht werden, deren Bezug schnell hohe Kosten verursacht.

    Schließlich sorgen die Sozialkosten (Arbeitgeber- und Arbeitnehmeranteil, in der Regel nur teilweise steuerlich absetzbar) für eine Stundenkalkulation, die viele Kunden kaum noch zu tragen bereit sind. Wobei die Krankenkassen in jedem Fall um die 300 Euro monatlich kassieren, egal wie gering das derzeitige Einkommen eines Selbstständigen ausfällt.

    Mag sein, dass es Branchen gibt, in denen man derzeit noch gut leben kann (etwa als IT-Berater, Arzt oder Steuerberater). Insgesamt behaupte ich: Dass viele Selbstständige auf Dauer (und damit meine ich mehr als 10 Jahre!) nicht reüssieren können, liegt weniger am schlechten Geschäftsmodell, sondern an einem maßlos überregulierten Markt, der Unternehmer mit abhängig Beschäftigten bevorzugt und zusätzliche Barrieren für „kleine“ Selbstständige schafft.

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