Überfischung : Deutschland warnt vor Scheitern der Jahrhundertreform

Die EU-Reform gegen die Leerfischung der Meere droht zu scheitern. Agrarministerin Aigner will das verhindern und paktiert sogar mit Umweltschützern.

Nur wenige Tage vor den entscheidenden Gesprächen in Brüssel hat Deutschland ungewöhnlich deutlich vor einem Scheitern der EU-Fischereireform gewarnt. "Diese Reform ist eine überfällige Richtungsentscheidung und darf nicht scheitern", sagte Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner ZEIT ONLINE. Die Reform der gemeinsamen Fischereipolitik in der EU sei "eine historische Chance, Nachhaltigkeit als wichtigstes Prinzip der Fischerei fest zu verankern".  

Am kommenden Montag beraten Europas Agrarminister zwei Tage lang über das Reformvorhaben. Es ist eines der wichtigsten und drängendsten Reformprojekte der EU. Zwei von drei Fischereibeständen innerhalb der Staatengemeinschaft gelten bereits heute als überfischt.

Allerdings ist die Lage so verfahren, dass Fachleute inzwischen sogar das Aus für die komplette Reform nicht mehr ausschließen. Anfang Februar hatte das Europäische Parlament mit großer Mehrheit einen ehrgeizigen Reformplan verabschiedet. Die Spielregeln in der EU sehen vor, dass sich das Parlament nun mit dem Agrarministerrat einigen muss.

Dort allerdings stoßen die ambitionierten Pläne auf wenig Begeisterung. Schon fünf Mal hat die irische Präsidentschaft versucht, einen Kompromiss zwischen den Gremien auszuhandeln – bislang immer vergeblich.

Letzte Chance zur Einigung

Aus Diplomatensicht gilt die Sitzung am Montag daher als letzte Chance. Danach drohe das Thema für Jahre von der Agenda zu verschwinden, fürchtet Ministerin Aigner. "Beim Schutz der Fischbestände darf es keine Rolle rückwärts geben", sagte Aigner ZEIT ONLINE.

Marlies Uken

Marlies Uken ist Redakteurin im Ressort Wirtschaft und bloggt bei ZEIT ONLINE. Ihre Profilseite finden Sie hier.

Zwei Punkte sind umstritten: Das EU-Parlament will, dass die EU sich zum ersten Mal in ihrer Geschichte gesetzlich zu einer nachhaltigen Fischereipolitik verpflichtet. Das heißt: Fischer dürfen den Fischereibestand in den Meeren nicht mehr gefährden – was derzeit üblich ist. Bis zum Jahr 2020 sollen Europas Fischbestände nach Ansicht der Parlamentarier das nachhaltige Niveau erreicht haben.

Außerdem soll künftig jeder Fisch im Netz auch an Land kommen. Das ist bislang nicht selbstverständlich. Bisher dürfen Fischer nur den Fisch fangen, für den sie auch eine Quote nachweisen können. Doch im Netz landen auch andere Fische, sogenannter Beifang. Hat der Fischer hierfür keine Fanggenehmigung, schmeißt er ihn zurück. Der Streit geht nun um die Frage, ob es ein umfassendes Rückwurfverbot gibt oder eines mit Ausnahmeregelungen.

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Kommentare

25 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Inkonsequent

Der EU Agrarhaushaushalt und Fischerei gehen hauptsaechlich an Frankreich, erst mit Abstand und das seit 2 Jahrzehnten (davor F mit fast 50%) Spanien.

Die EU bringt sich um das letzte bisschen an Legalitaet, und wird sich kurz oder lang selbst zerstoeren.

Ich bin dafuer Nahrungsmittel (Agrar, Fischerei, Saatgut...) und Umwelt (geschuetze Arten..) unter den gleichen Schutz zu stellen, welche die Industrilaender gerne sich selbst gestehen, wer sich daran vergeht sollte als "Terrorist" die Konsequenzen erfahren

Mir kamen als erstes ebenfalls

ideologische Gründe in den Sinn (und Ihre Erklärung passt selbsverständlich wie die Faust aufs Auge), aber leider geht aus dem Artikel nichts Näheres hervor, wie z.B. ob das Ministerium versucht hat, Kontakte zum WWF etc. herzustellen, diese Gruppen als pressure groups einzusetzen und zu unterstützen o.ä., oder eben nicht, bzw. umgekehrt die Umweltschützer versuchen, hier einen Fuß in Tür von Frau Aigner zu bekommen. Daher halte ich es für ebenso möglich, dass die Formulierung "sogar" - unbewusst? - die Vorstellungen der Redaktion widerspiegelt. Denn wer auch immer die Überschrift und den Teaser gemacht hat (meistens sind es ja nicht die genannten Autoren), schon alleine durch "Deutschland warnt vorm Scheitern der Jahrhundertreform" wird Dtl positiv dargestellt als umsichtiger Warner, der das Wohl der Umwelt im Auge hat, während andere Länder - Frankreich (die momentan ohnehin schlechte Presse bei uns haben) - als unverantwortlich rüberkommen. Deshalb wären ja mehr Details zu den Positionen und Verhandlungen wünschenswert, so dass man sic selbst ein Bild machen kann. Aber so kann ich dem Artikel de facto nichts zum Thema entnehmen.

Was für ein gequirlter Unfug.

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Zitat : "... BUND und NABU sind enorme Kostensteigerer und handeln nur im Interesse einer Minderheit, die um jeden einzelnen Baum kämpft, anstatt pragmatische Lösungen anzustreben. ..."

BUND und NABU, der im Text genannte WWF und die Umwelthilfe sind selbstverständlich KEINE Parias im umweltpolitischen Geschehen, sondern sie sind vollkommen vernünftige, sehr gemässigte und überaus pragmatische Verbandsumweltschützer und versuchen lediglich, mit grossem Einsatz bei geringem Lohn ein klein wenig menschliche Vernunft zu setzen gegen die ubiquitäre, notorische, gewissenlose Zerstörung unwiederbringlicher Lebensgrundlagen aus menschenverachtenden Profitgründen.

Wer sich derart borniert über die genannten äussert, hat wohl -aus welchen Gründen auch immer- selbst so seine Probleme mit der geregelten, zivilisierten Form des Zusammenlebens ALLER Teilnehmer einer Gesellschaft, die sich demokratischer Rechtsstaat nennt.

Früher riefen beratungsresistente Menschenfeinde aus der klerikalfaschistoiden Ecke gern "geh' doch 'rüber in die Sowjetzone!", wenn soziale Belange benachteiligter Gruppen diskutiert wurden.

Ihnen möchte man zurufen "in China oder Nordkorea ist sicher noch ein Plätzchen frei Platz für ideologisch derart verbohrte Rechtsstaatsverächter!"

Die Einlassung ist ja nur noch zum Fremdschämen;

Auf Neufundland

lief es genau so ab.
Es gab jahrelang keine ausreichende Begrenzung für den Kabeljau. Das Resultat war ein totaler Fangstopp, NACHDEM die Fischer nichts mehr gefangen haben. Der Politiker der den Fischern Rede und Antwort stehen musste, musste von der Bekanntgabe des Fangstopps fliehen.
Viele Menschen verloren ihren Job, da die Wirtschaft auf den Kabeljau ausgerichtet war. Das betraf natürlich nicht nur Fischer, sondern natürlich auch die zuliefernde Industrie und schlussendlich auch alle anderen, da schlicht weniger Geld kreiste.
Die Forderungen für geringere Fangmengen wurde nicht befolgt.

Bei uns lief das die letzten Jahre auch nicht besser.
Politiker schließen ja oft Kompromisse. Und die Fischereibiologen ermitteln die Menge an Fischen die man Maximal entnehmen kann ohne die jeweilige Population zu gefährden. Das Problem die Fischereiindustrie hat zu hohe Kapazitäten und möchte mehr fangen. Daher werden in der Regel als Kompromiss Quoten beschlossen die ÜBER dem jeweiligen MAXIMUM liegen.

Verständnisfrage: Beifang

Frage an jemanden, der sich damit auskennt: Was wäre denn der Vorteil dabei, wenn Fischer den Beifang nicht mehr über Bord werfen dürfen, und ihn an Land bringen müssen?

Wenn sie ihn mitnehmen müssen landet er doch evtl irgendwo an Land im Biomüll, weil er nicht gut handelbar ist o.Ä.. Wenn er direkt vor Ort ins Meer geworfen wird, werden doch sicher zumindest ein paar Fische unmittelbar gerettet (soweit ich weiss, sind die ja nicht unbedingt sofort tot wenn sie im Netz landen), oder falls nicht, dann kommen sie immerhin direkt wieder dem marinen Nahrungskreislauf zugute und füttern damit z.B. andere Fische oder marine Destruenten. Ich sehe jetzt in dieser erstrebten Regelung keinen Vorteil, kann es mir jemand erklären?

Das Problem ist,

dass die Fischer auch dort die Netze ausbringen, wo sie mit Sicherheit Beifang haben werden, der nicht befischt werden darf. Sie dürften dort also überhaupt nicht fischen. Wenn sie den Beifang gleich wieder reinschmeißen, merkt's keiner / kann's keiner nachweisen.

Ob ein Verbot dieser Praxis diese ändert, weiß ich nicht - verboten werden sollte das aber nichtsdestotrotz, dezimiert gerade die gefährdeten Bestände nämlich immens.

Ah... Ortsprobleme

Verstehe, danke. Was spricht eigentlich gegen eine technische Lösung, eine Art GPS- oder Funk-Sender, gesetzlich vorgeschrieben für jedes registrierte Fischerboot, und damit eine (von mir aus auch recht unscharfe oder stichprobenbasierte) Fern-Ortsüberwachung? Wenn man bedenkt, was Schiffe sowieso schon an Funk- und Navigationstechnik dabeihaben, sollte das doch ein sehr geringer apparativer Aufwand sein. So könnte man einfach verhindern, dass Fischer nicht einfach dort fischen, wo sie nicht fischen dürfen.

So weit ich informiert bin

soll nach den neuen Regeln der Beifang zur Fangquote gezählt werden.

Das funktioniert natürlich nur, wenn er nicht wieder direkt im Meer landet.

In der Praxis würden vermutlich Düngemittel- und Tierfutterfabriken das Zeug billig aufkaufen...

In der Realität wird dieses sehr wichtige Abkommen allerdings scheitern - die Gier iost wie immer stärker als die Vernunft!

"...für jedes REGISTRIERTE Fischerboot..."

Da haben Sie - leider - schon gleich das nächste Problem beschrieben.

Und dann würde sowas natürlich eine internationale Vereinbarung erfordern, der alle fischenden Nationen beitreten.
Glauben Sie ernsthaft, daß sich beispielsweise Chinas Fischereiflotte dazu berit erklären würde?

Und die Chinesen sind nicht die einzigen Schwarzfischer auf den Weltmeeren!