VeruntreuungsverdachtIWF-Chefin Lagarde bleibt Anklage erspart

Vorerst wird nicht gegen Christine Lagarde wegen Beihilfe zur Veruntreuung ermittelt. Das Gericht sieht Frankreichs einstige Finanzministerin als "verdächtige Zeugin".

Christine Lagarde nach ihrer Vernehmung im französischen Gerichtshof der Republik

Christine Lagarde nach ihrer Vernehmung im französischen Gerichtshof der Republik  |  © Jacques Demarthon/AFP/Getty Images

Gegen IWF-Chefin Christine Lagarde wird vorerst kein formelles Ermittlungsverfahren wegen Beihilfe zur Veruntreuung öffentlicher Mittel eingeleitet. Nach zweitägiger Vernehmung konnte sie den französischen Gerichtshof der Republik als "verdächtige Zeugin" verlassen. Damit liegen Indizien für die Beteiligung an einer Straftat vor, die aber nicht für ein Anklageverfahren ausreichen.

Lagarde sagte nach der Anhörung, der neue Status sei keine Überraschung für sie. Sie habe stets "im Interesse des Staates und im Einklang mit dem Gesetz" gehandelt. Die 57-Jährige war bereits am Donnerstag zwölf Stunden lang befragt worden.

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In der Affäre geht es um umstrittene staatliche Entschädigungszahlungen an den Geschäftsmann Bernard Tapie nach dem Verkauf des deutschen Sportartikelherstellers Adidas im Jahr 1993. Tapie hatte das Unternehmen an eine Investorengruppe verkauft, an der auch die damals staatliche Bank Crédit Lyonnais beteiligt war.

Tapie, der im folgenden Jahr Privatinsolvenz anmelden musste, warf der Bank vor, ihn beim Verkauf des Unternehmens übervorteilt zu haben, und klagte auf Entschädigung. Um den jahrelangen Rechtsstreit zu beenden, rief die damalige französische Finanzministerin Lagarde 2007 ein Schiedsgericht an, das Tapie schließlich Schadenersatz in Höhe von 285 Millionen Euro – mit Zinsen rund 400 Millionen Euro – zusprach.

Ob die Anrufung des privaten Schiedsgerichts gerechtfertigt war, ist umstritten. Ebenso strittig ist Lagardes Entscheidung, gegen den Schiedsspruch keinen Widerspruch einzulegen, obwohl ihr Experten dazu rieten. Seit August 2011 laufen gegen Lagarde erste Ermittlungen wegen "Beihilfe zur Fälschung" und "Beihilfe zur Veruntreuung öffentlicher Gelder". Lagarde hat ihre Entscheidung, das Schiedsgericht anzurufen und den Spruch zu akzeptieren, als damals "beste Lösung" verteidigt.

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Leserkommentare
  1. Je höher die gesellschaftliche Stellung oder die Position in der Politik, desto milder die Justiz. Zutiefst undemokratisch.

    15 Leserempfehlungen
  2. .
    .... Millionenbeträgen eignet sich Lagarde ja auch bei Weitem besser zur Chefin des Internationalen Währungs Fonds.

    Was war dagegen dieser Lustgreis Strauss-Kahn für ein Kleinkaliber, dem nur ein paar Notzüchteleien vorgeworfen werden konnten, die sich auch noch am Ende allesamt in Luft aufgelöst haben!

    Im IWF will man -wie in jedem anderen elitären Zirkel- schliesslich lieber unter sich bleiben, auch natürlich in krimineller Hinsicht.

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    Ihre Definition von Luft ist kreativ, sehr kreativ!
    Und Vergewaltigung (und das war es ja unstrittig) als "nur ein paar Notzüchteleien" zu bezeichen, ist schon ein starkes Stück!

  3. Christine hat ein großes Herz, das alle einschließt, von den Milliardären bis hin zu den kleinen Kindern im Niger, die ihr nicht aus dem Kopf wollen.

    http://www.zeit.de/wirtsc...

    6 Leserempfehlungen
  4. Sehr verdächtig. So was nennt man normalerweise Kronzeuge: Straffreiheit für den Verrat an den Komplizen in der Straftat.

    Und die Medien versuchen dies wieder zuzudecken. Die sitzt voll mit in der Patsche.

    3 Leserempfehlungen
  5. Die Mächtigen kommen straffrei davon! Egal was sie getan haben.Aber für Kumpel Tapie zahlt man eben gerne aus Steuergeldern.

    7 Leserempfehlungen
  6. Das war ja klar in Frankreich - der gnädige Mantel des Vergessens für die Mächtigen.

    Unvergessen natürlich wie die Dame allen Untertanen das fleißige Steuerzahlen empfahl, für sich selbst aber auch den heiligen Gral der Steuervermeidung beanspruchte: Höchste Einkommen, die nirgends steuerpflichtig sind. Top-Bürokraten brauchen keine Steueroasen - sie stellen sich selbst per Gesetz steuerfrei.

    Aber schön, dass der Dame die armen Kinder im Niger so am Herzen liegen. Vergessen hat sie natürlich zu erwähnen, dass sie nicht im Traum daran denkt, auch nur einen Steuer-Cent zu einer Hilfsmassnahme beizutragen
    Wenn sie ein Vorbild für uns alle wäre, könnte man den Laden sofort dicht machen.

    Schade, dass man immer soviele Hate- und Frust Postings loswird

    5 Leserempfehlungen
  7. Ihre Definition von Luft ist kreativ, sehr kreativ!
    Und Vergewaltigung (und das war es ja unstrittig) als "nur ein paar Notzüchteleien" zu bezeichen, ist schon ein starkes Stück!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    .
    Sofern Sie auf die Vorgänge in Amerika anspielen, die bekanntlich zu Strauss-Kahns Ablösung als IWF-Chef geführt haben:

    Der Vorwurf des Zimmermädchens diente -erfolgreich, das lässt sich nicht leugnen- zu einer signifikanten Erhöhung des Preises für die Fellatio.

    Derart signifikante Preise für simple Fellatio erreichen sonst vielleicht Leute wie Ruby Rubacuore oder -mutmasslich- Monica Lewinsky, aber kein noname-Zimmermädchen in New-York.

    Der Vorwurf der Vergewaltigung liess sich bekanntlich nicht halten.

    Unzucht gegen Geld mag moralisch verwerflich sein, Vergewaltigung ist sie nicht.

    Sofern Sie auf die Vorgänge rund um Macela Iacub und deren Buch anspielen ... dabei ging es um Privatsphäre, nicht um Vergewaltigung.

    Was soll der Quark also hier?

    Und dass die Lagarde gegen Strauss-Kahn das wirklich gefährliche Biest ist, vor allem an einem Platz wie dem Steuermannssessel des IWF, das ist auch nicht erst seit diesem Zeit-Bericht klar, schon während ihres durchgestochenen Putsches an die Spitze des Währungsfonds war das den meisten einigermassen neutralen Beobachtern sonnenklar.

    Lagarde den IWF auszuliefern war und ist weit dümmer als eine Horde Böcke als hochbezahlte Gärtner für den Schlossgarten einzustellen ....

  8. "Verdächtige Zeugin", weil die Indizien für eine Anklage nicht reichen. Otto Normalo hat doch nichts anderes erwartet.
    Wird Christian Wulff nun auch zum verdächtigen Zeugen? Wäre doch justierbar
    die Waage der Gerechtigkeit, die, oh welcher Zufall, stets für die Reichen und Schönen dieser Welt ausschlägt.

    Eine Leserempfehlung

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  • Quelle ZEIT ONLINE, dpa, AFP, Reuters, ds
  • Schlagworte Bernard Tapie | Christine Lagarde | Adidas | Ermittlung | Finanzminister | Straftat
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