Firmensitz der CT Corporation © Thorsten Schröder

Der helle Backsteinbau ist unauffällig. Ein langgezogener Häuserblock. Der einzige Farbtupfer ist eine weinrote Markise über dem Eingang. Briefkästen gibt es hier nicht. Nur eine Klingel, die den Besucher filmt. Die erste Glastür öffnet sich. Und noch eine. Dann ist Schluss. Eine Empfangsdame winkt ab. Presseanfragen bitte an die Zentrale in New York. Auf Wiedersehen.

Hier, in der North Orange Street #1209 in Wilmington, hat die CT Corporation ihre Niederlassung. Es ist ein Unternehmen, dessen Geschäfte Diskretion verlangen. Denn CT Corporation hat die Registrierung von Unternehmen zum Geschäftsmodell erkoren – und nirgendwo läuft es besser als hier in Wilmington, der 70.000-Einwohner-Stadt.

Geschätzte 200.000 Firmen sind unter der Adresse North Orange Street #1209 gemeldet. Allesamt Briefkastenfirmen – ohne Briefkasten. Zu den Unternehmen gehören US-Konzerne wie Apple und Google,  aber auch deutsche Firmen wie Daimler und Volkswagen. Das hat dem unscheinbaren Bürogebäude sogar einen Eintrag in Wikipedia eingebracht. "Die Firmen existieren nur in der Schublade des Schreibtisches irgendeines Anwalts", sagt David Brunori, Jurist an der George Washington University in Washington. "Delaware ist ihr Briefkasten. Es gibt keinen Schreibtisch, keinen Stift, keine Sekretärin."

"Unternehmenshauptstadt der Vereinigten Staaten"

Gerade einmal 917.000 Menschen leben in Delaware, gut zwei Stunden südlich von New York City. Doch der zweitkleinste Bundesstaat der USA nennt sich selbstbewusst "Unternehmenshauptstadt der Vereinigten Staaten". Schaut man sich die Zahlen an, haben die Marketingexperten Delawares recht: Mehr als eine Million Unternehmen ist hier registriert, darunter 64 Prozent der 500 weltweit größten börsennotierten Konzerne. Warum das so ist? CT Corporation hat eine unverfängliche Erklärung dafür parat: "Firmen wählen Delaware wegen seines hervorragenden Unternehmensrechts, der erfolgreichen Anwaltschaft und dem wirtschaftsorientierten Gericht", teilt das Unternehmen per E-Mail mit. 

Doch hinter so belanglosen Worten verbirgt sich de facto eine knallharte, aggressive Steuerpolitik. Die wichtigste Regelung: Delaware erhebt für Holdings, die nicht vor Ort produzieren, außer einer jährlichen Registrierungsgebühr keine weiteren Unternehmenssteuern. Gewinne aus Lizenzen, Patenten, Marken- und Urheberrechten sind ebenfalls steuerfrei. Hunderttausende Unternehmen haben deshalb in Delaware in den vergangenen Jahrzehnten Töchterfirmen gegründet. "Sie rechnen ihre Steuerlast niedrig, indem sie Gewinne nach Delaware verschieben", sagt Jurist Brunori, "Sie kommen vor allem aus einem Grund: um anderswo Steuern zu sparen." 

Anderen Staaten entgehen auf diese Weise jedes Jahr Steuergelder in Millionen-, wenn nicht Milliardenhöhe. Kaum überraschend, dass Delaware in der Kritik steht – und auch ausgerechnet aus der eigenen Branche der Steuerparadiese. Staaten wie die Cayman-Inseln oder Luxemburg kritisieren das Geschäftsmodell Delawares scharf. "Delaware und Nevada sind Steuerparadiese und Paradiese für die Geldwäsche, diese müssen genauso trockengelegt werden", sagte die österreichische Finanzministerin Maria Fekter, die sich selbst so schwertut mit der Aufgabe des Bankgeheimnisses. Der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble prangerte ebenfalls jüngst die Doppelmoral der USA an. "Im eigenen Land sind die Amerikaner im Kampf gegen Steueroasen auch nicht so konsequent, wenn man an den Bundesstaat Delaware denkt", sagt er.

Richard Geisenberger winkt ab. Zu oft schon hat er diese Vorwürfe gehört. "Die Wahrheit ist: Wir haben uns an die Bedürfnisse der Unternehmen angepasst", sagt er. Der 48-Jährige ist der Chefstratege Delawares, wenn es um Unternehmenssteuern geht. Er leitet die Unternehmensabteilung im Staatsministerium.

Jetzt sitzt er in einem großen Konferenzraum des Elbert-N.-Carvel-Gebäudes, dem Ministeriumssitz in Wilmington. Schwere Teppiche schlucken jeden Schritt, an den Wänden hängen Fotografien von Delaware. Der riesige, dunkle Konferenztisch lässt Geisenberger kleiner wirken, als er ist. Schwarze, elegante Brille, edler Anzug: Geisenberger erinnert eher an einen erfolgreichen Manager als an einen Politiker.