Soll Marihuana künftig legal gehandelt werden dürfen? Vielen klingt die Forderung abwegig. Doch ein neuer Bericht der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) verschafft der Idee neuen politischen Schwung – zu Recht. Denn die Kriminalisierung des Handels befeuert den Drogenkrieg in den Schmuggelländern Lateinamerikas. Wäre Cannabis legal, so die Hoffnung, wäre der brutalen Gewalt wenigstens teilweise die Grundlage entzogen.

Der OAS-Report enthält interessante Zahlen: Nur ein Prozent des Umsatzes, der mit illegalen Drogen gemacht wird, geht an die Produzenten der heißen Ware, an die Bauern oder Laboranten. 65 Prozent des Geldes stecken jene ein, die den Handel kontrollieren. Der Schmuggel über Staatsgrenzen hinweg ist gefährlich, und die Herrscher über die illegalen Vertriebsorganisationen lassen sich ihr hohes Verlustrisiko gut bezahlen.

Wäre das Geschäft legal, so das Kalkül von Experten, fiele die Grundlage für die hohen Margen weg. Könnte jeder Cannabis anbauen und Marihuana verkaufen, gäbe es Wettbewerb, die Preise würden fallen und mit ihnen die Gewinne. Erste Anzeichen dafür scheint es in den USA bereits zu geben, wo die Bundesstaaten Colorado und Washington gerade den Gebrauch von Marihuana für nicht-medizinische Zwecke legalisieren.

Zögen die anderen Verbraucherstaaten nach, wäre der Drogenhandel womöglich bald kein Geschäft mehr, für das es sich zu töten lohnte: Das ist die große Hoffnung, die hinter der Legalisierungsdiskussion steckt.

Drogenkrieg verschärfte die Gewalt

Die Strategie des militärischen Drogenkriegs, vor mehr als 40 Jahren von US-Präsident Richard Nixon ausgerufen, ist gescheitert. In vielen Transitländern Lateinamerikas ist die Macht des Staats ausgehöhlt. Zum Beispiel in Mexiko, wo der frühere Präsident Felipe Calderón seit 2006 rund 80.000 Soldaten und Polizisten auf die Straßen schickte mit dem Auftrag, die Drogenkartelle zu bekämpfen. Seither starben Zehntausende. Genaue Zahlen kennt niemand, von 50.000 bis 70.000 Toten ist die Rede. Weitere 10.000 Menschen sollen verschwunden sein, rund 120.000 auf der Flucht vor der Gewalt. 

Häufig werden die Toten nicht identifiziert. Dennoch gehen die mexikanischen Behörden grundsätzlich davon aus, dass es sich um Kriminelle handelt, die den Kämpfen zwischen rivalisierenden Drogenbanden zum Opfer fielen – selbst wenn es dafür keine Indizien gibt außer den bizarren Botschaften, welche die Mörder am Tatort hinterlassen. Die Täter kommen meist ohne Strafe davon. Die Drogenkartelle seien ein Teil der mexikanischen Gesellschaft, sagt Edgardo Buscaglia, der die organisierte Kriminalität im Land seit Jahren erforscht. Die Banden sollen inzwischen rund 70 Prozent der Kommunen im Land kontrollieren.  

Allen ist klar, dass es so nicht weitergehen kann. Vor allem die lateinamerikanischen Staaten haben deshalb in der Vergangenheit auf eine offene Legalisierungsdebatte gedrängt. Sie leiden am stärksten unter der Gewalt.