Petersberger Klima-DialogEnergiewende ist mehr als nur Ökostrom

Deutschland wird seine CO2-Einsparziele wohl verpassen. Doch darüber redet kaum jemand. Lieber schwärmt die Bundesregierung vom Boom der Erneuerbaren. von Oliver Geden

Wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel am Montag in Berlin auf dem 4. Petersberger Klimadialog spricht, einem informellen Ministertreffen, wird sie vor hochrangigen Vertretern aus aller Welt nicht nur Fortschritte in der internationalen Klimapolitik anmahnen. Gemeinsam mit Umweltminister Peter Altmaier wird sie auch die deutsche Vorreiterrolle im Klimaschutz hervorheben und die Energiewende als klimapolitisch nachahmenswertes Vorbild präsentieren. Dies ist keineswegs nur die Position der Bundesregierung. Kanzlerin und Umweltminister artikulieren damit eine Haltung, die in Deutschland über alle politischen Lager hinweg geteilt wird.

Dass die Zahlen jedoch eine andere Sprache sprechen, dass die CO2-Emissionen zuletzt angestiegen sind statt zu fallen, dass es nicht genügt, die Erneuerbaren im Stromsektor rasant auszubauen, wird hierzulande gerne übersehen. Der selbst auferlegte Druck, dass Deutschland der Welt mit der Energiewende etwas beweisen müsse, hat in allen Parteien und selbst bei vielen Nicht-Regierungsorganisationen (NGO) den Willen zur Selbstkritik erlahmen lassen. Doch mit einem Übermaß an Selbstzufriedenheit ist dem internationalen Ansehen der Energiewende letztlich nicht gedient – im Gegenteil.

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Selbstverständlich hat die Energiewende einige Erfolgsstories zu bieten, doch diese bleiben auf einen einzigen Sektor beschränkt: der Stromerzeugung. Diese steht auch im Mittelpunkt der öffentlichen Debatte. Der Atomausstieg geht relativ reibungslos vonstatten. Deutschland erzielte in den vergangenen Jahren einen Stromexportüberschuss. Und der Anteil der Erneuerbaren am Stromverbrauch lag im vergangenen Jahr bereits bei beeindruckenden 23 Prozent. Das von der Bundesregierung für 2020 gesetzte Ziel von 35 Prozent dürfte wohl deutlich übertroffen werden.

Oliver Geden
Oliver Geden

Oliver Geden ist Klimapolitik-Experte bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin. 

Das war es dann im Wesentlichen aber auch schon. Der bis 2020 geplante Anteil der Erneuerbaren am Gesamtenergieverbrauch, also inklusive Verkehr und Wärmesektor, wird zwar erreicht werden, liegt mit dann 18 Prozent aber immer noch unter dem EU-Durchschnitt. Und bei einer Vielzahl der für 2020 gesetzten Energiewende-Ziele muss man schon jetzt feststellen, dass sie nicht erreicht werden können – sei es die Senkung des Energieverbrauchs, der Ausbau der Elektromobilität oder die Minderung der Treibhausgasemissionen.

Für die internationale Reputation der deutschen Energiewende ist vor allem die Entwicklung der Kohlendioxid-Emissionen von Bedeutung. Das ist global die einzig relevante Kennzahl. Dass es hier nicht zum Besten steht, ist bei all den Erfolgsmeldungen zum Ökostrom fast untergegangen, jedenfalls in der deutschen Öffentlichkeit. Im vergangenen Jahr sind die Treibhausgasemissionen insgesamt um 1,6 Prozent angewachsen, ohne dass Umwelt-NGO vernehmbar protestiert hätten. Selbst im Stromsektor gab es einen Anstieg der Emissionen, weil hier nicht nur die Erneuerbaren an Anteil gewonnen haben, sondern auch die Stein- und Braunkohle.

Selbst wenn es sich bei den Zahlen für 2012 nur um einen einmaligen Ausreißer handelt: Das Ziel zu erreichen, die deutschen Treibhausgasemissionen bis 2020 um 40 Prozent zu senken, ist fast unmöglich – auch wenn alle Parteien es unterstützten und sämtliche Energiewendeszenarien darauf aufbauen. Zwar sind die Emissionen seit 1990 um eindrucksvolle 25,5 Prozent zurückgegangen, allerdings stark begünstigt durch den Zusammenbruch der Industrie in Ostdeutschland nach der Wende.

Leserkommentare
    • Atan
    • 06. Mai 2013 12:15 Uhr

    die Welt retten!"

    Welcher Staat auf diesem Planeten macht bitte seine Energiepolitik ernsthaft davon abhängig, wie erfolgreich die Deutschen ökologisch mit ihrer "Energiewende" sind? Und wenn, dürfte dieser Erfolg allenfalls in den Vereinspostillen von Klimaktivisten ALLEIN anhand der CO2-Reduktion gemessen werden, alle anderen, d.h. die, welche nicht nur immer von Klimapolitik reden, sondern tatsächlich darüber entscheiden, werden sich fragen, welche anderen Erfolge noch damit verbunden sind, nämlich Entwicklung der Strom- und Energiepreise, Netzstabilität, allgemeine wirtschaftliche Entwicklung, Entwicklung von Technologie und Industrie, Unabhängigkeit von Energieimporten etc.

    Ich bin wirklich ärgerlich, dass das komplexe Problem Energiewende immer wieder durch so eine platte "Ökologistenpropaganda" banalisiert wird.

    In einer Welt, wo die größten CO2-Emittenten Tag für Tag empirisch nachweisbar politische Entscheidungen treffen, die Klimapolitik IMMER Erwägungen der Energie- und Versorgungssicherheit unterordnen, möchte ich wenigstens ein einziges Mal ein paar vernünftige Argumente für Ehrgeiz in der nationalen Klimapolitik sehen und nicht dieses völlig substanzlose Geschwätz, dass Deutschland durch sein "Vorbild" irgendwelche nennenswerte globale Reduktionen bewirken könnte.

    Diese könnte es allenfalls, wenn die Energiewende auch ein geostrategisches, gesellschaftlich und volkswirtschaftlich erfolgreiches Unternehmen wird.

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    könnten Sie ja einmal nach einschlägigen Vokabeln in ausländischen Sprachen googeln. Woher sonst wollen Sie wissen, wie die deutsche "Energiewende" in ausländischen Medien gesehen wird? Ein Beispiel wäre "FIT" (für "Feed in Tariffs") und "Germany", um an englischsprachige Medienbeiträge zu kommen.

    Was Sie dort finden können, sind durchaus kontroverse Beiträge, von ultrarechten Blogs aus den USA bis zu englischsprachigen Seiten aus dem asiatischen Raum, völlig absurdes Verschwörungstheater und kindlich-begeisterte Zustimmung.

    Die deutsche Energiewende wird wahrgenommen, kritisch begleitet. Ich würde mal sagen: die Welt ist neugierig, sehr interessiert, an dem, was Deutschland macht.

    Nur eins ist natürlich Unsinn: das Gerede von der "Weltrettung", die "die Deutschen" angeblich im Sinne haben. Die Verwendung solcher Vokabeln zeigt den an Fakten uninteressierten Troll.

  1. Die sogenannte Umweltpolitik hat nicht mal im Ansatz etwas mit Umweltschutz zu tun, sondern ist nur Klientelpolitik auf Kosten der Allgemeinheit.
    Seit der sogennanten Energiewende hat Deutschland seinen C02-Ausstoß nicht gesenkt, sondern erhöht, wie auch im Artikel erwähnt. Im gleichen Zeitraum sind allerdings die Energiepreise, die für ein Industrieland existenzgefährdend sind, extrem gestiegen. Dies gilt auch im internationalen Vergleich.

    Jede gute Politik hat etwas mit Effektivität, also einer Kosten-Nutzen Betrachtung von Gesetzen zu tun. Nahezu alle Gesetze, an denen die Grünen beteiligt waren, schneiden hier grausam ab.
    Nur mal so als kleines Beispiel für effektiven Umweltschutz: Es ist kein Geheimnis, dass eine fleischarme Ernährung die Umweltbelastung reduziert und ohne Einschränkung der Lebensqualität.

    Bei der mutwilligen Zerstörung der deutschen Wirtschaft sieht dies aber anders aus. Oder der völligen Abkehr von Eigenverantwortung insbesondere auf EU-Ebene.

    Die politische Macht der Grünen zum Schaden der deutschen Gesellschaft ist aber nur möglich durch die extrem wohlwollende Berichterstattung der Presse, insbesondere auch in der ZEIT.

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  2. "die Klimapolitik IMMER Erwägungen der Energie- und Versorgungssicherheit unterordnen"

    Das möchte ich auch stark hoffen. Was meinen sie, was hier los wäre, wenn ab und an die Stromversorgung, Wasserversorgung oder Gasversorgung zusammenbrechen würde?

    Die Volkswirtschaftlichen Kosten wären schon enorm, wenn bei VW mal für ein paar Stunden das Band still steht, oder die Bäcker morgens nichtmehr ihre Brötchen backen können.

    Deutschland will einfach zu viel und zu früh. Aus der Atomkraft aussteigen beisst sich halt mit der Einhaltung von irgendwelchen Klimazielen, denn durch die verstärkte Verbrennung von fossilen Kraftstoffen (und nichts anderes müssen wir gerade in Deutschland machen, denn sonst würde die Versorgungssicherheit leiden) versaut halt die Statistik. Da hat es ein Frankreich leichter, die CO2-Emissionen einzuhalten.

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  3. könnten Sie ja einmal nach einschlägigen Vokabeln in ausländischen Sprachen googeln. Woher sonst wollen Sie wissen, wie die deutsche "Energiewende" in ausländischen Medien gesehen wird? Ein Beispiel wäre "FIT" (für "Feed in Tariffs") und "Germany", um an englischsprachige Medienbeiträge zu kommen.

    Was Sie dort finden können, sind durchaus kontroverse Beiträge, von ultrarechten Blogs aus den USA bis zu englischsprachigen Seiten aus dem asiatischen Raum, völlig absurdes Verschwörungstheater und kindlich-begeisterte Zustimmung.

    Die deutsche Energiewende wird wahrgenommen, kritisch begleitet. Ich würde mal sagen: die Welt ist neugierig, sehr interessiert, an dem, was Deutschland macht.

    Nur eins ist natürlich Unsinn: das Gerede von der "Weltrettung", die "die Deutschen" angeblich im Sinne haben. Die Verwendung solcher Vokabeln zeigt den an Fakten uninteressierten Troll.

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    • Atan
    • 06. Mai 2013 13:42 Uhr

    zur Energiewende im Internet weitgehend irrelevant, solange ich nicht feststellen kann, dass mehr CO2-Emittenten ihre praktische Politik am deutschen Beispiel ausrichten.

    Ich könnte das Beispiel genausogut umdrehen: ein US-amerikanischer Aktivist könnte argumentieren, die USA müssten ihre Shale-Gas-Produktion weiter steigern, damit die Europäer endlich mitziehen. Oder die Franzosen ihre Kernenergieproduktion weiter steigern, weil dann in Europa eine Renaissance der Atomkraft einsetzt. Nur fehlt wie im Artikel jeder empirische Beleg, dass internationale Energiepolitik nennenswert über "beispielhaftes Verhalten" einzelner Nationen gestaltet wird. Ich halte z.B. Kosten und Verfügbarkeit von Energie für vielfach wichtigere Faktoren.

    Für die Energieproduktion eines Landes sind die CO2-Emissionen allenfalls ein Faktor unter vielen, und für viele Länder außerhalb der EU oft ein eher unerheblicher. Genauso wie hier Fracking und Atomenergie eben nicht als sinnvolle Wege der Emissionsreduzierung angesehen werden, gibt es in jedem Land eben ganz spezifische Anforderungen; und nur an dieser Gesamtheit spezifischer Kriterien wird der Erfolg des "deutschen Beispiels" bewertet.

    @petiteplanet
    Die Blogs, die Sie verlinkt haben, sind deutsche Quellen in englischer Sprache, eine davon die Heinrich-Böll-Stiftung der Grünen. Also dezidiert parteiisch pro-erneuerbare.

    • CTB
    • 06. Mai 2013 12:48 Uhr

    Im Schwarzwald steht auf dem "Hutneck" ein Windrad mit Nennleistung 2 MW. Stolz vermeldet der Betreiber die in einem Jahr abgegebene Arbeit: Sage und schreibe 4 GW.
    Lust auf Grundrechenarten?
    Ein Jahr hat 8760 Stunden. Das Windrad hat sich bequemt, an 2000 Stunden zu drehen. Das entspricht einem Wirkungsgrad von 22,8%.
    Rücksprache beim Betreiber: Ja, das stimmt. Mehr ist im Schwarzwald nicht zu holen.

    Und wir "wollen" die Energiewende? Bei 500 TWh/a (Strombedarf Deutschlands etwa 2005) entspricht das einer Stundenleistung von 57 GWh. Nochmal nachrechnen: Wenn ein Windrad 4 GWh/a liefert, dann brauchen wir davon 125.000 Stück. Haben Sie noch etwas Platz im Garten?

    Bauern verlangen als Pacht an guten Standorten bis zu 50.000 Euro PRO JAHR. Wir haben´s ja.

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  4. ... für die ausländische Wahrnehmung zur Energiewende sind auf energytransition.de/blog ud renewablesinternational.net zu finden. Da lernt man sogar als Deutscher sehr viel.

    Der Autor hat recht: Im Ausland schauen alle auf CO2-Emissionen.

    Und CTB, Sie meinen wohl mit "4 GW" eher GWh.

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  5. Der Durchschnitt in D liegt für Wind bei 17%.

    Solar ist noch schlecht und liegt bei 10%. Und jetzt das schöne: Ein Dach ohne PV ist 0% effizient. Der Schwarzwald ohne Windräder auch.

    Die Angaben für den Wirkungsgrad oder capacity factor sind irreführend. Sie müßten immer als Plus verstanden werden, weil nichts verloren geht. Ganz anders ein Kohlekraftwerk bspw.: 33% Wirkungsgrad aber die Kohle ist für immer verloren.

    Die Sonne und der Wind gehen verloren, wenn wir sie *nicht* nutzen.

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  6. Es ist reine Ideologie, ja schon fast Religion und alle möglichen klimaschonenden Produkte sind die Ablassbriefe.

    [...]

    Gekürzt. Bitte verzichten Sie auf unnötige Polemik. Danke, die Redaktion/sam

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    Und warum soll @Dragonborn auf Polemik verzichten? Ist denn dann, wenn jemand vorgibt "das Klima schützen" zu wollen, deutliche Polemik nicht angebracht?

    Nach unseren bisher noch sehr vagen Abschätzungen werden in Deutschland mittlerweile aus allen staatlichen Töpfen zusammengenommen in der Größenordnung von fünf Mrd. Euro für Öko-Propaganda ausgegeben, dabei ein erheblicher Teil in Sachen Klima. Fünf Milliarden pro Jahr.

    Für die Redaktion zum Nachrechnen: Wir haben auf der Welt nicht nur 7 Mrd. Menschen, sondern auch große Mengen Luft und Wasser. Pro Nase sind es 763.000 Tonnen Luft und 200 Millionen (!) Kubikmeter Wasser, das meiste davon im Meer. Vielleicht kann mir jemand ja mal vorrechnen, wie lange unter der unwirklichen Annahme, daß man die Luft- und Wasservolumen der einzelnen Menschen voneinander trennen könnte, es dauern soll, bis der Deutsche Michel durch intensivste Bemühungen zum "Klimaschutz" auch nur "seinen" Anteil gegenüber dem eines anderen in seiner chemischen Zusammensetzung MESSBAR verändert hätte.

    Wären das hundert Jahre? Tausend? Oder länger?

    Der CO2-Gehalt der Luft wird durch die Natur gesteuert, insbesondere durch die Prozesse der Ozeanchemie. Die Vorstellung, daß eine politische Kaste mit einem politischen Programm bis hin zur Zerschlagung der industriellen Produktion die chemische Zusammenstzung der Atmosphäre steuern könnte, ist nichts anderes als esoterischer Mummenschanz. Da ist es wohl berechtigt, deutliche Worte zu sprechen.

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