Wenn Bundeskanzlerin Angela Merkel am Montag in Berlin auf dem 4. Petersberger Klimadialog spricht, einem informellen Ministertreffen, wird sie vor hochrangigen Vertretern aus aller Welt nicht nur Fortschritte in der internationalen Klimapolitik anmahnen. Gemeinsam mit Umweltminister Peter Altmaier wird sie auch die deutsche Vorreiterrolle im Klimaschutz hervorheben und die Energiewende als klimapolitisch nachahmenswertes Vorbild präsentieren. Dies ist keineswegs nur die Position der Bundesregierung. Kanzlerin und Umweltminister artikulieren damit eine Haltung, die in Deutschland über alle politischen Lager hinweg geteilt wird.

Dass die Zahlen jedoch eine andere Sprache sprechen, dass die CO2-Emissionen zuletzt angestiegen sind statt zu fallen, dass es nicht genügt, die Erneuerbaren im Stromsektor rasant auszubauen, wird hierzulande gerne übersehen. Der selbst auferlegte Druck, dass Deutschland der Welt mit der Energiewende etwas beweisen müsse, hat in allen Parteien und selbst bei vielen Nicht-Regierungsorganisationen (NGO) den Willen zur Selbstkritik erlahmen lassen. Doch mit einem Übermaß an Selbstzufriedenheit ist dem internationalen Ansehen der Energiewende letztlich nicht gedient – im Gegenteil.

Selbstverständlich hat die Energiewende einige Erfolgsstories zu bieten, doch diese bleiben auf einen einzigen Sektor beschränkt: der Stromerzeugung. Diese steht auch im Mittelpunkt der öffentlichen Debatte. Der Atomausstieg geht relativ reibungslos vonstatten. Deutschland erzielte in den vergangenen Jahren einen Stromexportüberschuss. Und der Anteil der Erneuerbaren am Stromverbrauch lag im vergangenen Jahr bereits bei beeindruckenden 23 Prozent. Das von der Bundesregierung für 2020 gesetzte Ziel von 35 Prozent dürfte wohl deutlich übertroffen werden.

Das war es dann im Wesentlichen aber auch schon. Der bis 2020 geplante Anteil der Erneuerbaren am Gesamtenergieverbrauch, also inklusive Verkehr und Wärmesektor, wird zwar erreicht werden, liegt mit dann 18 Prozent aber immer noch unter dem EU-Durchschnitt. Und bei einer Vielzahl der für 2020 gesetzten Energiewende-Ziele muss man schon jetzt feststellen, dass sie nicht erreicht werden können – sei es die Senkung des Energieverbrauchs, der Ausbau der Elektromobilität oder die Minderung der Treibhausgasemissionen.

Für die internationale Reputation der deutschen Energiewende ist vor allem die Entwicklung der Kohlendioxid-Emissionen von Bedeutung. Das ist global die einzig relevante Kennzahl. Dass es hier nicht zum Besten steht, ist bei all den Erfolgsmeldungen zum Ökostrom fast untergegangen, jedenfalls in der deutschen Öffentlichkeit. Im vergangenen Jahr sind die Treibhausgasemissionen insgesamt um 1,6 Prozent angewachsen, ohne dass Umwelt-NGO vernehmbar protestiert hätten. Selbst im Stromsektor gab es einen Anstieg der Emissionen, weil hier nicht nur die Erneuerbaren an Anteil gewonnen haben, sondern auch die Stein- und Braunkohle.

Selbst wenn es sich bei den Zahlen für 2012 nur um einen einmaligen Ausreißer handelt: Das Ziel zu erreichen, die deutschen Treibhausgasemissionen bis 2020 um 40 Prozent zu senken, ist fast unmöglich – auch wenn alle Parteien es unterstützten und sämtliche Energiewendeszenarien darauf aufbauen. Zwar sind die Emissionen seit 1990 um eindrucksvolle 25,5 Prozent zurückgegangen, allerdings stark begünstigt durch den Zusammenbruch der Industrie in Ostdeutschland nach der Wende.