Ist für François Hollande, Frankreichs glücklosen Präsidenten, schon alles verloren? Es gibt politische Beobachter, die das anders sehen. "Hollande hat die Chance, als zweiter Mitterrand in die Geschichte einzugehen", sagt die Frankreich-Expertin Ulrike Guérot, die das Berliner Büro des European Council on Foreign Relations (ECFR) leitet. "Er kann als linksgerichteter Politiker das Land reformieren – etwas, das die Rechte in all den Jahren zuvor nicht geschafft hat."

Tatsächlich ist François Mitterrand, Präsident in den Jahren 1981 bis 1995, Hollandes großes Vorbild. Noch sind die Urteile über das erste Amtsjahr von Hollande zwar vernichtend, die wirtschaftliche Lage des Landes ist desolater denn je. Doch es gibt auch Gründe für Optimismus.

Einer davon ist ausgerechnet die Ankündigung der Europäischen Kommission vom vergangenen Freitag, Frankreich wegen der Rezession zwei Jahre Aufschub zum Erreichen der Defizitgrenze zu gewähren. Die Regierung in Paris muss die Neuverschuldung nun erst Ende 2015 unter die Drei-Prozent-Marke von Maastricht drücken. Das nimmt Druck aus dem Kessel, den in erster Linie nicht die konservative französische Opposition, sondern die extreme Linke gerne zum Überkochen bringen würde. Jene Gruppierung unter dem Wortführer Jean-Luc Mélenchon also, mit deren Stimmen Hollande voriges Jahr im zweiten Wahlgang überhaupt erst Präsident werden konnte und die nun eine Abkehr von einer angeblich aus Berlin diktierten "Austeritätspolitik" fordert.

Jetzt rächt sich, dass der Präsident als Kandidat genau das versprochen hatte. "Die Erwartungen nach der Wahl waren sehr groß", sagt Claire Demesmay, Frankreich-Expertin bei der Deutschen Gesellschaft für auswärtige Politik. Vielen Menschen sei nach wie vor nicht klar, dass es angesichts der wirtschaftlichen Lage keine großen Wohltaten geben wird.

Das Verständnis für den Präsidenten schwindet

Die Lockerung der Zügel in Brüssel sei keineswegs "ein Anreiz nachzulassen oder gar faul zu werden", versichert zwar Wirtschafts- und Finanzminister Pierre Moscovici. Aber: "Wenn es nächstes Jahr kein Wachstum gibt, wird es nicht nötig sein, zusätzliche Anpassungen im Haushalt vorzunehmen". Bisher sind 14 Milliarden Euro an Einsparungen vorgesehen. Angesichts des fehlenden Wirtschaftswachstums und der historisch hohen Arbeitslosigkeit von mehr als 3,2 Millionen Menschen schwindet allerdings zusehends das Verständnis für den eingeschlagenen Weg.

Es hilft nicht, darauf zu verweisen, dass die Probleme größtenteils geerbt sind und konservative Vorgängerregierungen seit mindestens zehn Jahren Reformen versäumt haben. Hasardeure wie Mélenchon und auch die rechtsextreme Front National von Marine Le Pen erhalten Zulauf. Würden morgen Präsidentschaftswahlen in Frankreich stattfinden, Hollande schaffte es Umfragen zu Folge nicht mal mehr in die Stichwahl. Stattdessen würde Le Pen gegen Hollandes Amtsvorgänger Nicolas Sarkozy antreten.

Immer drängender wird deshalb auch in den Reihen der Sozialisten die Forderung, Berlin die Stirn zu bieten, die Haushaltsdisziplin aufzugeben und das Wachstum zur Not mit mehr Schulden anzukurbeln. Selbst Parlamentspräsident Claude Bartolone, dessen Stimme als dritthöchster Amtsträger im Land durchaus Gewicht hat, forderte offen eine "Konfrontation" mit der Bundesregierung. Ausgerechnet im Jubiläumsjahr von 50 Jahren deutsch-französischer Freundschaft ist die Verhältnis der beiden Staaten unterkühlt.