Nein, Frankreich soll nicht werden wie Deutschland. Eine Germanisierung unseres großen Nachbarn im Westen wäre das Schlimmste, was geschehen könnte, für die Franzosen und für uns. Schließlich fühlen sich Millionen Deutsche zu Frankreich, seinen Menschen und seiner Lebenskultur hingezogen, weil manches dort ganz anders ist als bei uns. Bei vielen Franzosen ist das übrigens ähnlich: Sie schätzen an Deutschland seine Effizienz, seine Organisation der staatlichen Verwaltung und die Zuverlässigkeit des öffentlichen Nahverkehrs. (Für die Spötter: Das gilt alles in allem auch für Berlin). Vielleicht sind beide Länder gerade wegen ihrer Gegensätzlichkeit auf der europäischen Bühne lange ein so gutes Paar gewesen.

Nun drohen aber seit dem Machtwechsel in Frankreich von Nicolas Sarkozy zum Sozialisten François Hollande die Gegensätze in der Wirtschafts- und Finanzpolitik das Gemeinsame mehr und mehr zu überlagern. Die Bundeskanzlerin ist bei ihrem Besuch in Paris von einer düsteren deutschen Hintergrundmusik aus dem eigenen politischen Lager begleitet worden, in der die Tonlage "Zur Not eben ohne Frankreich" kaum zu überhören ist. Deutschland an der Spitze einer nordeuropäischen Euro-Stabilitätspolitik, Frankreich als Anführer der Südeuropäer, die in einer Vergemeinschaftung der Schulden eher die Rettung sehen als in Reformen und schmerzenden Einschnitten? Paris und Berlin also nicht mehr der im Gleichklang laufende Motor Europas?

Die Frage ist falsch gestellt. Ein Europa, in dem die beiden wichtigsten Wirtschaftsmächte gegeneinander arbeiten, wird auseinanderfallen. Da, wo Angela Merkel die existenziellen Nöte der Südeuropäer ernster nehmen und für ihre Linderung auch gegen die Hardliner in den eigenen christ- und liberaldemokratischen Reihen kämpfen muss, geht es für Hollande um den Bruch mit einer zur Last gewordenen Vergangenheit, unter deren Gewicht Frankreich ohne tief greifende Reformen über kurz oder lang zerbrechen wird.

Die französische Gesellschaft, die Wirtschaft und die öffentliche Verwaltung sind bis heute durch die zentralistische und absolutistische Ausrichtung der Kardinäle und Staatsmänner Richelieu und Mazarin im 17. Jahrhundert geprägt. Deren Kern war das Bestreben des Staates, durch eine massive Kontrolle der gesamten Wirtschaft die Staatseinnahmen maximieren zu können. Das überholte, staatsinterventionistische Vorgehen blockiert die Wirtschaft unseres Nachbarlandes bis heute. Dieses Denken verhindert das Entstehen eines industriellen Mittelstandes und erstickt jedes Innovationsbemühen. Die Allmacht der Bürokratie lässt handwerkliche Berufe genauso unattraktiv erscheinen wie ein Ingenieurstudium oder gar den Gedanken, sich selbstständig zu machen. Das Ergebnis ist Mittelmaß, Passivität und Unproduktivität.

Der Sozialist an der Spitze Frankreichs weiß um die Defizite seines Landes. Aber so wie Deutschland vor den Hartz-Reformen und der oft geschmähten Agenda 2010 hat Frankreich heute kein Erkenntnis-, sondern ein Umsetzungsproblem. Die Menschen ahnen, alle Umfragen zeigen es, viel stärker als die Gewerkschaften und die politische Kaste, dass sich in Frankreich viel ändern muss, gerade, wenn das Land so unverwechselbar bleiben will. Dieses Einmalige ist mit der Formel vom "savoir vivre", dem Wissen, wie man lebt, vielleicht unvollkommen, aber dennoch zutreffend umschrieben. Und keine Reform würde es gefährden.

Erschienen im Tagesspiegel