ZEIT ONLINE: Herr Braungart, wozu brauchen wir noch Wachstum?

Michael Braungart: Natürlich brauchen wir noch Wachstum, aber für völlig andere Ziele als bisher. Bildung, Lebensqualität, sauberes Wasser – wenn wir das alles verbessern und aufräumen wollen, haben wir in den nächsten 150 Jahren genug zu tun. Wir wollen doch wachsen, also werden wir es auch.

ZEIT ONLINE: Die Rohstoffe der Erde aber sind begrenzt. Deshalb wäre Verzicht vielleicht angebracht.

Braungart: Moment. Die Welt ist unerträglich, wie sie ist, das stimmt. Aber uns hilft dieses rückwärtsgewandte Schuldmanagement nicht weiter, bei dem wir mit strengen Vorgaben und riesigem Kontrollaufwand die Menschen gängeln. Mir geht es um Innovation, um Qualität, um Schönheit. Wir brauchen neue, kluge Produkte, die uns umgeben. Warum reißen wir etwa nicht alle Gebäude der sechziger und siebziger Jahre komplett nieder und ersetzen sie durch etwas Besseres?

ZEIT ONLINE: Wie bitte?

Braungart: Diese Häuser machen die Menschen krank. Als sie gebaut wurden, hat man gutes Handwerk durch schlechte Chemie ersetzt, diese Gebäude sind mit Holzschutzmitteln und anderen Chemikalien verseucht. Asthma ist heute die häufigste Kinderkrankheit überhaupt. Wir sollten diese Gebäude komplett abreißen. Wissen Sie, wir können uns so viel mit dem Aufräumen dieses Planeten beschäftigen, dass wir uns über das Wachstum der Zukunft wirklich keine Sorgen machen müssen.

ZEIT ONLINE: Abreißen und Wegschmeißen widerspricht aber komplett dem deutschen Denken. Wir perfektionieren doch gerade das Recycling: also nicht die Zerstörung, sondern die Wiederverwertung von Produkten. Was ist daran falsch?

Braungart: Seien wir erst einmal ehrlich: Die meisten Produkte sind doch für das Recycling gar nicht gemacht. Ein Beispiel: Ein Werbeprospekt, gedruckt in Malaysia, erhält rund 90 giftige krebserzeugende Substanzen. Er landet in unserem Altpapier und wird wieder aufbereitet. Die giftigen Chemikalien landen dann in Schlamm und Schlacke und am Ende als Füllstoff in Kartons. Das Mistzeug, einmal in der Welt, vergiftet also am Ende unsere Pizzapackung und unsere Adventskalender.

ZEIT ONLINE: Was ist die Alternative?

Braungart: Es nicht mehr so zu machen wie die Deutschen. Wir perfektionieren das Falsche und nennen das dann Umwelttechnik. In Wahrheit verlieren die Produkte auf jeder Verwertungsstufe an Wert. Das ist fatal. Ich will, dass die Intelligenz, die in einem Produkt steckt, in der nächsten Verwertungsstufe mindestens gleich bleibt oder sich erhöht.

ZEIT ONLINE: Geht das konkreter?

Braungart: Okay, ein kleines Beispiel zum Anfang. Nehmen Sie eine Wasserflasche aus Kunststoff, also aus PET. Der Kunststoff enthält das Schwermetall Antimon, das als stark krebserregend gilt. Die Coca-Cola in diesen Flaschen enthält deutlich mehr Antimon als unser Trinkwasser. Beim Recycling aber lässt sich das Antimon auswaschen. Die nächste Generation der PET-Flaschen ist höherwertiger. Ich nenne das "Upcycling". Das Produkt gewinnt an Wert.