Recycling"Die Welt ist unerträglich, wie sie ist"

Atmende Teppiche und stromerzeugende Drehtüren: Der Chemiker und Querdenker Michael Braungart plädiert für radikal neue Produkte – und für mehr Wachstum. von 

ZEIT ONLINE: Herr Braungart, wozu brauchen wir noch Wachstum?

Michael Braungart: Natürlich brauchen wir noch Wachstum, aber für völlig andere Ziele als bisher. Bildung, Lebensqualität, sauberes Wasser – wenn wir das alles verbessern und aufräumen wollen, haben wir in den nächsten 150 Jahren genug zu tun. Wir wollen doch wachsen, also werden wir es auch.

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ZEIT ONLINE: Die Rohstoffe der Erde aber sind begrenzt. Deshalb wäre Verzicht vielleicht angebracht.

Braungart: Moment. Die Welt ist unerträglich, wie sie ist, das stimmt. Aber uns hilft dieses rückwärtsgewandte Schuldmanagement nicht weiter, bei dem wir mit strengen Vorgaben und riesigem Kontrollaufwand die Menschen gängeln. Mir geht es um Innovation, um Qualität, um Schönheit. Wir brauchen neue, kluge Produkte, die uns umgeben. Warum reißen wir etwa nicht alle Gebäude der sechziger und siebziger Jahre komplett nieder und ersetzen sie durch etwas Besseres?

Michael Braungart
Michael Braungart

ist Chemiker und leitet das Hamburger Umweltforschungsinstitut EPEA. Im Herbst erscheint sein neues Buch The Upcycle auf deutsch. Zusammen mit seinem US-Kollegen William McDonough plädiert er darin für ein vollkommen neues Verständnis von Nachhaltigkeit. Vor Jahren prägten die beiden Vordenker den Begriff "Cradle to cradle" (von der Wiege bis zur Wiege) für eine Welt ohne Abfall.

ZEIT ONLINE: Wie bitte?

Braungart: Diese Häuser machen die Menschen krank. Als sie gebaut wurden, hat man gutes Handwerk durch schlechte Chemie ersetzt, diese Gebäude sind mit Holzschutzmitteln und anderen Chemikalien verseucht. Asthma ist heute die häufigste Kinderkrankheit überhaupt. Wir sollten diese Gebäude komplett abreißen. Wissen Sie, wir können uns so viel mit dem Aufräumen dieses Planeten beschäftigen, dass wir uns über das Wachstum der Zukunft wirklich keine Sorgen machen müssen.

ZEIT ONLINE: Abreißen und Wegschmeißen widerspricht aber komplett dem deutschen Denken. Wir perfektionieren doch gerade das Recycling: also nicht die Zerstörung, sondern die Wiederverwertung von Produkten. Was ist daran falsch?

Braungart: Seien wir erst einmal ehrlich: Die meisten Produkte sind doch für das Recycling gar nicht gemacht. Ein Beispiel: Ein Werbeprospekt, gedruckt in Malaysia, erhält rund 90 giftige krebserzeugende Substanzen. Er landet in unserem Altpapier und wird wieder aufbereitet. Die giftigen Chemikalien landen dann in Schlamm und Schlacke und am Ende als Füllstoff in Kartons. Das Mistzeug, einmal in der Welt, vergiftet also am Ende unsere Pizzapackung und unsere Adventskalender.

ZEIT ONLINE: Was ist die Alternative?

Braungart: Es nicht mehr so zu machen wie die Deutschen. Wir perfektionieren das Falsche und nennen das dann Umwelttechnik. In Wahrheit verlieren die Produkte auf jeder Verwertungsstufe an Wert. Das ist fatal. Ich will, dass die Intelligenz, die in einem Produkt steckt, in der nächsten Verwertungsstufe mindestens gleich bleibt oder sich erhöht.

ZEIT ONLINE: Geht das konkreter?

Braungart: Okay, ein kleines Beispiel zum Anfang. Nehmen Sie eine Wasserflasche aus Kunststoff, also aus PET. Der Kunststoff enthält das Schwermetall Antimon, das als stark krebserregend gilt. Die Coca-Cola in diesen Flaschen enthält deutlich mehr Antimon als unser Trinkwasser. Beim Recycling aber lässt sich das Antimon auswaschen. Die nächste Generation der PET-Flaschen ist höherwertiger. Ich nenne das "Upcycling". Das Produkt gewinnt an Wert.

Leserkommentare
  1. Also ich denke, dass der gute Mann sehr weit von jeglicher Realität entfernt ist. Während 2/3 der Menschheit unter höchst "unbequemen" Verhältnissen ihr karges Dasein fristen, denkt jemand über reinigende Teppiche und Drehtüren zur Stromerzeugung nach.

    Andererseits muss ich gestehen, dass vieles gar nicht so falsch ist, aber umsetzbar??? Nicht in diesem "unserem" Land!

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    • Tala00
    • 16. Mai 2013 8:52 Uhr

    Wenn wir nicht anfangen, wer dann? Irgendwo muss es ja beginnen, und in Afrika passiert's ganz sicher nicht, die haben, wie sie selber schreiben, genug andere Sorgen. Auf der anderen Seite, hat grade in unserer globalisierten Welt, was wir tun weltweite Auswirkungen, genau wie umgekehrt. Und so weiter machen wie bisher, munter die Erde vergiften, die Naturkatastrophen halt in Kauf nehmen, trifft ja doch nur die eh schon Armen, und der Klimawandel ist dann halt Problem unserer Kinder.... finden Sie das besser?

    • Xarx
    • 16. Mai 2013 9:56 Uhr

    Ich gebe zu das Interview ist mMn nicht konkret genug und eindeutig zu kurz um die Meinung von Braungart vollständig darzulegen. Was er will sind nicht nur reinigende Teppiche sondern geschlossene Stoffkreisläufe. Er möchte nichts weniger als, dass der Begriff Müll gewissermaßen aufhört zu existieren. Sämtliche Gegenstände werden so entwickelt, dass sie zu 100% wieder zurückgeführt werden oder vollkommen biologisch abbaubar sind.
    Und das ist ganz sicher kein deutsches sondern viel mehr ein globales Problem! Unser Elektroschrott wird zum Beispiel im großen Stil nach Afrika verschifft, soweit möglich wiederverwendet und der Rest großflächig unter freien Himmel abgefackelt (äh natürlich unter höchsten Sicherheitsstandards für die Menschen, sprich maximal nem Stofftuch). Und so kann man zahlreiche weitere Beispiele aufzählen bei denen Giftstoffe in Produkten unsere Umwelt sowie uns selbst schaden.
    Da kann ich um ehrlich zu sein in keinster Weise erkennen warum dass allein deutsche Sorgen sein sollten.

    Ach ja wer sich weiter mit dem Thema befassen möchte, hier mal eine deutlich ausführlichere Doku über Braungarts Prinzip "Cradle to Cradle":
    https://www.youtube.com/w...

    Kluge Menschen haben oft Schwierigkeiten ihre Ideen prägnant zu erklären. Das ist meiner Ansicht nach auch hier der Fall. Der Knackpunkt ist schon richtig, ich hätte mich aber nicht so an Beispielen abgearbeitet. Die ganze Ursache von sozialen Problemen, hier wie in Entwicklungsländern, sowie der ökologischen Probleme fußt im Grunde auf zwei "Grundtatbeständen". Der Tatsachenbestand Nummer 1 ist die exzessive Überbevölkerung, der Mensch hat, ganz neutral ohne Untergliederung in Nationen etc. sondern einfach wir als Spezies, sich seit der Industrialisierung in seiner Zahl versiebenfacht. Und potentiell wollen alle diese Menschen den technisch bestmöglichen Lebensstandard erreichen, ansonsten gelten sie als "arm" (ist ja immer ein relativer Begriff).

    Zweitens haben wir eine Art und Weise Wohlstand zu erreichen der in keinerlei Hinsicht zukunftsfähig ist. Zumindest diesen Faktor zu ändern scheint mir das Ziel des Mannes zu sein. Wenn wir schon soviele sind und der Mensch Bequemlichkeit liebt, also das anstrebt was wir vornehm als "Wohlstand" bezeichnen (Leben im Überfluss und in Bequemlichkeit), dann sollte man zumindest versuchen die ökologischen Folgen davon zu minimieren. Auch aus wirtschaftlicher Vernunft, so wie die natürlichen Ressourcen wie sauberes Wasser endlich sind, so sind es auch Metallerze etc., wenn wir also alles "verheizen" gibt es eines gar nicht so fernen Tages nicht nur keine lebenswerte Natur mehr um uns herum sondern auch gar keine Wohlstandsbasis mehr.

  2. Das mit dem Wachstum in Richtung Bildung finde ich gut, sowie das Umbauen von 60iger und 70iger Jahre Bauten. Aber wenn das schon passiert, dann bitte keine weiteren Betonklötze als "moderne" Neubauten deklarieren.

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    • Tala00
    • 16. Mai 2013 8:52 Uhr

    Wenn wir nicht anfangen, wer dann? Irgendwo muss es ja beginnen, und in Afrika passiert's ganz sicher nicht, die haben, wie sie selber schreiben, genug andere Sorgen. Auf der anderen Seite, hat grade in unserer globalisierten Welt, was wir tun weltweite Auswirkungen, genau wie umgekehrt. Und so weiter machen wie bisher, munter die Erde vergiften, die Naturkatastrophen halt in Kauf nehmen, trifft ja doch nur die eh schon Armen, und der Klimawandel ist dann halt Problem unserer Kinder.... finden Sie das besser?

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    Antwort auf ""Deutsche" Sorgen ..."
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    Bei dem Ressourcenverbrauch stellt sich die Frage erst gar nicht.
    Wir (und wir benutze ich äußert selten) werden fast alle etwas tun müssen, einfach weil uns auf Grund der Knappheit keine andere Wahl bleiben wird.

    Es wird Zeit für ein modernes Denken. Angefangen bei den Parteien.
    Wir brauchen eine Ressourcen Knappheitspartei und keine Rechts / Links Parteien.
    Wie weit dieses Denken von der Realität entfernt ist, hat ja Herr Greven gut gezeigt. Jeder der gegen den € ist, ist ja bei ihm Rechts.
    Wie man Rechts gegenüber einer Währung sein kann, ist mir Allerdings ein Rätsel.
    Wenn, dann wird umgekehrt ein Schuh draus, denn eine elitäre Klasse unterdrückt dank des Euros die Masse. Wenn das nicht Rechts ist, dann weiß ich auch nicht mehr.

    Wir brauchen des weiteren moderne Gesellschaftssysteme.

    Die Fischbestände werden nicht von selbst wieder zunehmen, die augestorbenen nicht wieder zum Leben erwachen, dass Wasser nicht von selbst wieder besser werden, der Müll nicht von selbst verschwinden und von den Naturschändungen haben wir bereits jetzt schon für Jahre im Voraus was.

    Die Kanzlerin kann sonst wie viel von Alternativlosigkeit reden, gerade sie als Physikerin sollte Wissen, dass fast alles auf Naturgesetzen beruht und endloser Wachstum bei begrenzten Ressourcen nicht möglich ist.

  3. Grundsätzlich bin ich ja auch auf Kurs von Herrn Braungart, nur stellen sich mir die Fragen:
    Warum ist das Antimon überhaupt in PET-Flaschen, wenn es doch auswaschbar ist?
    Wieso vergleicht Herr Braungart ein 30 Jahre altes TV Gerät mit völlig anderen Baugruppen mit einem aktuellen Gerät? Die haben doch höchstens den Namen und den Netzstecker gemein.

    Das mit dem "Upcycling" ist mir zu konstruiert. Mir erscheint das "Upcycling" völlig unnötig, wenn man schon bei der Herstellung auf bestimmte Stoffe verzichtet. Außerdem fehlt mir noch ein konstruktiver Vorschlag, wie man den aktuell verwendeten Giftmüll entsorgen kann bzw. "upcyceln" kann.

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    Ich glaube, es macht Sinn, das Problem von beiden Seiten anzugehen. Denn bis alle Hersteller überzeugt sind, keine Giftstoffe mehr einzubauen... weltweit... da vergehen sicherlich noch etliche Jahre. Sie haben natürlich in der Sache recht, aber effizienter ist es sicher, das Problem realistisch anzugehen und dort, wo schon Giftstoffe vorhanden sind, "upzucyceln". Ich wäre auch sehr dafür, dass unsere Politiker dafür sorgen, dass Unternehmen gesetzlich verpflichtet werden, Produkte ohne krebserregende Stoffe etc. herzustellen. Allein, der Glaube fehlt mir... :-(

    in PET-Flaschen, wenn es doch auswaschbar ist?

    Die Antwort ist einfach: es kostet Geld!

    Und hier liegt auch das zu lösende Problem, und da helfen keine Stromproduzierenden Drehtüren!

    So lange wir in einem System leben, dem Geld wichtiger ist als die Gesundheit der Menschen, wird sich nichts grundlegendes ändern.

    Damit mich niemand falsch versteht - wenn eine Drehtür zusätzlich noch Strom erzeugt, der dann nicht mehr mittels Atomkraftwerken hergestellt werden muss, ist das grundsätzlich zu begrüßen.
    Die eigentlichen Probleme unserer Gesellschaft lösen wir damit aber nicht!

  4. "Aber doch nur deshalb, weil es jetzt weniger schädlich ist als vorher."

    Äh... "nur"...? Ist das kein gewichtiger Grund...?

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  5. Ich glaube, es macht Sinn, das Problem von beiden Seiten anzugehen. Denn bis alle Hersteller überzeugt sind, keine Giftstoffe mehr einzubauen... weltweit... da vergehen sicherlich noch etliche Jahre. Sie haben natürlich in der Sache recht, aber effizienter ist es sicher, das Problem realistisch anzugehen und dort, wo schon Giftstoffe vorhanden sind, "upzucyceln". Ich wäre auch sehr dafür, dass unsere Politiker dafür sorgen, dass Unternehmen gesetzlich verpflichtet werden, Produkte ohne krebserregende Stoffe etc. herzustellen. Allein, der Glaube fehlt mir... :-(

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    Antwort auf "Hmm...."
  6. Mir kann die Umsetzung solcher Ideen garnicht schnell genug gehen. Das würde zwar oft den Preis des Produkts erhöhen, aber in den meisten Fällen wäre das nicht viel pro Einheit (die zu erwartenden Gewinneinbrüche fürs Unternehmen, wenn das Produkt 10cent mehr kostet als bei der Konkurrenz sind hier eher das Problem). Mir sind solche Produkte auch durchaus mehr (viel mehr..) Geld wert.

    Mein Problem ist aber die immer gleiche Phrase, wie auch hier im letzten Absatz. Der Kunde kann eben nicht so einfach Entscheiden, da er keine Möglichkeit hat, die in der Werbung gemachten Aussagen zu prüfen. Erst wenn das Lügen in der Werbung (auch auf Produktpackungen und in Wort UND Bild) hart bestraft wird (höher als der zu erwartende Gewinnzuwachs) und viel mehr Daten offen gelegt werden müssen (und wenn auch nur für unabhängige Prüfer), kann das wirklich funktionieren.

    Dann müssen wir nur noch die Löhne hoch genug kriegen, dass ein vollzeitarbeitender Mensch auch die Kaufkraft hat, sich für ein "gutes" Produkt zu entscheiden....

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    <<< ... Das würde zwar oft den Preis des Produkts erhöhen, aber in den meisten Fällen wäre das nicht viel pro Einheit (die zu erwartenden Gewinneinbrüche fürs Unternehmen, wenn das Produkt 10cent mehr kostet als bei der Konkurrenz sind hier eher das Problem). (...)
    Dann müssen wir nur noch die Löhne hoch genug kriegen, dass ein vollzeitarbeitender Mensch auch die Kaufkraft hat, sich für ein "gutes" Produkt zu entscheiden... <<<

    Das ist genau das was Braungart anprangert; statt hoffnungslos veraltete und dysfunktionale Technik durch neue zu ersetzen, soll diese verbessert werden. Und weil das halt nur begrenzt geht, müssen dann Mensch und Natur "verbessert" (höhere Ausbeutung, totale Ökonomisierung) werden, damits weiterhin läuft.
    In einer Bedarfswirtschaft, die statt "freier Markt" auf "freie Vereinbarung" setzt, die nicht auf Privateigentum basiert so dass die oberen 10% kein Exklusivrecht auf die Ressourcen haben und die anderen 90% keine noch so sinnfreien und gemeinwohlschädigenden Erwerbseinkommen benötigen, um an jene Ressourcen heranzukommen, hätten Sie die bestehenden Probleme, die "Krisen", nicht.

    Braungarts ökologisches Wachstum wird im Kapitalismus m.E. daran scheitern, dass zu dessen Finanzierung Profitwachstum notwendig ist, d.h. es müssen jedemenge Ressourcen verschwendet werden, um Geld zu erzeugen, um damit dann in Technik zu investieren, die Ressourcenverschwendung vermeidet.

  7. Ja, das Hauptproblem an der auf Effizienz getrimmten Wirtschaftsform ist, dass es Neuerungen tatsächlich sehr schwer haben, wenn Sie nicht über alle Maßen besser sind. Es bleibt dann beim Altbewährten und das Neue, perspektivisch Bessere, kommt, da es im Allgemeinen auch teurer ist, nicht zum Zug.

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  • Schlagworte Philips | Puma | Chemikalie | Kunststoff | Asthma | Gebäude
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