Die Geschichte liest sich wie ein Thriller aus der Feder von John le Carré: Westliche Pharmakonzerne nutzten den Ostblock im Kalten Krieg für dubiose Menschenversuche. Die Honecker-Diktatur verkaufte ihre Untertanen gegen harte Währung an Bayer, Boehringer & Co. Zehntausende  Männer, Frauen und sogar Kinder nahmen an Pillentests in der Charité und anderswo teil – nicht wenige riskierten dabei unbewußt ihr Leben.  

Es ist empörend, was der Spiegel da aufgedeckt hat. Und passt es nicht nahtlos in das Bild, das wir uns von "Big Pharma" machen? Mauern die Konzernbosse jetzt, wo es knapp 25 Jahre nach der Maueröffnung endlich an die Aufklärung geht, nicht wie ehedem der typische kommunistische Betonkopf-Genosse?


Es ist höchste Zeit für mehr Transparenz. Sollten die Patienten damals, wie es der Magazin-Bericht nahelegt, wirklich nicht darüber aufgeklärt worden sein, dass sie mit Präparaten ohne Zulassung oder gar Placebos behandelt werden, dann wäre das in höchstem Maße unmoralisch. Die Übeltäter müssten zur Verantwortung gezogen werden und Schadensersatz leisten. Und falls im Osten keine Ethikkommission über die Versuche wachte, wie dies in westlichen Kliniken damals längst Standard war, dann wird es spätestens jetzt Zeit, die alten Patientenakten auszuwerten. Allerdings sollte man sich von deren Lektüre auch nicht zu viel erwarten.

Medikamente lassen sich nicht wie Smarties verkaufen

Die bittere Wahrheit ist nämlich, dass es bis heute solche Tests gibt und geben muss – im Westen wie im Osten. Denn Pillen sind Heilmittel und weil man sie nicht einfach wie Smarties verhökern kann, müssen sie vor dem Verkauf ihre Tauglichkeit unter Beweis stellen.  

Bis heute verdienen Kliniken Geld mit der Erprobung von Pillen, viel Geld sogar – vor allem in Deutschland und anderen ausgewählten Ländern, wo man den Ärzten zutraut,  Wirkungen und Nebenwirkungen gegeneinander abzuwägen. Bis heute sterben dabei auch Menschen. Und so bitter es klingt, es ist ausdrücklich Teil der Tests herauszufinden, ob dies trotz oder wegen der neuen Arznei geschah. Naturgemäß haben die Pharmahersteller wenig Interesse daran, über Substanzen zu reden, die sich als schwach oder toxisch erwiesen. Die PR-Trommel rühren sie nur für solche Pillen, die es tatsächlich in die Apotheke schaffen.

Andernfalls wäre es für die Arzneiforscher vermutlich noch schwerer, Probanden zu finden. Oft ist es die reine Verzweiflung, die Menschen dazu bringt, an Arzneitests teilzunehmen und sich den unerforschten Nebenwirkungen eines neuen Präparates auszusetzen. Krebskranke etwa, bei denen die erprobten Arzneien versagt haben, sind dankbare Probanden. Was sind schon Hautausschlag und Nierenprobleme gegen wuchernde Metastasen?   

Auch Geldnot ist ein Motiv. Häufig findet man in Universitätsstädten Annoncen von Kliniken, die all die, die sich in den "Dienst der Forschung" stellen, mit großzügigen Aufwandsentschädigungen und kostenlosen Check-ups locken. Auch in der DDR dürfte all das eine Rolle gespielt haben. Weil die Westfirmen offenbar nicht nur mit Arzneien, sondern ebenso mit medizinischen Ausrüstungsgegenständen und anderen Vergünstigungen lockten, war die Teilnahme an einem Test oft die einzige Chance für eine Behandlung auf Nachkriegsniveau.

Patienten fahren mit altbewährten Arzneien oft besser

Allerdings ist Innovation im Gesundheitswesen kein Selbstzweck – auch wenn uns der Pharmaverband VfA mit seinem Slogan "Forschung ist die beste Medizin" gerne das Gegenteil glauben macht. Die Konzerne wollen natürlich, dass die Ärzte lieber teure neue Medikamente als billige Generika verschreiben. Die Patienten dagegen fahren mit altbewährten Arzneien oft genauso gut oder gar besser – denn da sind die Nebenwirkungen wenigstens bekannt.   

Die "Menschenversuche, die nun im Falle der deutsch-deutschen Erprobung so heftig angeprangert werden, enden nämlich keinesfalls am Kliniktor. Viele Probleme – und das ist der eigentliche Skandal – tauchen erst im Praxistest auf. Bei den Versuchen vor der Zulassung werden die Pillen in der Regel nur an 2.000 oder 3.000 Patienten erprobt. Seltene Komplikationen rutschen da leicht durchs Raster. Zudem testen Pharmaunternehmen ihre Arzneien vorzugsweise an Menschen mittleren Alters, die, abgesehen von der behandelten Krankheit, relativ gesund sind. Die Konzerne tun das, um homogene Gruppen zu haben und die Wirkung des Medikaments unverfälscht messen zu können. Damit sind die Probanden aber nicht wirklich repräsentativ für das Gros der Patienten.

In den Wartezimmern sitzen vor allem ältere Menschen. Sie nehmen in der Regel nicht nur eine Arznei, sondern mehrere. Außerdem arbeitet ihr Stoffwechsel langsamer, die Wirkstoffe werden schlechter  ausgeschieden. Senioren sind deshalb überdurchschnittlich oft von Neben- oder Wechselwirkungen betroffen. Sie waren auch die Hauptleidtragenden von Lipobay, Vioxx oder anderen Pillen, die im vergangenen Jahrzehnt vom Markt genommen werden mussten. In einer alternden Gesellschaft wird die Zahl der Komplikationen weiter wachsen. So sind wir früher oder später alle Teil des großen Pillentests.