Frage: Herr Gurría, die Daten über Europas Wirtschaft werden immer schlechter. Wird die Krise länger dauern als angenommen?

José Ángel Gurría: Wir glauben, dass das Wachstum 2013 schwach bleiben wird und die Erholung erst 2014 kommt. Natürlich wird es nicht am 1. Januar schlagartig einen Aufschwung geben. Es wird eine leichte Verbesserung gegen Ende des Jahres kommen, mit positivem Elan für 2014. Deutschland geht es besser als vielen seiner europäischen Handelspartner. Aber auch die deutschen Zahlen sehen nicht gut aus. Ob Sie 0,2 Prozent im Minus oder im Plus liegen, macht ja keinen großen Unterschied.

Frage: Noch nie waren in Europa so viele Menschen arbeitslos wie heute.

Gurría: Millionen Bürger, die derzeit keine Perspektive haben, brauchen dringend eine. Noch immer gehen im Euro-Raum mehr Jobs verloren, als dass neue entstehen. In einigen Ländern ist jeder zweite Jugendliche ohne Job, und die Langzeitarbeitslosigkeit steigt unkontrolliert. Das ist erschreckend. Zugleich fehlen oft Fachkräfte – eine paradoxe Situation. Das zeigt, dass es im Bildungssystem massive Probleme gibt.

Frage: Sie dürften sich kaum rasch abstellen lassen.

Gurría: Für den Übergang brauchen wir Beschäftigungs- und Qualifikationsinitiativen, die dazu führen, dass Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt zusammenkommen. Dann muss es um die Strukturen gehen. Viele der Krisen-Länder könnten von Deutschland lernen: bei der Ausbildung, beim lebenslangen Lernen und beim Umgang zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften, hier sind die Deutschen besonders gut.

Frage: Tun die Krisenstaaten genug, um wieder wettbewerbsfähig zu werden?

Gurría: Das Reformtempo ist unterschiedlich. Spanien und Italien sind bereits seit zwei, drei Jahren unterwegs, nachdem der Markt mit steigenden Anleihezinsen klare Signale gegeben hat, dass es Zeit ist für einen Kurswechsel. Frankreich hat gerade eine Arbeitsmarktreform verabschiedet. Das hätte Paris allerdings schon viel früher tun können.

Frage: In Frankreich und Deutschland gibt es unterschiedliche Auffassungen über den Weg aus der Krise.

Gurría: Reformen sollten zum normalen Leben dazugehören. Das war in den vergangenen Jahren nicht der Fall. Man sollte nicht sagen, wir haben ein paar Dinge verändert, jetzt lehnen wir uns wieder zurück. Das gilt für jedes Land. Es ist nicht wie in der Bibel, wo es heißt, am siebten Tage sollst du ruhen. Denn Reformen sind selten beim ersten Versuch perfekt, oft muss man nachbessern.

Frage: Braucht Frankreich eine Art Agenda 2010?

Gurría: Die Deutschen haben mutige Entscheidungen getroffen. Als die Krise kam, waren sie vorbereitet. Nicht jeder Staat kann oder will es so machen. Aber es gibt einige Dinge, die Frankreich von seinem Nachbar lernen kann. Reformen sind nötig, weil sich die Welt um uns herum verändert hat. Wer sich dem nicht anpasst, fährt vor die Wand.

Frage: Japan wächst wieder überraschend stark, vor allem wegen seines schwachen Yen. Droht der Welt ein Währungskrieg?

Gurría: Der Wechselkurs heute ist wieder auf dem gleichen Stand wie vor einem Jahr, das darf man nicht vergessen. Der Yen galt lange als sicherer Hafen, er zog in der Euro-Krise Kapital an und wertete auf. Jetzt ist er auf den alten Stand gesunken. In vielen Ländern gibt es die Kombination von lockerer Geldpolitik und harter Fiskalpolitik. Japan macht es anders und kombiniert eine lockere Geldpolitik mit einer lockeren Fiskalpolitik. Das ist einen Versuch wert.