StaatsverschuldungDie Ökonomen-Seifenoper

Ring frei: Drei prominente Ökonomen hauen in aller Öffentlichkeit aufeinander ein. Es geht um Staatsschulden, Wachstum und wissenschaftliche Reputation. von Malte Buhse

Manchmal platzt auch nüchternen Wissenschaftlern der Kragen. Seit Wochen muss Kenneth Rogoff, der Harvard-Ökonom und frühere Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds (IWF), Kritik und beißenden Spott über sich ergehen lassen. Rogoff hatte sich in einer Studie zu den Wirkungen von Staatsverschuldung verrechnet. Vor allem der Ökonomie-Nobelpreisträger Paul Krugman haut seither in seiner Kolumne in der New York Times auf Rogoff und seine Forscherkollegin Carmen Reinhart ein.

Jetzt wehren sich die Beiden. Am Wochenende machten Sie ihrem Ärger in einem Brief an Krugman Luft. "Wir sind sehr enttäuscht, über ihr unfassbar unzivilisiertes Verhalten in den vergangenen Wochen", schreiben die beiden Ökonomen Kenneth Rogoff und Carmen Reinhart (Universität Maryland) in einem Brief an Paul Krugman, den sie am Sonntag auf ihrer Internetseite veröffentlichten. "Sie haben uns nonstop attackiert. Was sie über unsere Arbeit sagen, ist selektiv und flach."

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Der Streit dreht sich um eine einflussreiche Studie, die Rogoff und Reinhart im Jahr 2010 veröffentlicht haben. Dabei untersuchten sie in 44 Ländern, wie sich steigende Staatsschulden auf das Wirtschaftswachstum auswirken. Mit ihren Daten konnten sie damals zeigen, dass die Wirtschaft langsamer wächst, wenn sich der Staat zu stark verschuldet. Übersteigen die Staatsschulden den Wert von 90 Prozent des Bruttoinlandsproduktes, beginnt die Wirtschaftsleistung des Landes sogar zu schrumpfen. Zumindest zeigten das die Daten von Rogoff und Reinhart.

Die Studie schlug Wellen. Der Politik diente sie als wissenschaftliche Begründung für ambitionierte Sparprogramme auf der ganzen Welt. Vor allem die US-Republikaner argumentierten gerne mit dem Forschungspapier, wenn es um die Begrenzung von Staatsausgaben ging. Aber auch in den Verhandlungen über die harten Sparprogramme, die EU, EZB und IWF den überschuldeten Ländern in Südeuropa aufgebürdet haben, dürften die Ergebnisse von Rogoff und Reinhart eine Rolle gespielt haben.

"Unglaublich peinlich"

Im April kam es dann zum Skandal: Thomas Herndon, ein Doktorand der Universität Massachusetts, hatte sich die Daten von Rogoff und Reinhart noch einmal vorgenommen und kam zu anderen Ergebnissen.  Laut seinen Berechnungen brach das Wirtschaftswachstum überhaupt nicht ein, wenn sich Staaten mit mehr als 90 Prozent des BIP verschuldeten. Er konnte zeigen, dass Rogoff und Reinhart einige Daten in ihrer Studie sehr merkwürdig gewichtet und einzelne Länder, die trotz hoher Schulden kräftig gewachsen waren, ausgeklammert hatten. Außerdem deckte Herndon einen peinlichen Fehler auf: Rogoff und Reinhart hatten eine Formel im Tabellenkalkulationsprogramm Excel falsch programmiert und deshalb wichtige Daten in ihren Rechnungen nicht berücksichtigt.

"Das ist unglaublich peinlich für Rogoff und Reinhart", schrieb Paul Krugman damals auf seinem Blog. Seitdem lässt er nicht locker. In der aktuellen Ausgabe des New York Times Book Review holt er noch mal mächtig aus. "Es ist mir ein Rätsel, warum man die Studie von Rogoff und Reinhart überhaupt jemals ernst genommen hat", schreibt der 60-jährige Ökonom von der Princeton Universität. Krugman passen die Ergebnisse von Rogoff und Reinhart seit Jahren nicht in den Kram. Er ist ein linksliberaler Ökonom, der immer wieder leidenschaftlich für staatliche Konjunkturspritzen wirbt. Um die Staatsschulden sollte man sich seiner Meinung nach erst kümmern, wenn die Wirtschaft wieder rund läuft.

Krugman fühlt sich nun offensichtlich in seiner Sichtweise bestätigt. In Ländern wie Griechenland und Portugal kann man die fatalen Folgen eines überharten Sparkurses in Echtzeit besichtigen. Die beiden überschuldeten Euro-Staaten sparen so hart wie nie ein Land zuvor, doch ohne Erfolg. Die Wirtschaft ist massiv abgestürzt und die Schuldenquoten sind sogar noch weiter gestiegen, anstatt endlich zu fallen. Inzwischen zweifeln auch der IWF und die EU-Kommission am Sparkurs und warnen vor den Folgen von allzu tiefen Einschnitten in die Staatsausgaben.

Leserkommentare
    • b4w3f
    • 28. Mai 2013 12:31 Uhr

    Hier ist also der Zusammenhang: Hohe Schulden = Niedriges Wachstum.

    Wie wäre es mit: Hoher Lebensstandard = keine großen Wachstumssprünge mehr möglich (Wer viel hat kann viel erschaffen, Prozentual macht das aber nicht viel)

    und

    Staaten mit hohen Lebensstandarts haben hohe Schulden (siehe Japan) und ein geringes Wachstum (auch Deutschland).

    Die Aussage hohe Schulden verhindern hohes Wirtschaftswachstum finde ich allein sehr flach. Aber ich habe die Studie nicht gelesen und freue mich über richtig Stellungen.

    3 Leserempfehlungen
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    "Die Aussage hohe Schulden verhindern hohes Wirtschaftswachstum finde ich allein sehr flach."

    Es geht hier nicht um ein einzelnes Land. Es wurde lediglich statistisch festgestellt, dass die Chancen eines Landes ein hohes Wirtschaftswachstum zu erzielen mit steigender Verschuldung sinkt.
    Ausnahmen kann es natürlich immer geben.

    Dies macht ja auch alleine deshalb schon Sinn, weil bei steigender Verschuldung immer größere Teile des BIP in "unproduktive" Zinszahlungen fließen müssen.

    • Chali
    • 28. Mai 2013 13:02 Uhr

    auf den nachdenkseiten
    http://www.nachdenkseiten...

    Gerade bei einer christlichen Partei ist Glaube natürlich sehr wichtig.

    Quote:

    Von der Frühjahrstagung von IWF und Weltbank wird berichtet, Wolfgang Schäuble habe mal wieder „Sparsamkeit“ angemahnt und es sei darob zu einer „wahren Brüllorgie“ gekommen. Schäuble und seine Mannen glauben weiterhin an die 90 % Schwelle, sie glauben daran, Sparabsicht sei gleich Sparerfolg. Krugman ordnet diesen Wahnsinn ein und beschreibt die Zusammenhänge. Deshalb bringen wir nach zwei Beiträgen zum Thema vom 18.4. und vom 19.4. die Kolumne von Professor Krugman in der NewYork Times, übersetzt von Sabine Tober. Sie wird Krugmans Kolumnen auf absehbare Zeit regelmäßig übersetzen. Dafür ein dickes Dankeschön. Albrecht Müller

  1. "Laut seinen Berechnungen brach das Wirtschaftswachstum überhaupt nicht ein, wenn sich Staaten mit mehr als 90 Prozent des BIP verschuldeten."

    Das stimmt so nicht, oder ist zumindest sehr unglücklich formuliert. Lediglich die "magische Grenze von 90%" ist nach den korrigierten Ergebnissen hinfällig. Der negative Einfluss steigender Verschuldung auf das Wirtschaftswachstum wurde aber sehr wohl bestätigt.

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    • b4w3f
    • 28. Mai 2013 12:38 Uhr

    Vielleicht verzichten hoch verschuldete Staaten auch einfach nur auf unnötige Subventionen, deren Fehlen folglich die Wirtschaft bremst. Wie Sie sehen reichen mir die Parameter einfach nicht.

    Das wird ja in dem Artikel auch erwähnt:

    >>>Zwar gibt es keinen exakten Grenzwert von 90 Prozent des BIP, ab dem die Schuldenlast plötzlich zur Gefahr wird. Aber auch die neuen Berechnungen von Thomas Herndon zeigen, dass die Wirtschaft langsamer wächst, wenn die Staatsschulden steigen.<<<

    • b4w3f
    • 28. Mai 2013 12:38 Uhr

    Vielleicht verzichten hoch verschuldete Staaten auch einfach nur auf unnötige Subventionen, deren Fehlen folglich die Wirtschaft bremst. Wie Sie sehen reichen mir die Parameter einfach nicht.

    3 Leserempfehlungen
    Antwort auf "So nicht ganz richtig"
  2. "Die Aussage hohe Schulden verhindern hohes Wirtschaftswachstum finde ich allein sehr flach."

    Es geht hier nicht um ein einzelnes Land. Es wurde lediglich statistisch festgestellt, dass die Chancen eines Landes ein hohes Wirtschaftswachstum zu erzielen mit steigender Verschuldung sinkt.
    Ausnahmen kann es natürlich immer geben.

    Dies macht ja auch alleine deshalb schon Sinn, weil bei steigender Verschuldung immer größere Teile des BIP in "unproduktive" Zinszahlungen fließen müssen.

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    • b4w3f
    • 28. Mai 2013 12:52 Uhr

    Es wurde auch statistisch festgestellt: Je geringer das BIP, je ärmer der Staat, desto höher das Wachstum.
    Folglich ist für "die" Wirtschaft ein armer gering verschuldeter Staat am Besten. Also muss ich daraus folgern, dass die Agenda 2010 in ihrem vollen Umfang absolut richtig ist, der Bürger sogar noch zu viel verdient?
    Deswegen komme ich einfach nicht darauf klar, mit dieser Statistik Sparprogramme für eigentlich alle verschuldete Staaten zu begründen.

    • GDH
    • 28. Mai 2013 17:55 Uhr

    Sie schreiben

    "Es geht hier nicht um ein einzelnes Land. Es wurde lediglich statistisch festgestellt, dass die Chancen eines Landes ein hohes Wirtschaftswachstum zu erzielen mit steigender Verschuldung sinkt.
    Ausnahmen kann es natürlich immer geben."

    Nein, statistisch wurde lediglich eine Korrelation festgestellt. Eine Ursache-Wirkung-Beziehung können Sie kaum statistisch sondern meist nur mit Experimenten belegen.

    Ein Beispiel:
    Es besteht eine positive Korrelation zwischen der Eigenschaft, den Vornamen Karl-Heinz zu tragen und der Wahrscheinlichkeit, in den nächsten 20 Jahren zu versterben. Das ist aber keine Ursache-Wirkung-Beziehung (also "der Vorname ist schlecht für die Gesundheit") sondern hat eine gemeinsame Ursache (sowohl der Vornahme als auch der Sterben in den nächsten 20 Jahren wird dadurch wahrscheinicher, dass Leute zu einer bestimmte Zeit geboren sind).
    Die echte Beziehung lautet also: "Früher nannten mehr Leute ihre Kinder Karl-Heinz" und "ältere Menschen haben eine geringere Restlebenserwartung".

    Es könnte durchaus gemeinsame Ursachen für hohe Verschuldung und geringes Wachstum geben. Beispiele wären ein hoher Entwicklungsstand, hohe Verbreitung privater Altersvorsorge (bei Umlagen entstehen Ansprüche, die oft nicht als Schulden betrachtet werden) usw.

    • GDH
    • 28. Mai 2013 17:58 Uhr

    Sie schreiben:
    >>Dies macht ja auch alleine deshalb schon Sinn, weil bei steigender Verschuldung immer größere Teile des BIP in "unproduktive" Zinszahlungen fließen müssen.<<

    Das stimmt nur, wenn die Schuldner im Ausland sitzen (und keine Nachfrage erzeugen). Ansonsten entfernt die Zinszahlung das Geld nicht aus dem Wirtschaftskreislauf sondern es gehört damit bloß jemand anderem, der es genauso ausgeben kann.

    Wenn ich bei Ihnen verschuldet bin, verringert sich ja auch nicht unser beider Beitrag zum BIP. Die Zinsen, die ich Ihnen zahle, werden dann halt nicht von mir sondern von Ihnen ausgegeben.

    Es wurden nur Korrelationen untersucht, keine Kausalitäten (nicht einmal Granger-Kausalitäten). Es kann genauso gut sein, dass wegen des sinkenden Wachstums die Schulden steigen. Noch dazu gibt es offenbar gar keinen systematischen Trade-Off, wenn man die rausgeworfenen Länder einbezieht. Die Studie ist nach diesen Neuberechnungen so ziemlich für die Tonne. Von irgendwelchen 90-Prozent-Grenzen, mit denen Schäuble und Rehn hausieren gingen, um die Sparprogramme in Spanien zu rechtfertigen, gar nicht zu reden. Ich kann Krugmans Ärger gut verstehen.

    • b4w3f
    • 28. Mai 2013 12:52 Uhr

    Es wurde auch statistisch festgestellt: Je geringer das BIP, je ärmer der Staat, desto höher das Wachstum.
    Folglich ist für "die" Wirtschaft ein armer gering verschuldeter Staat am Besten. Also muss ich daraus folgern, dass die Agenda 2010 in ihrem vollen Umfang absolut richtig ist, der Bürger sogar noch zu viel verdient?
    Deswegen komme ich einfach nicht darauf klar, mit dieser Statistik Sparprogramme für eigentlich alle verschuldete Staaten zu begründen.

    Eine Leserempfehlung
    • Chali
    • 28. Mai 2013 12:54 Uhr

    " ... wollen sie aber nicht nur Krugman in die Schranken weisen, sondern auch von leiserer, dafür aber umso fundierterer Kritik an ihrer Studie ablenken."
    Gut, dass dieser Artikel dem mannhaft entgegentritt!

    Obwohl ... "Es gibt also noch immer gute Gründe für Sparmaßnahmen. "
    Das ist missverständlich. Das klingt ja so, als ob das bestellte Ergebnis ("QED") immer noch stimmt? Und man kann es auch beweisen, wenn man Leute mit besseren EXCEL-Kenntnissen daran setzen würde?

    2 Leserempfehlungen
  3. Der Autor des Artikels spielt die Auswirkungen des Papieres runter. Es war die Basis für die Position des IWF, der EZB und der EU um Austeritätsprogramme in Griechenland und anderen Ländern ein zu setzen. Aus politischen Gründen wollte man den Griechen nicht zu gestehen sich aus der Krise zu befreien. Wir haben im Zuge der WWK08/09 unsere Staatsschulden um 500 Millarden erhöht. Die griechischen Staatschulden betrugen ca. 300 Millarden ingesamt. Wir haben hier dicke Konjunkturprogramme gefahren um die Wirtschaft zu retten.Abwrackpärmie usw.. Den Südländer haben wir dies verwehrt auf Grundlage dieses Papiers. Damit haben wir die Krise in diesen Ländern schlimmer gemacht. Somit haben wir uns selber am meisten geschwächt. Die Rechnung wird nämlich von der gesamten EU bezahlt.
    Ausserdem sollte der Autor auch nicht vergessen, dass die beiden Forscher ihre Daten jahrelang unter Verschluss gehalten haben. Das heißt, sie wollten anderen Wissenschaftlern bewußt die Möglichkeit nehmen ihre Daten zu überprüfen. Nun nach 2 Jahren setzt sich ein kleiner Gratstudent ran ( habe ein Interview mit ihm beim Colbert Report.) Den Excel Fehler in der Formel hat er nach 20 Minuten gefunden. Das zeigt mir eindeutig das die beiden ein schäbige Absicht haben und sich haben instrumentalisieren lassen. Das dieser Aspekt der Geschichte nicht aufgegriffen wird, sondern auf die miese Art von dem "Linken" Krugman geschoben wird lässt auch die Absichten des Autors HIER klar erkennen.

    26 Leserempfehlungen
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    • Chali
    • 28. Mai 2013 13:11 Uhr

    " ... das die beiden ein schäbige Absicht haben ... "

    Die beiden waren von den besten Absichten beseelt!

    Das Gute in der Welt sollte befördert, die Schuld hingegen verringert werden!

    Die Intentionen waren nur die besten.

    Wesentlich wäre - um beim Fall Griechenland zu bleiben - der Aufbau einer effektiven Steuerverwaltung. Die gibt es in GR immer noch nicht. Reedereien sind nicht steuerpflichtig! Warum hilft die EU den Griechen nicht, dieses Problem zu lösen? Wegen der heiligen Kuh "freier Kapitalverkehr", der den griechischen Bonzen erlaubt, in London, Paris und Berlin Luxusimmobilien zu erwerben statt ihre griechischen Steuern zu zahlen. Davon spricht kein EU-Mensch. Der freie Kapitalverkehr ist die Ursache der griechischen Tragödie. Die Hauptschuldigen sind Merkozy und Konsorten.

    • Chali
    • 28. Mai 2013 13:02 Uhr

    auf den nachdenkseiten
    http://www.nachdenkseiten...

    Gerade bei einer christlichen Partei ist Glaube natürlich sehr wichtig.

    Quote:

    Von der Frühjahrstagung von IWF und Weltbank wird berichtet, Wolfgang Schäuble habe mal wieder „Sparsamkeit“ angemahnt und es sei darob zu einer „wahren Brüllorgie“ gekommen. Schäuble und seine Mannen glauben weiterhin an die 90 % Schwelle, sie glauben daran, Sparabsicht sei gleich Sparerfolg. Krugman ordnet diesen Wahnsinn ein und beschreibt die Zusammenhänge. Deshalb bringen wir nach zwei Beiträgen zum Thema vom 18.4. und vom 19.4. die Kolumne von Professor Krugman in der NewYork Times, übersetzt von Sabine Tober. Sie wird Krugmans Kolumnen auf absehbare Zeit regelmäßig übersetzen. Dafür ein dickes Dankeschön. Albrecht Müller

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