ZEIT ONLINE: Herr Müller-Kern, seit der Hoeneß-Affäre debattieren viele wieder über die Steuermoral der Reichen. Wie ist es denn um die bestellt?

Ruprecht Müller-Kern: Unter Gutverdienern ist die Akzeptanz von Steuern sicherlich noch immer begrenzt. Es wäre aber falsch, die Debatte nur auf die Reichen zu verengen. Auch weniger Verdienende schummeln bei ihrer Steuererklärung – zum Beispiel bei den Fahrten zur Arbeitsstätte oder bei Bewirtungsbelegen. Solche Tricksereien sind überall.

ZEIT ONLINE: Woran liegt das?

Müller-Kern: Offenbar haben viele Bürger nicht mehr das Gefühl, dass der Staat die Steuergelder vernünftig ausgibt. Wenn dann noch ein Berliner Flughafen im Vierteljahrestakt jeweils eine Milliarde Euro mehr kostet oder Abgeordnete ihre Verwandten alimentieren…

ZEIT ONLINE: …wie unlängst in Bayern geschehen…

Müller-Kern: …dann sinkt natürlich die Akzeptanz, zu zahlen. Das ist mein subjektiver Eindruck. Man kann das natürlich nicht messen.

ZEIT ONLINE: Sie arbeiten seit den achtziger Jahren als Steuerberater. Ist es heute leichter oder schwerer, Steuern zu sparen, wenn man einen guten Steuerberater hat?

Müller-Kern: Von den sechziger Jahren bis in die neunziger Jahre bot der Staat den Steuerbürgern zumindest Möglichkeiten, die es heute nicht mehr gibt. Zum Beispiel die Zonenrandförderung und später die Sonderabschreibung Ost. Beide Regelungen sollten dazu dienen, die Unternehmen nahe der innerdeutschen Grenze und später in den Neuen Bundesländern nach der Wiedervereinigung mit Kapital zu versorgen. Für die Steuerzahler bot sich dabei die Möglichkeit, über Abschreibungen und Verlustkonzentrationen Steuern zu sparen. Oder nehmen Sie die Bauherren-Modelle in den achtziger Jahren…

ZEIT ONLINE: Wie funktionierten die?

Müller-Kern: Der Anleger investierte in eine Eigentumswohnung, die wiederum von einem Bauträger errichtet wurde. Der Vorteil: Der Bauherr konnte alle möglichen Honorare für Beratungsleistungen sofort als Werbungskosten geltend machen. Das führte zu Verlusten, die wiederum mit anderen Einkünften verrechnet werden konnten – dementsprechend sank das zu versteuernde Einkommen. Waren die Beratungen hingegen ohne bleibenden Wert, dann war der Verlust nicht nur steuerlicher Art. Die Leute haben real Geld verloren.

ZEIT ONLINE: Nicht zu vergessen, die vielen Ärzte, die plötzlich in Schiffe und Flugzeuge investieren.

"10.000 Mark Eigenkapital – 110.000 Mark Steuern gespart"

Müller-Kern: Auch die gab es. Zum Beispiel eine Beteiligung an einer Reederei mit einem Schiff, sagen wir mit einer Einlage von 100.000 Mark. Zur Förderung der Werftindustrie setzte der Staat einen besonderen Anreiz und erlaubte den Ansatz hoher Betriebsausgaben schon im Jahr des Beitritts zur Reederei. Der Investor konnte 200.000 Mark anteiligen Verlust geltend machen,  also 200 Prozent der Beteiligung. Wenn die Einlage auch noch mit einem Bankenkredit finanziert war, ergab sich eine enorme Hebelwirkung. Im Extremfall haben die Anleger rund 10.000 Mark Eigenkapital eingesetzt und den Rest über Kredit finanziert. In dem Beispiel hätte man auf diese Weise rund 110.000 Mark Steuern in einem Jahr gespart. 

ZEIT ONLINE: Haben Sie damals zu solchen Modellen geraten?

Müller-Kern: Nein, selbst wenn viele Klienten vor Weihnachten zu mir kamen, weil sie vor dem Ablauf des Jahres noch steuerwirksam investieren wollten. Das Problem an diesen Modellen lag darin, dass man, um zunächst Steuern zu sparen, später Buchgewinne versteuern und auch noch den Kredit tilgen musste. Und das alles für einen Anteil an einem irgendwo auf der Welt vor sich hin alternden Frachter.

 ZEIT ONLINE: Gibt es diese großen Schlupflöcher heute noch?

Müller-Kern: Nein, später firmierte das unter dem Begriff "Fehlanreize". Der Gesetzgeber hat mittlerweile viele bilanzielle und rechtliche Möglichkeiten abgeschafft. Gleichzeitig hat er den Spitzensteuersatz gesenkt. Er hat sich inzwischen in einer Gegend eingependelt, die keine Extremreaktionen mehr provoziert. Heute beträgt er inklusive Kirchensteuer etwa 48 bis 51 Prozent. Noch in den späten achtziger Jahren waren es bis zu 59 Prozent. Das wurde aber später als verfassungswidrig unterbunden.

ZEIT ONLINE: Die Leute tricksen weniger, aber zahlen dennoch ungern Steuern?

Müller-Kern: Ja, weil die Akzeptanz eben davon abhängt, wie sinnvoll der Staat das Geld am Ende ausgibt