Steuerhinterziehung"Die Tricksereien sind überall"

Nicht nur die Reichen zahlen ungern Steuern, sagt Ruprecht Müller-Kern, seit 30 Jahren Steuerberater. Der Staat mache es Steuerhinterziehern heute aber deutlich schwerer. von 

ZEIT ONLINE: Herr Müller-Kern, seit der Hoeneß-Affäre debattieren viele wieder über die Steuermoral der Reichen. Wie ist es denn um die bestellt?

Ruprecht Müller-Kern: Unter Gutverdienern ist die Akzeptanz von Steuern sicherlich noch immer begrenzt. Es wäre aber falsch, die Debatte nur auf die Reichen zu verengen. Auch weniger Verdienende schummeln bei ihrer Steuererklärung – zum Beispiel bei den Fahrten zur Arbeitsstätte oder bei Bewirtungsbelegen. Solche Tricksereien sind überall.

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ZEIT ONLINE: Woran liegt das?

Müller-Kern: Offenbar haben viele Bürger nicht mehr das Gefühl, dass der Staat die Steuergelder vernünftig ausgibt. Wenn dann noch ein Berliner Flughafen im Vierteljahrestakt jeweils eine Milliarde Euro mehr kostet oder Abgeordnete ihre Verwandten alimentieren…

ZEIT ONLINE: …wie unlängst in Bayern geschehen…

Müller-Kern: …dann sinkt natürlich die Akzeptanz, zu zahlen. Das ist mein subjektiver Eindruck. Man kann das natürlich nicht messen.

ZEIT ONLINE: Sie arbeiten seit den achtziger Jahren als Steuerberater. Ist es heute leichter oder schwerer, Steuern zu sparen, wenn man einen guten Steuerberater hat?

Müller-Kern: Von den sechziger Jahren bis in die neunziger Jahre bot der Staat den Steuerbürgern zumindest Möglichkeiten, die es heute nicht mehr gibt. Zum Beispiel die Zonenrandförderung und später die Sonderabschreibung Ost. Beide Regelungen sollten dazu dienen, die Unternehmen nahe der innerdeutschen Grenze und später in den Neuen Bundesländern nach der Wiedervereinigung mit Kapital zu versorgen. Für die Steuerzahler bot sich dabei die Möglichkeit, über Abschreibungen und Verlustkonzentrationen Steuern zu sparen. Oder nehmen Sie die Bauherren-Modelle in den achtziger Jahren…

ZEIT ONLINE: Wie funktionierten die?

Ruprecht Müller-Kern
Ruprecht Müller-Kern

arbeitet seit 1982 als Steuerberater und Rechtsanwalt in München. Er berät vor allem Ärzte und Freiberufler.

Müller-Kern: Der Anleger investierte in eine Eigentumswohnung, die wiederum von einem Bauträger errichtet wurde. Der Vorteil: Der Bauherr konnte alle möglichen Honorare für Beratungsleistungen sofort als Werbungskosten geltend machen. Das führte zu Verlusten, die wiederum mit anderen Einkünften verrechnet werden konnten – dementsprechend sank das zu versteuernde Einkommen. Waren die Beratungen hingegen ohne bleibenden Wert, dann war der Verlust nicht nur steuerlicher Art. Die Leute haben real Geld verloren.

ZEIT ONLINE: Nicht zu vergessen, die vielen Ärzte, die plötzlich in Schiffe und Flugzeuge investieren.

"10.000 Mark Eigenkapital – 110.000 Mark Steuern gespart"

Müller-Kern: Auch die gab es. Zum Beispiel eine Beteiligung an einer Reederei mit einem Schiff, sagen wir mit einer Einlage von 100.000 Mark. Zur Förderung der Werftindustrie setzte der Staat einen besonderen Anreiz und erlaubte den Ansatz hoher Betriebsausgaben schon im Jahr des Beitritts zur Reederei. Der Investor konnte 200.000 Mark anteiligen Verlust geltend machen,  also 200 Prozent der Beteiligung. Wenn die Einlage auch noch mit einem Bankenkredit finanziert war, ergab sich eine enorme Hebelwirkung. Im Extremfall haben die Anleger rund 10.000 Mark Eigenkapital eingesetzt und den Rest über Kredit finanziert. In dem Beispiel hätte man auf diese Weise rund 110.000 Mark Steuern in einem Jahr gespart. 

ZEIT ONLINE: Haben Sie damals zu solchen Modellen geraten?

Müller-Kern: Nein, selbst wenn viele Klienten vor Weihnachten zu mir kamen, weil sie vor dem Ablauf des Jahres noch steuerwirksam investieren wollten. Das Problem an diesen Modellen lag darin, dass man, um zunächst Steuern zu sparen, später Buchgewinne versteuern und auch noch den Kredit tilgen musste. Und das alles für einen Anteil an einem irgendwo auf der Welt vor sich hin alternden Frachter.

 ZEIT ONLINE: Gibt es diese großen Schlupflöcher heute noch?

Müller-Kern: Nein, später firmierte das unter dem Begriff "Fehlanreize". Der Gesetzgeber hat mittlerweile viele bilanzielle und rechtliche Möglichkeiten abgeschafft. Gleichzeitig hat er den Spitzensteuersatz gesenkt. Er hat sich inzwischen in einer Gegend eingependelt, die keine Extremreaktionen mehr provoziert. Heute beträgt er inklusive Kirchensteuer etwa 48 bis 51 Prozent. Noch in den späten achtziger Jahren waren es bis zu 59 Prozent. Das wurde aber später als verfassungswidrig unterbunden.

ZEIT ONLINE: Die Leute tricksen weniger, aber zahlen dennoch ungern Steuern?

Müller-Kern: Ja, weil die Akzeptanz eben davon abhängt, wie sinnvoll der Staat das Geld am Ende ausgibt

Leserkommentare
  1. "Müller-Kern: Wenn sich die Leute das von Anfang an einmal durchrechneten, würden all die Selbstanzeigen nicht nötig. Weil sich der Stress einfach nicht lohnt. Der Normalbürger tut sich keinen Gefallen damit."

    der kleine Mann braucht gar keine Steuern zu hinterziehen. Lohnt sich eh nicht.

    200,000 Euro ist keine Summe die das rechtfertigt. Das müssen schon Millionen sein.

    Da lohnt es sich. Das hat er sich aber dann nicht getraut zu sagen.

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    Lohnt sich nicht".

    So?
    Nicht?

    Ich frag mich gerade, wie oft ich in den letzten Jahren Sätze gehört habe wie "Sie brauchen ja keine Rechnung" oder "Was? Das lässt Du auf Rechnung machen? Du hast wohl zuviel Kohle!".

    Schwarzarbeit scheint sich bis in den hintersten Winkel zu lohnen.Und hierbei
    sind auch noch die Sozialkassen betroffen. Eine besonders perfide Art der
    Hinterziehung. Schauen bei jedem Beleg, ob man den nicht auch noch dem
    "Finanzamt unterjubeln" kann? Das ist "Volkssport"!
    Aber Steuerhinterziehung fängt wohl erst ab 200 000 € im Jahr an?
    Wir sind nicht ein Einigvolk von Moralisten, sondern eher ein Einigvolk
    von Heuchlern und Pharisäern.
    Wenn Hoeness Steuern hinterzogen hat, dann soll er dafür berappen und
    bestraft werden, aber seine Moral geht mich bestimmt nichts an.

    • 29C3
    • 07. Mai 2013 17:54 Uhr

    1) moderate Steuersätze mit einer leichten linearen Progression,
    2) keine Ausnahmen/Absetzbarkeit.

    Dann wären Steuerberater überflüssig und zugleich die Staatskasse voll.

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    dann ist das Unfug.

    Gibt ja sowieso so gut wie nichts mehr abzusetzen.

    Das große Geld wird bei den Unternehmenssubventionen / Beihilfen gemacht. Da müsste man mal ran. Aber das traut sich keiner, weil dann sofort mit Arbeitsplatzabbau gedroht wird.

    Wie brauchen einen "moderate Steuersätze mit einer leichten linearen Progression"!
    Aha dann erklaeren Sie mal was Sie fuer moderat halten und was ist leicht linear? Nicht ganz krummer Verlauf? Und dann auch noch die Progression? Mathematisch gesehen erscheint mir das nicht moeglich. Aber wahrscheinlich ist Ihnen nicht bekannt, was progressiv eigentlich bedeutet, nur soviel ein im Einkommen konvexer Steuerverlauf ist nicht hinreichend fuer Progression.

    Leg Dein Geld in Steuern an, die steigen wenigstens immer!

  2. hier wird doch nur wieder Wahlkampf gemacht.
    ist doch klar, dass HInterziehen ne Straftat ist..die Presse versucht das nur der Regierung anzuhängen.
    Wichtig ist einfach: solange der Staat Transferleistungsempfänger (und das sind nur die Beamten, Bedürftige würde ich so nicht bezeichnen) über Gebühr begünstigt und die anderen Steuerzahler dafür ausgenommen werden, ist einfach was faul.
    Das ist die große Leitlinie der Gesellscahft, hier versuchen ja auch die Grünen ihr Klientel zu bedienen.
    Der Unsinn von den Bilduingsaufgaben des Staates als neue gesellschaftliche Doktrin sollte einfach mal ehrlich entzaubert werdenl.
    Es geht nur um die Überfinanzierung der Staatsbediensteten

    2 Leserempfehlungen
    • KHans
    • 07. Mai 2013 17:57 Uhr

    Statt über höhere oder zu senkende Steuern oder falsch investiertes Geld zu räsonieren ....

    Kriterien und Regeln vereinfachen, Steuerprivilegien abbauen, Steuern da, wo die Zentrale ist oder wo das Geld eingenommen wurde.

    Gerhart Schröder hat uns giftigen Klebstoff, statt Honig ums Maul geschmiert, als er "den Heidelberger Professor" so erbärmlich geschmäht hat.

    Dadurch hat er die Steuerreformdiskussion über Jahre vergiftet, ohne eine bessere Alternative zu liefern. Keinen Deut besser die anderen Parteien.

    SPD: Das muß korrigiert und geheilt werden !!

    2 Leserempfehlungen
    • claroo
    • 07. Mai 2013 17:59 Uhr

    Die Schweiz hatte 2010 explizit darauf hingewiesen, dass deutsche Politiker und Amtsträger geheime Konten in der Schweiz haben. Damit wurde klar, dass die Anonymität besonders von Politikern als Deckmantel genutzt wird, um unerkannt Straftaten begehen zu können. Politiker haben illegale Gelder in Steueroasen verschoben und organisieren diese Straftaten für ihr Korruptionsnetz. Ihre Machtbefugnisse und Einfluss nutzen sie, um ihren ehrenwerten Club der Korrumpierten zu schützen. Wer aus einen Unternehmen illegal Geldern entwendet der fliegt aus dem Unternehmen und gehört nicht in unsere Parlamente.

    Eine Leserempfehlung
    • deDude
    • 07. Mai 2013 17:59 Uhr

    "Müller-Kern: Offenbar haben viele Bürger nicht mehr das Gefühl, dass der Staat die Steuergelder vernünftig ausgibt. "

    Achso, na dann! Dann zahl ich ab jetzt auch keine Steuern mehr, denn das meine Steuern genutzt werden um das z.B. in Griechendland verzockte Kapital von fremden Leuten zu retten.

    Der Bürger hat alle vier Jahre die Möglichkeit den in seinen Augen Minderleistern und Fehlentscheidern ihre Kündigung auf's Auge zu drücken. Das die Auswahl nicht seinen Wünschen entspricht, tja, da ist er, der Bürger - um es mal mit den Worten eines Herren zu sagen der es mit der Steuermoral auch nicht so genau nimmt - "doch (selbst) dafür verantwortlich[...]"

    Die Ausrede "Mir passt aber nicht wohin das Geld fließt" zieht nicht.

    3 Leserempfehlungen
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    .. bin ich nicht in einer Position, irgendetwas zu hinterziehen. Wäre ich es, würde ich den Sport wohl mitmachen, weil es mir auch so schon nicht paßt, wie und wofür mein sauer verdientes Geld verschleudert wird - es ist nicht meine Freiheit, die am Hindukusch für viel Geld verteidigt wird, einen Hauptstadtflughafen brauche ich nicht, und die EU noch viel weniger - Deutschland ist immer noch der größte Nettozahler. Statt Subventionen gerechte Preise für unsere Lebensmittel, statt Kriegsschrei ein Akzeptieren anderer Staatsformen, auch wenn sie uns nicht gefallen - und eine Reduktion des Verkehrs auf das Unumgängliche - wir kämen mit 25 % Steuern für alle aus.

  3. denkt doch überhaupt nicht daran, ob er das Geld dem Staat gönnt oder nicht.
    Der denkt nur daran, wie er die gestiegenen Energiekosten, Krankenkassenbeiträge, Müllgebühren, Lebensmittelkosten, Miete, Schulbeiträge, etc. irgendwie wenigstens anteilig auffangen kann.
    Wer sein Gehalt im Monat aufbraucht, kann nun mal kaum die Steigerungen der letzten Jahre verkraften.

    Darum gehts's doch bei den "Normalverdienern" nicht zu verwechseln mit "Durchschnittsverdiener"

    3 Leserempfehlungen
  4. ich dachte, nur die Reichen tricksen bei der Steuer und die Normalverdiener sind die einzigen, die volle Steuern zahlen. Und natürlich die H4-Empfänger.
    Das kommt davon, wenn man Siggi-Pop zuhört....

    Ironie off...

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    Jeder gehaltsempfänger zahlt, meistens, einen vollen Steuersatz.

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