SteuerberaterkongressIm Schatten der Steuerhinterzieher

Sind Steuerberater zu oft Handlanger der Reichen? Die Branche trifft sich – und weist alle Vorwürfe von sich. von 

Es ist ein unglücklicher Versprecher, der Horst Vinken da gerade unterlaufen ist. Der Präsident der deutschen Steuerberaterkammer, ein Mann mit wohl frisiertem Silberschopf, sitzt auf der Bühne eines großen Kongresses und schaut verdutzt ins Publikum. 

Hunderte Steuerberater hören ihm zu. Sie haben sich in Dresden versammelt, um über die drängenden Themen ihrer Branche zu tagen. Einer Branche, die momentan in den Wahlkampf hineingerät – angesichts der Diskussionen um prominente Steuerhinterzieher, Daten-CDs und Steueroasen, angesichts der Fragen von Moral und Gerechtigkeit.

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Da sagt Vinken das: Es sei die wichtigste Aufgabe eines Steuerberaters, die gesetzlichen Möglichkeiten für seine Kunden voll auszuschöpfen. "Das ist legale Steuerhinter... äh, Steuergestaltung." Lautes Gelächter im Saal. 

Steuerhinterziehung oder -gestaltung: ein schmaler Grat

Vinken hat damit selbst den schmalen Grat angesprochen, auf dem sich die Branche bewegt. Und er hat ausgesprochen, was viele Bürger denken: Dass Steuerberater ihren oft vermögenden Kunden dabei helfen, weniger an den Staat abzugeben als Normalverdiener. Dass sie im Kleinen gegen die gerechte Sache im Großen arbeiten. 

Das hat auch die Opposition erkannt. Das Thema Steuergerechtigkeit ist emotional belegt, vor allem die SPD nutzt es gerade, um ihren Wahlkampf zu retten. Die Sozialdemokraten wollen Hinterzieher stärker verfolgen, Steueroasen "austrocknen", wie Kanzlerkandidat Peer Steinbrück sagt. Die Grünen haben sogar angekündigt, im Fall eines Wahlsiegs die Steuern zu erhöhen und bekommen dafür gute Umfragewerte. Die Zeit, in der es lediglich als Ausweis von Schlauheit galt, weniger Steuern zu zahlen – sie sind vorbei.

Zacharias Zacharakis
Zacharias Zacharakis

Zacharias Zacharakis ist Nachrichtenredakteur bei ZEIT ONLINE. Seine Profilseite finden Sie hier.

In Dresden auf dem Steuerberater-Kongress ist zu spüren, dass das der Branche nicht behagt.  "Wir haben derzeit das höchste Steueraufkommen in der Geschichte", ruft Präsident Vinken. Die staatlichen Einnahmen seien im letzten Jahr noch einmal gewachsen, und zwar um 4,7 Prozent. "Die Bürger führen einen wachsenden Teil ihres Wohlstands an die Gemeinschaft ab", sagt Vinken. Dass die Steuerzahler es auch deshalb tun, weil die Wirtschaft besser läuft und mehr Menschen Arbeit haben als früher, sagt er nicht.

Stattdessen berichtet Vinken von den Erfahrungen, die Steuerberater in Deutschland machen. Viele Mandanten könnten nicht mehr nachvollziehen, wofür der Staat ihr Geld ausgebe. "Es ist kein Geheimnis, dass Bürger, die denken, der Staat verschwende ihr Geld, weniger bereitwillig Steuern zahlen", sagt Vinken. Es ist ein Satz, für den es im Saal viel Applaus gibt.

Dann tritt Bundesfinanzministers Wolfgang Schäuble auf. Auch der CDU-Politiker ist in Wahlkampflaune. "Wer die vollständige Gerechtigkeit verspricht, der verspricht Illusionen", sagt Schäuble. Damit sind die rot-grünen Pläne zur Steuerpolitik gemeint. 

Leserkommentare
  1. Dass die Herren&damen "Berater"

    Alles von sich weisen,sie kennen alle Tricks;

    Verratens aber keinem ihrer Klienten....................................................

    Eine Leserempfehlung
  2. ...zurechtrücken:

    1. "Im Schatten der Steuerhinterzieher. Sind Steuerberater zu oft Handlanger der Reichen ? suggeriert falsche Dinge. Die Anzahl von Steuerhinterziehern ist möglicherweise unter "nicht Reichen" viel größer, als andersherum. Warum, die Reichen haben es häufig gar nicht nötig, bei den Werbungskosten zu tricksen, oder schwarz zu arbeiten. Darüberhinaus werden sich die Steuerberater hüten, Beihilfe zu Straftatbeständen zu leisten, dass überlassen sie lieber den smarten Bankberatern.

    2. "Und er hat ausgesprochen, was viele Bürger denken: Dass Steuerberater ihren oft vermögenden Kunden dabei helfen, weniger an den Staat abzugeben als Normalverdiener." Das stimmt natürlich auch nur auf den ersten Blick, denn wenn ein Vermögender zehn Prozent weniger Steuern zahlt, dann zahlt er regelmäßig immer noch mehr, als ein sogenannter Normalverdiener, schon wegen des progressiven Tarifes.

    3. Die Grünen bekommen nur dann in Umfragen Zustimmung für Steuererhöhungspläne, wenn die Frage der Meinungsforscher im Dunkeln lässt, ob sie der Meinung sind, dass sie als Normalverdiener auch schon selbst zur Kasse gebeten werden sollen, verstärkt, nach der Bundestagswahl, was ja Fakt ist, aber nicht gerne bekanntgemacht wird.

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    hier suggerieren möchten:
    zu 1."..., die Reichen haben es häufig gar nicht nötig, bei den Werbungskosten zu tricksen, oder schwarz zu arbeiten. "
    Je reicher, um so mehr steigt erfahrungsgemäß die Angst vor Verlust und der versuch, sich mehrfach abzusichern, sein "Schäfchen" mehrfach "ins Trocken zu bringen". Ebenso steigt das Gefühl, absolut ja schon genug geleistet zu haben. Gar 2 gesellschaftlich eingeführte Regeln sind ein beispielhaftes Indiz dafür: Die obere Bemessungsgrenze bei der Sozialversicherung wie beim Kirchgeld: Obwohl oberhalb dieser Bemessungsgrenzen der Gewinn, das Einkommen rein dem Luxus dienen kann und damit eher entbehrlich ist als unterhalb, muss nur bis zur bemessungsgrenze ein beitrag geleistet werden, während die Beiträge unterhalb der Grenze den geringer Verdienenden vom existenziell Notwendigen viel eher abgehen. Ist das logisch?
    Und: Je näher man an der unteren Einkommensgrenze liegt, um so weniger kann man steuerlich absetzen, um so weniger ist Hinterziehung effektiv überhaupt möglich.

    zu 2."denn wenn ein Vermögender zehn Prozent weniger Steuern zahlt, dann zahlt er regelmäßig immer noch mehr, als ein sogenannter Normalverdiener..." Das glaubt er und das glauben Sie: Daher die Motivation zur Hinterziehung, geboren aus dem absoluten Zahlenvergleich. Tatsächlich geht es aber nicht um den Vergleich absoluter Zahlen, sondern um den Vergleich der einkommensmäßigen Leistungsfähigkeit. Der dann viele reiche Hinterzieher nicht nachkommen mögen.

    zu 3.: Das Konzept der Grünen trifft die Masse der Steuerzahler ja gar nicht, sondern setzt erst am oberen Ende des oberen Mittelstands an (dem es in D sehr gut geht), auch wenn Söder&Co anderes schwarzmalen und den Mittelstandsbegriff je nach partei- und klienteltaktischem Gusto in astronomische Sphären auszuweiten versuchen. Es führt also auch nicht zu Existenznöten, die Steuerhinterziehung rechtfertigen würden.

    Wie es auch ausgeht: Die Zunft der Steuer-"hinter...." (Originalton Vinken) äh Steuerberater verdient in jedem Fall mit und muss sich keine Sorgen machen.

    ist ja nicht nur das Zeichen der Christen, die sich vom Menschenfischer fangen lassen wollen, sondern auch das Zeichen, mit dem der gesellschaftliche Verfall beschrieben wird, der immer und das schon seit den Zeiten der Sumer und Ur am Kopf zu erst beginnt.

    Die gesamte Debatte lässt ja eines vollkommen ausser acht. Es ist der Umstand, dass im Deutschland des Jahres 2013 nahezu keine Mitarbeiter mehr vorhanden sind, die die Steuergesetze in der Praxis real umsetzen, dafür aber eine historisch noch nie da gewesene Anzahl von Steuerberatern, Steueranwälten und Steuerfachgehilfen, die - natürlich steuerlich als Betriebskosten absetzbar - im Sektor der Unternehmen für die extremsten Varianten winkeladvokatorischer Steuervermeidung und -umgehung Sorge zu tragen verstehen.

    Die real-existierende Steuergesetzgebungssituation ist inzwischen von einer so kafkaesken Realität, dass es gar keinen seriösen Diskurs darüber mehr geben kann. Das System ist schlicht am Ende, weil es sich selbst konterkariert und niemand der noch halbwegs informiert und kundig ist, es als rechtsstaatlich einstufen kann.

    Das sind real-existierende Rechtsstaatszustände wie in der Ostzone oder in Griechenland. Darin scheint das wirkliche Problem zu bestehen.

    Selbst unter den direkt Betroffenen lag die Zustimmung zu Steuererhöhungen laut eines Artikels hier oder auf Süddeutsche bei über 50%.

    Wieder mal ein klarer Beweis wie absurd und wie primitiv die Vorstellung des homo oeconomicus der Wirtschaftsliberalen ist.

    • wolki
    • 13. Mai 2013 19:30 Uhr

    Kein Steuerberater rät seinem Mandanten zur Steuerhinterziehung, da er sich in diesem Fall selbst strafbar macht.
    Ein Steuerberater muss, sollte er bei seinem Mandanten Kenntnis von Steuerhinterziehung erlangen oder die Vermutung haben, dass sein Mandant Steuern hinterzieht das Mandat sofort niederlegen. Er kann nur innerhalb der geltenden Steuergesetze beraten und die Gesetze macht schließlich die Politik. Lässt die Politik wissentlich Steuerschlupflöcher, sollte man die verantwortlichen Politiker abwählen und nicht dem Steuerberater die Schuld geben. Ein Steuerberater muss natürlich pro Mandant arbeiten und die Möglichkeiten, die der Staat ihm lässt für seinen Mandanten ausschöpfen.

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    Ja, klar. Und auch Wirtschaftsbetriebe bereichern sich nie auf Kosten von Umwelt oder Gesellschaft, sie nutzen bloß "Gesetzesschlupflöcher". Hinterziehen? Pfui! Optimieren? Na aber sicher. Es fehlt in unserer Gesellschaft an Ethik.

  3. So viel Steuen sparen wie möglich ist weder illegal, noch illegitim, noch moralisch verwerflich. Aber vernünftig, zu akzeptieren und mindestens verständlich.

    Steuerberater ist ein ehrenwerten Beruf. Ich bin dankbar, dass es ihn gibt.

    Steuerberater erbringen ihre Dienstleistung dem, der sie damit beauftragt.

    So what?

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    durchstrukturieren. wenn die mehrzahl der menschen ihre steuererklärung per sims machen können wie in schweden, dann fallen 70% der selbsternannten schon mal weg.
    schäuble muss sich dann halt neue wahlleckerlies aus dem proletarierhut zaubern

  4. Die Politik hat dafür zu sorgen, dass zumindest für Privatleute eine Steuerberater überflüssig ist, da es nix zu tricksen gibt.
    Das Kapitalerträge seit 2008 pauschal besteuert werden, war einer der wenigen sinnvollen Gesetze von Rot-Grün.

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    Es handelt sich um eine typische Steinbrückarbeit, dass der Spitzensteuersatz ab 2009 (und nicht ab 2008) für diejenigen, die von den Zinserträgen des von ihren Vorfahren ererbten Kapitals leben können, auf 25 % Spitzensteuersatz begrenzt wurde.

    Wie einfach und vorbildlich das System ist, kann aus folgendem BMF-Schreiben entnommen werden, das auf lumpigen 326 Textziffern die wichtigsten Regelungen darstellt:
    http://www.bundesfinanzmi...

  5. ... auch nur Handlanger von Verbrechern, die ihrer gerechten Strafe pardon Steuer entfliehen wollen.

    Absurdes Theater!

    Rechtsstaat oder Volksgerichtshof?

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  6. hier suggerieren möchten:
    zu 1."..., die Reichen haben es häufig gar nicht nötig, bei den Werbungskosten zu tricksen, oder schwarz zu arbeiten. "
    Je reicher, um so mehr steigt erfahrungsgemäß die Angst vor Verlust und der versuch, sich mehrfach abzusichern, sein "Schäfchen" mehrfach "ins Trocken zu bringen". Ebenso steigt das Gefühl, absolut ja schon genug geleistet zu haben. Gar 2 gesellschaftlich eingeführte Regeln sind ein beispielhaftes Indiz dafür: Die obere Bemessungsgrenze bei der Sozialversicherung wie beim Kirchgeld: Obwohl oberhalb dieser Bemessungsgrenzen der Gewinn, das Einkommen rein dem Luxus dienen kann und damit eher entbehrlich ist als unterhalb, muss nur bis zur bemessungsgrenze ein beitrag geleistet werden, während die Beiträge unterhalb der Grenze den geringer Verdienenden vom existenziell Notwendigen viel eher abgehen. Ist das logisch?
    Und: Je näher man an der unteren Einkommensgrenze liegt, um so weniger kann man steuerlich absetzen, um so weniger ist Hinterziehung effektiv überhaupt möglich.

    zu 2."denn wenn ein Vermögender zehn Prozent weniger Steuern zahlt, dann zahlt er regelmäßig immer noch mehr, als ein sogenannter Normalverdiener..." Das glaubt er und das glauben Sie: Daher die Motivation zur Hinterziehung, geboren aus dem absoluten Zahlenvergleich. Tatsächlich geht es aber nicht um den Vergleich absoluter Zahlen, sondern um den Vergleich der einkommensmäßigen Leistungsfähigkeit. Der dann viele reiche Hinterzieher nicht nachkommen mögen.

    8 Leserempfehlungen
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    "Und: Je näher man an der unteren Einkommensgrenze liegt, um so weniger kann man steuerlich absetzen, um so weniger ist Hinterziehung effektiv überhaupt möglich."
    1. Steuerliche Absetzbarkeit einzelner Kosten ist nicht nur 100% legal (also keine Steuerhinterziehung), sondern sogar erwünscht (weil wirtschaftlich sinnvoll, da sie erst für Investitionen sorgt) und deshalb auch gerecht. Das Absetzen von Kosten mit Hinterziehung gleichzusetzen zeugt von einer wenig redlichen Argumentation.
    2. Auch Normalverdiener dürfen bestimmte Kosten absetzen und tun das (Versicherungskosten, Fahrtkosten usw.) Dann wären sie alle Hinterzieher?
    3. Auch Normalverdiener und sogar Rentner und Hartz-IV-Empfänger können Steuern hinterziehen, wenn sie Leistungen schwarz in Anspruch nehmen (dann sparen sie die MWSt) oder anbieten (dann sparen sie die Lohnsteuer und die Sozialbeiträge. Durch Schwarzarbeit gehen dem Staat ungleich mehr Steuereinnahmen verloren als durch die zurecht kriminalisierte Steuerhinterziehung der so genannten Reichen (sind auch Handwerker dabei). Nur: Hier macht man sich mehr Feinde, wenn man das verfolgt, und es kostet mehr Mühe.
    4. Wenn man sieht, dass die Deutschen viel weniger als alle anderen Europäer imstande sind, sich ein kleines Geldpolster aufzubauen, dann sollte man sich fragen, ob der gierige und effiziente deutsche Staat an dieser Misere nicht seinen Anteil hat. Steuerverschwendung (egal wohin das Geld geht) ist leider kein Straftatsbestand, obwohl es Untreue ist!

  7. Es handelt sich um eine typische Steinbrückarbeit, dass der Spitzensteuersatz ab 2009 (und nicht ab 2008) für diejenigen, die von den Zinserträgen des von ihren Vorfahren ererbten Kapitals leben können, auf 25 % Spitzensteuersatz begrenzt wurde.

    Wie einfach und vorbildlich das System ist, kann aus folgendem BMF-Schreiben entnommen werden, das auf lumpigen 326 Textziffern die wichtigsten Regelungen darstellt:
    http://www.bundesfinanzmi...

    Antwort auf "Einfaches Steuersystem"

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