Roberto Azevêdo nach seiner Bestätigung als neuer WTO-Chef in Genf © Fabrice Coffrini/AFP/Getty Images

Seit einigen Tagen hat die Welthandelsorganisation WTO einen neuen Chef: Der Brasilianer Roberto Azevêdo setzte sich gegen den ehemaligen mexikanischen Handelsminister Blanco durch, der von den Vereinigten Staaten (USA) und der Europäischen Union (EU) unterstützt worden war. Azevêdo hingegen war ein Kandidat der Schwellenländer. Letztlich ebneten ihm China sowie die Mehrheit der Entwicklungsländer und Russland den Weg zur WTO-Spitze.

Jetzt soll Azevêdo neuen Schwung in die weltweiten Freihandelsverhandlungen bringen. Einfach wird das nicht: Seit Jahren sind die Gespräche der Doha-Runde blockiert, in der es unter anderem um einen besseren Zugang der Entwicklungsländer zu den Märkten der Industrienationen geht. Stattdessen nimmt die Zahl der Regionalabkommen stetig zu. Azevêdo hat versprochen, den Trend umzukehren und sich für die Doha-Runde einzusetzen.

Dabei kann er ohne die Unterstützung der Mitgliedsstaaten nichts bewegen: Alleine ihr politischer Wille entscheidet darüber, wohin sich die WTO bewegt. Und bisher haben sie es nicht geschafft, sich auf Fortschritte zu einigen.

Der Nachfolger des Franzosen Pascal Lamy glaubt dennoch, dass er gute Chancen hat. Er könne die Ärmel hochkrempeln, sagte er kürzlich in einem Interview, und er kenne das WTO-System von innen. Mit seinem diplomatischen Geschick und seiner Überzeugungskraft könnte der Brasilianer tatsächlich dazu beitragen, die Dinge wieder in Bewegung zu bringen. Eine Chance für Fortschritt bietet sich Anfang Dezember in Bali. Dann steht die nächste WTO-Ministerkonferenz an, und die Erwartungen an den Chef der Welthandelsorganisation sind hoch.

Starke Führungspersönlichkeit

Das Treffen wird eine starke Führungspersönlichkeit brauchen, um die Doha-Verhandlungen wiederzubeleben – oder um sie endlich offiziell für "tot" zu erklären, falls auch in Bali kein Kompromiss zustande kommt. Am besten wäre es wohl, die Minister rängen sich dazu durch, zu retten, was noch zu retten ist – vor allem mit Blick auf die ärmsten Länder. Dann könnten sie den Erfolg des dort beschlossenen Pakets und den Abschluss der Doha-Runde verkünden. Gelingt das nicht, wäre es an der Zeit, die Doha-Runde endlich auch formell zu begraben und sich in der WTO den Themen des 21. Jahrhunderts zu widmen.

Unabhängig davon, wie die Konferenz ausgeht, kann Azevêdo den künftigen inhaltlichen Weg der Organisation prägen. Es gibt eine Reihe von schwierigen Zukunftsthemen, etwa der Rohstoffhandel, globale Wertschöpfungsketten oder die Notwendigkeit, Handel und Klimamaßnahmen in Einklang zu bringen. Dass der Chef persönlich sich hier einbringt, wäre wichtig. Daneben sollte der Brasilianer eine Diskussion zur immer bedeutender werdenden Schnittstelle von Handel und Energie anstoßen. Die Debatte wäre die Voraussetzung dafür, dass die Mitgliedsstaaten sich über die künftige Rolle der WTO in der globalen Energiepolitik einig werden.

Zudem kann Azevêdo neue Dynamik in die Debatte zur institutionellen Reform der WTO bringen. Grund für das Stocken der Doha-Runde ist nicht nur die fehlende Kompromissfähigkeit der Mitgliedsstaaten, sondern auch die derzeitige Struktur der Organisation. Entscheidungen werden im Konsens gefällt. Einzelne Staaten können so die Verhandlungen jederzeit mit ihrem Veto blockieren. Verhandlungen lassen sich nur mit der Einigung auf ein Gesamtpaket beenden, mit dem alle 159 Mitglieder einverstanden sind (single undertaking).

Hier kann Azevêdo wichtige Impulse setzen, indem er eine Diskussion über mehr Spielraum für eine WTO der verschiedenen Geschwindigkeiten forciert. Kleinere, plurilaterale Abkommen mit einer "Gruppe von Willigen" erfordern keinen Konsens von allen Mitgliedern zu einem großen Paket – und bieten so mehr Möglichkeiten für den erfolgreichen Abschluss von Verhandlungen.