Selten ließ sich besser prüfen, wie gut Europas gemeinsamer Währungsraum funktioniert. Der Nobelpreisträger und Ökonom Robert Mundell stellte bereits Anfang der sechziger Jahre die These auf, dass eine Währungsunion besonders dann Erfolg hat, wenn die Arbeitsmobilität hinreichend hoch ist. Kommt es zu wirtschaftlichen Schocks in einigen Mitgliedsstaaten, fallen die Folgen für die Menschen weit weniger hart aus, weil andere Arbeitsmärkte innerhalb des Währungsraums die Arbeitssuchenden aufnehmen können.

Mundell beschrieb damals ziemlich genau jene Situation, vor der ein großer Teil Europas heute steht. Die Euro-Zone ist wirtschaftlich tief gespalten. Nach einer langen Phase hohen Wachstums ist in den südlichen Mitgliedsstaaten (und in Irland) die Arbeitslosigkeit auf Rekordhöhen gestiegen. Deutschland und einige nordeuropäische Länder hingegen verzeichnen hohe Kapitalzuflüsse und niedrige Arbeitslosenquoten. Die Folgen der Finanzkrise scheinen in diesen Ländern fast überwunden zu sein. Wenn die Euro-Zone ein optimaler Währungsraum wäre, müsste die Wanderung innerhalb Europas also deutlich ansteigen – vor allem vom Süden in den Norden.

Tatsächlich scheinen die jüngsten Daten des Statistischen Bundesamtes das auf den ersten Blick zu widerlegen. Zwar kamen im Jahr 2012 rund 369.000 Personen mehr nach Deutschland, als dass Menschen das Land verließen. Eine solch hohe Nettozuwanderung gab es zuletzt im Jahr 1995, als der frühere Ostblock zusammenbrach und im früheren Jugoslawien ein Bürgerkrieg tobte. Dennoch ist die Zuwanderung aus den europäischen Krisenstaaten – anders als in den vergangenen Tagen oft berichtet – noch immer gering: Das Wanderungssaldo aus allen vier südeuropäischen Krisenstaaten – Griechenland, Italien, Portugal und Spanien – belief sich im vergangenen Jahr auf 72.000 Personen. Das ist angesichts von Arbeitslosenquoten von bis zu 25 Prozent in Spanien und Griechenland zu wenig, um die Arbeitsmärkte in diesen Ländern zu entlasten.

Haben die Skeptiker also Recht, die schon immer darauf verwiesen haben, dass die Arbeitsmobilität innerhalb der Euro-Zone zu niedrig ist, um eine gemeinsame Währung einführen zu können? Nur auf den ersten Blick. Wer die jüngsten Daten genauer betrachtet, kommt zu dem Schluss, dass die Krise durchaus große Auswirkungen auf das Wanderungsverhalten in Europa hat. In Wahrheit ordnen sich die europäischen Wanderungsströme gerade radikal neu.

Noch vor der Krise gab es zwei wichtige Wanderungsmagneten in Europa: Italien und Spanien im Süden, Großbritannien und Irland im Westen Europas. In Spanien ist in den vergangenen zehn Jahren der Anteil der Bürger, die im Ausland geboren wurden, von zwei auf 16 Prozent gestiegen. Eine solche Entwicklung hatte es zuvor in keinem Industriestaat gegeben. Auch Griechenland, Italien, Irland und Großbritannien verzeichneten in den vergangenen zehn Jahren einen in der Geschichte dieser Länder einmaligen Anstieg der Zuwanderung.

Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat dieser Entwicklung ein Ende gesetzt. Der Strom der Zuwanderer wird nun umgelenkt. Deutschland löst dabei Länder wie Spanien und Italien als Wanderungsmagnet ab. Das zeigt sich am deutlichsten bei den Wanderungsströmen aus Mittel- und Osteuropa. Bis zum Ausbruch der Krise absorbierten Spanien und Italien rund 80 Prozent der Zuwanderung aus Bulgarien und Rumänien in der EU. Großbritannien und Irland zogen ebenfalls 80 Prozent der Zuwanderung aus Polen und den anderen acht neuen Mitgliedsstaaten an, die 2004 der EU beigetreten sind. Heute entfallen auf Deutschland knapp 60 Prozent der Zuwanderung aus den acht neuen mittel- und osteuropäischen Mitgliedsstaaten des Jahres 2004. Rund 40 Prozent der EU-Zuwanderer aus Bulgarien und Rumänien kamen zuletzt nach Deutschland.

Woran liegt das? Es wäre ein Missverständnis zu glauben, dass die neuen Zuwanderer nach Deutschland kommen, weil die Wirtschaft hierzulande so viel besser läuft. Stattdessen kommen mehr Menschen aus Osteruopa, weil sie in den früheren europäischen Zielländern keine Chance mehr sehen. Neue Untersuchungen zeigen, dass 70 Prozent des Anstiegs der Zuwanderung nach Deutschland in den Jahren 2007 bis 2012 auf die Tatsache zurück geht, dass sich die wirtschaftliche Lage in anderen Zielländern verschlechtert hat. Nur rund zehn Prozent des Anstiegs lassen sich mit der Einführung der Arbeitnehmerfreizügigkeit erklären. Viele Einwanderer würden also weiterhin gerne in Spanien oder Großbritannien leben. Die schlechte Arbeitsmarktlage hingegen schreckt sie ab.