Griechenland : "Uns holt nur die Polizei hier heraus!"

Griechenland schließt den Staatssender ERT und wird so lästige Journalisten los, sagt Redakteurin Maria Kontaxi im Interview. Aber es gibt Widerstand.

ZEIT ONLINE: Wie unerwartet kam für die Mitarbeiter ihres Senders die Entscheidung, dass der Betrieb sofort eingestellt wird?

Maria Kontaxi: Wir wussten von nichts. Erst vor zwei Tagen kamen Gerüchte auf, dass die Regierung einen solchen Schritt plant. Aber wir haben das für Einschüchterung gehalten, damit unsere Verhandlungsposition geschwächt wird. Dann wurde es gestern Nachmittag einfach so verkündet.

ZEIT ONLINE: Was ist bisher geschehen?

Kontaxi: Wir sind noch alle hier. Die Mitarbeiter empfinden das als Putsch. Wir senden über unsere Internetseite weiter, aber ansonsten sind alle unsere Sender abgestellt: drei Fernseh- und sechs Rundfunkkanäle mit Dutzenden Regionalstationen. (Anm. d. Red: Die Internetseite des Senders ist inzwischen ebenfalls offline.) Daneben ist das berühmteste Orchester des Landes aufgelöst. Es gibt keine öffentlich-rechtlichen Medien mehr in Griechenland. Der Plan der Regierung ist nun, ab August einen neuen Sender mit der Hälfte der Angestellten zu gründen.

ZEIT ONLINE: Versuchen Sie wenigstens noch zu verhandeln?

Kontaxi: Ja, wir haben versucht, mit dem Premierminister Antonis Samaras zu sprechen, aber der hat uns abgewiesen. Wir sprechen nun mit den anderen beiden Parteien der Koalitionsregierung. Die behaupten, sie hätten von alledem nichts gewusst, wehren sich aber nicht ernsthaft, sonst würden sie aus der Koalition austreten. Wir sagen: Entweder wird die Entscheidung zurückgenommen, oder uns holt nur die Polizei hier raus!

ZEIT ONLINE: Gibt es Unterstützung für Sie aus der Bevölkerung?

Kontaxi: Ja und nein. Vor unserem Sender haben sich spontan Tausende versammelt, um zu protestieren. Andererseits gibt es in der Bevölkerung die Meinung, dass es uns doch bisher viel zu gut ging, dass wir zu viel verdienten. Ich aber arbeite seit 27 Jahren als Redakteurin hier und habe bis gestern netto 1.200 Euro monatlich verdient. Von den Berufseinsteigern brauchen wir gar nicht erst zu sprechen.

ZEIT ONLINE: Woher kommt dann dieses Negativ-Klima in der Bevölkerung?

Kontaxi: Die Regierung hat wie in allen Behörden auch bei uns ihre Vertreter sitzen, die dreimal so viel verdienen wie alle die Beschäftigten hier und keinen Finger rühren, aber kontrollieren wollen. Trotzdem funktioniert unser Sender anders als manche Behörde sehr gut. Unser Programm ist qualitativ deutlich anspruchsvoller als das der Privaten, die nur noch Seifenopern ausstrahlen.

ZEIT ONLINE: Warum will die Regierung nun ausgerechnet hier sparen?

Kontaxi: Es ist paradox, weil wir uns über Gebühren finanzieren und nur teilweise über den Staatshaushalt. Vier Euro monatlich zahlen die Hörer und Zuschauer für uns. Aber darum geht es nicht allein. Es ist für die Regierung besonders einfach und von Vorteil, die öffentlich-rechtlichen Journalisten rauszuschmeißen. Denn die ausländischen Geldgeber fordern für dieses Jahr, dass 2.000 Beamte entlassen werden, bis 2014 insgesamt 15.000. Wir sind aber gar keine Beamte, sondern Angestellte des öffentlichen Dienstes, daher kann man uns leichter loswerden. Einen anderen Plan hat die Regierung nicht.

ZEIT ONLINE: Wie steht es nun um die öffentliche Meinungsbildung in Griechenland?

Kontaxi: In den vergangenen Jahren haben die Journalisten hier einen aggressiven Kurs gegen die Regierung gefahren, was dieser natürlich nicht gefallen hat. Nun ist die Meinungs- und Pressefreiheit stark gefährdet, denn wir waren bisher relativ unabhängig. Die Privatsender in Griechenland aber gehören einigen wenigen Oligarchen-Familien,  die eng mit der Politik verbunden sind. Wenn jetzt dieser Sender geschlossen und mit der Hälfte der Angestellten wiederaufgebaut wird, kann man sich denken, welche Leute die Regierung hier einsetzt. Es ist eine Katastrophe.

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Kommentare

22 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Auch ich bin Ihrer Meinung

Wenn man griechische Ausgaben für den öffentlichen Rundfunk mit den deutschen vergleicht:
Griechenland: bei 10 Mio Einwohnern 300 Mio € Gebühren Einnahmen -> 30 € pro Einwohner
Deutschland: bei 80 Mio. Einwohnern geschätzt 9 Mrd. € Gebühren Einnahmen -> 112 € pro Einwohner also fast vier Mal so viel!

Auch wenn die deutsche ÖR Sender besser als die griechischen sein sollten, sind sie wirklich 4x besser???