Ernährung : Unser täglicher Mangel

Ein neuer Report zeigt: Milliarden Menschen auf der Welt fehlt es an wichtigen Nährstoffen – auch im reichen Teil der Welt.

Es geht nicht mehr nur um Hunger. Die Welternährungsorganisation FAO hält es in ihrem neuen Report zur Lage der Landwirtschaft  fest: Auch wer ausreichend Kalorien zu sich nimmt oder übergewichtig ist, kann mangelernährt sein, weil ihm bestimmte Nährstoffe fehlen. Weltweit trifft das auf viele Menschen zu – und die daraus resultierenden Kosten sind gewaltig.  

Gegenwärtig hungern rund 870 Millionen Menschen, schätzt die FAO. Das sind mehr als zwölf Prozent der Weltbevölkerung: ein enormer Anteil. Unter den Kindern sind es sogar 26 Prozent, die aufgrund von Hunger an Entwicklungsstörungen leiden, auch Stunting genannt. Zwei Milliarden Menschen sind mangelernährt und rund 1,4 Milliarden übergewichtig. Allerdings lassen sich die Zahlen nicht einfach addieren – wäre dem so, wäre mehr als die Hälfte der Menschen weltweit nicht ausreichend oder falsch ernährt. Es sei denkbar, dass die gleiche Person unter mehreren Arten der Fehlernährung zugleich leide, erklärt die FAO.

Die schlimmsten Folgen hat Mangelernährung bei Kindern und Müttern. Das körperliche Wachstum der Kinder ist gebremst, unter Umständen können sie wichtige Organe nicht ausreichend entwickeln und bleiben auch in ihren geistigen Fähigkeiten zurück. Oft beginnt die gestörte Entwicklung schon im Mutterleib, weil auch die Mutter nicht ausreichend zu essen bekommt. Als Erwachsene sind die Kinder weniger leistungsfähig, ihre Lebenserwartung kann verkürzt sein, und möglicherweise können sie schlechter für ihre eigenen Kinder sorgen. So kann Stunting von einer Generation an die andere weitergegeben werden.  

Die Kosten von Übergewicht steigen

Übergewicht hingegen macht auf andere Art krank. Es ist der größte Risikofaktor für nicht übertragbare Krankheiten, etwa Herz- oder Kreislaufleiden. Die FAO schätzt die Kosten von Hunger, Fehl- und Mangelernährung auf maximal 3,5 Billionen Dollar jährlich – rund fünf Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung oder 500 Dollar pro Person. Zwar sind die Kosten von Unterernährung weltweit immer noch weit höher als jene, die aus Übergewicht resultieren. Aber letztere nehmen zu, auch in armen Ländern.

Die Ursachen des Problems sind komplex: Wer sich mangelhaft ernährt, kann schlicht zu wenig Mittel zur Verfügung haben, um sich ausreichend Lebensmittel zu kaufen. Falsche Essgewohnheiten, kulturelle Faktoren oder mangelndes Wissen können aber ebenso eine Rolle spielen. Und – paradoxerweise – der wirtschaftliche Fortschritt. Er führe zu steigender Arbeitsproduktivität, schreibt die FAO, und damit dazu, dass ein immer geringerer Anteil der Bevölkerung in der Landwirtschaft arbeite und auf dem Land lebe, während die Städte wüchsen. "Die Menschen führen ein sesshafteres Leben und fragen Nahrungsmittel nach, die sie auf bequemere Art zubereiten können", heißt es in dem Bericht.     

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Kommentare

50 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren

Kurzsichtig

"Besonders effizient wäre es auf die Produktion von Fleisch zu verzichten."

Das würde Länder wie Brasilien oder Argentinien von den Stufen der sich entwickelnden Staaten auf die Stufen zu entwickelnden Staaten zurückwerfen.

Diese Länder haben durch den exzessiven Anbau von Futtermitteln, Rodung von Urwald, Verdrängung ihrer Subsistenzlandwirtschaft zugunsten großbäuerlicher Strukturen etwas Anteile am Welthandel erlangt. Wenn wir die Tierhaltung zu Ernährungszwecken abschaffen würden, würde deren Export wieder unter die Wahrnehmbarkeitsgrenze fallen.

Die Logik des Kapitalismus gibt vor, dass diejenigen, die es sich leisten können, essen was geht, damit diejenigen, die sich zuvor auf ärmlichste Weise selbst ernährt haben, durch Export oder Verkauf ihrer Arbeitskraft soviel Einkommen erwirtschaften, damit sie überleben können, aber dass es ihnen nicht so gut geht, dass sie frech werden und bei der Preisabsprache mitreden wollen, denn das würde den Konsum einschränken.

Eben Verhältnisse wie bei Kaffee, Tee, Kakao, Erdnüsse. Oder bei uns in Deutschland bei Milch und Schweinefleisch. Damit alle mitspielen, darf der gewaltige Nahrungsmittelausstoß nur dazu verwendet werden, dass die Nahrungsmittel immer billiger werden, aber keinesfalls, dass alle daran teilhaben können. Sonst wäre der Anreiz weg.

Natürlich können wir die Kalorienfehlverteilung bejammern, sie aber schlicht notwendig, um das System am Laufen zu halten und Wachstum zu generieren.

Ihrer Argumentation ist nur dann schlüssig,

wenn sie annehmen, dass die Produzenten keine neuen Abnehmer finden oder aber die jetztige Produktion bereits gerade so den Break Even Point überschreitet. Ersteres ist angesichts der Hungernden mit Sicherheit nicht gegeben. Zweiteres wissen Sie wahrscheinlich ebenso wenig wie ich. Die Brasilianischen Sojakönige heißen aber vermutlich nicht so, weil sie gerade so über die Runden kommen. Die Nachfrage ist also da, jedoch mit geringerer Kaufkraft. ich nehme an, dass preislich durchaus noch Luft nach unten ist, bevor die Produktion von Soja in Südamerika unrentabel wird. Und exakt dieser Preisrückgang durch die verminderte Nachfrage nach Soja als Futtermittel kann dazu führen, dass die Nachfrage nach Soja als Grundnahrungsmittel in Asien und Afrika stärker befriedigt werden kann. -> Weniger Hungernde.

@15: Wenn die Nachfrage aus Europa wegbricht, wird sie durch die Nachfrage aus Asien und Afrika ersetzt, die jedoch weniger zahlungskräftig ist. Mit Sicherheit wird der zahlungskräftigste Teil dieser Nachfrage bedient werden, ehe die Produktion unwirtschaftlich wird. So schnell wechseln die Ressourcen nicht in eine andere Sparte, schon alleine wegen den sunk costs.
Wenn Sie Fleisch essen, erhöhen Sie unnötiger Weise den Verbrauch von Soja, d.h. die Nachfrage ist höher als sie sein müsste. Dadurch steigen die Preise und der Afrikaner oder Asiate kann den neuen Preis nicht mehr zahlen und hungert. Sie sehen zwar nicht den direkten Zusammenhang, aber er ist da.

Fraglich

wohin das ganze Soja geht. Immerhin werden 90% des aus Südamerika importierten Sojas als Futtermittel verbraucht. Fällt das jetzt unter "sonstiges"?
Kann man auf den Böden nur Weizen und Gerste anbauen?

Wie wärs mit Winterbraugerste anstatt Winterfuttergerste? Wintergerste kann übrigens theoretisch auch für die menschliche Ernährung genutzt werden:
"Rollgerste (= „Graupen, Perlgraupen, Kochgerste“) erhält man durch Schleifen der Körner der Wintergerste, wobei Frucht- und Samenschale nahezu vollständig entfernt und die Spitzen (Keimling, Bart) abgerundet werden. Leider wird der Nährwert der Gerste durch diese mechanische Bearbeitung stark verringert, ergibt aber besonders leicht verdauliche und magenfreundliche Breie, Suppen und Aufläufe. Sie ist als Krankennahrung sehr geeignet, denn der nährende Gerstenschleim aus Graupen oder Gerstengrütze unterstützt die Heilung vieler Magen-Darmerkrankungen."
(Quelle: http://www.wildfind.com/p...).

Da Ihr Beitrag als Antwort auf meinen Beitrag

verfasst wurde, muss ich annehmen, dass mit "westlicher Lebensreformer" ich gemeint sein soll.

Zunächst einmal: Proteine gibt es in pflanzlicher Nahrung mehr als genug. Woher wohl kommt das Protein im Fleisch? Soja ist bspw. ein hervorragender Proteinlieferant. Es ist klar, dass pflanzliche Nahrung nicht überall verfügbar ist, z.B. können Nomaden in der Steppe kaum zu Vegetariern werden. Diese Forderung wird auch kein "westlicher Lebensreformer", jemals aufstellen. Eine solche Forderung habe auch nicht nicht aufgestellt. In Deutschland bestehen die von Ihnen vorgebrachten Einwände jedoch nicht. Nichts spricht hier gegen eine vegetarische Ernährung außer Egoismus.

"Wo Vegetarismus keine kulturelle Basis hat, ist er allenfalls eine Modeerscheinung für das städtische Bürgertum, die ländlichen Armen wollen v.a. satt werden". Was wollen Sie damit sagen? Sprechen Sie hier über Europa? Ich hoffe Ihnen ist bewusst, dass eine Kultur dem Wandel unterliegt, oder bringen Sie noch Menschenopfer dar, wie dies zum Beginn unserer Zeitrechnung noch Brauch war? Ah, Vegetarier werden also nicht satt.. jetzt wo sie's sagen knurrt mir doch ein wenig der Magen :-)

Ganz so einfach ist die Sache nicht

Gemüse und Obst gibt es vor allem während der Erntezeit. Da rauschen dann die Preise in den Keller, da mangels Lagermöglichkeiten die Ware nur für ein paar Wochen zur Verfügung steht. Fleisch hat hingegen das ganze Jahr Saison.
Der menschliche Organismus ist nicht auf die Verwertung von Zellstoff eingestellt. Der Nährwert eines Salats oder von Gras ist für Menschen - anders als bei der Kuh - praktisch Null. Nährgehalt für den Menschen bekommt Zellstoff beim Umweg über einen Wiederkäuer.
Und der Mensch braucht auch Fett. Dies wird in ausreichender Menge von Tieren hergestellt. Pflanzliche Öle können manches, aber eben nicht alles ersetzen. Bei körperlich hart arbeitenden Menschen werden sie kaum Veganer finden.

Waren Sie jemals selbst einkaufen?

Gemüse und Obst gibt es das ganze Jahr - Kühlhäuser und Globalisierung sei dank. Es stellte sich sogar heraus, dass es ökologisch sinnvoller sein kann, Obst zu importieren anstatt per Kühlhäuser ganzjährig verfügbar zu machen. Aber das nur nebenbei.
Wenn Ihnen ihre Partnerin/ihr Partner das nächste Mal erzählt, dass es dieses oder jenes Gemüse nicht gab, dann schauen sie am besten selbst mal in den örtlichen Supermärkten und Discountern nach und nehmen nicht alles kritiklos hin.
Bis auf B12 lässt sich jeder Nährstoff in ausreichendem Maße aus pflanzlicher Nahrung beziehen. Daran gibt es unter informierten Personen keinen Zweifel. Was sie von sich geben ist vermutlich das, was ihnen ihre Eltern oder der Metzger von nebenan erzählt hat. Eben das, was auch mir jahrelang erzählt wurde, ehe ich mir mal ein Buch geschnappt und mich selbst informiert habe, nachdem ich mir nicht erklären konnte, wie gerade ein mir bekannter Bodybuilder Veganer sein konnte. Sich selbst zu informieren kann ich ihnen nur empfehlen. Womit wir bei nächsten Punkt wären: "Bei körperlich hart arbeitenden Menschen werden sie kaum Veganer finden." Stimmt, die findet man hauptsächlich - zumindest hierzulande - bei Gebildeten und die müssen selten körperlich hart arbeiten. Aber man findet sie doch: hart "arbeitende" und gebildete Menschen wie beispielsweise Patrik Baboumian oder Arnold Wiegand. Der lebende Beweis, dass körperliche Höchstleistungen ohne jedes tierische Nahrungsmittel möglich sind.

Sie sind vom Wohlstand verwöhnt

leben vermutlich in einer Großtstad und gehen davon aus, dass Logistik reibungslos funktioniert. Für die Mehrheit der Weltbevölkerung trifft dies leider nicht zu. Die meisten sind auf das angewiesen was die heimische Scholle und Viehhaltung so abwirft. Sie setzen funktionierende Märkte voraus. All dies ist nicht selbstverständlich. Vor dreissig Jahren hatte man auch auf dem Dorf so seine liebe Mühe, die Abwechslung vorzufinden, die man heute schätzt. Die von Ihnen genannten Menschen dürften kaum Mühe haben ganzjährig einen bunten und abwechslungsreichen Speiseplan zu gestalten. Sie leben in einem hochindustrialisierten Land. Bei uns gibt es alles, aber einen Großteil des Jahres werden diese veganischen Leckereien eben importiert und nicht in Deutschland produziert.

Der Bauer geht vermutlich Pleite ;-)

Und wird dann bei Audi am Band anheuern, weil die wohlhabenden Käufer, die jetzt weniger Geld ausgeben müssen (unter der Voraussetzung, dass vegetarisch leben günstiger ist) teurere Autos kaufen. So sollte es imo aussehen, wenn man dieser Logik folgt. Ich denke aber trotzdem, dass es sich positiv auswirken wird, gerade weil ja in ärmeren Ländern Nahrungsmittel exportiert werden, um unsere Viecher zu füttern.
Das Problem ist: Selbst hier, in einer (verhältnismäßig) aufgeklärten Gegend (Deutschland), steigt der Fleischkonsum wenn ich mich nicht irre. In anderen Ländern, gerade in den Schwellenländern, gehört Fleischkonsum oft zu steigendem Wohlstand dazu.
Daher ist es in meinen Augen absolut unrealistisch, das Hungerproblem durch geringere Fleischnachfrage bekämpfen zu wollen. Das wird nie was.

Zu Ihrer Frage: 99+% @ Schütze + Auftraggeber. Evtl. 1% Schuld gebe ich dem, der als unbeteiligter nichts dagegen unternimmt, je nach persönlicher Situation.

Klar wird das nichts

wenn alle so denken. Mein Nachbar ist Fleisch, da mache ich das auch. Oder eben wie jetzt die Chinesen: Ich kann mir Fleisch leisten, also mache ich es auch. Es geht ja gerade darum, umzudenken.

@9: Fleisch ist als Nährstofflieferant überflüssig. Ein Blick in die Schriften der DGE oder noch besser dem US-Gegenstück (welches entgegen der DGE auch vegane Kost gutheißt) oder jedem anderen neueren Werk, dass sich mit gesunder Ernährung befasst hilft da weiter.

@11: die Futtermittel werden hauptsächlich in Südamerika hergestellt. Wenn man berücksichtigt, dass europäische Massentierhalter das Futter aus südamerika beziehen, stelle ich in Frage, dass die hießige Landwirtschaft tatsächlich umweltfreundlicher wurde. für die Futtermittelproduktion werden Regenwelder abgeholzt, rießige Monokulturen angelegt und mit Gift gespritzt welches dazu führt, dass ansässige Kleinbaueren keine gesunden Kinder mehr bekommen. Gabs unlängst einen Bericht auf BR3, also dem Sender, der sonst die leckersten Schweinebratenrezepte vorstellt.

@12: Ob der Bauer Pleite geht kommt auf die Effizienz seiner Produktion an. Es kann durchaus sein, dass lediglich die Gewinne schrumpfen, die Produktion also weiter wirtschaftlich bleibt. Schließlich werden die Futtermittel nicht von Kleinbauern sondern rießigen Konzernen produziert. Aber das ist Spekulation. Um Albert Einstein zu bemühen:
“Nichts wird die Chance auf ein Überleben auf der Erde so steigern wie der Schritt zur vegetarischen Ernährung.”

Wie gesagt,

ich gebe Ihnen ja grundsätzlich recht, dass eine vegetarische Ernährung höchstwahrscheinlich mehr Menschen ernähren könnte. Es gibt aber - wie hier ja schon öfter geschrieben wurde - auch Futtermittel, die Menschen nicht vertragen und sich daher gut zur Fütterung eignen.
Allerdings, der entscheidende Punkt ist: Der Fleischkonsum wird weiter steigen. Selbst hier in Deutschland interessiert das Problem die wenigsten, da wird es wohl kaum einen chinesischen Fabrikarbeiter interessieren, der sich gerade mit Mühe und Not sein kleines Stück Wohlstand erkämpft hat.
Umdenken ist ja schön und gut, wird an dem Problem aber nichts ändern. Andere Lösungen müssen her.