FlutDer Druck auf die Dämme nimmt zu

Sachsen-Anhalt, Brandenburg, Niedersachsen: In Teilen dieser Länder wird die volle Wucht der Flut noch erwartet. Brisant ist die Lage derzeit in Mühlberg und Bitterfeld.

Das Hochwasser an Elbe und Donau bleibt weiterhin gefährlich. Die Flut wird in Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Niedersachsen erst am Wochenende ihren höchsten Punkt erreichen. Die Kleinstadt Mühlberg in Brandenburg wird wegen des Elbhochwassers geräumt. "Die Stadt ist nicht mehr sicher", sagte ein Sprecher des Innenministeriums. Am Freitagmittag hatte der Elbe-Scheitel die 2.100-Einwohner-Stadt erreicht. Alte, unsanierte Deichabschnitte drohen zu brechen – es herrscht Katastrophenalarm.

In Magdeburg hat der Pegelstand die Sieben-Meter-Marke überschritten, hier mussten 2.000 zusätzliche Bundeswehrsoldaten angefordert werden. Im Landkreis Anhalt-Bitterfeld sind 10.000 Menschen aufgerufen, ihre Wohnungen zu verlassen und sich in Sicherheit zu bringen. Hier versuchen Arbeiter mit schwerem Gerät ein Leck zu schließen, das sich im aufgeweichten Erdreich zwischen zwei Seen gebildet hat. Trotzdem besteht die Gefahr, dass sich das Loch vergrößert – dann könnte eine Flutwelle auf Bitterfeld zurollen.

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Dagegen sinkt der Druck auf die Dämme in Halle. Am Sonntag will Bundespräsident Joachim Gauck Hochwasserregionen an Saale und Elbe besuchen. Auch in Niedersachsen entspannt sich die Lage leicht. Nachdem die Prognosen für die höchsten Pegelstände zwei Tage in Folge nach unten korrigiert wurden, setzen jetzt viele Anwohner darauf, dass es für sie diesmal doch nicht so schlimm kommt, wie bisher befürchtet. Die höchsten Pegelstände werden dort erst am Mittwoch erwartet.

In Bayern, wo es stellenweise noch dramatisch aussieht, zieht sich das Hochwasser langsam zurück und die Pegelstände fallen. Allerdings steigt dem Deutschen Wetterdienst zufolge die Neigung zu Schauern und Gewittern. Die Wasserstände könnten darum wieder leicht steigen. Bundesweit versuchen 70.000 Feuerwehrleute und mehr als 11.300 Bundeswehrsoldaten die Flut zu bekämpfen. Mindestens sieben Menschen starben, seitdem in Deutschland die Hochwasserkatastrophe begonnen hat. Mehrere werden vermisst.

Betroffene Gebiete fordern mehr Geld vom Bund

Die von dem Hochwasser betroffenen Bundesländer fordern mehr Geld für die Beseitigung der immensen Schäden. Das bisherige Angebot der Bundesregierung von 100 Millionen Euro reiche nicht aus. Allein für die Wirtschaft werden sich die Flutschäden nach Befürchtungen des Deutschen Industrie- und Handelskammertags DIHK auf mehr elf Milliarden Euro belaufen. Das Bundesagrarministerium bezifferte die Schäden in der Landwirtschaft mit bundesweit 173 Millionen Euro. Die Summe werde wohl noch steigen.

Regierungssprecher Steffen Seibert sagte, dass die Bundesregierung bereit sei, auch mehr als die bislang zugesagte Summe an Soforthilfe bereitzustellen. Zunächst müssten nach dem Ende der Hochwasser-Katastrophe die Gesamtschäden bewertet werden. "Die 100 Millionen Euro sind nicht automatisch das letzte Wort." Die Umweltminister der Länder beschlossen, nach der Hochwasserkatastrophe in weiten Teilen Deutschlands eine Fehler- und Schwachstellen-Analyse vorzulegen.

Nach Einschätzung des Deutschen Bauernverbandes (DBV) könnte der Schaden für die Landwirte sogar auf mehr als 300 Millionen Euro steigen. Insgesamt könnten 250.000 Hektar Ackerfläche verwüstet sein, hinzu käme der Verlust von Tieren und Schäden an Gebäuden. Wie ein Sprecher des Landwirtschaftsministeriums in Berlin sagte, drohe der Landwirtschaft allein in Bayern nach jetzigem Stand ein Schaden von mehr als 74 Millionen Euro.

DBV-Präsident Joachim Rukwied sagte, die Bauern könnten die Folgen nicht alleine tragen. Er forderte, die Landwirte bei Sofortmaßnahmen von Bund und Ländern zu berücksichtigen. Laut Ministerium können geschädigte Landwirte seit Freitag ein finanzielles Hilfeprogramm in Anspruch nehmen. Die landwirtschaftliche Rentenbank biete Förderdarlehen zu günstigen Konditionen an. Die staatliche Förderbank KfW kündigte an, 100 Millionen Euro zu günstigen Konditionen für Privathaushalte, Unternehmen und Kommunen zur Verfügung zu stellen.

Mehr als elf Milliarden Euro Schaden in der Wirtschaft

Verglichen mit der gesamten Industrie sind die Schäden für die Bauern jedoch gering. "2002 betrug der durch das Hochwasser hervorgerufene volkswirtschaftliche Schaden rund elf Milliarden Euro. In einigen Regionen dürfte das Ausmaß der Schäden eher größer sein als 2002", sagte DIHK-Präsident Eric Schweitzer. Allerdings sei die Lage zu unübersichtlich, um das Ausmaß abschließend beziffern zu können.

Die Lieferketten in den Unternehmen beeinflusst das Hochwasser nach Angaben des Bundesverbandes Materialwirtschaft, Einkauf und Logistik (BME) bislang nicht. "Nur wenige Einkäufer berichten uns von Produktionsstörungen", sagte Hauptgeschäftsführer Holger Hildebrandt. Allerdings käme es in einigen Krisengebieten zu Verzögerungen. Die meisten Betriebe seien gut vorbereitet. "Die Unternehmen verfügen heute in der Regel über ausreichende Sicherheitsreserven in ihren Lagern", sagte Hildebrandt.

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Leserkommentare
  1. " Alte, unsanierte Deichabschnitte "

    Da war seit dem letzten Hochwasser keine Zeit dafür ?

    Man könnte ja auch die Dörfer am Wasser platt machen anstatt die Plattenbauten in den Großstädten.

    Das wäre für die Allgemeinheit billiger.

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  • Quelle ZEIT ONLINE, dpa, AFP, zz, lab
  • Schlagworte Bundesregierung | Flut | Joachim Gauck | Bundeswehrsoldat | DIHK | Euro
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