Eigentlich schien es gut zu laufen für Griechenland in den vergangenen Wochen. Athen meldete Fortschritte bei der Konsolidierung der Staatsfinanzen, vom Euro-Austritt war nicht mehr die Rede. Das Vertrauen der Finanzmärkte begann zurückzukehren, abzulesen an fallenden Risikozuschlägen für griechische Staatsanleihen. Selbst der strenge Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) fand verhaltenes Lob für die Griechen. Und dann das: Aus vermeintlicher Stabilität droht das Land unvermittelt ins Chaos zu stürzen.

Anlass war die vom konservativen Ministerpräsidenten Antonis Samaras vor zehn Tagen überraschend und gegen den Einspruch seiner beiden Koalitionspartner angeordnete Schließung des Staatsfunks ERT. Dieser einsame Beschluss erschüttert jetzt die Fundamente der vor genau einem Jahr gebildeten Dreiparteienkoalition der konservativen Nea Dimokratia von Samaras mit der sozialistischen Pasok und der Demokratischen Linken (Dimar).

Deren Chef Fotis Kouvelis sah jetzt offenbar die Chance zum Ausstieg aus einer Koalition, in der er und viele seiner Parteifreunde sich zunehmend unwohl fühlten. Den Sparkurs, der Griechenland von den internationalen Geldgebern diktiert wird, trug die Dimar nur zähneknirschend mit.

Hinzu kommt die Neigung des Premiers Samaras zu einsamen Entscheidungen. Die beiden kleinen Koalitionspartner, Kouvelis und Pasok-Chef Evangelos Venizelos, fühlen sich häufig übergangen. Wobei man allerdings sagen muss, dass sie daran nicht ganz schuldlos sind, denn beide übernahmen bewusst keine Regierungsämter, bleiben also auf Distanz zur Koalition und sicherten sich von Anfang an die Option auf einen Ausstieg. Dass Samaras gerade deshalb Führungsstärke zeigte, ist ihm nicht übel zu nehmen.

Möglicherweise hat der Premier den politischen Sturm unterschätzt, den er mit der Schließung von ERT auslöste. Er hätte seine Partner früher und intensiver konsultieren müssen. In der Sache bleibt die Schließung dennoch richtig. Wer darin, wie manche europäische Kommentatoren, einen Angriff auf die Meinungsfreiheit und -vielfalt sieht, kennt die Verhältnisse in Griechenland nicht. ERT war eben keine öffentlich-rechtliche Anstalt, sondern ein mit Zwangsgebühren der Bürger finanzierter Staatssender, direkt der Regierung unterstellt.

Jahrzehntelang missbrauchten die jeweiligen Regierungsparteien ERT als Versorgungsanstalt für verdiente Funktionäre und linientreue Journalisten. ERT war keine griechische ARD oder BBC, sondern eine Art Prawda des Äthers.

Deshalb geht es jetzt auch nicht nur um eine medienpolitische Entscheidung. ERT war ein Paradebeispiel für Intransparenz, Vetternwirtschaft und Verschwendung im öffentlichen Dienst Griechenlands. Hier liegt eine der Ursachen der Schuldenkrise des Landes, die auch eine Krise seiner Institutionen ist.