Staatssender ERT : Staatsfunk-Streit gefährdet griechische Regierung

Wütende Mitarbeiter, eine entzweite Koalition: Die Schließung des Staatssenders ERT führt in Griechenland zu einer neuen Regierungskrise.
Die Reporterin Chrysa Roumeliotis © Ferry Batzoglou

Man sieht die schwarzen Augenringe kaum, die Visagistin hat sich Mühe gegeben, sie zu kaschieren. "Wie viel ich seit Dienstagmorgen geschlafen habe? Sieben Stunden, in fünf Tagen." Chrysa Roumeliotis zündet sich eine Zigarette an, bläst Rauch aus. Es ist Samstagnachmittag und Roumelitos, eine Frau Mitte 40 mit schmalen Gesichtszügen, sitzt in einem Büro in der Zentrale von ERT, jenem öffentlich-rechtlichen Sender Griechenlands, dessen Programm am Dienstagabend vergangener Woche einfach beendet wurde. Von Staats wegen.

Sie war gerade auf Sendung, als es geschah. Um 22:54 Uhr hörte Roumeliotis, dass die Polizei in der Nähe des Gebäudes sei und sagte noch einen Satz in die Kamera, an den sie sich noch Tage später erinnert: "Liebe Zuschauer, die Polizei setzt gerade unsere Sendeanlage außer Betrieb." Dann kappten die Beamten das analoge Sendesignal, das Bild fror ein. Sekunden später war es schwarz. Kurz darauf verkündete der griechische Regierungssprecher Simos Kedikoglou die plötzliche Schließung des Senders – angeblich wegen "Intransparenz" und "unglaublicher Verwendung" bei ERT. "Ich dachte, das ist das Ende", sagt Roumeliotis. "Aber zugleich war es auch Anfang."


Die Schließung hat etwas Neues in Gang gesetzt. Vor dem Hauptgebäude von ERT im nördlichen Athener Vorort Aghia Paraskewi versammeln sich seither immer mehr Bürger, um sich mit den Journalisten zu solidarisieren. Auch politisch birgt die Schließung Sprengstoff: Die beiden Koalitionsparteien Pasok und die Demokratische Linke fühlen sich durch die einsame Entscheidung des Premiers übergangen. Der Streit ist mittlerweile so aufgeladen, dass ein Koalitionsbruch nicht mehr auszuschließen ist. Dann stünde Griechenland vor Neuwahlen, schon wieder. Am Abend soll ein Gipfel in Athen eine Klärung bringen. Die größte Oppositionspartei Syriza hat schon jetzt zu Massendemonstrationen vor dem Parlament aufgerufen.

Und ERT sendet weiter, im Netz und ohne Erlaubnis und das, obwohl die Regierung mit Sanktionen droht. Griechische Webseiten stellen ihren Auftritt zur Verfügung und viele im Land schauen zu, wie sich der Staatssender zum Guerillafernsehen wandelt. Auch Roumelitios moderiert weiter, auch wenn es ihr manchmal wie ein schlechter Scherz erscheint. "Ich wollte zum Staatsfernsehen, um meine Arbeit so zu verrichten, wie es meinem Wertesystem und beruflichen Ethos entspricht: unabhängig, seriös, untendenziös." Jetzt arbeitet sie de facto für einen Piratensender und eine Redaktion, die sich offen mit der Regierung anlegt.

Die Regierung hat ihren Einfluss oft geltend gemacht

Roumeliotis ist eine der profiliertesten und mutigsten Fernsehreporter von ERT. Sie hat über den Krieg in Bosnien, die Bombenangriffe der Nato auf Belgrad, über so ziemlich alle griechischen Parteien, die Regierung und zuletzt den Staatspräsidenten berichtet. Sie weiß, was es bedeutet, in Griechenland für einen Staatssender zu arbeiten. Es habe bei ERT "stets Interventionen gegeben, die Arbeit von oben zu kontrollieren, zu zensieren", sagt sie. Mitarbeiter, die der Regierung genehm gewesen seien, hätten Sendungen bekommen, andere seien zeitweise "eingefroren" und auf das Abstellgleis geschoben worden. So sei es auch ihr mehrmals gegangen, als sie Missstände offen angesprochen habe. Die Regierung entscheidet bei ERT über die Spitze des Senders, die aus einem Geschäftsführer und vier Generaldirektoren besteht. Und sie hat ihren Einfluss oft geltend gemacht.

Ausgerechnet dem heutigen Premier und Reformer Antonis Samaras wird vorgeworfen, immer wieder in das Programm eingegriffen zu haben. Jüngster Vorfall war die Entmachtung des langjährigen Reporters Nikos Grillakis, der zugleich für die Mitarbeiter spricht. Grillakis, so der Vorwurf aus den Reihen der Redaktion, habe regierungskritisch über anstehende Strompreiserhöhungen berichtet. Daraufhin sei er vom neu eingesetzten Nachrichtenchef kalt gestellt worden. Die empörte ERT-Belegschaft streikte prompt wegen des Vorfalls und hatte Erfolg. Der Reporter war bis zum vorigen Dienstag wieder auf dem Bildschirm zu sehen.  Zu weiteren Streiks kam es, als nach der Parlamentswahl im vergangenen Sommer plötzlich zahlreiche neue Journalisten, Sonderberater und Sekretärinnen eingestellt wurden, bei denen der Verdacht bestand, sie stammten aus dem Umkreis der Regierung.

Was die Belegschaft empörte: Bis zu 3.500 Euro pro Monat kassierte jener erlesene Kreis der neuen Journalisten bei ERT – fast das Dreifache des Durchschnittsgehalts der insgesamt rund 2.700 Mitarbeiter. Auch Chrysa Roumeliotis verdient bei Weitem nicht so gut, sie kommt auf 1.360 Euro im Monat. Bei einer Monatsmiete von 460 Euro für eine kleine Wohnung im kleinbürgerlichen Stadtteil Ambelokipi kommt man damit kaum über die Runden.

Dabei war ERT zuletzt kein Sanierungsfall. Im Gegenteil. Seit 2010 schreibt der Sender konstant Gewinne, seither insgesamt mehr als 100 Millionen Euro. Dem Fiskus in Griechenland liegt der Sender also gar nicht auf der Tasche. Auch die Gehälter wurden im Zuge des Sparkurses im Land gleich dreimal um insgesamt bis zu 40 Prozent gesenkt. Viele Mitarbeiter verließen den Sender, hochdotierte Moderatoren wurden schon Ende 2009 ausgemustert.

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Kommentare

30 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

Was und vor allem wie es geschah

zeugt von sehr wenig Fingerspitzengefühl...
Genau sowenig wie zum Zeitpunkt, als die Krise zuschlug.
Von Berlin über Brüssel bis Athen und zurück.
Ist das also nur die logische Fortsetzung dessen, wie man dieser Krise Herr werden will?
Man kann nur hoffen, dass die € Krise, die längst zu einer EU Krise geworden ist am G8 Gipfel zur Sprache kommt und Brüssel zur Einsicht, dass die reine Austeritätspolitik jämmerlich gescheitert ist, und es höchste Zeit wird (falls nicht schon zu spät) andere Wege einzuschlagen.
Dabei darf es keine Tabus geben und die Banken dürfen rein gar nichts mehr zu sagen haben, ansonsenten bewegen wir uns unweigerlich weiter auf den schon sehr nahen Abgrund zu.