Hochwasser : Gesamtschaden der Flut übersteigt Rekord von 2002

Analysten schätzen, dass der wirtschaftliche Schaden des Hochwassers den Rekord von 2002 übersteigt. Besonders hart trifft es offenbar die Versicherer.

Zerstörte Straßen, unterspülte Brücken, beschädigte Gebäude und Einrichtungen, weggespülte Landschaft, Produktions- und Ernteausfall – das Hochwasser in Teilen Deutschlands wird nach Schätzungen von Fachleuten etwa zwölf Milliarden Euro Schaden anrichten. Das wäre mehr als beim Hochwasser an der Elbe vor elf Jahren, das 11,6 Milliarden Euro Schaden nach sich zog.

"Falls das Hochwasser sich wie erwartet weiter entwickelt, dürfte der volkswirtschaftliche Schaden eine Größenordnung von zwölf Milliarden Euro erreichen", sagte Versicherungsanalyst Stephan Kalb von der Rating-Agentur Fitch. Auf die Versicherer kommen nach seiner Schätzung bis zu drei Milliarden Euro zu – deutlich mehr als die 1,8 Milliarden, die sie 2002 hatten zahlen müssen. Der Rückversicherungsmakler Aon Benfield geht laut Handelsblatt sogar von vier Milliarden Euro aus.

Einer der Gründe: Heute sind weit mehr Privathaushalte in Deutschland gegen Naturgefahren versichert. Zudem trifft das Hochwasser diesmal auch Regionen, die beim Hochwasser 2002 nicht betroffen waren und deshalb weniger vorgesorgt hatten.  

Bund-Länder-Fonds angekündigt

Auch die Agrarbranche ist getroffen: Der Geschäftsführer des Bundesverbandes der obst-, gemüse- und kartoffelverarbeitenden Industrie, Hans-Peter Karus, sagte, regional werde es mit Sicherheit Einbußen geben. "Die Schäden sind aber im Moment nicht bezifferbar." In anderen Branchen wird ebenfalls noch gerechnet. Viele Schäden sind auch erst dann sichtbar und zu ermessen, wenn das Wasser abgelaufen ist.   

Die Bundeskanzlerin und die Ministerpräsidenten hatten 100 Millionen Euro Soforthilfe vesprochen. Wirtschaftsminister Philipp Rösler präzisierte nun, dass Bund und Ländern auch wieder einen Hochwasserfonds bilden könnten. Das habe sich schon 2002 bewährt. Wenn die Menschen sich gegenseitig hülfen, müsse auch die Politik im Haushalt dafür sorgen, dass die nötigen Mittel zur Verfügung stünden.

2002 hatten Bund und Länder über einen Fonds rund sieben Milliarden Euro aufgebracht. Dafür wurden Steuersenkungen verschoben und die Unternehmenssteuer erhöht. Am Donnerstag wollen sich Kanzlerin Angela Merkel und die Ministerpräsidenten zu einem seit Längerem geplanten Gespräch über die Bewältigung der Katastrophe treffen. 

Neueinstufung der Risiko-Orte

Die Versicherer wollen nun die Versicherungsquote steigern: 32 Prozent der Wohnungen sind gegen Hochwasser versichert, 99 Prozent wären versicherbar. Doch gerade in den hochwassergefährdeten Gegenden ist der Schutz teuer oder die Versicherer verlangen hohe Selbstbehalte. "In dem Teil, wo es nicht versicherbar ist, muss man sich überlegen, ob man Baugenehmigungen noch erteilen sollte", sagte der Präsident des Branchenverbandes GDV, Alexander Erdland.

Doch das Hochwasser von 2013 traf auch Städte und Dörfer, die als voll versicherbar galten, wie das niederbayerische Deggendorf an der Donau. "Es könnte deshalb sein, dass nach diesem Hochwasser eine Neueinstufung bestimmter Risiko-Orte stattfinden wird", sagte Aon-Experte Jan-Oliver Thofern dem Handelsblatt.

Das Thema Versicherungen wird auch bei der Justizministerkonferenz der Länder am Mittwoch zur Sprache kommen. Der thüringische Ressortchef Holger Poppenhäger (SPD) hatte unlängst eine Versicherungspflicht für Elementarschäden gefordert. "Wir müssen weg von dem System der Opferhilfe nach Kassenlage und abhängig davon, ob gerade Wahlkampf ist." 

Kreditwirtschaft kulant

Die größten Belastungen für die Versicherer resultierten aus beschädigten Häusern, Kfz-Policen und Betriebsunterbrechungen, schätzt Fitch ein. Betroffen sei neben der Versicherungskammer Bayern (VKB) und den SparkassenVersicherungen in Baden-Württemberg, Hessen, Thüringen und Sachsen auch die Allianz, die die Hausrat-Policen der staatlichen Versicherung der DDR übernommen hatte. 

Die Hochwasserschäden machen laut Fitch nur fünf bis sechs Prozent der Beitragseinnahmen in der Sachversicherung aus, ein Teil davon werde durch die Rückversicherer getragen. Deshalb steige die Schaden-Kosten-Quote nur um zwei bis drei Prozentpunkte. 2012 habe sie branchenweit bei 96 bis 97 Prozent gelegen, und die Prämien seien seither noch einmal gestiegen.

Die deutsche Kreditwirtschaft will wegen der Flut Kulanz zeigen. Von der Flut betroffenen Kunden – vor allem dem Mittelstand – wollen die Banken entgegenkommen, indem Tilgungen ausgesetzt und Zinsen auf Kredite gestundet werden. Viele regionale Banken, aber auch die staatliche Förderbank KfW, haben Hilfsprogramme aufgelegt.

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Kommentare

7 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Eine Versicherungspflicht gegen Elementarschäden

würde wohl nur für gefährdete Gebiete Sinn machen, denke ich. Die meisten Gegenden Deutschlands weisen keine Erdbeben-, Flut- oder Tornadogefahr auf. Innerhalb der einzelnen Orte wäre dann die Beurteilung der jeweiligen Mikro-Situation notwendig, da die Gefährdung nicht für jedes Gebäude gleichermaßen besteht, z.B. Berglage in Flußgebieten. Das würde die Zahl der Versicherten weiter verringern.

Natürlich würden die Versicherungsprämien in diesem Fall sehr hoch sein, da sie auf weniger Schultern verteilt wären. Die Lebenshaltungskosten in den betroffenen Orten bzw. Teilorten würden steigen.

Möglicherweise wäre ein Ansatz, innerhalb dieser Teilorte für eine gemeinsame Versicherung zu sorgen, etwa in der Art einer Genossenschaft, in die jeder Grundbesitzer einzahlt und die nach Bebauung umgelegt wird. -

Eine Pflichtversicherung "für alle" scheint mir dagegen kaum durchsetzbar. Die Hilfsbereitschaft der Menschen ist zwar groß in den Krisen selbst, aber danach gilt wieder rasch das St.Florians-Prinzip..