Im Herbst 2012 befragte das Institut für Demoskopie in Allensbach rund 1.600 repräsentativ ausgewählte Deutsche nach ihren Ängsten. Ganz vorne landete die Angst davor, im Alter pflegebedürftig zu sein. Auf Platz Zwei folgte die Inflation. Rund die Hälfte der Deutschen fürchten sich vor ihr. Vor steigenden Preisen haben die Deutschen sogar deutlich mehr Angst als vor tödlichen Krankheiten wie Krebs, Terroranschlägen und Arbeitslosigkeit.

"Vorsicht, Inflation!", warnte das Nachrichtenmagazin Spiegel im vergangenen Oktober auf der Titelseite und zeigte ein dahinschmelzendes Euro-Stück. Bücher wie Sprengsatz Inflation oder Hilfe, unser Geld! verkauften sich glänzend. Die Argumentation der Artikel und Bücher ist ähnlich: Weil die Zentralbanken auf der ganzen Welt Milliarden neue Euros und Dollars in die Wirtschaft pumpen, werden schon bald die Preise explodieren und dafür sorgen, dass man sich mit seinem Geld immer weniger kaufen kann.

Das Verblüffende daran ist, dass die Angst nichts mit der Welt zu tun hat, in der die Deutschen leben. Kaum ein Bürger hat eine spürbare Inflation selbst erlebt. In den vergangenen Jahrzehnten sind die Preise in Deutschland im Durchschnitt nur langsam gestiegen. Oft lag die Inflationsrate um die zwei Prozent. Seit der Einführung des Euro im Jahr 2002 hat sich die Teuerung sogar nochmal deutlich verlangsamt.

Auch jetzt ist von Inflation nichts zu sehen. Im Mai stiegen die Preise in Deutschland im Vergleich zum Vorjahresmonat um 1,5 Prozent, ein sehr niedriger Wert. Der Goldpreis – zwischenzeitlich auf einem Rekordhoch – ist abgestürzt, weil viele von Inflationsangst geplagte Anleger bemerken, dass von der Preisexplosion nichts zu sehen ist. Sie verkaufen wieder. Durch den Einbruch haben die Goldkäufer viel verloren. Haben die Deutschen Angst vor einem Gespenst?

Das viele Geld kommt nicht an

Es gibt durchaus gute Gründe, zu glauben, dass die Preise demnächst stärker steigen werden. Die Zentralbanken in Europa, den USA und Japan haben seit dem Ausbruch der Finanzkrise mehrere Billionen Euro, Dollar und Yen geschaffen, um einen Absturz der Weltwirtschaft zu verhindern. Wenn dieses zusätzliche Geld auf ein gleichbleibendes Angebot an Waren trifft, steigen die Preise.

Das ist aber im Moment nicht der Fall. Das Geld der Zentralbanken kommt nicht bei denen an, die damit einkaufen gehen und die Preise treiben könnten. Das Geld landet nicht bei Handwerkern, Lehrern oder Büroangestellten, sondern hauptsächlich bei Banken und in den Kassen von Unternehmen. Die wollen es nicht ausgeben, weil sie überschuldet sind und die schlechte Wirtschaftsentwicklung nicht gerade zum Investieren einlädt. Wegen der schwachen Konjunktur schaffen es die Gewerkschaften auch nicht, höhere Löhne für die Arbeitnehmer auszuhandeln. Und wenn die Löhne nicht steigen, können Unternehmen auch keine höheren Preise verlangen, weil die Nachfrage nach ihren Produkten schwach bleibt. Inflation ist immer auch ein Zeichen dafür, dass die Wirtschaft gut läuft. Davon sind die reichen Industriestaaten, vor allem in Europa, weit entfernt.

Doch was ist, wenn die Wirtschaftskrise vorbei geht? Kommt dann Inflation? In Deutschland etwa wird die Wirtschaft bald wieder kräftiger wachsen, auch die Löhne steigen wieder. Die Europäische Zentralbank (EZB), die den Leitzins für den gesamten Euro-Raum festsetzt, hat schon angekündigt nicht so bald aus der lockeren Geldpolitik aussteigen zu wollen. Sie kann es auch nicht, denn steigende Leitzinsen würden vor allem die Banken hart treffen. Die haben in Europa schon genug Probleme mit Krediten, die nicht zurückgezahlt werden. Noch immer haben sie zudem massenhaft überbewertete Staatsanleihen in den Büchern.