Norio Kanno sitzt auf einer harten Bank in einem Abstellraum. Seit der Katastrophe von Fukushima hat der Bürgermeister des Dorfes Iitate sein Büro in einem Verwaltungsgebäude westlich seiner Heimatstadt eingerichtet. Nach Hause kann er nicht, genauso wie die anderen 6.000 Bürger des Dorfes, die Strahlung ist noch immer zu hoch, obwohl die Havarie von Fukushima bereits mehr als zwei Jahre zurückliegt. Und obwohl sein Dorf in halbwegs sicherer Distanz lag, 40 Kilometer nördlich des Unglücksortes.

Kanno hat seine Lehren aus den vergangenen zwei Jahren gezogen. "Wir müssen uns von der Atomenergie unabhängig machen", sagt er. Er weiß mittlerweile, welche Risiken die Technik birgt. Und er hat Anhänger, gerade in der Region um Fukushima, wo nach dem Tsunami im März 2011 mehr als 16.000 Menschen starben und 300.000 evakuiert werden mussten.

Auch im Rest des Landes schwindet die Zustimmung zur Atomkraft: Laut einer Umfrage der Tageszeitung Asahi Shimbun wollen nur noch 18 Prozent der Japaner an ihr festhalten. Rund 60 Prozent rechnen damit, dass das Land bis zum Jahr 2040 die Kernenergie komplett aufgegeben haben wird. Die Mehrheit der Japaner ist heute atomkritisch, ähnlich wie in vielen Ländern Europas.

Japans Regierung unter Premier Yoshihiko Noda hatte deshalb im September 2012 angekündigt, langfristig aus der Atomkraft auszusteigen. Drei Monate später wurde sie abgewählt. Nun will die neue Regierung unter Premier Shinzo Abe zurück zum Atom. Ein Ausstieg vom Ausstieg – wie einst unter Schwarz-Gelb in Deutschland. Warum ist das so?

Ein Grund ist sicherlich die Wirtschaftsnähe des Premiers und seiner liberaldemokratischen Partei LDP. Doch das ist nicht alles. Stattdessen hängt die Entscheidung eng mit Japans ökonomischer Lage zusammen. Das Land braucht dringender denn je billige Energie, damit die neue Wirtschaftspolitik von Shinzo Abe funktioniert. Der Premier will sein Land raus aus der Deflation führen – mit erhöhten Staatsausgaben, billigem Geld und Strukturreformen. Ein entscheidender Faktor sind die Unternehmen und Konsumenten. Sie sollen nach 20 Jahren der Stagnation endlich Geld ausgeben. "Falls die Energiekosten steigen, werden Betriebe entweder Verluste machen oder ins Ausland umsiedeln", fürchtet Ulrike Schaede, Wirtschaftsprofessorin an der University of California.

Kurzfristig betrachtet ist die Energie aus Japans Atomkraftwerken noch immer billig. Derzeit sind jedoch nur zwei der 50 Kraftwerke in Betrieb. Vor Fukushima produzierten die Kernkraftwerke elf Prozent des japanischen Energiebedarfs, mittlerweile sind es nur noch zwei Prozent. Das Problem ist nun, dass Japan über wenig Alternativen verfügt. Weder hat das Land große eigene Rohstoffvorkommen, noch gibt es sonderlich gute Beziehungen zu rohstoffreichen Nachbarn. Zwar könnten im Norden irgendwann Gaspipelines von Russland aus verlegt werden. Allerdings ist Japan mit Russland in einen Inselstreit verwickelt, was die Verhandlungen schwierig macht. Der Ausbau erneuerbarer Energien wie auch der Bau von Pipelines wird erst in ein paar Jahren Früchte tragen.

Dem Land bleibt deshalb nur der teure Import von Energie. Zwischen 2011 und 2013 stiegen die Kosten für die Energieimporte von 1,4 Billionen Yen auf 2,2 Billionen Yen um die Hälfte. Weil der Yen durch die jüngste Wirtschaftspolitik abwertet, entspricht das mittlerweile rund 22 Milliarden Dollar. Im Jahr 2011 erwirtschaftete das Land erstmals ein Handelsdefizit, ein Zustand, der bis heute anhält. Der Yen wiederum wird durch die lockere Geldpolitik weiter geschwächt, was die Kosten für die Importe weiter erhöht.

Hinzu kommt eine weitere politische Sorge: 85 Prozent seines Öls kauft Japan über die politisch instabile Straße von Hormus vor der Küste von Iran. Auch ein hoher Anteil von Gas, wofür Japan der weltweit größte Käufer ist, kommt aus dieser Region. Sollten die Preise durch eine Verschärfung der dortigen Konflikte steigen, könnte auch Japans zuletzt geschrumpfte Leistungsbilanz negativ werden. "Im Moment bleibt Japan keine andere Option, als auf Kernenergie zu setzen", sagt Nobuo Tanaka, Politikprofessor an der Universität Tokio und früherer Chef der Internationalen Energieagentur.

Norio Kanno, der Bürgermeister von Iitate, hält das für einen fatalen Satz. "Wir sollten wieder lernen, langsamer und sparsamer zu leben", sagt er. Die Politik von Shinzo Abe steuert in eine andere Richtung.