Leserartikel

ArbeitsmigrationEin Job im Land der 300 Brotsorten

Leser Carlos Wefers Verástegui lebt in Spanien und sucht Arbeit. Er geht zu einem Workshop, der Arbeitskräfte nach Deutschland locken soll – und bleibt wütend zurück. von Carlos Wefers Verástegui

In Spanien wird viel darüber gesprochen, ob man versuchen soll, in Deutschland eine Arbeit zu bekommen. Auch ich lebe in Spanien, habe einen spanischen Pass und suche Arbeit. Also ging ich zum Eures-Workshop "Leben und Arbeiten in Deutschland" an der Universität Salamanca. Eures ist das europäische Jobportal, das solche Veranstaltungen organisiert. 

Deutschland sei ein schönes Land, erzählte zu Beginn Eures-Berater Herr R. auf Deutsch. Da mein Vater Deutscher ist und ich bis 2001 dort gelebt habe, verstand ich den Berater. Für die anderen übersetzte eine Dolmetscherin. In Deutschland kann man gut Ferien machen, ging es weiter, viele Deutsche seien nett und tränken gern Bier. Mehr als 300 Brotsorten gebe es in Deutschland und auf Autobahnen kein Tempolimit.

Anzeige

Das war der spaßige Teil. Doch um Spaß zu haben, sagte Herr R. süffisant, müsse man auch in Deutschland arbeiten. Natürlich dürften entsprechende Qualifikationen nicht fehlen. Deutschland brauche Fachkräfte! "Der Chinese, in Deutschland ausgebildet, möchte nach China zurück", sagte Herr R. und fügte hinzu: "Eigentlich schade, diesen wertvollen Menschen in sein Heimatland zu entlassen. Eine Fachkraft, die der deutsche Arbeitsmarkt braucht!"

Aber wir sind ja hier in Spanien. Es kommt der Hinweis, Mediziner, Maschinenbauer, Elektrotechniker, Informatiker und Ingenieure  würden gebraucht. Auch die Hotels und die Restaurants suchten Leute. Allerdings sollte man sich bewusst sein, in Konkurrenz zu deutschen Arbeitslosen zu stehen.

Natürlich müssen die Spanier wissen, was eine Bewerbungsmappe ist und die Besonderheiten des Bewerbungsgesprächs in Deutschland kennen. Auf Herrn R. folgte Frau O., die mit monotoner Stimme von Websites und Flyern, von Initiativen und Infos erzählte.

Zum Schluss des sogenannten Workshops blieben fünf Minuten für Fragen. Ich erkundigte mich genauer nach notwendigen Qualifikationen, wie man Firmen kontaktiert, und mit welcher Unterstützung ich von der Zentrale für Auslands- und Fachvermittlung rechnen könne.

Warum Leserartikel?

Text- und Bildbeiträge unserer Leser bereichern unsere Inhalte um zusätzliche Sichtweisen, Erfahrungsberichte und Meinungen. Sie sind von Menschen, die wissen, wovon sie sprechen, weil sie es selbst erlebt haben oder unmittelbar betroffen sind. Oder weil sie sich in einem bestimmten Thema sehr gut auskennen. Erzählen Sie unseren Lesern die Geschichten, die wir nicht erzählen können. Und zeigen Sie ihnen die Fotos und Videos, die sie sehen sollten. Zur Artikeleingabe

Leserartikel schreiben

Grundsätzlich ist jedes Thema für einen Leserartikel geeignet, solange Sie aus Ihrer eigenen Erfahrung und einem persönlichen Blickwinkel darüber berichten und keine Rechte Dritter verletzen. In unseren Leserartikel-FAQ finden Sie Hinweise für das Verfassen Ihres Artikels für ZEIT ONLINE. Bitte senden Sie uns Ihren Artikel bzw. Links zu Fotos und Videos über unser Leserartikel-Formular.

Der ZEIT-ONLINE-Wald

© BeneA / photocase.com

Als Dankeschön schenken wir Ihnen für jeden veröffentlichten Leserartikel einen Baum. Seit 2011 haben wir in Zusammenarbeit mit iplantatree.org knapp 1.500 Bäume gepflanzt und geben diese nach und nach an unsere Leserartikelautoren ab. So wächst in Berlin Friedrichshagen ein ZEIT ONLINE-Wald heran, genährt von unseren schreibenden Lesern. Aktuell rangiert das "Team ZEIT ONLINE" auf Platz 19 der aktivsten Baumpflanzer des Projektes. Dafür danken wir Ihnen.

Zur Antwort bekam ich nur ein Resümee des bereits Abgespulten. Ich bohrte weiter. Was muss ein Arbeitssuchender genau tun? Welche Chancen hat er, wenn er nicht zu 100 Prozent den Erwartungen des Arbeitsmarktes entspricht?

Mit erfrischendem Zynismus antworte mir Herr R.: Er sei hierher gekommen, um dem deutschen Arbeitsmarkt zu helfen, nicht aber individuellen Arbeitssuchenden. Wenn die Interessen zwischen Arbeitsmarkt und Arbeitssuchenden übereinstimmten: gut. Wenn nicht: dann eben nicht.

So ist das also: Herr R. und Frau O. kommen zu den mehr als sechs Millionen Arbeitslosen hier im Süden, um dem "deutschen Arbeitsmarkt zu helfen".

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. "So ist das also: Herr R. und Frau O. kommen zu den mehr als sechs Millionen Arbeitslosen hier im Süden, um dem "deutschen Arbeitsmarkt zu helfen"."

    Ja, was dachten Sie denn? Ist es nicht verständlich dass Deutschland nicht die Rolle einer europäischen Arbeitsmarktbehörde übernehmen kann und auch nicht will?

    Es braucht eben bestimmte Leute für bestimmte Jobs. Wenn es passt ist das doch super und wenn nicht, dann muss sich die deutsche Firma eben anderweitig um Fachkräfte bemühen und der spanische Arbeitslose ebenso andernorts suchen.

    41 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Man sollte den Verfasser dann ebenso aufklären, dass es - entgegen unserer Regierung, eingeflöst durch diverser wirtschaftlicher Lobbyverbände - keinen Fachkräftemangel in Deutschland gibt.

    an den Besuch aus D. waren offenbar überzogen. Es kam kein Heilsbringer und keine Fortuna mit dem Füllhorn, es kamen schlichte Praktiker mit schlichten Informationen.

    Irgendwie spiegelt die Situation die Erwartungshaltung in ganz Südeuropa unserem Staate gegenüber...und auch die Begegnung des Club Med mit den schlichten Praktikern aus D., die ihr Füllhorn nicht mal eben über dem Mittelmeer auskippen wollen, führt zu ähnlicher Verärgerung. "Mitleidlos" schimpft man uns, ja "arrogant". Au weia.

    Die Reaktion dieses spanischen Arbeitslosen, der sich abwechselnd spaßig, dann monoton, dann süffisant, dann erfrischend zynisch angesprochen fühlte, ist kindisch.

  2. "Er sei hierher gekommen, um dem deutschen Arbeitsmarkt zu helfen, nicht aber individuellen Arbeitssuchenden."

    Immerhin ist der Mann ehrlich: Es schert die deutsche Regierung doch in Wirklichkeit kein bisschen, wie die Arbeitslage in anderen Ländern ist, solange Deutschland davon nicht irgendwie bedroht ist. Im Gegenteil will man mit neuen konkurrierenden Fachkräften wahrscheinlich nur der hiesigen Wirtschaft dienen, die keine Lust auf höhere Löhne und Gehälter hat. Ich hoffe, dass die Spanier sich nicht für dumm verkaufen lassen.

    36 Leserempfehlungen
  3. ...na warum soll er denn sonst dort sein?
    Ich finde es ein wenig naiv zu glauben irgendwer würde auf irgendwem im Ausland warten.
    Ich lebe seit 1991 im Ausland und nirgends hat man den roten Teppich ausgerollt. Ich bekam Jobs die kein Einheimischer wollte und später, vorallem nachdem ich die jeweilige Sprache in Wort und Schrift beherrschte, Arbeit für die ich besser ausgebildet war als ein Einheimischer.
    Ich hasse es wenn man Menschen unnötig Steine in den Weg legt, was bei Ausländern leider oft der Fall ist, aber wer im Ausland arbeiten will hat eine Bringschuld, er/sie ist ja nicht als Tourist gekommen.

    34 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • einmer
    • 07. Juni 2013 3:12 Uhr

    ich lebe in den usa und mache im moment noch die arbeit die kaum ein ami (sondern mexikaner) machen will; aufm bau in der texanischen hitze schuften. den gedanken, dass ich nach beendigung meines studiums hier direkt einen super job mit bester bezahlung abgreife, nur weil ich deutscher bin und eine fremdprache beherrsche, hab ich verworfen.

    So ist die Situation in Deutschland halt auch für den Deutschen Arbeitslosen hier wartet auch keiner auf die Frank Weiß's hier.

    Jeder der Arbeit sucht vorallem in Europa sollte sich bewusst sein das es hier Massiven Konkurrenzkampf gibt. In Spanien siehts für die Deutschen Arbeitslosen auch nicht besser aus warum sollte es auch ?

    • Marula
    • 06. Juni 2013 20:24 Uhr

    Dann müssen sich die Spanier aber auch fragen lassen, was sie für andere getan haben.
    Natürlich vertritt jedes EU-Land seine eigenen Interessen, Spanien hat das auch zur Genüge getan, etwa als es um die Osterweiterung ging und Spanien seine Subventionen in Gefahr sah.
    Wie viele Bulgaren oder Rumänen haben in Spanien als Haushaltshilfen oder Erntehelfer gearbeitet, ohne Sozialversicherung?
    2007 florierte die spanische Wirtschaft aufgrund des Baubooms und des leichten Zugangs zu Krediten, die Zahl der Arbeitsplätze und das Wirtschaftswachstum nahm viel mehr zu als in Deutschland und der damalige Ministerpräsident Zapatero kündigte an, dass die Spanier bald Deutschland beim Pro-Kopf-Einkommen überholen würden.
    Es würde mich wundern, wenn es jemals Proteste spanischer Aktivisten gab, die sich für die Interessen der viel ärmeren Osteuropäer eingesetzt hätten und in Kauf genommen hätten, dass die EU-Gelder für Spanien dafür nicht mehr so reichlich flossen.

    25 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Hieran muss man immer erinnern. Spanische Politiker haben sogar damit gedroht die Verhandlungen zur Osterweiterung zu garantieren, wenn die Subventionen für Spanien nicht "auf hohem Niveau" erhalten bleiben. Von dem Gedanken, dass ein Land, das enorme finanzielle Solidarität erhalten hat, selber auch mit anderen solidarisch sein muss, keine Spur !!

    Neulich sah ich auf einer spanischen Demonstration das Plakat "corbar 800 EUR es violencia" = für 800 Eur im Monat zu arbeiten ist Gewalt. Auf den Gedanken, dass in Bulgarien, Marrokko, Polen oder auch in Deutschland Menschen für solche Dumpinglöhne arbeiten müssen, kam niemand. Teilweise habe ich den Eindruck in Spanien glauben einige, ein Anrecht auf einen hohen Lebensstandard zu haben und dass die EU ihn künstlich schaffen muss, wenn die Produktivität in Spanien ihn nicht sichert. Doch was tut Spanien im Gegenzug für die EU ?

  4. 5. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf unsachliche Polemik. Danke, die Redaktion/sam

    Eine Leserempfehlung
    • shtok
    • 06. Juni 2013 20:36 Uhr

    Herr Verástegui da bekommen sie schon mal einen Vorgeschmack auf das Arbeitsumfeld und die dt. Unternehmskultur. Was ich jedoch nicht verstehe, wenn sie schon in D gelebt haben, sollte Ihnen das doch bekannt sein.
    Die Spanier und anderen Südländer sollte sich fragen, warum soviele dt. Fachkräfte in den genannten Bereichen fehlen. Antwort die meisten haben das dt. Arbeitsparadies für grünere Paradiese verlassen.
    Die Ings. werden auch nur gesucht um die Gehälter dort noch mehr zu drücken.
    Warum glauben sie sind soviele Polen nach dem Zusammenbruch in GB wieder nach Polen zurückgegangen und nicht in D hängengeblieben, die wussten bereits, wie es dort arbeitstechnisch zu geht und wie die Lebenshaltung ist. Da kommt man in Polen weiter und hat seine Freunde und Familie um sich.
    D ist das wirkliche Armenhaus Europas, wenn man die Löhne und Gehälter ins Verhältnis zur Lebenshaltung setzt.

    30 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf unsachliche Polemik. Danke, die Redaktion/sam

    Ich denke der Arbeitsmarkt in Deutschland ist recht gut. Niedrige Löhne sind unter anderem ein Grund dafür, dass es Deutschlands Wirtschaft gut geht. Stimmt natürlich das die Lohnsteigerung in den letzten 14 Jahren sehr niedrig ausgefallen ist, aber ganz ehrlich, wenn man eine gute Qualifikation hat, findet man in Deutschland gut einen Job (evtl. vieleicht nicht seinen Traumjob) und kann sich ein gutes Leben leisten. Natürlich gibt es Länder, in denen man mehr verdienen kann, aber solang ich gut klar komme muss man ja nicht immer neidisch und sauer werden. Meiner Meinung nach sollten wir froh sein, wenn wir unseren Wohlstand halten können, anstatt uns zu ärgern, dass wir ihn nicht weiter ausbauen können.
    Gruß Philipp

    Polen wurde angesprochen! Das erinnert mich an unsere Tagesmutter und ihren Mann. Die Geschichte hat natürlich keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit - doch ist sie wirklich nur ein trauriger Einzelfall?
    Sie mit Universitätabschluss, auch er mehr als ein Hilfsarbeiter. Beide hochgebildet, wahnsinnig fleißig, weltoffen, freundlich und (ungewollt) kinderlos. Leute, nach denen sich Personaler theoretisch alle zehn Finger ablecken müssten! Doch keiner ihrer Bildungsabschlüsse wurde in Deutschland anerkannt. Er fand wegen seines "Alters" nur ab und an miese Anstellungen, sie ließ sich (der erste Satz sagt's bereits) zur Tagesmutter umschulen. (Und sie machte das so gut, dass man selbst gern wieder klein gewesen wäre!) Die zwei wurden in Deutschland also nicht gerade glücklich, und als immer mehr Regulierungen und Bestimmungen für Tagesmütter erlassen wurden - sinnfreie A-38er, die die ohnehin schlecht bezahlten Frauen aber sehr viel Zeit, Geld und Nerven kosteten - kehrten sie nach Polen zurück.
    Schon damals heulte die Industrie über Fachkräftemangel. Ich für mein Teil bin überzeugt, dass dieser gar nicht existieren KANN - denn dann wären die zwei mit offenen Armen von den Unternehmen empfangen worden, eine Vergeudung von Talent gälte als Todsünde. Er ist letztlich nichts als ein Vorwand, um die Löhne weiter senken und die Ansprüche an die eierlegenden Wollmilchfachkräfte weiter hochdrehen zu können. Und ständiges Wiederholen der Lüge vom Fachkräftemangel macht sie nicht wahrer.

  5. Wenn dieser Mann sagt, dass er dem deutschen Arbeitsmarkt helfen will, dann meint er damit, dass er den deutschen Firmen und Konzernen helfen will.

    Denn hier gibt es bereits ein Überangebot an Arbeitskräften, Sie und andere, die man anwerben will, sind nur Konkurrenten, die den Lohn drücken sollen.
    Das ist weder für Sie noch für EInheimische von Vorteil.

    Es geht gar nicht darum Ihnen Arbeit zu beschaffen, höchstens irgendeinen "Job". Wie das gemeint ist sollte eindeutig sein.

    Die Leute müssen versuchen in ihren Ländern das Beste aus der Situation zu machen.

    Deutschland wird als Paradies angepriesen, ist es aber nicht.

    24 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    In Spanien werden Menschen, die nur 1000 EUR netto im Monat verdienen als "mileuristas" verspottet. In Deutschland verdienen durch die Dumpinglohnpolitik viele Arbeitnehmer allerdings noch weniger. Darüber trösten auch keine 300 Brotsorten hinweg...

    Hinzu kommt, dass die meisten Deutschen Miete zahlen müssen und nicht wie viele junge Spanier Wohneigentum vererbt bekommen. Nicht umsonst haben spanische Haushalte im Schnitt mehr als doppelt so viel Vermögen wie deutsche Haushalte. In Deutschland kann man wegen der geringen Löhne und hohen Steuern eben weniger sparen. Im stolzen Spanien hat man anscheinend ein Anrecht auf einen gehobenen Lebensstandard.

  6. 8. [...]

    Entfernt. Bitte verzichten Sie auf unsachliche Polemik. Danke, die Redaktion/sam

    3 Leserempfehlungen

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service