Organisierte Kriminalität : "Die Politik ist verstrickt"

Menschenhandel, Geldwäsche: Alles Probleme anderer Länder. Denkt man. Die Politologin Regine Schönenberg sagt: Falsch. Die Organisierte Kriminalität ist auch hier Alltag.

ZEIT ONLINE: Frau Schönenberg, viele Menschen halten die Organisierte Kriminalität für ein Phänomen, das fernab ihres Lebens spielt. Sie aber sagen, organisierte kriminelle Praktiken gehören zum Alltag von uns allen. Mehr noch: Wir alle stecken mit drin. Warum bemerken wir das nicht?

Regine Schönenberg: Vielleicht schauen wir nicht genau genug hin. Ein Beispiel aus Berlin, das auf den ersten Blick banal erscheint: Dort fingen vor ein paar Jahren irgendwann Leute an, neben Warteschlangen Getränke in Dosen zu verkaufen. Das ist natürlich verboten, aber das Geschäft war so gut, dass sich ein regelrechter Markt entwickelte. Irgendwann waren die Verkäufer an den Schlagen nur noch Makler für die eigentlichen Händler im Hintergrund. Sie trugen das Risiko, erwischt zu werden, und kassierten dafür zusätzliches Geld.

ZEIT ONLINE: Eine Bande von Kleinkriminellen.

Schönenberg: Ja, und wissen Sie, wann das Ganze schlagartig aufhörte? Als der Berliner Senat für eine geringe Gebühr Tageslizenzen an Händler ausgab. Das Geschäft war legal und damit für die kriminellen Banden uninteressant. Das Beispiel zeigt: Die Organisierte Kriminalität sucht sich ihre Extraprofite immer in Räumen, in denen der Staat zu schwach ist, um seine Verbote durchzusetzen. Dort machen sich dann Banden breit.

ZEIT ONLINE: Die meisten denken bei Organisierter Kriminalität eher an Menschenschmuggel, Drogenhandel und Geldwäsche.

Regine Schönenberg

Politikwissenschaftlerin an der FU Berlin, hat jahrzehntelang die organisierte Kriminalität im brasilianischen Amazonasgebiet erforscht. Bei der Berliner Beratungsfirma compassorange setzt sie ihre Erfahrungen in die Praxis um. Mit der Böll-Stiftung der Grünen ist sie Herausgeberin des eben erschienenen Sammelbands "Transnational Organized Crime".

Schönenberg: Ja, natürlich. Mir geht es um die Frage, wie solche Geschäfte entstehen. Als ich mit meiner Forschung anfing, dreht sich die Debatte über transnationale Kriminalität vor allem um den Drogenhandel und darum, wie man ihn bekämpfen kann. Ich habe auch dazu geforscht und versucht, die Kokainhandelsrouten im brasilianischen Amazonasgebiet zu verstehen. Im Laufe meiner Arbeit aber habe ich immer mehr Wissenschaftler getroffen, die gesagt haben: Es geht nicht nur um Drogen, sondern um die kriminellen Räume, die sich vor allem in sich rasch wandelnden Gesellschaften auftun.

ZEIT ONLINE: Was heißt das: kriminelle Räume?

Schönenberg: Ein Beispiel: Als China der WTO beigetreten ist, hat sich die Regierung verpflichtet, stärker gegen Produktpiraterie vorzugehen. Bis dahin gab es in China viele Fabriken, in denen im großen Stil westliche Produkte kopiert wurden. Diese mussten jetzt schließen, die Fälscherwerkstätten zogen weiter nach Vietnam.

ZEIT ONLINE: Das klingt erst mal nach ganz normalem Strukturwandel. Was hat das mit organisierter Kriminalität zu tun?

Schönenberg: Die entscheidende Frage ist, wie die Arbeiter dieser Fabrik den Bruch überwinden. Gibt es einen starken Staat, fängt er sie vielleicht auf. Oder er reguliert den Markt so, dass die Fälscher von früher anderweitig Anschluss finden. Wenn der Staat das aber nicht kann oder will, dann werden diese Leute in der Illegalität weiter arbeiten. Die Marginalisierten rutschen in neue kriminelle Räume.

ZEIT ONLINE: Und dort warten dann Banden, die sie aufnehmen?

Schönenberg: Ja. Oder die kriminellen Gruppen besetzen das Vakuum, das ein schwacher Staat durch die Liberalisierung hinterlässt. Sie vernetzen sich über Ländergrenzen hinweg, um ihre Geschäfte zu machen, es gibt transnationale Routen, über die alles Mögliche transportiert wird.


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