Wie hoch sollten die Steuern auf hohe Einkommen sein? Bis vor wenigen Jahren herrschte in der Ökonomie noch die Vorstellung: Vorsicht bei hohen Steuersätzen und zu viel Progression! Den ökonomischen Unterbau zu diesem Gedanken lieferte in den siebziger Jahren der Amerikaner Arthur B. Laffer. Er behauptete, dass die Einnahmen des Staates irgendwann wieder rückläufig sind, wenn die Steuerbelastung zu hoch wird. Dann sinkt bei vielen Bürgern der Leistungswillen. Wer kann, bringt sein Geld ins Ausland oder geht in die Schattenwirtschaft.

Die Politik ist Laffers Rat lange gefolgt. In fast allen Industrieländern fielen die Steuersätze auf hohe Einkommen, auch Gewinne und Kapitaleinkommen wurden weniger progressiv besteuert, die Vermögenssteuern abgeschafft. Als der frühere SPD-Finanzminister die Abgeltungssteuer einführte, begründete er das mit den Worten: "Besser 25 Prozent von X, als 42 Prozent von nix". Und der legendäre Steuerrechtsprofessor Paul Kirchhof forderte im Wahlkampf 2005 gar eine Flat-Tax: 25 Prozent Steuern auf alle Einkommen, egal wie hoch sie auch sind.

Dieser neuliberale Konsens ist heute stark aufgeweicht. Auch im bürgerlichen Lager wächst die Einsicht, dass die Politik der wachsenden Ungleichheit etwas entgegensetzen muss. Seit Ende der neunziger Jahre haben sich die Markteinkommen deutlich gespreizt, der Niedriglohnsektor boomt und nennenswerte Realeinkommenszuwächse gab es nur für die reichsten zehn Prozent der Bevölkerung. Doch auch die ökonomischen Argumente gegen eine Anhebung von Steuern auf hohe Einkommen sind heute weit schwächer als früher.

Zwar zeigen die meisten Studien, dass die Steuerpflichtigen weiterhin gerne dem Fiskus ausweichen. Nur: In den letzten Jahren ist das schwieriger geworden. Die G 20, der Industrieländerclub OECD und die EU arbeiten stärker zusammen, um Steueroasen zu schließen oder um gegen Konzerne vorzugehen, die das internationale Steuersystem nutzen, um möglichst wenig Steuern zu zahlen. Steuerschlupflöcher und internationales Steuerdumping sind eben nicht gottgewollt, sondern von Menschen gemacht. 

Auch der deutsche Spitzensteuersatz könnte steigen

Zudem stimmt es zwar, dass hohe Steuersätze die Realwirtschaft beeinflussen können, also Erwerbstätigkeit, Sparquote oder Investitionen. Doch die neue Forschung zeigt, dass die Effekte zumeist geringer sind als angenommen.  Der alte Zielkonflikt zwischen Verteilungsgerechtigkeit und wirtschaftlicher Effizienz ist bei der Besteuerung der Reichen geringer als früher gedacht. Neue Studien zum Steuersystem kommen zu dem Ergebnis, dass das Niveau der Spitzensteuersätze, das die Einnahmen der öffentlichen Hand maximieren würde, in vielen Ländern spürbar höher liegen könnte als heute. Das gilt auch für Deutschland, vorausgesetzt, man bekommt die Steuervermeidung besser in den Griff.

Die Glücksforschung liefert ein weiteres Argument für höhere Steuern. Sie zeigt, dass bei den reichsten zehn Prozent der Zusammenhang zwischen Einkommen und Zufriedenheit immer geringer wird. Das Easterlin-Paradox besagt sogar, dass die Zufriedenheit ab einem gewissen Niveau kaum noch zunimmt, wenn das Einkommen steigt. Andere Studien zeigen: Wird die Gesellschaft zu ungleich, sinkt die Zufriedenheit aller. Sollte die Politik also die Reichen schröpfen wie es François Hollande in Frankreich tut?