Banken"In Deutschland gibt es keine Obergrenze für die Dispozinsen"

Der Grünen-Europaparlamentarier Sven Giegold fordert einen Wucherstopp bei Dispozinsen. Er rät im Interview, dem Beispiel der Niederlande und der Schweiz zu folgen. von Simon Heinrich

ZEIT ONLINE: Herr Giegold, die Europäische Union reguliert den Markt für Warteschleifen und Roaming-Gebühren, aber bei den Dispozinsen der Banken macht jedes Land in Europa noch immer was es will. Warum?

Sven Giegold: Es gibt einen Vorschlag der EU-Kommission, der es Bankkunden leichter machen soll, das Konto zu wechseln. Das würde den Wettbewerb ankurbeln und den Druck auf die Banken erhöhen, faire Dispozinsen zu erheben. Aber das reicht nicht aus.  

Anzeige

ZEIT ONLINE: Was spricht gegen eine gesetzliche Obergrenze in der EU?

Sven Giegold
Sven Giegold

sitzt für die Grünen im EU-Parlament und beschäftigt sich vor allem mit dem Banken- und Steuerrecht. Der 43-Jährige hat die globalisierungskritische Organisation Attac mitbegründet.

Giegold: Wenn der Zahlungsverkehr in Europa vereinheitlicht werden soll, sollte sich das Europäische Parlament auch mit den Dispozinsen beschäftigen. Eine Regelung für die ganze EU wäre sinnvoll. Allerdings muss man darauf achten, dass die Obergrenze nicht so niedrig liegt, dass die Banken den ärmeren Bevölkerungsschichten überhaupt keinen Dispo mehr einräumen.

ZEIT ONLINE: Wie transparent ist denn im Moment das Gebahren der Banken in Deutschland, wenn es um den Dispo geht?

Giegold: In Deutschland gibt es keine Obergrenze für die Dispozinsen wie etwa in den Niederlanden oder der Schweiz, die einen sogenannten Wucherstopp eingeführt haben. Dabei wäre solch eine Grenze wünschenswert. Gerade in einer Zeit, in der sich die Banken mit günstigem Geld eindecken können.

ZEIT ONLINE: Warum zögert Schwarz-Gelb?

Giegold: In Deutschland gibt es eine tiefsitzende Abneigung gegen Preisregulierung. Es ist schon auffallend, dass wir Politiker gegen hohe Roaming-Gebühren vorgehen, die in der Regel gutausgebildete Menschen betreffen. Wenn es aber um Probleme der Ärmeren geht, heißt es schnell, ein Eingriff in den Markt komme einer Versündigung an der Marktwirtschaft gleich. Man muss kein Zyniker sein um zu sagen,  dass die meisten Politiker eher zu den vielreisenden Smartphone-Benutzern gehören als zu den Beziehern kleiner Einkommen, die unter den Dispozinsen leiden.

ZEIT ONLINE: Mehr als 5.000 Leser haben der ZEIT und ZEIT ONLINE bereits den Dispozins ihrer Bank mitgeteilt. Was halten sie von der Aktion?  

Giegold: Ich finde das gut. Vor allem weil die Befragung der Stiftung Warentest zur Höhe der Dispozinsen bisher von den Banken nur unzureichend beantwortet wurde. Alles, was in diesem Fall Transparenz schafft ist zu begrüßen. 

Zur Startseite
 
Leserkommentare
  1. Im Deutschen Bundestag gibt es Abgeordnete, die sich gegen eine Aufrechterhaltung der Dispo-Wucherzinsen engagieren. So beispielsweise Caren Lay von der LINKEN.

    Sven Giegold in allen Ehren, aber bisher war er doch eher mit anderen Themen aufgefallen.

    3 Leserempfehlungen
  2. sind notwendig, wenn der Wettbewerb versagt oder wenn die gesetzlichen Voraussetzungen zu einseitig sind.

    Bei den Dispozinsen z.B. versagt m. E. der Wettbewerb, weil ja niemand von Anfang an auf den Dispokredit baut (Ausnahmen bestätigen die Regel) Und die die ihn aus reiner Notlage nutzen, können es sich nicht heraussuchen.

    Und für die, denen es egal ist, weil sie permanent das neueste haben müssen oder weil sie einfach über ihre Verhältnisse leben, braucht man auch kein Wettbewerb, denn die sind mehr oder weniger willkommene Opfer.

    Also wenn kein Anlass zum Wettbewerb besteht, kann man es auch regulieren, denn damit stärkt man die restlichen Wettbewerbsfähigen Positionen. Oder anders ausgedrückt, der Weg des leichten Geldes ist gekappt. Jetzt muss man andere Wege finden Geld zu verdienen.

  3. Ich bin bei einer Genossenschaftsbank, zahle keinerlei sonstigen Gebühren und der Dispo liegt unter 10%. Da der täglich berechnet wird finde ich das völlig in Ordnung. Wer über einen längeren Zeitraum überziehen will/muss sollte das nicht über den Dispo tun.
    Konditionsvergleiche sind übrigen relativ einfach. Problematischer sieht es dann mit Geschäftskonten aus, das sollte aber den Ottonormalverbraucher nicht kümmern.

    2 Leserempfehlungen
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • jagu
    • 11. Juni 2013 6:05 Uhr

    Was an von heutigen Genossenschaftsbanken halten will, ist eine Rechenaufgabe, die dank Vergleichsportalen auch für den kleinen Mann lösbar ist.

    Die klein- und Mittelbetriebe stellen das Gro der Arbeitsplätze. Wenn diese Betriebe immer schlechter an Finanzierungen herankommen, dann verdient auch nicht der kleine Mann und er hat dann auch weniger Geld, mit dem er einkaufen kann.

    Überhöhte Kreditanforderungen und -Kosten sind ein Weg, den Inlandsumsatz drastisch zu senken und den Binnenmarkt zu schädigen - wie es ja auch gerade passiert.

    Schon deshalb muss die Regierung wie in anderen Ländern einschreiten, selbst wenn die sich die soziale Marktwirtschaft nicht auf die Fahnen geschrieben haben wie Deutschland.

    • jagu
    • 11. Juni 2013 6:05 Uhr

    Was an von heutigen Genossenschaftsbanken halten will, ist eine Rechenaufgabe, die dank Vergleichsportalen auch für den kleinen Mann lösbar ist.

    Die klein- und Mittelbetriebe stellen das Gro der Arbeitsplätze. Wenn diese Betriebe immer schlechter an Finanzierungen herankommen, dann verdient auch nicht der kleine Mann und er hat dann auch weniger Geld, mit dem er einkaufen kann.

    Überhöhte Kreditanforderungen und -Kosten sind ein Weg, den Inlandsumsatz drastisch zu senken und den Binnenmarkt zu schädigen - wie es ja auch gerade passiert.

    Schon deshalb muss die Regierung wie in anderen Ländern einschreiten, selbst wenn die sich die soziale Marktwirtschaft nicht auf die Fahnen geschrieben haben wie Deutschland.

    Antwort auf "Keine Werbung!"

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Europäische Union | EU-Kommission | Bank | Einkommen | Niederlande | Schweiz
Service