Energiewende"Atomstrom macht Energie günstiger"

Der Japaner und frühere Chef der Internationalen Energieagentur Nobuo Tanaka hält Deutschlands Atomausstieg für falsch. Die Welt verliere wichtiges Know-how. von 

Lampe einer Verkehrsampel, als Atomkraft-Warnsignal beklebt

Lampe einer Verkehrsampel, als Atomkraft-Warnsignal beklebt  |  © Johannes Eisele/AFP/GettyImages

ZEIT ONLINE: Herr Tanaka, ab 2022 will Deutschland ohne Atomenergie auskommen. Richtig so?

Nobuo Tanaka: Die Entscheidung ist sicher nicht hundertprozentig vernünftig. Selbst wenn es nur um Sicherheitsbedenken geht: Frankreich und Tschechien, direkte Nachbarn von Deutschland, betreiben doch auch Atomkraftwerke. Wenn dort etwas passiert, dann sind Menschen in Deutschland ebenfalls betroffen und Deutschland fehlt es an Know-how, wie man im Katastrophenfall reagiert. Man könnte fast sagen: Jetzt besteht noch mehr Gefahr als vorher. Außerdem könnte Deutschland in Zukunft weiterhin Atomstrom importieren. Vom einem "Ausstieg" zu sprechen, stimmt natürlich nicht ganz.

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ZEIT ONLINE: Die deutsche Bevölkerung unterstützt die Energiewende. Klappt sie, profitiert die Industrie. Deutschland könnte Vorbild für andere Länder sein.

Tanaka: Das stimmt. Die politische Verzahnung in der Europäischen Union könnte so eine Entwicklung auch einfacher machen. Will man auf Atomstrom verzichten, dann ist Deutschland als große Volkswirtschaft natürlich ein wichtiger Player.

Nobuo Tanaka

war bis 2011 Chef der Internationalen Energieagentur. Inzwischen arbeitet der 63-Jährige als Wissenschaftler am Institut für Energieökonomie in Tokio.

ZEIT ONLINE: Japan geht einen anderen Weg: Trotz der Atomkatastrophe in Fukushima sollen die ersten Atommeiler wieder ans Netz gehen. Warum steigen Sie nicht auch aus der Atomkraft aus?

Tanaka: Japan müsste im Fall eines Atomausstiegs noch mehr Energie importieren als jetzt – und zwar zu wesentlich höheren Preisen. Deutschland hat es einfacher, es ist besser vernetzt, sowohl politisch als auch bei den Energienetzen. Japan braucht Atomkraft dringender als Deutschland.

ZEIT ONLINE: Aber Atomenergie wird noch teurer, die Sicherheitsauflagen steigen. Ohne staatliche Subventionen investiert kein Privatunternehmen in Atomkraftwerke.

"Atomstrom macht Energie günstiger"Tanaka: Energie wird in Zukunft generell teurer, weil die Nachfrage steigt. Atomenergie dürfte auch teurer werden, weil nach dem Unglück von Fukushima Investitionen in Sicherheitsvorkehrungen nötig sind. Aber diese Kosten sind nicht so hoch wie die Alternativen: Auch Investitionen in erneuerbare Energien kosten Geld. Importkosten von Öl und Gas können ebenfalls sehr hoch werden. Strom aus Kohlekraftwerken kostet auch, weil die Versorger für die CO2-Emissionen zahlen müssen. Mit Atomkraft wäre Energie günstiger.

ZEIT ONLINE: Aber all diese Kosten spart man sich, wenn man auf Erneuerbare setzt.

Tanaka: Die deutsche Atom-Expertise ist sehr gefragt und es wäre schade, falls Europa dieses Wissen mit Deutschlands Ausstieg verlorenginge. Und dann ist Atomenergie in Sachen Versorgungssicherheit wichtig. Deutschland sollte die Meiler als Reserve halten, für den Notfall. Wer weiß, was passiert, wenn in der Straße von Hormus eine Krise ausbricht, der Ölpreis stark ansteigt? Außerdem muss Deutschland seine CO2-Bilanz in Griff bekommen, schon jetzt emittiert es wieder mehr als vorher, weil es mehr Strom  aus Kohle gewinnt. Und die Emissionen von Kohlekraftwerken sind weitaus gesundheitsschädigender als die von Atomkraftwerken.

ZEIT ONLINE: Gibt es irgendetwas, das Sie dem deutschen Atomausstieg abgewinnen können?

Tanaka: Vielleicht die Planungssicherheit. Sie ist durch einen solchen strikten Beschluss gewährleistet. Aber jetzt muss Deutschland auch daran festhalten. Deutschlands Politik hat sich schon einmal vom Atomausstieg einer Vorgängerregierung distanziert. Sollte das noch einmal passieren, würden Investoren womöglich nicht mehr in die nötige Kontinuität vertrauen. Für den Ausbau erneuerbarer Energien sind Investitionen nötig, und die bekommt man nur mit dem Vertrauen von Investoren.

ZEIT ONLINE: Die Mehrheit der Japaner will aus der Atomkraft aussteigen. Hat sich Ihre persönliche Sicht seit Fukushima verändert?

Tanaka: Es stimmt, wie müssen die Meinung der Menschen ernst nehmen. Sie sorgen sich um die Sicherheit und wir müssen daher lernen, wie wir Atomkraft sicherer machen. Aber das ist möglich. Ein Befürworter der Atomkraft bin ich nach wie vor.

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Leserkommentare
  1. Atomenergie ist auch per se nicht unvernünftig.

    Aber so wie sie in Deutschland/Europa und auch Japan betrieben wird ist unvernüftig. Die Endlagerproblematik, und speziell in D die mafiösen Strukturen der Atomlobby inklusive Verzahnung in die Politik lassen den Ausstieg als recht vernünftige Alternative erscheinen. Zumal auch Uran endlich ist und der Abbau nicht CO2 Neutral geschieht.

    3 Leserempfehlungen
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    Was ist den bitte vernünftig an der Atomenergie?

  2. 2. Bizarr

    Es wäre ja zum Lachen, wenn es nicht so traurig wäre. Eine Hypothek von Atommüll über ein paar tausend Jahre ist ja so billig ....
    Wie kann dieser Mensch angesichts der Opfer und der nicht wieder gut zu machenden Schäden so reden? Es ist bizarr.
    Der einzige rationale Punkt ist der mit den Kohlekraftwerken. Wozu brauchen wir die eigentlich? Darf ich daran erinnern, dass 2012 der Verkauf von Strom nach Frankreich Rekordhöhe erreicht hat? Ich habe von dem Erlös nichts bekommen...

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    • tnie
    • 14. Juni 2013 16:33 Uhr

    dass die Emissionen wieder gestiegen sind hat kaum etwas bis nichts mit dem Anteil an Kohlestrom zu tun, den wir für die Netzstabilität brauchen.

    Die Emissionen steigen, weil in der ersten Jahreshälfte unzählige Kohlekraftwerke auf Volllast gefahren sind um den Strom zu exportieren, weil die Kosten für Emissionszertifikate lächerlich niedrig sind und - vermutlich aufgrund des Fracking-Booms in Amerika - die Weltmarktpreise für Kohle relativ niedrig sind.
    Und ja, die Erlöse solcher Exporte landen natürlich nicht in den Volkswirtschaften sondern in den Kassen der großen EVU und ihrer Aktionäre. Daraus abzuleiten, dass die Verbraucherstrompreise ja gesenkt werden könnten ist verschwendete Energie, das wird eh nichts..

    • FPopp
    • 14. Juni 2013 15:05 Uhr

    Der gerne wiederholte Allgemeinplatz "Mit Atomkraft wäre Energie günstiger" ist leider unwahr, und auch durch Wiederholung ändert sich das nicht. Atomstrom ist nur solange "günstiger", wie seie Folge- und Begleitkosten auf die Steuerzahler umgelegt und also externalisiert werden. Müssten Atomkraftwerke ungedeckelt gegen das Risiko des GAUs versichert werden (ein Risiko, das, wie sich in Japan gezeigt hat, ja nicht von der Hand zu weisen ist), oder die Kosten für Endlagersuche und -sicherung von den Energieunternehmen selbst bezahlt werden, wäre der Atomstrom morgen schon Geschichte.

    Herr Tanaka, Sie müssten all das wissen, Sie sind schließlich vom Fach. Trotzdem erzählen Sie die offensichtliche Unwahrheit. Was verrät uns das?

    19 Leserempfehlungen
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    Sie und einige andere Kommentatoren haben natürlich recht.
    Die Behauptungen von Tanaka und Konsorten sind eine bodenlose Unverschämtheit. Wider besseres Wissen alle Neben- und Folgekosten auszuklammern und Atomstrom billig zu reden ist Lüge und Heuchelei. Diese externalisierten Kosten fangen bereits beim Abbau von Uran an, umfassen die Kosten der Krankenbehandlung (Tschernobyl, Fukushima) und enden mit etlichen Tausend Jahren Bewachung des Mülls. Und diese Aspekte sind darüber hinaus nur die finanziellen. Kein Wort und kein Gedanke an die Leiden und Opfer bei Mensch und Tier!
    Wahr ist jedoch leider, dass Deutschland nicht wirklich einen Atomausstieg praktiziert, denn wir bereiten meines Wissens Uran auf und sind mittels Export von einschlägiger Technik weiter mit den Atomjungs verbandelt.

  3. Weil der Verbraucher und Steuerzahler in Personalunion für die Kosten der Havarien aufkommt? Wieviel hat denn der Unfall in Fukushima gekostet bzw. kostet er noch? Wer kann die Langzeitfolgen/kosten realistisch abschätzen?

    Ist eigentlich Verzicht keine Alternative? Wer braucht denn wofür diese Unmengen Strom?

    6 Leserempfehlungen
  4. 5. Fragen

    Hat Japan schon ein endgültiges Endlager für seinen Müll und wer bezahlt das, der Staat oder die Konzerne die den Dreck produzieren?

    6 Leserempfehlungen
  5. ...gab es diese Woche übrigens zwei Brände auf dem Kraftwerksgelände.
    Berichte in der Presse oder den OR-Sendern darüber? Fehlanzeige. Dieser High-Tech-Schrott muß weg.
    Wenn das mit der Fusion klappen sollte, können wir uns gerne nochmal über Kernkraft unterhalten. Kernspaltung ist jedenfalls eine Steinzeittechnologie.

    >>Wer weiß, was passiert, wenn in der Straße von Hormus eine Krise ausbricht, der Ölpreis stark ansteigt?<<

    Dann ist der Rest des Planeten ganz schön am ....., Herr Tanaka. Japan übrigens auch, Atomstrom hin oder her.

    >>Außerdem muss Deutschland seine CO2-Bilanz in Griff bekommen, schon jetzt emittiert es wieder mehr als vorher, weil es mehr Strom aus Kohle gewinnt.<<

    Stimmt. Das liegt aber nicht an den Regenerativen an sich, sondern an verhunzter Politik. Die Energiewende ist nämlich vor allem Lippenbekenntnis der Regierung, sonst nichts.

    7 Leserempfehlungen
  6. Ich konnte die Hysterie (und die Lobbypolitik der grünen Industrien und Gegner) auch nie ganz teilen. Ein Erdbeben-AKW war mit den deutschen Standorten wohl kaum vergleichbar.

    Aber pro-Atomstrom war nicht salonfähig und selbst die CDU hatte Angst vor Stimmenverlusten.
    Also bauen wir Kohlekraftwerke, holen grünen Atomstrom aus Frankreich und dem Ostblock (sage ich angesichts der Technik dort bewusst und schaffen mit der Energiewende eine große Vermögensumverteilung (Solar und Biogas als Renditemodel) zu Lasten der urbanen Bevölkerung.

    Das wirklich Schlimme am dt. Atomstrom war die ungeklärte Lagerfrage (wobei "Endlager" ja angesichts des Fortschritts ein Unsinn ist) und die mangelnde Transparenz bei Störfällen etc.

    Dafür gibts jetzt die Folgen der Kohle, sprich Staubbelastung und CO2 Anstieg..

    Und für "saubere" Atomenergie, sprich Forschung in Fusion, gibts wohl auch kaum Gelder mehr...

    10 Leserempfehlungen
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    die Grünen haben damals eben den Mainstream geentert und es muss ja ,politisch korrekt ,100 Prozent Ökostrom sein...ob dabei ein paare Euronen mehr zu bezahlen sind , ist kein Thema...im Notfall werden halt Privatvermögen angezapft. viel haben ist sowieso unmoralisch..
    es ist gerade dieser totale , belehrende Anspruch ,der mittlerweile in Deutschland einen Mief verbreitet.
    Früher gab es sicherlich auch PekipEltern..aber die ließen die anderen wenigstens in Ruhe

    Wovon zur Hölle reden Sie? Der Atomausstieg ist spätestens seit 1998 erklärtes Ziel deutscher Politik. Und zwar basierend auf dem breitesten gesellschaftlichen Konsens, den man sich denken kann.

    Dass heute neue Kohlekraftwerke gebaut werden müssen, liegt an der Atomlobby, die den Ausstieg immer wieder verzögert hat. Im Übrigen ist Deutschland Strom-Exporteur. Ihre Argumente sind also falsch.

    • anarc
    • 24. Juni 2013 7:24 Uhr

    Ich habe seinerzeit in Wackersdorf Seite an Seite mit Ökos, Sozis, CSU'lern, Autonomen und Unpolitischen gestanden. Das war eine breite Bewegung quer durch alle Lager und kein Wahlkampf-Manöver der Grünen.

    Unsere Hauptargumente waren schlicht und einfach die Aufzählung des bis dato Geschehenen - Tschernobyl, Sellafield, Kalkar und eine schier endlose Liste von anderen Un- und Störfällen. Des weiteren haben wir die Leute darüber aufgeklärt, wie Atomkraftwerke funktionieren und welche Gefahren von ihnen ausgehen können.

    Seit Jahr und Tag machen Atomfans dagegen nichts anderes, als Behauptungen in den Raum zu stellen, die sich nicht belegen lassen. Atomstrom sei billig, ungefährlich und der Widerstand dagegen reine Ideologie. Da können sie noch so viel reden, mit dieser Taktik machen sie keinen Stich.

    Gebt endlich auf!

  7. die Grünen haben damals eben den Mainstream geentert und es muss ja ,politisch korrekt ,100 Prozent Ökostrom sein...ob dabei ein paare Euronen mehr zu bezahlen sind , ist kein Thema...im Notfall werden halt Privatvermögen angezapft. viel haben ist sowieso unmoralisch..
    es ist gerade dieser totale , belehrende Anspruch ,der mittlerweile in Deutschland einen Mief verbreitet.
    Früher gab es sicherlich auch PekipEltern..aber die ließen die anderen wenigstens in Ruhe

    6 Leserempfehlungen
    Antwort auf "Grün was glänzt..."

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Atomausstieg | Atomenergie | Atomkraft | Atomkraftwerk | Japan | Kohle
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