Wir Amis / Kolumne "Wir Amis" : Amerika, bloß nicht sozial werden!

Drei Ökonomen formulieren eine Theorie: Wenn Amerika gerechter würde, ginge es der ganzen Welt schlechter. Ihre Argumente sind gar nicht schlecht. Von Eric T. Hansen

Mal angenommen, Amerika würde plötzlich die soziale Gerechtigkeit entdecken. Wäre die Welt besser, menschlicher, schöner? Oder ginge sie schnurstracks zugrunde?

Seit Wochen debattiert man in Amerika über diese Frage. Ausgelöst wurde die Diskussion durch eine neue Theorie. Ihr zufolge würde eine großzügige Sozialpolitik europäischen Stils zwar vielen Amerikanern helfen. Der Rest der westlichen Welt würde jedoch unter dem neuen Sozialkurs leiden. Warum? Weil am Ende weniger Bürger ein unternehmerisches Risiko eingehen würden, was wiederum der Weltwirtschaft schadet.

Die Theorie stammt von den Ökonomen Daron Acemoglu (MIT), James A. Robinson (Harvard) und Thierry Verdier (École d'Économie de Paris). Acemoglu und Robinson haben auch das faszinierende Buch Warum Nationen scheitern geschrieben, in dem die Autoren die Unterschiede zwischen erfolgreichen und gescheiterten Staaten erforschen. In ihrem Aufsatz Choosing Your Own Capitalism in a Globalized World vergleichen die beiden Wissenschaftler die zwei wirtschaftlichen Spielarten des Westens: "Kuschelkapitalismus", wie es ihn vor allem in Skandinavien (man kann auch sagen: in ganz Europa) gibt, und "Halsabschneiderkapitalismus", wie wir Amis das vorziehen.

Das eine geht nicht ohne das andere

Acemoglou, Robinson und Verdier denken diese Idee nun weiter. Sie glauben, dass beide Spielarten des Kapitalismus zusammenhängen. Der "Kuschelkapitalismus" in Europa sei eben nur deshalb möglich, weil die USA "Halsabschneiderkapitalismus" praktizieren. Beispiel technische Innovationen. Die kommen eben doch noch immer häufiger aus Amerika, nicht aus Europa. Der Ami ist auch heute noch eher bereit, ein Risiko einzugehen – auch, weil er dafür in den USA reichlicher belohnt wird als in Europa. Ideen werden in Amerika schneller ausprobiert, auch wenn sie scheitern können. Haben Sie hingegen Erfolg, wird nicht nur der Ami reich. Auch der eingekuschelte Rest der Welt profitiert davon.

Eric T. Hansen

© [M] Ralf IlgenfritzEric T. Hansen ist Amerikaner, Buchautor (Planet Germany) und Satiriker, der sein halbes Leben in Deutschland lebte, heute in Berlin. Sein aktuelles Buch ist Die ängstliche Supermacht: Warum Deutschland endlich erwachsen werden muss. Auf ZEIT ONLINE erklärt er einmal in der Woche die Eigenheiten seiner Heimat – und der Deutschen.

In Europa lohnt sich hingegen Risiko kaum: Erstens sind die Bürger so gut abgesichert, dass man die reiche Belohnung nicht unbedingt braucht. Zweitens muss man im Falle des Erfolges einen so großen Teil seines Reichtums abgeben, dass das Risiko sich kaum lohnt. Drittens kann keiner L'Ennui so feiern wie der europäische Jet-Set. Würde sich hingegen die ganze Welt dem Kuschelkapitalismus verschreiben, gäbe es kaum noch Innovation. Sprich: Alle würden ärmer werden.

Die Theorie ist nicht ganz neu. Das Neue daran ist die holistische Sichtweise: Beide Systeme, sagt Acemoglu, hängen zusammen, denn in einer globalisierten Welt treibt jeder neue Technologie-Schub das Wachstum aller anderen Länder an – zuletzt gesehen bei der Internet-Revolution in den neunziger Jahren. Heutzutage hört man immer wieder zu allen möglichen Themen esoterische Sprüche wie: "Alles hängt zusammen" und "der Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien kann einen Tornado in Texas auslösen". Nur wenn es um den Kapitalismus geht, glauben wir nicht an die "Ganzheitlichkeit" der Welt.

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Kommentare

266 Kommentare Seite 1 von 35 Kommentieren

Nennenswerte Innovation nur bei subventionierter Forschung

Kapitalismus brutal, soft oder gemischt? Bevor man sich mit patriotischen Ländervergleichen an dieser Frage festbeißt, sollte man erst mal die Unterstellung darin hinterfragen:
Nur (privatwirtschaftlicher) Kapitalismus könne innovativ sein.

Mariana Mazzucato: "Bei den meisten radikalen, revolutionären Innovationen, die den Kapitalismus vorangetrieben haben – von Eisenbahnen über das Internet bis aktuell zur Nanotechnologie und Pharmaforschung, kamen die frühesten, mutigsten und kapitalintensivsten unternehmerischen Investitionen vom Staat."
http://www.wdr5.de/sendun...

Sie sieht Forschung als staatliche Wirtschaftsförderung. Gerade auch in den USA, die angeblich den schlanken Staat vergöttern. Die heftigsten Sozialstaats-Gegner dort protestieren erstaunlich selten gegen den riesigen Militär-Apparat. Dessen stattlich-staatliches Budget ermöglicht vielen High-Tec-Firmen Forschung ohne den rauhen Wind des "normalen" Kapitalismus.

Und "dass regelmäßig Kosten für steuerfinanzierte Innovationen von der Allgemeinheit getragen, die Erträge später aber privatisiert werden", ist weltweit kein Ruhmesblatt des Kapitalismus.

Das Lob der drei Ökonomen für den US-"Halsabschneider"-Kapitalismus ist besonders pikant, weil "Halsabschneiden" ja gerade kein Binnenwirtschafts-Konzept des US-Militärs ist, aber per Truppen in viele Länder "exportiert" wird - um für die USA Vorteile (Rohstoff-/ Absätzmärkte, Vorrang-Stellung des Petro-Dollars) zu erzwingen.

Kontext Funktionalität, nicht ausweichen bitte

Es ist schlichtweg keine deutsche Erfindung im Sinne der "Funktionalität", denn die ist recht weit auslegbar. Darauf wollte ich hinaus. Sie können sowohl die Chinesen als auch die Amerikaner nehmen, die der Rakete eine Funktion gaben, die sie überhaupt revolutionär machte. Freilich auch die Deutschen, wenn Sie denn dieser Meinung sind.

Differenzierter denken schickt sich immer. :)

Die Dinger flogen, die Dinger zerstörten Materie beim Einschlag,

dies beides auch noch einigermaßen zuverlässig, die Dinger wurden tatsächlich im Krieg auch eingesetzt. Das gilt sowohl für die "missiles" (das Englische ist hier spezifischer und daher zu bevorzugen), als auch für die "rockets". Wie man da dann noch wieder rumdeuten will, ist mir ein Rätsel.

Boden-Boden hatte ich vorhin noch vergessen. Quasi der Vorgänger von MILAN & Co.

Was auch immer jetzt ihre Aussage war...

Weiß nicht ganz, was Sie mit Ihren wirren Vergleichen zum Ausdruck bringen wollen, aber es ist in der Tat eben so, dass das Grundprinzip der Rakete (nachlesen hilft!) schon deutlich vor der V1 mit einer Funktion verknüpft und auch dementsprechend eingesetzt wurde. Niedrigere Trefferraten als die deutschen Erzeugnisse sollen die chinesischen übrigens auch nicht gehabt haben.

Innovationsbegriff II

Bis auf einige Leuchtturmprojekte steht die Grundlagenforschung in den USA nicht so hoch im Kurs, da die Forschungslandschaft stärker mit privaten Mitteln finanziert wird. Die Wissenschaftler in den USA müssen deutlich stärker den „Return on Investment“ im Blick haben. In der Grundlagenforschung ist das nicht möglich. Sie konzentrieren sich daher auf die angewandte und damit marktnahe Forschung. Eine wirtschaftliche Nutzung ist damit deutlich wahrscheinlicher. (Beispiel: Entwicklung des MP3 Algorithmus von Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen → endgültiger wirtschaftlicher Durchbruch durch iPod und Apple).

Im Übrigen könnte diese wissenschaftliche Arbeitsteilung zwischen Kuschelkapitalismus (→ öffentlich geförderte Grundlagenforschung) und Halsabschneider Kapitalismus (→ gewinnorientierte angewandte Forschung) als weitere Argument für die These des Autors verwendet werden.