WelternährungDer tiefe Wandel Afrikas

Ob in Äthiopien, Nigeria oder anderswo: In Afrika ist eine Transformation in Gang. Wie der Kontinent es schaffen könnte, sich selbst zu ernähren. von Shenggen Fan

Bauern in einem Getreidefeld nördlich von Addis Ababa in Äthiopien (Archiv)

Bauern in einem Getreidefeld nördlich von Addis Ababa in Äthiopien (Archiv)  |  © Barry Malone/Reuters

Es ist eines der großen Rätsel Afrikas: Weshalb ist der Kontinent trotz seines enormen landwirtschaftlichen Potenzials auf Nahrungsmittelimporte angewiesen, und warum hungern dort so viele Menschen? Als Gründe werden häufig politische und gesellschaftliche Probleme genannt, eine unzureichende Infrastruktur, hohes Bevölkerungswachstum und vor allem eine Landwirtschaft, die ihre Möglichkeiten nicht nutzt und relativ unproduktiv arbeitet.

Doch Afrika wandelt sich gerade sehr. Viele Regierungen besinnen sich auf die Rolle, die ein wachsender Agrarsektor für die wirtschaftliche Entwicklung spielen kann. Deshalb investieren Länder wie Äthiopien, Ghana, Malawi, Mosambik und Nigeria viel in die Umgestaltung ihrer Landwirtschaft.

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Viele Entwicklungsländer waren im Kampf gegen die Armut erfolgreich, weil sie ihren Agrarsektor umgebaut haben – vor allem, wenn sie dabei auf die Entwicklung der kleinbäuerlichen Landwirtschaft Wert legten. Beispiele dafür gibt es vor allem in Asien. Vielen Ländern dort ist es gelungen, ihr Wirtschaftswachstum zu steigern, Armut zu reduzieren, die Teilhabe der Landwirte zu fördern und ihre Ernährungssicherheit zu stärken. Ähnliches lässt sich nun auch in Afrika beobachten. Die Dynamik dort eröffnet der Politik die Möglichkeit, einen dauerhaften Wandel hin zu mehr Wohlstand und sozialem Fortschritt herbeizuführen. Diese Chance muss genutzt werden.

Äthiopien fördert Kleinbauern

Ein hoffnungsvolles Beispiel ist die von Äthiopien kürzlich ins Leben gerufene "Agentur für Agrarwandel" (Ata), für die das Internationale Forschungsinstitut für Agrar- und Ernährungspolitik (Ifpri) analytische Unterstützung leistet. In den vergangenen Monaten gab es Bedenken gegenüber Äthiopiens Landwirtschaftspolitik, etwa für den Bau von Staudämmen im Omo-Tal oder die Vergabe von großen Ackerflächen an ausländische Investoren. Mit der Agentur für Agrarwandel aber leistet die Regierung gerade für die Kleinbauern wichtige Unterstützung.

Shenggen Fan

Der Ökonom und Agrarwissenschaftler hat in China und den USA studiert und forscht seit Langem am Internationalen Forschungsinstitut für Agrar- und Ernährungspolitik (Ifpri) in Washington. Seit 2009 leitet er das Institut. Daneben ist Fan Vorsitzender des internationalen Programmbeirats für Ernährungssicherung des Weltwirtschaftsforums (Wef).

Die Kleinbauern erzeugen in Äthiopien über 90 Prozent der landwirtschaftlichen Produktion. Nicht zuletzt deshalb fördert die Agentur sie besonders. Die Ata hat den Auftrag, effizientere Anbaumethoden einzuführen und den Bauern einen leichteren Zugang zu Beschaffungs- und Absatzmärkten zu verschaffen. Daneben hilft sie, wenn die Landwirte Kredite benötigen, und berät sie zu technischen Neuerungen.

Die Ata ist erst ein Jahr alt. Aber sie hat bereits Innovatives bewirkt, zum Beispiel die Erstellung der ersten digitalen Bodenkarte des Landes. Für sie werden die Böden des Landes mithilfe von Satelliten- und Fernerkundungstechnologien charakterisiert, und das Ergebnis wird durch Tausende von Bodenproben ergänzt. Dies wird es Landwirten ermöglichen, die Bodenfruchtbarkeit ihrer Felder zu analysieren und Schritte zu unternehmen, um ausgelaugte Böden zu regenerieren. Darüber hinaus hat Ata neue Sätechniken für Zwerghirse – einer wichtigen Grundnahrungspflanze in Äthiopien – eingeführt. Die neuen Methoden können Saatgut sparen, den Arbeitsaufwand der Landwirte verringern sowie Kleinmechanisierung erleichtern.

Ein anderes Beispiel ist Nigeria, das unlängst ein "Programm zur Umgestaltung der Landwirtschaft" verabschiedet hat. Nigeria möchte den Agrarsektor transformieren, um die heimische Produktion anzukurbeln, Nahrungsmittelexporte zu steigern und das Wirtschaftswachstum insgesamt voranzutreiben. Ein wichtiger Bestandteil des neuen Programms ist das "Fördersystem zur Wachstumssteigerung" (Gess), eine Initiative, die grundlegende Produktionsfaktoren wie Saatgut und Düngemittel durch effiziente Subventionsvergabe für Kleinbauern erschwinglicher machen soll.

Leserkommentare
  1. 1. [...]

    Entfernt. Bitte bemühen Sie sich um einen differenzierten Kommentarstil. Die Redaktion/mak

    • RoH
    • 21. Juni 2013 18:52 Uhr

    Es ist erfreulich, dass sich Afrika langsam auf einen guten Weg macht und schon erste Erfolge sichtbar sind.

    Besonders der letzte Absatz sollte, nein muss uns aber zu denken geben.
    Weil wir hier so satt sind, wurde in den letzten Jahren und Jahrzehnten die Agrarforschung immer weiter abgebaut. Nur noch 9 Unis in Deutschland bieten ein agrarwissenschaftliches Studium an.
    Unsere landwirtschaftliche Produktion tritt auf der Stelle, wir können nicht einmal mehr unseren eigenen Bedarf decken. So ist die EU in den letzten Jahren zum größten Netto-Agrarimporteur der Welt geworden, noch vor China!
    Und während viele nach einer weiteren Verringerung der Produktion (Bio-Landbau, Flächenstilllegungen) rufen, müssen wir genau das Gegenteil erreichen. Auch Europa muss seine Produktion wieder steigern.
    Doch wir tun dafür zur Zeit bei Weitem nicht genug. Im Gegenteil, neue Technologien, die vielleicht einen Beitrag zu höheren Erträgen bei gleichzeitig nachhaltigerer Produktion ermöglichen können, werden aus Europa verdrängt (z.B. moderne Pflanzenzüchtung mit gentechnischen Methoden) auch sonst in agrarwissenschaftliche Forschung nicht genug investiert.
    Siehe dazu auch: http://www.topagrar.com/n...

    3 Leserempfehlungen
  2. direkt in die Hände von IWF und Weltbank über. Diese zwangen die Staaten sich auf Export umzustellen. Gesundheitsprogramme mussten beendet werden. Ausbildungsprogramme mussten beendet werden. Der Weg in die heillose Abhängigkeit und Verschuldung war geebnet. Ausländische Firmen schlossen heimliche Verträge mit den Regierungen, das war die ultimative Einladung für Korruption und die Entmachtung der Bevölkerung.

    Die afrikanische Staaten haben dort eine Chance, wo die ausländischen Okkupanten nicht jede Entwicklung unmöglich machen.

    @RoH

    Deutschland muss Agrargüter importieren, weil wir eine gigantische Fleischwirtschaft haben. Wir sind der Schweineexporteur in Europa. Die ganzen Rinder und Schweinchen wollen täglich gefüttert werden, möglichst billig, damit sie dem Bauern ein bisschen Profit einbringen. Wäre die Tierproduktion nicht, könnte sich Deutschland ganz problemlos von eigenen Anbau ernähren.

    5 Leserempfehlungen
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    Über vierzig Jahre nach der Entkolonialisierung die schlechte Verfassung Afrikas monokausal auf die Kolonialzeit zurück zu führen, ist hanebüchener Unsinn.

    Korruption, mangelnde Rechtsstaatlichkeit und Clan-Denken sind die zentralen Probleme Afrikas.

    Und die sind hausgemacht.

  3. Afrika wurde und wird durch Kolonisatoren und Neokolonisatoren ("Investoren") in die Armut und den Hunger gestürzt. Einige der Länder, die sich in den 1950-60ern von den Kolonisatoren befreiten, wurden dafür unbarmherzig bestraft und brutal in die Knie gezwungen, so dass sie sich dem internationalen westlichen Kapital beugen mussten. Dazu kam eine als Entwicklungspolitik getarnte Beherrschung der Länder. Die Perfidie lag übrigens auch darin begründet, dass die westlichen "Entwicklungshelfer" weder das Land noch die Leute kannten und sich als die Helfer aufspielten und ihre "Hilfe" vom Wohlverhalten der vermeintlich unfähigen und ungebildeten Bevölkerung abhängig machten. Die durch die Kolonisatoren errichteten künstlichen Grenzen zerstörten das soziale wie ökologische Gefüge Afrikas. Erst in jüngerer Zeit erkannte man, dass die Wüstenausbildung und Versteppung Afrikas nicht von den Afrikanern verschuldet worden war noch beeinflußt werden konnte. Sie war und ist das Ergebnis weltumspannender Klimaveränderungen. Mittels der sogenannten Grünen Revolution der 1960er trieb man die Menschen dann auch noch in die Abhängigkeit der Agrokonzerne und Banken. Dazu kam noch der Landraub durch westliche Investoren. Zur Zeit der größten Hungerkatastrophen wurden in Teilen Afrikas auf dem kostbarsten und fruchtbarsten Boden übrigens Luxusnahrungsmittel wie Kakao und Tabak für den Westen angebaut. Zum Nachlesen: Frances Moore-Lappe Vom Mythos des Hungers (1984).

    4 Leserempfehlungen
  4. Zitat: Die Kleinbauern erzeugen in Äthiopien über 90 Prozent der landwirtschaftlichen Produktion.

    Ja, da mag sogar stimmen. Bauen primär z.B. Kaffe an. Das selbst auf Flächen welche ZUVOR der Eigenversorgung mit Lebensmitteln dienten.
    Kaffee = Export
    Folge: Lokale Lebensmittelpreise steigen.

    Lernen wir weiter!!!
    Kenia!!!! ( Niebel sendet Geld )
    Kenia produziert - auf BESTER Argarfläche - gar mit High-tech-Methoden ZIERBLUMEN. Ja, mehr als Holland. Vermutet man eher nicht.

    Zierblumenanbau in Hungerregionen??? Zierblumen für den Baumarkt????

    Es geht noch trauriger. Leider.
    Endlose NGOs machen brav mediale Zerrbilder publik ( Sorry, auch @Zeit ist darauf reingefallen ). Medien sollten aber NEUTRAL berichten. Dazu gehört eben auch die Schattenseiten aufzuzeigen.
    KEINEM Hungernden in Afrika ist geholfen wenn gar 10 Cent pro Fair gehandelter Schnittblume/Pfund Kaffee gespendet werden.....aber der Reis/Fladenbrot um 70 Cent TEURER werden.

    Solange also gar beste Ackerkrume in Afrika jenseitig der lokalen Lebensmittelproduktion genutzt werden, solange haben wir da ein Problem.

    Mehr noch!!! On Top!!!
    Seit ich denken kann werden Gelder/Projekte für Wasserpumpen in Afrika eingesammelt und propagiert. Underdessen müsste jeder Afrikaner 20 eigene Wasserpumpen haben.
    Wo sind die denn alle??? Seltsam, seltsam.

    Nur so am Rande, nebenbei

    11 Leserempfehlungen
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    • malox
    • 21. Juni 2013 22:56 Uhr

    Tatsächlich ein Aspekt, den wenige kennen:
    "Billig-Rosen" aus Kenia.

    Film dazu:
    (Das Erste - Panorama):
    http://www.youtube.com/wa...

  5. Über vierzig Jahre nach der Entkolonialisierung die schlechte Verfassung Afrikas monokausal auf die Kolonialzeit zurück zu führen, ist hanebüchener Unsinn.

    Korruption, mangelnde Rechtsstaatlichkeit und Clan-Denken sind die zentralen Probleme Afrikas.

    Und die sind hausgemacht.

    8 Leserempfehlungen
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    • übel
    • 21. Juni 2013 20:20 Uhr

    Das liest sich ja wie eine auf den Tisch gehauene Faust...

    Dann werden Sie sicher Recht haben mit dem "hanebüchenen Unsinn".

    • Ivold
    • 22. Juni 2013 9:59 Uhr

    haben sie den beitrag ueberhaupt gelesen? ihre antwort ist genauso monokausal: sie sind hausgemacht. entkolonialisierung bedeutet nicht unabhaengigkeit: viele laender afrikas leiden unter strukturanpassungsprogrammen, predatory lending, zwangsverstaatlichungen. und nein daran ist nicht "das ausland" schuld, sondern einzelne akteure, die im ausland zu finden sind und die mit lokalen eliten alliiert sind. hier finden sich dann auch die gruende fuer korruption, patronage und mangelnde rechtsstaatlichkeit.

    p.s.: fragen sie mal Patrice Lumumba ob westliche staaten ihren einfluss in afrika durch die entkolonialisierung verloren haben...

  6. " Flugbohnen "....aus Hungerregionen in Afrika per Luftfracht an europ. Discounter/Supermärkte geliefert.

    Frühkartoffeln ( Nordafrika ), dito.

    Kakao, Ananas und Co....aus Afrika ( incl. Hungerregionen ) hier im Ladenregal.

    Ja, selbst banale Bananen....Afrikaexporte.

    Wie viele weitere Lebensmittel aus Afrika soll ich noch aufführen???
    Merkt das sonst niemand beim Wocheneinkauf hier???

    Hunger in Afrika ist Hausgemacht. Die exportieren lieber .....und lassen die " eigenen Leute elendig krepieren/verhungern " ... aber ALLE machen mit.

    Nur so am Rande, nebenbei

    Eine Leserempfehlung
    • übel
    • 21. Juni 2013 20:20 Uhr

    Das liest sich ja wie eine auf den Tisch gehauene Faust...

    Dann werden Sie sicher Recht haben mit dem "hanebüchenen Unsinn".

    2 Leserempfehlungen

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