Der Badeort Sharm el-Sheikh am Roten Meer (Archivbild) © Peter Macdiarmid/Getty Images

Türkises Wasser, angenehme Wärme, eine aufregende Kultur – Ägypten gehört zu den 20 beliebtesten Reisezielen der Deutschen. Doch angesichts der unsicheren Lage im Land dürften sich die Touristen derzeit eher zurückhalten. Das Auswärtige Amt verschärfte seine Sicherheitshinweise am Donnerstag erneut – von Fahrten in größere Städte sei abzuraten, Urlauber sollten in den Feriengebieten am Roten Meer und in Oberägypten bleiben. Ein Transitaufenthalt am Hauptstadtflughafen sei aber unbedenklich, urteilte die Behörde. "Der Flughafen funktioniert normal und ist gut gesichert."

Für die ohnehin gebeutelte Wirtschaft ist das ein weiterer schwerer Schlag. Der Tourismus steht für ein  Siebtel des Bruttoinlandsprodukts. Im Mai hatte sich die Besucherzahl in Ägypten noch stabilisiert, es gab ein Plus von 14,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat. Tourismusminister Hisham Zaazou hatte bereits Hoffnungen geäußert, Ägypten könne bis zum Jahresende bis zu 13 Millionen Touristen anlocken. Vor der Revolution waren es fast 15 Millionen gewesen. Doch wegen der Proteste und Unruhen ist die Marke kaum realistisch. Aufgrund der politischen Situation könne man keine Vorhersagen machen, sagte der Vorsitzende der ägyptischen Tourismus-Föderation, Elhamy el Zayat.

Doch selbst wenn die Touristen zurückkehren, landet weniger Geld in der Kasse als früher. Dem Preisvergleichs-Portal Trivago zufolge sind Übernachtungen im Schnitt acht Prozent billiger als im Vorjahr. In den Strandzielen Dahab oder El Gouna sind es sogar mehr als 20 Prozent.

Noch aufmerksamer als Touristen blicken Rohstoffhändler auf die Lage. Durch den Suezkanal, das Nadelöhr der Weltwirtschaft, gehen zehn Prozent des weltweiten Seehandels. Neben Rohstoffen aus Afrika ist das vor allem Öl aus Arabien. Aus Sorge um Lieferengpässe waren die Preise zuletzt gestiegen – am Donnerstag gaben sie wieder nach. "Auch für die deutsche Wirtschaft ist der Kanal extrem wichtig", sagte Christof Lauer vom Verband deutscher Reeder. Wäre die Passage gesperrt, müssten Schiffe auf dem Weg nach Europa einen Umweg von 9.000 Kilometern rund um Afrika nehmen. "Das würde allein die Treibstoffkosten je Schiff um eine Million Dollar erhöhen." Eine Überfahrt von Schanghai nach Hamburg würde sich von 31 auf 41 Tage verlängern.

In Ägypten ist die wirtschaftliche Lage nach den jüngsten Wechselfällen immer schwieriger geworden. Das Wachstum ist nicht stark genug, um der wachsenden Bevölkerung Perspektiven geben zu können. Investoren haben sich zurückgezogen, Arbeitslosigkeit und Inflation sind hoch. "Ein spürbarer Aufschwung ist nötig, damit das Land zur Ruhe kommt", sagte Felix Neugart, Nahostexperte beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK). "Es muss ein politischer Konsens her, der aber derzeit nicht absehbar ist." Deutsche Firmen hielten dem Standort jedoch die Treue. "Uns ist nicht bekannt, dass sich ein Unternehmen zurückgezogen hat oder seinen Rückzug plant", erklärte Neugart.

Das bestätigt auch Manfred Tilz von der Außenwirtschafts-Agentur Germany Trade and Invest. "Die Firmen haben sich seit dem arabischen Frühling an die unruhige Lage gewöhnt und warten ab." Derzeit unterhalten rund 80 deutsche Unternehmen Niederlassungen oder Fabriken vor Ort, in der Öl- und Gasindustrie sowie in den Branchen Elektro, Auto und Tourismus. Konzerne wie BASF, Siemens, BMW oder Thyssen-Krupp sind darunter, sowie Mittelständler. "Wir bleiben im Land", bekräftigte etwa Daimler, das in einem Joint Venture mehrere Mercedes-Modelle für den lokalen Markt produziert.

Für manche Firmen gibt es aber Einschränkungen. Der Handelskonzern Metro, der Märkte in Kairo betreibt, sorgt sich um die Sicherheit der rund 700 Beschäftigten. "Unsere Großmärkte haben in den letzten Tagen später geöffnet und früher geschlossen, damit die Mitarbeiter rechtzeitig nach Hause kommen", teilte das Unternehmen mit. Die Zentrale sei vorerst geschlossen. Auch der deutsche Duft- und Aromenhersteller Symrise hat wegen der Unruhen sein Werk in der Nähe von Kairo geschlossen.

Frisches Geld aus dem Ausland, das Ägypten dringend braucht, dürfte erst bei besseren Rahmenbedingungen fließen. "Investoren haben unter Mursi abgewartet, weil keine klare wirtschaftspolitische Richtung erkennbar war", sagte Ägypten-Kenner Tilz. "Die Bürokratie muss abgebaut werden und es muss Transparenz geschaffen werden, etwa bei Genehmigungen und Ausschreibungen", sagt DIHK- Mann Neugart. Grundsätzlich sei das Land mit seiner jungen und wachsenden Bevölkerung sehr interessant.

Erschienen im Tagesspiegel