Wenn Mike Parker auf das Mannschaftsfoto hinter dem Tresen blickt, sieht er ein Bild seines Dorfes vor der Krise. Die Spieler des Hurling-Teams aus Kilflynn: Schulter an Schulter, in die Kamera lächelnd. "Wenn wir stolz sind auf etwas, dann auf unser Hurling-Team", sagt Parker, dessen Kneipe im Zentrum liegt. Noch vor zwei Jahren gewann die Mannschaft aus Kilflynn die regionale Meisterschaft und spielte sogar mit um den irischen Pokal. Da war die Krise noch weit weg.

Heute sitzen junge Leute bei Parker an der Theke und klagen, dass sie seit Monaten keinen Job finden. Dass ihre besten Freunde und manchmal auch die Freundinnen ins Ausland ziehen, weil sie keine Hoffnung mehr haben, Arbeit zu finden. Auch das Hurling-Team tritt kaum noch zu Wettbewerben an. Allein im Mai sind fünf Spieler nach Amerika und Australien ausgewandert, weil sie in Irland keinen Job mehr fanden. "Wer kann es ihnen verübeln", sagt Parker.

Wenn die internationale Presse in diesen Tagen über Irland schreibt, zeichnet sie oft das Bild eines Landes, das sich von der Krise erholt. Das ist einerseits richtig: Im vergangenen Jahr wuchs die irische Wirtschaft wieder leicht um ein Prozent. Seit März kann sich das Land – erstmals seit der Rettung durch die EU – wieder am Finanzmarkt finanzieren. Andererseits liegt die Arbeitslosenquote noch immer bei 13,6 Prozent. Das Land steckt seit Mitte 2012 erneut in einer Rezession. Je länger die Krise andauert, umso größer werden die Narben, die sie hinterlässt. Man findet sie in Kilflynn, einem Dorf, dem die Menschen abhanden kommen. Oder in Tralee, zehn Kilometer weiter.

Auf der Hauptstraße sind viele Geschäfte geschlossen: Lee's Plattenladen, Kirbys Borgues Inn, die Old Oak. Vor einem geschlossenen Bekleidungsgeschäft hängen noch T-Shirts auf Stangen. Am Schaufensterrahmen klebt ein Hinweis, dass das Geschäft vor Kurzem noch geöffnet hatte: wet paint, frisch gestrichen.

Die Behörden melden steigende Selbstmordzahlen

Tralee liegt wie Kilflynn im County Kerry einer dünn besiedelten Region im Südwesten Irlands. Rund 150.000 Iren leben hier. In der Gegend lag die Arbeitslosigkeit zwischenzeitlich doppelt so hoch wie im Rest des Landes. Einst produzierten hier große Hersteller wie Burlington. Später lebte die Region ganz gut vom Tourismus.

Als die Krise im Jahr 2009 ausbrach, blieben jedoch nicht nur die Gäste aus anderen Ländern zu Hause, sondern auch die Iren selbst. Seither steigt die Arbeitslosigkeit. In die Schlagzeilen geriet die Region zuletzt, weil die Zahl der Selbstmorde drastisch zunahm. 80 Menschen haben sich nach offiziellen Angaben in den vergangen drei Jahren das Leben genommen.