Euro-KriseIrlands Traum ist geplatzt

Die Banken sind gerettet, aber die Krise ist längst nicht beendet. Wie Irland gegen Arbeitslosigkeit und Abwanderung kämpft. von Patrick Kremers

Straßenszene in Dublin

Straßenszene in Dublin  |  © Cathal McNaughton/Reuters

Wenn Mike Parker auf das Mannschaftsfoto hinter dem Tresen blickt, sieht er ein Bild seines Dorfes vor der Krise. Die Spieler des Hurling-Teams aus Kilflynn: Schulter an Schulter, in die Kamera lächelnd. "Wenn wir stolz sind auf etwas, dann auf unser Hurling-Team", sagt Parker, dessen Kneipe im Zentrum liegt. Noch vor zwei Jahren gewann die Mannschaft aus Kilflynn die regionale Meisterschaft und spielte sogar mit um den irischen Pokal. Da war die Krise noch weit weg.

Heute sitzen junge Leute bei Parker an der Theke und klagen, dass sie seit Monaten keinen Job finden. Dass ihre besten Freunde und manchmal auch die Freundinnen ins Ausland ziehen, weil sie keine Hoffnung mehr haben, Arbeit zu finden. Auch das Hurling-Team tritt kaum noch zu Wettbewerben an. Allein im Mai sind fünf Spieler nach Amerika und Australien ausgewandert, weil sie in Irland keinen Job mehr fanden. "Wer kann es ihnen verübeln", sagt Parker.

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Wenn die internationale Presse in diesen Tagen über Irland schreibt, zeichnet sie oft das Bild eines Landes, das sich von der Krise erholt. Das ist einerseits richtig: Im vergangenen Jahr wuchs die irische Wirtschaft wieder leicht um ein Prozent. Seit März kann sich das Land – erstmals seit der Rettung durch die EU – wieder am Finanzmarkt finanzieren. Andererseits liegt die Arbeitslosenquote noch immer bei 13,6 Prozent. Das Land steckt seit Mitte 2012 erneut in einer Rezession. Je länger die Krise andauert, umso größer werden die Narben, die sie hinterlässt. Man findet sie in Kilflynn, einem Dorf, dem die Menschen abhanden kommen. Oder in Tralee, zehn Kilometer weiter.

Auf der Hauptstraße sind viele Geschäfte geschlossen: Lee's Plattenladen, Kirbys Borgues Inn, die Old Oak. Vor einem geschlossenen Bekleidungsgeschäft hängen noch T-Shirts auf Stangen. Am Schaufensterrahmen klebt ein Hinweis, dass das Geschäft vor Kurzem noch geöffnet hatte: wet paint, frisch gestrichen.

Die Behörden melden steigende Selbstmordzahlen

Tralee liegt wie Kilflynn im County Kerry einer dünn besiedelten Region im Südwesten Irlands. Rund 150.000 Iren leben hier. In der Gegend lag die Arbeitslosigkeit zwischenzeitlich doppelt so hoch wie im Rest des Landes. Einst produzierten hier große Hersteller wie Burlington. Später lebte die Region ganz gut vom Tourismus.

Als die Krise im Jahr 2009 ausbrach, blieben jedoch nicht nur die Gäste aus anderen Ländern zu Hause, sondern auch die Iren selbst. Seither steigt die Arbeitslosigkeit. In die Schlagzeilen geriet die Region zuletzt, weil die Zahl der Selbstmorde drastisch zunahm. 80 Menschen haben sich nach offiziellen Angaben in den vergangen drei Jahren das Leben genommen.

Leserkommentare
  1. 1. Irland

    Ich muss sagen mit Irland habe ich von allen Krisenstaaten am wenigsten Mitleid.
    Abgesehen davon, dass die Löhne in Irland nach wie vor deutlich über z.B. den deutschen liegen, hat es vor der Krise mit seinen extrem niedrigen Steuern seine europäischen Partner um Mrd an Steuereinnahmen gebracht und seinen Bankensektor aufgebläht.

    Dass dieses extrem egoistische Verhalten nun auch enorme Risiken mit sich bringt merken die Iren jetzt und rufen plötzlich lautstark nach Solidarität, sind aber gleichzeitig noch nicht einmal bereit etwas an ihren Steuersparmodellen zu ändern.

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    << Dass dieses extrem egoistische Verhalten nun auch enorme Risiken mit sich bringt merken die Iren jetzt und rufen plötzlich lautstark nach Solidarität, sind aber gleichzeitig noch nicht einmal bereit etwas an ihren Steuersparmodellen zu ändern. <<

    Ja, und?
    Ist die dt. Exportweltmeisterei besser? Weniger egositisch? Weniger risikobehaftet?
    Meinen Sie, Dänemark, Belgien, Frankreich und Polen fänden es toll, dass es in Deutschland so ein Niedriglohnparadies für Unternehmen gibt?
    Und trotz all der offen ersichtlichen Risse im Putz der pseudo-sozialen Marktwirtschaft, trotz der zu erwartenden saftigen Rechnung, für die Unfähigkeit der machtorientierten politische Klasse, die den Bürger hier in einigen Jahren erwartet, passiert HIER nichts.
    Achja, doch es passiert was:
    Die Union liegt oberhalb der 40%...und viele Menschen smypathisieren offenbar eher mit einer Welt ohne Menschen als einer Welt ohne Kapitalismus und staatliche Obrigkeit.
    Sagen Sie ihren Nachbarn die sich in einigen Jahren in die Obdachlosigkeit oder ein hübsches Wohnghetto verabschieden können dann auch - Ätsch - selbst Schuld?

    Irland ist neben den steuerlichen Vorteilen auch wegen den laxen Datenschutzbestimmungen so beliebt, was gleichzeitig auch noch EU Land ist und somit das Trittbrett darstellt um in anderen Eau Ländern zu agieren.

    "Kein Mitleid mit den Iren"

    Ich verstehe Sie. Aber Sie wissen soch sicher auch, daß DIE IREN die vor der Krise die Finanzmärkte nach Dublin zogen, nicht die gleichen IREN sind, wie die, die jetzt arbeitslos sind. Wer gründete denn die Töchter in Irland? Deutsche Banken, deutsche Unternehmen (z.B. VW) und die Iren freuten sich.

    Vor 200 Jahren (ungefähr) wanderten die Hälfte der Iren nach Australien oder Amerika aus. Eine Kartoffelkrankheit hatte die Ernte vernichtet und viele Iren verhungerten. Das war damlas nicht zu vermeiden. Die Zivilisation war noch nicht so weit entwickelt, um etwas zu ändern.

    2008 war es die freie Marktwirtschaft und der freie Handel mit Finanzprodukten, der Irland an den ABGRUND GEBRACHT HAT. Keine Naturgewalt sondern menschliches, profitgeiles Kalkül einer Minderheit (einer "Elite") schaffte das, was die Natur 2 Jahrhunderte vorher geschafft hatte.
    Und glauben Sie mir ! Wir werden auch noch dran kommen.
    Und dann kommen bestimmt welche die sagen, wir Deutschen sind selbt schuld.
    Der bestverdienende Banker bekam bei der Deutschen Bank in einem Jahr 80 Millionen € Lohn. Er "arbeitet" heute in London.
    Die Geldmafia treibt ihr Unwesen und der kleine Mann leidet darunter. Aber irgendwer sagt "die Deutschen" oder "die Iren", dabei ist es nur der Kapitalismus im Endstadium.
    "Die Deutschen" steckten Menschen in Konzentrationslager.
    Sind sie auch so ein "Deutscher"?

    im Herzen Europas zu liegen, umringt von anderen Laendern. Dadurch hat es viele wirtschaftliche Vorteile, vor allem logistische. Laender, die so weit an der Peripherie liegen wie Irland, und die nur eine geringe Einwohnerzahl haben, weshalb sie die Kosten fuer notwendige Infrastruktur nicht auf viele Schultern verteilen koennen, MUESSEN an irgendeiner anderen Stelle punkten, um sich wirtschaftlich ueber Wasser halten zu koennen. Man kann sicher darueber streiten, ob es eine guenstige Unternehmenssteuer sein muss - andererseits hat sich doch auch laengst gezeigt, dass auch die meisten der In Deutschland ansaessigen grossen Unternehmen in Wahrheit noch viel geringere Steuern zahlen, als 12 %.

  2. Irlands BIP pP ist immer noch größer als das von Deutschland. Sowohl nominell als als auch in KKP. Wenn der Traum wohl war ein gigantischer Münchner Vorort zu werden - dann ist der Traum geplatzt. Aber vom (west)europäischen Armenhaus zu reden - was Irland mal war - davon kann man auch nicht reden.

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    ....das BIP Irlands pro Kopf liegt weit vor Deutschland, Irland ist nach wie vor bei den ganz reichen Staaten, vgl.

    http://de.statista.com/statistik/daten/studie/166224/umfrage/ranking-der...

    also Jammern auf hohem Niveau bzw. die Darstellung von Einzelschiksalen sagt mal wieder überhaupt nichts darüber aus, wie es dem Gros der Bevölkerung geht, von Eigentum im Wert von 300.000 Euro können die meisten Deutschen bei einer Eigenheimquote von 44 % auch nur träumen.

    'den Iren' sprechen, denn es ist nur eine kleine Anzahl Profiteure, die dieses System installiert und befeuert haben und sich daran bereichern konnten. Für den Schaden stehen jetzt Normalverdiener ein, die unter der Last zusammenbrechen. Die Profiteure bleiben unbehelligt und ziehen weiter.

    Es sind auch nicht 'die Griechen', 'die Spanier', die 'Portugiesen'. Es sind in erster Linie Banken und Investoren. Die werden gerettet, es geht ihnen nach wie vor prächtig. Ein perfides System.

  3. daß es die Menschen irgendwann einmal schaffen sich von diesem Finanz- und Wirtschaftssystem zu lösen. Wenigstens innerlich und geistig, wäre ja ein Anfang.

    Auszuwandern und drei Ecken weiter an der nächsten "Blase" mitzuarbeiten ist jedenfalls keine Lösung.

    Das Zerstören von Gesellschaft und Infastruktur zwecks Ablösung imaginärer "Verbindlichkeiten" auch nicht.

    Aber anscheinend fehlt vielen Menschen einfach die Kraft oder die geistige Grundlage sich aus dem Tanz um das Kalb zu lösen, sind die Trugbilder des Mammon immer noch das weitgehend akzeptierte Heilsversprechen.

    Schade um die Menschen und Länder.

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    "Auszuwandern und drei Ecken weiter an der nächsten Blase mitzuarbeiten ist jedenfalls keine Lösung." (3)

    Das sehe ich anders. Selbstverständlich ist das Auswandern für zahlreiche Iren derzeit die einzig denkbare und auch einzig vernünftige Lösung!

    Wer diesen Menschen pauschal unterstellt, sie würden alle an der nächsten Blase mitarbeiten und neoliberale Politik unterstützen, der verkennt die Komplexität der Lage (und sollte sich schleunigst zum nächsten Stammtisch begeben). Ich finde es sehr ärgerlich, dass hier nicht ein bisschen mehr differenziert wird, die Mühe sollte man sich schon machen. Nicht jeder Ire, der gerade erwägt auszuwandern, hat eine "Haus-auf-Pump-Kauf-Odyssee" hinter sich - da gibt es auch noch den einen oder anderen, der den Schmarrn nicht mitgemacht hat, und der im Moment einfach keinen Job findet.

    Es geht hier um schiere Existenzangst einzelner Menschen, die auswandern, weil sie schlicht und ergreifend keinen anderen Ausweg aus der Misere sehen! Für nicht wenige wäre die Alternative - wie im Artikel deutlich wird - der Selbstmord. Und den erwägt man nicht einfach mal so aus einer Laune heraus, da muss schon einiges zusammenkommen.

    Nichts für ungut, aber ein klein bisschen weniger Arroganz und platte ideologische Phrasen, dafür eine Spur mehr Einfühlungsvermögen und Differenzierung wären schon angebracht, finde ich.

  4. Zum einem muss natürlich das Vertrauen der Märkte und der Investoren zurückgewonnen werden. Aber auch die Ansprüche müssen reduziert werden.

    Ein Land kann nicht über seine Verhältnisse leben und wenn doch, so müssen eben alle dafür aufkommen. Es gilt, wie immer: "Bürgerinnen und Bürger haften für ihre Regierung."

  5. ....das BIP Irlands pro Kopf liegt weit vor Deutschland, Irland ist nach wie vor bei den ganz reichen Staaten, vgl.

    http://de.statista.com/statistik/daten/studie/166224/umfrage/ranking-der...

    also Jammern auf hohem Niveau bzw. die Darstellung von Einzelschiksalen sagt mal wieder überhaupt nichts darüber aus, wie es dem Gros der Bevölkerung geht, von Eigentum im Wert von 300.000 Euro können die meisten Deutschen bei einer Eigenheimquote von 44 % auch nur träumen.

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    dass irgenein Deutscher jemanden ernsthaft beneidet, der ein Eigenheim im Wert von 300,000 euro besitzt, fuer das er aber einen Kredit ueber 600 000 bedienen muss.

  6. ...sonstige Unruhen gibt, ist wohl nur durch die auf Erlösung im Jenseits gerichtete Religion und die Geschichte dieses Landes erklärbar, die die irische Mentalität prägten.

    Eine Aneinanderreihung von Unterdrückung, Hungersnöten, bitterer Armut und Missernten härtet ab.

    ...und trotzdem ist das kein Vorbild für mich. Wer es zulässt, dass ein paar Banken den ganzen Staat an den Rand des Abgrunds rücken und es toleriert, dass sämtliche Lasten auf die Gesellschaft und den Steuerzahler abgewälzt werden, der ist in meinen Augen nicht "hart", der ist bescheuert.

    Vermutlich verstehen sich Deutsche und Iren deshalb so gut, wir sind uns nicht unähnlich. Der Unterschied besteht darin, dass wenn es dem Deutschen reicht (und das dauert lange) meist die Welt brennt.

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  7. {Zitat]Mike Parker: "Aber haben wir es wirklich verdient, wie eine Zitrone ausgepresst zu werden?"[/Zitat]

    Ja, sie haben es vedient, weil sie über Jahrzehnte Regierungen gewählt haben, die Schulden gemacht statt Steuern erhoben haben.
    Das i.d.R. jetzt die Kleinen gehängt und die Großen laufen gelassen werden, weiß man auch vorher.
    Das gilt im übrigen auch für Deutschland, wir haben ja bald Wahlen (es wird sich nicht viel Ändern)!

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    "Ja, sie haben es vedient, weil sie über Jahrzehnte Regierungen gewählt haben, die Schulden gemacht statt Steuern erhoben haben."

    Das stimmt so nicht: vor der Finanzkrise war der Haushalt solide - also kein zu hohe Verschuldung. Die Schulden wurden von den Banken gemacht, die dann auf Staatskosten gerettet wurden und so zu einer immensen Staatsverschuldung führten.

    "Das i.d.R. jetzt die Kleinen gehängt und die Großen laufen gelassen werden, weiß man auch vorher.
    Das gilt im übrigen auch für Deutschland, wir haben ja bald Wahlen (es wird sich nicht viel Ändern)!"

    Leider wahr. Macht sie Sache aber nicht besser. Was soll man tun, wenn man zu den Kleinen gehört? Wie kann man die Großen davon abhalten, Mist zu bauen? Oder sollte man gar eine Regierung wählen, welche die Verursacher zur Rechenschaft zieht?

  8. ich kann mich noch gut daran erinnern, wie Irland vor ca. 10 bis 15 Jahren in den Himmel gehoben wurde, vor allem der wirtschaftlichen Entwicklung wegen, als Muster für andere Staaten wurde das Land angesehen.
    In dieser Euphorie vergaß man allerdings, daß das irische Wirtschaftswachstum nicht fundiert war und vor allen Dingen auf dem neuen Markt beruhte, das rächt sich jetz bitter. Irland hat nun einmal kei n wirtschaftliches Rückrad wie eine große Stahl-, Maschinenbau oder Autoindustrie, dazu ist das Land auch viel zu klein.
    Bitter ist natürlich die Auswanderungswelle der chancenlosen und gut ausgebildeten jungen Kräfte, was die Erholung des Landes erschweren wird.

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